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Märchen und die Auswirkungen ihrer Gewaltdarstellung auf die kindliche Entwicklung. Zu "Die Gefahr des Bösen, die Lust am Bösen" von Jan-Uwe Rogge

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 19 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

Zusammenfassung des Textes
1. Ein Blick zuruck ist ein Blick in die Gegenwart
2. Von der Lust am Schrecken
3. Das Bose ist bose, das Gute ist gut
4. Vom Teufelskreis der Gewalt oder harmlose Medien gibt es nicht
5. Spiel mir das Lied vom Tod
6. Vom Recht der Kinder auf bose Phantasien
7. Man braucht ganz offensichtlich einen Sundenbock

Diskussionsaspekte
Kleingruppe
Grofigruppe

Marchen - sind sie und die in ihnen geschilderte Gewalt schlecht fur Kinder?
Die Geschichte des Marchens
Gewalt in den Marchen der Gebruder Grimm
Katharsis und der Weg zur eigenen Autonomie
Kinder brauchen Marchen

Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang
Handout zum Text

Einleitung

„»Du bist gegen meinen Willen in die Kammer gegangen«, sprach er, »so sollst du gegen deinen Willen wieder hinein. Dein Leben ist zu Ende.« Er warf sie nieder, schleift sie an den Haaren hin, schlug ihr das Haupt auf dem Blocke ab und zerhackte sie, dass ihr Blut auf dem Boden dahinfloss. Dann warf er sie zu den ubrigen ins Becken.“

- Fitchers Vogel (Uther, 2010, S. 149)

Warum sind die Marchen der Gebruder Grimm so grausam? Und warum sollten sie trotzdem den Kindern vorgelesen werden? Vor dem Hintergrund des Textes „Die Gefahr am Bosen, die Lust am Bosen“ von Jan-Uwe Rogge werde ich in der folgenden Hausarbeit die Kindermarchen der Gebruder Grimm genauer betrachten.

Nachdem ich den Text von Jan-Uwe Rogge kurz zusammengefasst habe, werde ich die Geschichte der Marchen im deutschen Sprachraum auffuhren. Mein besonderes Augenmerk in dieser Hausarbeit liegt auf den Grausamkeiten in den Marchen der Gebruder Grimm. Ich werde ihre Ursache herausstellen und die positiven Seiten, sowie die Bedeutung fur die kindliche Entwicklung aufzeigen.

Zusammenfassung des Textes

1. Ein Blick zuruck ist ein Blick in die Gegenwart

In diesem ersten Abschnitt des Textes macht der Autor Jan-Uwe Rogge darauf aufmerksam, dass es schon zu allen Zeiten „schlechte Einflusse“ fur die Kinder und Jugendlichen gegeben hat. Anfang des 20. Jahrhunderts war es die Schundliteratur, darauf folgten Filme, welche fur die kriminellen Taten von Jugendlichen verantwortlich gemacht wurden (Bergmann 2000, vgl. S. 164). Heute werden Fernsehen, Video und Computerspiele als Ursache fur Gewalt und Ausschreitungen im Alltag benannt. Herr Rogge ist jedoch der Meinung, dass die Menschen es sich zu einfach machen, indem sie die Schuld fur die Gewalt den Medien zuschreiben. „In vielen offentlichen Diskussionen uberwiegen grob vereinfachende Sichtweisen. Man sucht nicht nach vielfaltigen Rahmenbedingungen, um gefahrliche Auswuchse zerstorerischer und brutaler Gewalt zu ergrunden, man sucht nach Sundenbocken.“ (Bergmann, 2000, S. 164), dabei kann Gewalt sehr viele verschiedene Grunde haben oder einfach nur einen Hilfeschrei und den damit verbundenen Wunsch nach Aufmerksamkeit darstellen. Die Kernaussage von diesem Abschnitt lasst sich wie folgt zitieren: „Gewalt in den Medien und die Darstellung des Bosen stellen keine Ursache fur zerstorerische Gewalt oder den Einzug des Bosen in das Alltagsleben dar - aber Gewalt in den Medien kann problematische Lebenseinstellungen durchaus verstarken.“ (Bergmann, 2000, S. 165).

2. Von der Lust am Schrecken

In diesem Unterkapitel zeigt der Familien- und Kommunikationsberater drei verschiedene Grunde auf, warum Jugendliche eine solche Lust am Schrecken empfinden.

1- Jugendliche sehen sich Horrorfilme an, um einen „selbstbestimmte[n] Findungsprozess“ (Bergmann, 2000, S. 166) vorzunehmen. Dafur benotigen sie selbstbestimmte Zeiten, sowie von den Erwachsenen unbeobachtete Raume.

