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Geistige Blüte und politischer Niedergang. Die mitteleuropäische Stadt im Übergang vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 26 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die urbane Revolution

III. Höhepunkt der urbanen Kultur und Beginn der Auseinandersetzung mit dem entstehenden Territorialstaat

IV. Beispiele für den Verlauf der Auseinandersetzung
1. Die deutsche Stadt
2. Italien
3. Schweizer Eidgenossenschaft
a) Die Kommunalismustheorie
b) Historische Entwicklung

V. Zusammenfassung

VI. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

„So unscheinbar die Vaterstadt auch sein mag, so begrenzt sie doch nicht den Horizont, sondern macht den Weg frei zu den größeren Horizonten unserer Zeit, zu Europa, vielleicht zu einer Weltgemeinschaft, und hilft so die nationalstaatlichen Grenzen, die erst in jüngster Zeit errichtet wurden, zu überwinden.“[1]

Gerade zu Beginn des 21. Jahrhunderts, da in Europa immer mehr die Grenzen des Nationalstaates zu Gunsten einer europäischen Einigung in den Hintergrund treten, rückt die Frage nach den gemeinsamen, identitätsstiftenden Wurzeln immer mehr in den Mittelpunkt. Eine dieser Wurzeln ist ganz klar in der europäischen Stadt und ihrer Geschichte zu sehen. In ihr entstand der Kern dessen, was wir heute im wesentlichen unter europäischer Kultur und Zivilisation verstehen, die bürgerliche Gesellschaft. Ihre Charakteristika, wie Freiheit, eigene Rechtsprechung, Erziehung, Liberalität, Wahrung der Intimsphäre, Kunst des Zusammenlebens auf engem Raum und vor allem Toleranz entstanden in der Übergangszeit vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit. Die damals in den urbanen Zentren des Kontinentes erreichte Symbiose aus lokaler Identität und paneuropäischer Geisteshaltung mag auch in unserer heutigen Zeit des Umbruchs ein probates Mittel für die Zukunft der europäischen Einigung darstellen. Daher soll diese Sattelzeit mit ihrer Blüte der urbanen Kultur und dem sich gleichzeitig abzeichnenden Abstieg der Städte im Zuge der Machtausbreitung der Territorialherrschaften im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen.

Dabei sollen folgende Fragen geklärt werden:

1. Wodurch wurde der Aufstieg der Städte ermöglicht und wie gestaltete sich dieser?
2. Welche innovatorische Rolle spielte die europäische Stadt dieser Zeit?
3. Wie gestaltete sich die Auseinandersetzung zwischen den Städten und dem entstehendem Territorialstaat?

Dabei soll die dritte Frage anhand der drei Beispiele Deutschland, Italien und Schweiz untersucht werden, wobei zur Erklärung der Schweizer Unabhängigkeit die Kommunalimustheorie des Peter Blickle erläutert werden soll.

Bei der Bearbeitung des Themas habe ich mich vor allem auf die Arbeiten von Wilhelm Ribhegge „Stadt und Nation in Deutschland vom Mittelalter bis zur Gegenwart“ und „Europa – Nation – Region“ gestützt. Abschließend möchte ich noch anmerken, daß die Arbeit nach den Regeln der alten Rechtschreibung verfaßt wurde.

II. Die urbane Revolution:

Seit dem Niedergang des Römischen Reiches lag das Städtesystem in Europa lange Jahrhunderte danieder. Nur wenige, meist von der Geistlichkeit beherrschte Städte prägten das Bild des Kontinents. Die Kirche war die Institution, die „[...] die Reste der Urbanität aus der Antike über die Völkerwanderung hinweg in Europa und Deutschland rettete und zumindest rudimentär bewahrte und tradierte.“[2]

Erst zu Beginn des 11. Jahrhundert setzte der wirtschaftliche und demographische Aufstieg in Europa einen Transformationsprozeß in Gang, der zu einem solchen Stadtwachstum führte, daß er als „urbane Revolution“ bezeichnet wurde.[3] (Vgl. Abb. 1)

Innerhalb von 300 Jahren wuchs die Zahl der Städte allein auf dem Gebiet des heutigen Deutschland von wenigen Dutzend auf nahezu 3.000 an.

