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Historia Magistra Vitae. Antiker Topos und Rhetorik der Gegenwart

Essay 2017 10 Seiten

Geschichte - Allgemeines

Leseprobe

Einleitung

Historia vero testis temporum, lux veritatis, vita memoriae, magistra vitae, nuntia vetustatis, qua voce alia nisi oratoris immortalitati commendatur?

- Cicero, De Oratore, II, 36.

Fast 2000 Jahre ist dieses Zitat alt, fast 1800 Jahre fand es Verwendung. Der Topos der historia magistra vitae (im Folgenden als historia magistra) Khizog sich durch die Antike und das Mittelalter bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Über hunderte Jahre irrten Feldherren und Regenten in dem Gedanken, dass die Geschichte eine Art Sammelbecken an Erfahrungen sei, indem sie sich bedienen können, um Lehren zu ziehen und in der Zukunft anzuwenden, als sei Geschichte, die bloße Erzählung vergangener Taten (res gestae), eine Art praktisches Instrument, dessen man sich bedienen und die Zukunft gestalten könne. Auch der Gedanke des „historic recurrence“ spielt hier mit ein, in dessen Grundannahme die Geschichte einer stringenten Gesetzmäßigkeit, vermeintlich sogar einer metaphysischen, zu Grunde läge, derer man sich nicht entziehen könne. Allerdings ist das „leitmotivische Schlagwort“ (Rüdiger Landfester 1972) der historia magistra ein immer noch vielseitig genutzter und der heute wohl am häufigsten fälschlich aufgefassteste Begriff. Damals galt er jedoch für viele Zeitgenossen als eine feste Bestimmung, eine Konsequenz, der alles unterliegt.

Dass die Geschichte dennoch nicht entbehrlich ist, zeigt ihre präsente Verwendung. Geschichte verleiht uns Identität, bildet Selbstbestimmung sozialer Gruppen, schenkt kulturelle Gemeinsamkeiten und lässt uns sowohl Erinnern als auch Gedenken. Sie verwirklicht sich in der modernen Rezeption anhand der Medien wie Filme, Bücher, Serien, in Form von Monumenten oder neuerdings als Eventisierung (bspw. das Luther-Gedenkjahr 2017) der „public history“ und bietet damit jedem, ob aktivisch oder passivisch konsumiert, eine kulturelle Praxis. Jeder Mensch, ganz gleich ob ein Historiker, Politiker oder Arbeiter, ist also alleine durch die Geschichte seines kulturellen Raumes (Region, Religion und Herkunft) weitaus vorgeprägter als er vermutet, auch wenn in gewissen Kreisen und gerade von Laien oftmals vehement in Frage gestellt wird, wozu Geschichte lernen, gar studieren denn von Nöten sei.

In diesem Essay werde ich deshalb näher auf den antiken Topos eingehen, wobei ich ihn in den Ursprung seines Kontextes stellen werde, was grade zum Beginn notwendig ist, sollte man nichts weiter über diese Redensart wissen. Anschließend werde ich das heutige Verständnis des Topos mit Bezug auf die gegenwärtige Gesellschaft und aktuelle Ereignisse erläutern, im weiteren Verlauf analog verknüpft mit der Arbeit „ Historia Magistra Vitae: The Topos of History as a Teacher in public struggles over Self- and Other Representation “ des Soziologen Bernhard Forchtner, in welcher es ihm gelang, schlüssig darzustellen, inwiefern Erfahrungswerte instrumentalisiert werden, um Politik zu legitimieren oder um bewusst zwischen „uns“ und „den anderen“ zu trennen. Überdies werde ich kurz auf die Rede Frank-Walter Steinmeiers eingehen, welche er im September 2016 per Live-Übertragung aus New York nach Hamburg zum 51. Historikertag hielt, bei der er im aktuellen Syrien-Konflikt ebenfalls Similaritäten zum Dreißigjährigen Krieg erkannte. Diese Rede verdeutlicht noch einmal den Diskurs über die Möglichkeit des Lernens aus der Geschichte, inwiefern Parallelen zur Gegenwart gezogen werden können und welche Ideen sich hieraus schöpfen lassen. Das wichtige hierbei ist zu überprüfen, ob Steinmeier dem Topos ebenfalls verfällt oder ihn anderweitig instrumentalisieren kann.