2- „Jugendkulturelle Ausdrucksformen und Korpererfahrungen gehoren eng zusammen. Uber und durch den Korper drucken sich Jugendliche aus“ (Bergmann, 2000, S. 166). Eine Korpererfahrung ist jedoch erst moglich, wenn der Jugendliche an seine Grenzen stoBt und diese uberwinden kann. Angstbesetzte Situationen werden „deshalb als lustvoll erlebt, weil das Subjekt mit seinen Angsten umgehen lernt, sie besteht und gestarkt daraus hervorgeht.“ (Bergmann, 2000, S. 167)

3- Zu Werwolf- und Zombiefilmen haben manche Jugendliche in der Pubertat einen besonderen Bezug. „Sie geben den problembeladenen Entwicklungsschritten eine symbolische Form: Denn auch die Korper von Zombies und Werwolfen sind nicht bestandig.“ (Bergmann, 2000, S. 167)

Das Anschauen von Horrorfilmen sorgt also fur eine bessere Selbstidentifikation, sowie fur einen Weg zur Autonomie.

3. Das Bose ist hose, das Gute ist gut

An dem Beispiel des 6-jahrigen Tilmann und seinen Monsterfiguren erklart Rogge die Bedeutung dieser Actionfiguren in der Entwicklung von Kindern. Sie regen nicht nur die Kreativitat des Kindes im Spiel an, sondern „druck[en] innere Wirklichkeiten von Kinder(n) aus, (...) [sie] deute[n] auf Entwicklungsschritte, ungeloste kritische Lebensereignisse oder unbewaltigte Alltagssituationen hin.“ (Bergmann, 2000, S. 169). „Mit den Figuren probiert ein Kind stellvertretend aus, was es sich noch nicht getraut oder wo es der auBeren Wirklichkeit noch nicht standhalt.“ (Bergmann, 2000, S. 169). Durch ihre polare Denkweise ist den Kindern meistens bewusst wer gut und wer bose, wer stark und wer schwach ist. Anhand dieses Spiel konnen sie ihre eigenen Personlichkeitsanteile- die guten wie die bosen - annehmen lernen (Bergmann, 2000, S. 169). Der Autor betont mehrfach, dass die herrschenden Vorurteile gegenuber diesen Monsterfiguren nicht richtig sind. Man solle vielmehr dem Kind die Moglichkeit dieses Spiels bieten, um die so gegebenen Zeichen fur sich deuten zu konnen.

4. Vom Teufelskreis der Gewalt oder harmlose Medien gibt es nicht

Nachdem er das Beispiel von dem Berufsschuler Arthur (17 Jahre) vorstellt, welcher nach Actionfilmen entweder einschlaft oder Unruhe stiftet um Aufmerksamkeit zu bekommen, zieht der Autor ein vorlaufiges Resumee seiner bisherigen Interviews: Emotional unterschiedliche Jugendliche zeigen unterschiedliche Reaktionen aus Gewalt in den Medien.

- Angstliche und verunsicherte Jugendliche nutzen die Actionfilme, in denen sich ein Held durchkampfen muss, als eine „psychische[...] Prothese“ (Bergmann, 2000, S. 172), um sich selbst zu stabilisieren.
- „GefuhlsmaBig leere Jugendliche nutzen Medien zur Flucht“ (Bergmann, 2000, S. 173), da sie Orientierung, Verlasslichkeit und Vertrauen stiften und sich die Jugendlichen in ihnen wieder finden konnen.
Herr Rogge schlussfolgert daraus, dass eine „Personlichkeitsbildung, die uber die Auseinandersetzung mit zerstorerischer Gewalt des Medienhelden lauft, [...] haufig nur negativ bleibt.“ (Bergmann, 2000, S. 173)

5. Spiel mir das Lied vom Tod

Dieser Abschnitt berichtet von 4 Schulern, wobei einer von den anderen dreien stranguliert und getreten wurde. Rogge zieht aus der Berichterstattung uber den Vorfall „zwei Theorien uber die Wirkung medialer Gewalt“ (Bergmann 2000, S.173):

- Simulationsthese - Mediengewalt fordert die Bereitschaft Gewalt anzuwenden
- Habitualisierungsthese - Mediengewalt sorgt fur gefuhlsmaBige Abstumpfung

Wegen der vermeintlichen Plausibilitat finden beide Theorien in der Gesellschaft hohen Zuspruch. Da sie jedoch beide das menschliche Handeln auBer Acht lassen, sind sie nicht auf Alltagsverhaltnisse ubertragbar (Bergmann 2000, vgl. S.174). Nachdem der Autor kurze Interviews mit den Tatern gefuhrt hat, ruckt er zwei eher passende Theorien ins Blickfeld:

- „Die Erregungsthese geht von gefuhlsmaBigen Einflussen medialer Produkte aus.“ (Bergmann 2000, S.175) ebenso wie einer empathischen Beziehung zwischen Rezipient und dem Angebot.

Die Empathie kann zum einen durch eine biografische Nahe des Rezipienten herruhren, zum anderen aber auch durch die Nachvollziehbarkeit der Situation. Die Medien „symbolisieren und verkorpern das aktuelle Thema des Jugendlichen, sie geben seiner inneren Realitat eine auBere Form“ (Bergmann 2000, S.176), weshalb man nicht „leichtfertig von „der“ Gewalt oder „dem“ Horror“ (Bergmann 2000, S.176) reden sollte.