Ausgehend von effizienteren Techniken in der Landwirtschaft, wie z.B. der Dreifelderwirtschaft, dem Einspannen von Zugtieren beim Pflügen und der Kombination von Ackerbau und Viehzucht, die eine stabilere Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln ermöglichten, entwickelte sich ein rasanter Bevölkerungsanstieg.[4] Nach Schätzungen wuchs die Bevölkerung in Europa von 38,5 Millionen im Jahre 1000 auf rund 73,5 Millionen im Jahr 1340. Der Aufschwung von Handel und Handwerk garantierte zunehmend ein nicht-agrarisches Leben in verstreuten Städten, was letztlich im 12. Jahrhundert zur Basis für größere Städte wurde.[5] Antriebskräfte dieser Konzentration wirtschaftlicher und politischer Kräfte, die in England, Frankreich und Oberitalien begann, waren die fortschreitende Arbeitsteilung, der Ausbau gewerblicher Funktionen, der zunehmende Fernhandel und der Bedeutungsgewinn der Marktversorgung für das Umland.

„Die Städte verbanden die lokalen Märkte mit dem überörtlichen Handel. In diesen Städten mit ihren Burgen, Klöstern und Stiften entwickelte sich ein differenzierter und gehobener Bedarf, wodurch Kaufleute und schließlich auch Handwerker angezogen wurden.“[6]

Langsam erkannten auch die Feudalherren die Macht und Bedeutung von Städten und begannen damit, Stadtgründung und Stadtplanung als ein bewußtes Machtinstrument zu nutzen. So wird gemeinhin die Gründung der Stadt Freiburg durch die Herzöge von Zähringen im Jahre 1120 als die älteste fürstliche Stadtgründung im Reichsgebiet angesehen.[7]

Mit den Städten entstanden aber auch neue gesellschaftliche und soziale Gebilde, die zunehmend nach Unabhängigkeit von ihren meist adligen Stadtherren strebten.

Die reichsten und mächtigsten Städte versuchten in der Folgezeit im Zwischenbereich der Machtblöcke Kaiser / Papst und Kaiser / Landesherren ihre Machtposition auszubauen und den Status einer „freien Reichsstadt“, die weitgehend autonom agieren konnte und nur dem Kaiser unmittelbar unterstand, zu erreichen. Aber auch den kleineren Städten gelang es aufgrund der meist nur aus der Ferne agierenden Staatsgewalt, eine Autonomie auf vielen Gebieten zu erlangen.[8] Ausgehend von der Bildung erster Räte zu Beginn des

13. Jahrhunderts waren Speyer, Worms, Lübeck, Erfurt, Straßburg und Köln die ersten Städte im Reichsgebiet, die unabhängig regiert wurden.[9]

Es „[...] entstanden aus der Mitte der feudalen Gesellschaft heraus Anfänge einer städtischen Gesellschaft und einer städtischen Kultur, die bis heute besteht und die in zahlreichen Fortentwicklungen die moderne europäische Gesellschaft immer noch prägt. In den mittelalterlichen Städten finden sich die Anfänge der modernen Zivilgesellschaft inmitten und gegenüber der von dem Adel geprägten Feudalgesellschaft.“[10]

Diese Durchbrechung des Herrenrechts war aus Sicht Max Webers eine „[...] große, der Sache nach revolutionäre Neuerung der mittelalterlich-okzidentalen gegenüber allen anderen Städten.“[11] Diese relative Freiheit und Autonomie des mittelalterlichen Stadtbürgers sollte ein wesentliches Charakteristikum des europäischen Freiheitsbegriffs werden.

„Denn schon der sprachliche Gebrauch, den die Gegenwart von den Wörtern Bürger, citoyen, cittadino macht, zeigt uns an, daß die Freiheit, die sich das europäische Bürgertum im Mittelalter erworben hat, der Kern dessen ist, was europäische Philosophen und Staatsmänner seit dem 18. Jahrhundert allen Menschen haben sichern wollen und was wir heute unter Freiheit im politischen Sinne verstehen.“[12]

Abgeleitet aus dieser Unabhängigkeit entstand nach Weber eine weitere Besonderheit der okzidentalen Stadt, die Herausbildung eines gemeinsamen und gleichen Rechts unterstehendem Verbandes von Bürgern.[13]

Physischen Ausdruck fand diese neue Autonomie im Verlauf der Zeit in den entstehenden Stadtmauern und dem städtischen Markt. Sie bildeten die Anziehungskräfte der Stadt und symbolisierten ihre Macht.

