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Der Islam im Spannungsfeld der westlichen Gesellschaftsordnung

Ausarbeitung 2014 10 Seiten

Orientalistik / Sinologie - Islamwissenschaft

Leseprobe

Was unterscheidet den Westen vom Islam?

Anhand von sechs Texten, die verschiedene soziopolitische Fragestellungen behandeln, soll dargestellt werden, wie sich westliche Modelle und ihre Vorläufer vom Islam bzw. islamischen Gesellschaftsordnungen unterscheiden, und wie überzeugend die Argumentationen der Verfasser/innen sind.

Aaron Gurjewitsch rückt in seinem Text "Das Individuum ist unfassbar" das Individuum als wesentliches Merkmal der westlichen Kultur in den Mittelpunkt - eine westliche Kultur, die ursprünglich eine europäische Kultur ist. "Denn was diesen Kontinent Europa, dieses einstige Sammelsurium lokaler Zivilisationen zu dem gemacht hat, was es heute ist, ein Schauplatz von Prozessen weltgeschichtlicher Tragweite, verdankt sich letzten Endes jener spezifischen Struktur der Persönlichkeit, die sich gerade hier herausgebildet hat." ( Gurjewitsch S. 11). Gurjewitsch konkretisiert dies damit, dass alle gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Fortschritte Europas nur deshalb möglich wurden, weil der Mensch Europas seine Standes- und Gemeinschaftsschranken überwand und sich individualisierte. Er als Russe weist darauf hin, dass die (politische) Rückständigkeit Osteuropas im Vergleich zu Westeuropa auch damit zusammenhängt, dass "Individualismus" in Osteuropa immer noch als Schimpfwort gilt. Dies lässt sich auch anhand der religiösen Prägung illustrieren: die russische kirchliche Kunst stellt das Kollektiv und die Gruppe in den Mittelpunkt, in welchen der Einzelne aufgeht, das Porträt der Einzelperson mit individuellen Zügen erscheint erst in der Neuzeit, während es in Westeuropa seit dem späten Mittelalter kultiviert wird; der russischen Kultur fehlt die Erfahrung der Renaissance. Jedoch lässt sich ein Prozess der Individualisierung in Westeuropa schon vor der Neuzeit, im 12. Jahrhundert beobachten, wie Gurjewitsch mit Berufung auf Jacques Le Goff beschreibt. Die Menschen beginnen in dieser Zeit, sich selbst zu analysieren. Die individuelle Selbstverantwortung lässt sich geschichtlich noch weiter zurückführen auf die zerstreute Siedlungsweise der Germanen. Ohne dass der Islam als konkretes Gegenbild der europäischen Kultur benannt wird, ist doch klar, dass er von Gurjewitsch zu jenen anderen Kulturen gezählt wird, "in denen sich die Individualität im Gruppen-, Sippen- oder Stammesprinzip verliert." (Gurjewitsch S. 25).

Ernest Gellner weist in seinem Text "Muslimischer Fundamentalismus und arabischer Nationalismus" darauf hin, dass Europa und die islamisch geprägten Länder "die Frage der Verbindung beziehungsweise Trennung von Kultur und Glaube" (Gellner S. 115) radikal trennt. Soziales drückte sich in islamischen Ländern im Religiösen aus, etwa mit der Gründung von Orden und Bruderschaften, wobei Volksfrömmigkeit mit Heiligenverehrung und der Islam der Gelehrten nebeneinander existierten und sich wechselseitig beeinflussten. Um 1900 beginnt jedoch eine islamische Reformbewegung, die auf die Schriften fixiert ist und die strikte Beachtung der Gebote fordert; ihre Verfechter waren getrieben von Minderwertigkeitsgefühlen gegenüber dem mächtigen Westen, und mit diesen Schritten wollten sie ihren Rückstand kompensieren. Im Gegensatz zu Europa bedeutet eine "Rückkehr zu den Wurzeln" im islamischen Raum nicht die Hinwendung zum einfachen Volk (wie dies in der russischen Geistesgeschichte der Fall war), sondern theologisch zu Mohammeds Offenbarung in ihrer ursprünglichsten und reinsten Form, einem "Ur-Islam". Die Zunahme von Mobilität und Anonymität fand in den Gesellschaften islamischer Länder genauso statt wie im Westen, aber die Antwort darauf war in beiden Regionen grundverschieden - im Westen wurde dadurch der Nationalismus gefördert, für den der Glaube nur dann wichtig ist, wenn er diesen Nationalismus unterstützt. In islamischen Ländern ist es aber der religiöse Fundamentalismus, der sich als Reaktion auf die Moderne entwickelte. Im Gegensatz zu allen anderen Weltreligionen nimmt in islamischen Ländern mit der Industrialisierung die Säkularisierung nicht zu, sondern ab. Der Marxismus, den man wegen seiner Fixierung auf die Klasse auch als eine Art antinationalistische Bewegung sehen kann, und der eine totale Modernität anstrebte, ist im Gegensatz zum Islam gescheitert, der erstaunlich moderne Elemente enthält (strenger Monotheismus, direkte Beziehung zwischen Gläubigem und Allah, Gleichheit aller Gläubigen) und gleichzeitig bei strikter Trennung das Heilige neben dem Profanen zulässt.

Andrea Berg kommt in ihrem Aufsatz "Dynastie oder Demokratie" auf die politische Entwicklung zentralasiatischer Staaten zu sprechen, die 1991 nach dem Zerfall der Sowjetunion entstanden. Die Präsidenten Kirgistans, Kasachstans, Tadschikistan, Usbekistans und Turkmenistans stammen aus der alten sowjetischen Elite und haben unter dem Schein formaler demokratischer Elemente autoritäre Systeme mit starken Präsidialapparaten installiert und konsolidiert, in deren Machtzentrum die jeweilige Familie des Präsidenten steht, die nicht nur politische, sondern auch ökonomische Macht in sich vereinigt. Berg sieht hier Parallelen zu den nichtdemokratischen Systemen in der arabischen Welt mit ihrem (Neo-)Patrimonialismus, in denen der Staatsführer verschiedene Klientelgruppen durch Gewährung von Privilegien an sich bindet.

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Details

Seiten
10
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668569201
ISBN (Buch)
9783668569218
Dateigröße
414 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v378810
Institution / Hochschule
Universität Bern
Note
4.5
Schlagworte
islam spannungsfeld gesellschaftsordnung

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Titel: Der Islam im Spannungsfeld der westlichen Gesellschaftsordnung