Darstellung: Verständnis der historia magistra, damals und heute Wie einleitend erklärt markiert das Ende des 18. Jahrhunderts, präziser ausgedrückt die Französische Revolution, eine Zäsur der Bedeutung der historia magistra. Das Denken, das die Jahrhunderte zuvor prägte, war erloschen. Zuvor dachte man organisch, alles, auch Imperien, wären geteilt in Aufstieg, Blüte und Niedergang, ein in sich geschlossener, unumkehrbarer und sich wiederholender Kreislauf, der erneut und erneut durchlaufen würde, bis das eschatologische Weltbild des Christentums endete und das Jüngste Gericht nach insgesamt 6000 Jahren alles dagewesene beenden würde.

Die einzigen im damaligen Verstand sicheren Orientierungen, die sich boten, entnahm man historischen Ereignissen, welche via Historiographie festgehalten wurden, oder aber der Bibel, die als ein universelles Geschichtsbuch fungierte. Es wurde angenommen, man hätte durch das Lernen der Vergangenheit einen Schutz, wenn man ihrem Beispiel folge. Dies galt nach Johann Gustav Droysen als eine „temporale Selbstverordnung“, um zu schauen, in welcher Situation man sich aktuell befand. Dass die Geschichte wiederholbar sei, war ein allgemeiner Glaubenssatz, der sich in und durch die historia magistra ausdrückte. Historische Beispiele wurden dadurch zu zeitlos gültigen Normen (Benjamin Herzog 2003), die, verstaut in einer Schublade, jederzeit herausgenommen und als passende Vorlage für eine neue Situation genutzt werden konnten.

Dieses Denken fand ein schlagartiges Ende mit dem Prozess der Französischen Revolution. Die Zukunft war nicht mehr absehbar, der imaginierte, sich wiederholende Kreislauf war durchbrochen, Gottes Ordnung schien überwunden. Damit löste sich nicht nur die Absehbarkeit der Zukunft, sondern so verschwanden auch der Erfahrungsraum und der sich dazu bildende Erwartungshorizont. Die Zukunft gestaltete sich anders, und so formulierte der kurz nach der Revolution geborene Alexis de Toqueville: „Seit die Vergangenheit aufgehört hat, ihr Licht auf die Zukunft zu werfen, irrt der menschliche Geist in der Finsternis.“ Der Geschichte wurde nun eine bedeutende Macht zuteil. Sie galt fortan als änderbar und beeinflussbar, man konnte sie selbst gestalten.

Die historia magistra war nun abgelöst, jedoch finden sich ihre Gedanken immer noch in den Menschen heutzutage wieder. „Was können wir aus der Geschichte lernen?“ oder „Die Geschichte lehrt uns doch, dass…“ sind nur zwei Gedanken aus dem Repertoire eines Laien, die den antiken Topos decken, sogar neu beleben, der in seiner „populären Banalvariante […] problematisch, ja anachronistisch geworden ist.“ (Holger Thünemann 2016). Ebenfalls aus diesem Segment kommen die wiederkehrenden Ausrufe, wie dass sich die Geschichte wiederhole. Vergleiche finden wir beispielsweise bei der AfD, bei deren Aufstieg ihre politischen Gegner immer wieder Parallelen zu 1933 feststellen und sie bewusst in einen nationalsozialistischen Kontext stellen. Oder die Flüchtlinge, die seit 2015 aus Syrien vor Krieg flüchten, verglichen mit den ostpreußischen Flüchtlingen während und nach dem zweiten Weltkrieg, die aus Angst vor den sowjetischen Siegermächten nach einer neuen Heimat in Sicherheit suchten. Beispiele wie diese finden sich massenhaft im Kollektivbewusstsein der Bürger, und eine Kenntnis über diese historischen Ereignisse schafft definitiv auch Toleranz und Verständnis, jedoch gilt es dabei zu beachten, dass man alle Ereignisse aus ihrer Zeit heraus verstehen muss, ansonsten lassen sich viele Faktoren leicht relativieren. Kann man aus der Geschichte lernen? Nicht selten führen Parallelbezüge zu Zirkelschlüssen, welche Tatsachen verzerrt darstellen lassen und daher berechtigterweise umstritten sind. Hierdurch wird versucht, seine eigene Argumentation durch Beispiele aus der Geschichte zu stärken. Ein triviales Beispiel: Ein König führt Krieg und verlangt die Schriften des Historiographen, die die Niederlage einer Schlacht vor 200 Jahren bezeugen, die seine Vorfahren hinnehmen mussten. Er schließt daraus, seine militärische Formation ändern zu müssen und gewinnt den Krieg. Lernte der König nun aus der Geschichte? Bejaht man, findet man sich in einem solchen Zirkelschluss wieder, denn man geht bereits im Vorfeld davon aus, dass eine neue Formation der Faktor zum Sieg gewesen sei und hat seine Bestätigung im Ausgang der Schlacht. Andere Faktoren, wie das Wetter, die topographische Lage, Zahlen von Feind und eigenem Militär, Logistik oder die Moral der Soldaten werden gänzlich außer Acht gelassen, doch all diese mitwirkenden Umstände sind von essentieller Bedeutung für eine gerechte historische Analyse.