„Diese erkämpfte und verteidigte Freiheit machte Stadt, gab Stadt Macht.“[14]

Diese Anziehungskraft führte sogar so weit, daß sich dauerhafte Beziehungen zwischen dynamischen Städten und Auswanderergebieten wie z.B. zwischen Venedig und Friaul entwickelten.[15] Die dynamischen Städte wirkten aber nicht nur auf die meist ärmliche Landbevölkerung anziehend, sondern zogen in einem hierarchischen System auch aus den Städten der niedrigeren Stufe Bürger an z.B. Kaufleute, Handwerker, Söldner, Gelehrte und Ärzte. Dieser rege Austausch von Menschen und Kulturen war ein Charakteristikum der europäischen Stadt und maßgeblich für ihren Erfolg.

„Es sind kleine, aber weltoffene Gebilde. Zentren größerer wirtschaftlicher und kultureller Einheiten ganz unterschiedlichen, ja gegensätzlichen Charakters. Eine ganze Welt im kleinen, überschaubaren Rahmen zu sein gehört zum Wesen der europäischen Stadt.“[16]

Dennoch handelte es sich bei dieser erkämpften städtischen Freiheit mitnichten um eine Demokratie. Die Feudalordnung bildete auch hier den Humus und die Bedingung ihrer Existenz. Die Stadt war nicht nur physisch durch ihre aufragenden Mauern, Wälle und Gräben vom platten Land geschieden, sondern auch gesellschaftlich.[17]

„Zwar konnte die Stadt im Vergleich zum Land als Ort größerer Rechtsgleichheit gelten, aber deshalb partizipierten keineswegs alle Bewohner einer Stadt im selben Ausmaß an den Bürgerrechten. Dies überlagerte sich mit einer höchst differenzierten Schichtung nach ökonomischen Kriterien, so daß von einem egalitären politischen System nirgends die Rede sein konnte [...].“[18]

Vielmehr lag die Macht in den Händen der Patrizierfamilien und dem von ihnen kontrollierten Rat. Die städtischen Zünfte besaßen mehr oder minder starke Mitspracherechte. Noch immer galt der Spruch: „Stadtluft macht frei, aber nicht gleich.“ Die daraus resultierenden Auseinandersetzungen zu lösen, allein für das 14. Jahrhundert lassen sich rund 80 Unruhen in deutschen Städten nachweisen[19], forderte vom Rat die Kunst der Konfliktregelung und des politischen Ausgleichs. Trotz der Probleme entwickelte sich bei den meisten Bürgern ein persönliches Zugehörigkeitsgefühl zu ihrer Stadt, das auch heute noch zur europäischen Identität gehört.[20]

„Die im Innern gespaltene Gesellschaft steht jedoch den Feinden von außen geschlossen gegenüber, den Gutsherren, Fürsten, Bauern, mit einem Wort allen Nichtbürgern. Die Städte sind die ersten >>Vaterländer<< des Abendlandes, der Patriotismus der Städter ist viel intensiver, viel bewußter als der sich langsam entwickelnde Patriotismus der ersten Territorialstaaten.“[21]

III. Höhepunkt der urbanen Kultur und Beginn der Auseinandersetzung mit dem entstehenden Territorialstaat

Durch die Krise der feudalen Welt von der Mitte des 14. Jahrhunderts bis zum Ende des 15. Jahrhunderts, welche sich in den seit 1330 auftretenden Pestwellen, dem Mangel an Arbeitskräften und der daraus resultierenden Erschwerung der Versorgungslage äußerte,

kam es zu einem massiven Abflachen der Städtegründungen, weshalb gemeinhin die Folgezeit als „Städtetal“ bezeichnet wird.[22] (Vgl. Abb. 1)

Durch das Ende dieser Aufschwungsphase weicht der „[...] kreative Elan, der die neuen Stadtgebilde hervorgebracht hat, [...] nun einer liebevollen Hinwendung zum Erreichten, seiner Vervollkommnung im Detail.“[23] Die bestehenden Städte strebten dem Höhepunkt ihrer ökonomischen, kulturellen, innovativen und geistigen Kraft entgegen und gerieten langsam in die Schere von Hunger, Stockung und ausbleibender Konsumtion und Produktion.

Die instabile wirtschaftliche Lage verschärfte die sozialen Spannungen und löste in einigen Städten Aufstände der Unterschicht aus, die meist zu Gunsten des Patriziats oder des entstehenden Territorialstaates niedergeschlagen wurden. Folge dieser Entwicklung war eine stärkere Beschneidung der städtischen Freiheiten und eine ansteigende Abhängigkeit von der landesherrlichen Macht.[24]

Besonders der sich herausbildende Flächenstaat, der auf den Gebieten Verwaltung, Heer, Technik, Waffen und Organisation einen Vorsprung besaß und seit dem Ende des 15. Jahrhunderts zunehmend den überkommenen Personenverbund ablöste, stellte eine existenzielle Bedrohung der städtischen Freiheit dar.[25]

[...]