- Die Lerntheorie „unterscheidet zwischen dem Erwerb und der Ausfuhrung eines bestimmten Verhaltens. Deshalb verbietet es die Lerntheorie, von medialen Inhalten auf deren kausale Wirkung zu schlieBen.“ (Bergmann 2000, S.176). Das subjektive Einordnen der Jugendlichen von dem aggressiven Verhalten des Protagonisten hangt zum Beispiel von Alter, Geschlecht, biografischer Pragung und dem eigenen Norm- und Wertesystem ab.

Um zerstorerische Aggressionen zu erlernen sind die „familiaren Sozialisationsbedingungen, (...) spezifische Gewalterfahrungen in der Familie oder die Moglichkeiten zur Kultivierung von Aggression“ (Bergmann 2000, S.177) entscheidend.

Laut der Lerntheorie sind zerstorerische Handlungen einer vorausschauenden Kontrolle unterworfen (Bergmann 2000, vgl. S.177), das heiBt die Konsequenzen werden abgeschatzt. Andererseits kann es jedoch auch zum Abbau der Hemmschwelle fuhren, wenn folgende Bedingungen erfullt werden: aggressives Verhalten wird belohnt, der Rezipient hat Bekraftigung fur sein destruktives Handeln erfahren, es geschieht eine Rationalisierung der Schuldgefuhle zum Beispiel durch Dehumanisierung des Opfers und/oder es bestehen keine realen Moglichkeiten Aggressionen abzubauen.

6. Vom Recht der Kinder auf bose Phantasien

Dieses Kapitel erzahlt von dem 6-jahrigen Malte, welcher unbedingt mit Pistolen und Handgranaten spielen mochte. Die Eltern sind sich im Hinblick auf die Erziehung nicht einig: die Mutter mochte Malte jeglichen Umgang mit Waffen verbieten, der Vater sieht die Notwendigkeit dieser Spiele und mochte sie teilweise erlauben.

Herr Rogge erklart, dass die Aggressionswunsche von Kindern durch jegliche Gewaltphantasien und zum Beispiel dem Spiel mit Pistolen zur Abgrenzung von der „Friedfertigkeit, der uberlegenen Moral, den Normen und Werten der Eltern“ (Bergmann 2000, S.179) dienen. Er ist sich sicher, dass ohne Abgrenzung und Autonomie eine eigene Identitat, Selbstwertgefuhl und Selbstvertrauen nicht moglich sind (Bergmann 2000, vgl. S.181). AuBerdem sind Aggressionen nicht nur negativ: „Aggression als produktive Kraft will weg vom Erreichten, dient dazu, Unbekanntes bei sich und anderen zu entdecken. Eine kindliche Entwicklung ist ohne eine gekonnte Anwendung von Aggression undenkbar. Schon deshalb kann es in der Erziehung nicht um die Verleugnung aggressiver Krafte gehen, sondern darum, sie zu kontrollieren und zu kultivieren.“ (Bergmann, 2000, S. 181) AbschlieBend kommt er zu dem Schluss, dass Eltern ihre Ziele nie uber die des Kindes stellen durfen, da es sonst mehr um die Entwicklung einer angepassten Fassade, als um die Entwicklung eigener Werte und Vorstellungen geht (Bergmann 2000, vgl. S. 181).

7. Man braucht ganz offensichtlich einen Sundenbock

Der letzte Abschnitt bildet einen Rahmen um den Text von Jan-Uwe Rogge, da hier nochmals das Thema des der Sundenbocks aufgegriffen wird. Die „Sundenbocktechnik“ ist in der Diskussion um Gewalt in den Medien ein wichtiger Baustein: Die standigen Auseinandersetzungen haben die Funktion eines Ventils, uber das man Entrustung schnell ablassen kann (Bergmann 2000, vgl. S.182). „Der Sundenbock dient (somit) der Entlastung von eigenen Unterlassungen, indem (...) [man] das Versagen dem Bock auflegt, der nicht nur die Sunden zu tragen hat, sondern auch fur alle weiteren Fehlentwicklungen verantwortlich zu machen ist.“ (Bergmann 2000, S. 182).

Zusammenfassend sagt der Autor, dass eine konstruktive und Grenzen setzende Auseinandersetzung mit den Aggressionsphantasien von Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden viel wichtiger und richtungsweisender ware, als alles auf einen Sundenbock zu schieben.

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Details

Seiten
19
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668577329
ISBN (Buch)
9783668577336
Dateigröße
906 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v378368
Institution / Hochschule
Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach
Note
1,3
Schlagworte
märchen auswirkungen gewaltdarstellung entwicklung gefahr bösen lust jan-uwe rogge

Autor

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Titel: Märchen und die Auswirkungen ihrer Gewaltdarstellung auf die kindliche Entwicklung. Zu "Die Gefahr des Bösen, die Lust am Bösen"  von Jan-Uwe Rogge