Aus dem gleichen Umstand heraus lässt sich die Zukunft nicht aus der Gegenwart heraus bestimmen. Eine politische Entwicklung bspw., wie oben beschrieben mit der AfD, lässt sich nicht prognostizieren. Niemand kann garantieren, dass uns durch die derzeitige Entwicklung der Partei Umstände wie in den 30er Jahren erwarten. Wir stehen heute in einem ganz anderen Kontext, die Bundesrepublik im Jahr 2017 ist nicht die Weimarer Republik der inter bellum Ära der 20er und 30er Jahre. Hat man einen Faktor nicht im Auge, stimmt die Prognose nicht mehr. Selbst fünf Jahre können nicht vorausgesehen werden. Am 11. März 2011 begann die Nuklearkatastrophe von Fukushima, knapp zwei Wochen später, am 27. März, wurden die Bürger Baden-Württembergs zu den Landtagswahlen aufgerufen. Die Grünen gewannen 24,2% der Stimmen, 12,5% mehr als in den letzten Wahlen. Mit Winfried Kretschmann konnten die Grünen erstmals in der jungen Geschichte der BRD einen Regierungschef in einem Landtag stellen. Die Nuklearkatastrophe war ein einschlägiges Ereignis, dazu noch fernab im östlichsten Asien, welches binnen drei Wochen die Politik eines ganzen Bundeslandes änderte. Hätte sich die Geschichte auch in Baden-Württemberg, wie man nach der historia magistra hätte ableiten können, wiederholt, wäre auch die Wahl 2011 zugunsten von CDU und SPD verlaufen, doch ein einschlägiges Ereignis änderte alle Erwartungen.

Ich komme noch einmal auf die AfD zurück. Es gab seit Gründung der BRD immer wieder Einwanderungen (in der Nachkriegszeit aus Ostpreußen, in den 50ern bis in die 60er aus Italien, Spanien, Griechenland, der Türkei pp., in den 90ern Russlanddeutsche und Flüchtlinge aus dem Libanon, Anfang 2000 aus Jugoslawien, und nun aus vor allem aus Syrien), der Prozess der Emigration nach (West)Deutschland ist seit ihrer Gründung fast eine Konstante, doch erst seit 2015 gewinnen rechte Parteien vermehrt Aufmerksamkeit in Deutschland, sogar in ganz Europa. Der Nationalismus Europas wächst, abzulesen an der politischen Entwicklung in Frankreich (Front National), Österreich (FPÖ), Deutschland (AfD), den Unabhängigkeitsreferenden in Schottland (2014), dem Brexit (2016) oder aktuell in Katalonien. Es ist vollkommen irrelevant, wie geschichtsversiert man ist, wie viele Historiker an der Rekonstruktion der Vergangenheit arbeiten, die Zukunft lässt sich durch die Kenntnis der Historie nicht ablesen, man kann aus ihr nicht lernen, um die Zukunft zu bestimmen. Disruptive Ereignisse können unseren Erwartungshorizont von heute auf morgen vollkommen verändern, die Protestierenden gestalten sich ihren eigenen Erfahrungsraum zum Fortschrittsbewusstsein mit dem Wissen, dass sich Geschichte eben nicht wiederholt.

[...]

Details

Seiten
10
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668555723
ISBN (Buch)
9783668555730
Dateigröße
902 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v378518
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Fachbereich 06 - Geschichte und Kulturwissenschaften
Note
1,7
Schlagworte
Historia Magistra vitae topos theorie rhetorik neuzeit

Autor

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Titel: Historia Magistra Vitae. Antiker Topos und Rhetorik der Gegenwart