[1] Benevolo, Leonardo: Die Stadt in der europäischen Geschichte, München 1993, S. 95.

[2] Ribhegge, Wilhelm: Stadt und Nation in Deutschland vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Die Entstehung der Zivilgesellschaft aus der Tradition der Städte, Münster 2002, S. 12.

[3] Vgl. Moore, Robert I.: Die erste europäische Revolution. Gesellschaft und Kultur im Hochmittelalter, München 2001, passim.

[4] Vgl. Benevolo, Leonardo: Stadt, a.a.O., S. 45.

[5] Vgl. Böhme, Helmut: Thesen zur „europäischen Stadt“ aus historischer Sicht, in: Dieter Hassenpflug (Hg.): Die europäische Stadt – Mythos und Wirklichkeit (= Region – Nation – Europa, Bd. 4), Münster 2000, S. 49 – 101, hier S.58.

[6] Ribhegge, Wilhelm: Stadt und Nation, a.a.O., S. 13.

[7] Vgl. Keller, Hagen: Die Zähringer und die Entwicklung Freiburgs zur Stadt, in: Karl Schmid (Hg.): Die Zähringer, Eine Tradition und ihre Erforschung (= Veröffentlichungen zur Zähringer Ausstellung I), Sigmaringen 1986, S. 17 – 29, hier S. 19.

[8] Vgl. Benevolo, Leonardo: Stadt, a.a.O., S. 46.

[9] Vgl. Ribhegge, Wilhelm: Stadt und Nation, a.a.O., S. 14.

[10] Ebd. S. 15.

[11] Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Die Wirtschaft und die gesellschaftlichen Ordnungen und Mächte. Nachlaß, Teilband 5: Die Stadt (= Max Weber / Gesamtausgabe, Bd. 22), hrsg. von Wilfrid Nippel, Tübingen 1999, S. 105.

[12] Pitz, Ernst: Europäisches Städtewesen und Bürgertum. Von der Spätantike bis zum hohen Mittelalter, Darmstadt 1991, S. 1.

[13] Vgl. Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft, a.a.O., S. 107.

[14] Böhme, Helmut: Thesen, a.a.O., S. 59.

[15] Vgl. Braudel, Fernand: Sozialgeschichte des 15. – 18. Jahrhunderts. Der Alltag, München 1985, S. 534.

[16] Benevolo, Leonardo: Stadt, a.a.O., S. 47.

[17] Vgl. Siebel, Walter: Einleitung. Die europäische Stadt, in: ders. (Hg.): Die europäische Stadt, Frankfurt am Main 2004, S. 11 – 49, hier S. 16.

[18] Reinhard, Wolfgang: Probleme deutscher Geschichte 1495 – 1806 (= Gebhardt. Handbuch der deutschen Geschichte, Bd. 9), Stuttgart 2001, S. 180.

[19] Vgl. Haverkamp, Alfred: >>Innerstädtische Auseinandersetzungen<< und überlokale Zusammenhänge in deutschen Städten während der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, in: Reinhard Elze / Gina Fasoli (Hg.): Stadtadel und Bürgertum in den italienischen und deutschen Städten des Spätmittelalters (= Schriften des Italienisch-Deutschen Historischen Instituts in Trient, Bd. 2), Berlin 1991, S. 89 – 126, hier S. 89.

[20] Vgl. Benevolo, Leonardo: Stadt, a.a.O., S. 94.

[21] Braudel, Fernand: Die Geschichte der Zivilisation. 15. bis 18. Jahrhundert (= Kindlers Kulturgeschichte des Abendlandes, Bd. 18), München 1979, S. 581.

[22] Vgl. Schilling, Heinz: Die Stadt in der Frühen Neuzeit (= Enzyklopädie Deutscher Geschichte, Bd. 24), München 1993, S. 2.

[23] Benevolo, Leonardo: Stadt, a.a.O., S. 101.

[24] Vgl. Ebd. S. 97.

[25] Vgl. Böhme, Helmut: Thesen, a.a.O., S. 60.

Details

Seiten
26
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638370646
ISBN (Buch)
9783638654180
Dateigröße
562 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v37821
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät
Note
2
Schlagworte
Geistige Blüte Niedergang Stadt Spätmittelalter Frühen Neuzeit Stadtgeschichte Theorie

Autor

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Titel: Geistige Blüte und politischer Niedergang. Die mitteleuropäische Stadt im Übergang vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit