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Das ethische Dilemma des modernen Wissenschaftlers in "Die Physiker" von Friedrich Dürrenmatt und "In der Sache J. Robert Oppenheimer" von Heinar Kipphardt

Facharbeit (Schule) 2017 19 Seiten

Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung:

2 Inhalt:
2.1 Die Physiker
2.2 In der Sache J. Robert Oppenheimer

3 Die Werke im Vergleich
3.1 Thematiken in den Werken
3.1.1 Das Verhältnis zwischen Politik und Wissenschaft
3.1.2 Die Machtgier in „Die Physiker“
3.2 Darstellungsweise
3.2.1 Sprache und Gestaltungselemente
3.2.2 Dokumentarisches Theater versus Tragikomödie
3.2.3 Der ethische Konflikt des Wissenschaftlers

4 Wissenschaftsethik
4.1 Weizsäcker über die Verantwortung der Wissenschaft im Atomzeitalter
4.2 Aktuelle Bezüge - Gentechnik

5 Fazit
5.1 Angemessenheit der Darstellung
5.2 Eigene Meinung

6 Anhang
6.1 Quellen
6.1.1 Bücher
6.1.2 Zeitungsartikel
6.1.3 Internetlinks

1 Einleitung:

Jeder kennt den berühmten Atompilz, der in seiner äußeren Erscheinung durchaus ästhetisch aussieht, jedoch gesamte Landstriche zu zerstören vermag. Doch wer steckt hinter dieser destruktiven Erfindung? Es sind die Wissenschaftler, die, während der zweite Weltkrieg tobte, diesen Mechanismus in Laboren ausklügelten. Auch sie sind letztendlich nur Menschen, die in einem ethischen Konflikt gefangen waren und in dem sie sich für eine Seite zu entscheiden hatten: Entweder sie halfen ihrem Land beim Gewinnen des Krieges oder sie entschieden für die Menschheit. Thema dieser Abhandlung ist die Untersuchung, inwieweit dieser Prozess in den Werken „Die Physiker“ und „In der Sache J. Robert Oppenheimer“ dargeboten wird. Als ethischer Exkurs soll unter anderem die Bewertung dieses Umstandes durch Carl Friedrich von Weizsäcker gemacht werden. Ein aktuelles vergleichbares Thema ist die Gentechnik, die eine ähnliche Problematik aufweist und uns alle in nicht allzu ferner Zukunft betreffen könnte.

2 Inhalt :

2.1 Die Physiker

Die 1961 erschienene, von Friedrich Dürrenmatt verfasste Tragikomödie handelt von den drei Physikern Newton, Einstein und Möbius, die in einer Nervenheilanstalt behandelt werden. Tatsächlich sind sie aber im Vollbesitz ihrer geistigen Fähigkeiten. Möbius hat weltverändernde Entdeckungen gemacht, die nicht in die falschen Hände fallen dürfen, und wird von Einstein und Newton, den eigentlichen Geheimagenten verschiedener Regierungen, observiert. Mathilde von Zahnd, die Leiterin der Anstalt, manipuliert diese, um selbst an die Erkenntnisse von Möbius zu geraten und diese für die Weltherrschaft zu benützen, womit der Versuch der Geheimhaltung des brisanten Wissens scheitert.

2.2 In der Sache J. Robert Oppenheimer

Das im Jahre 1964 uraufgeführte dokumentarische Schauspiel orientiert sich an Verhören aus dem Jahre 1954, in denen der Atomphysiker Oppenheimer vernommen wurde. Daran beteiligt waren Vertreter der Atomenergiekommission Robb und Rolander, Oppenheimers Anwälte Garrison und Marks und der Untersuchungsausschuss, bestehend aus Gray, Evans und Morgan. Der Wissenschaftler Oppenheimer stand unter dem Verdacht, Landesverrat aufgrund von möglicher kommunistischer Gesinnung und kommunistischen Verbindungen begangen zu haben. Fernerhin sollte ermittelt werden, ob er weiterhin in der amerikanischen Atomforschung arbeiten durfte, was ihm letztendlich verwehrt wurde.

3 Die Werke im Vergleich

In diesem Kapitel werden die inhaltlichen Aspekte der beiden Werke, sowie die Darstellungsweisen in Bezug auf die Problematik des sich im Zwiespalt befindenden Wissenschaftlers verglichen. Insbesondere wird dabei auf die Darbietungsweise in Form von Sprache und anderen genrebedingten Unterschieden eingegangen.

3.1 Thematiken in den Werken

3.1.1 Das Verhältnis zwischen Politik und Wissenschaft

Zwischen Staat, beziehungsweise Politik und Wissenschaft besteht ein gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis: Der Staat braucht die Forschung „Auch unser politisches System muss der Wissenschaft aus der Hand fressen“1 um die Entwicklung von Waffen voranzutreiben. Die Wissenschaft wiederum profitiert von den Förderungen, die die Physik weiterentwickeln können. Wegen dieser finanziellen Zuwendung erscheint die Frage von Morgan durchaus begründet: „Ist einem Staat, der riesige Gelder für Forschungsarbeit hergibt, das Recht zu bestreiten, über die Ergebnisse dieser Forschungen frei zu verfügen?“2

In Dürrenmatts Stück wird der technische Rüstungswettlauf als Missbrauch der Wissenschaft charakterisiert: „Dann kommen die Techniker. Sie kümmern sich nur noch um die Formeln. Sie gehen mit der Elektrizität um wie der Zuhälter mit der Dirne. Sie nützen sie aus.“ (Phy 22). Die eigentlichen Geheimagenten Einstein und Newton versuchen, Möbius für sich zu gewinnen, wobei die eigene Meinung des Wissenschaftlers übergangen wird: „Sie sind ein Genie und als solches Allgemeingut. (…) Aber Sie haben die Wissenschaft nicht gepachtet.“(Phy 68) Damit wird dem Wissenschaftler eine Pflicht gegenüber den Weltmächten aufgebunden: „Sie haben die Pflicht, die Türe auch uns aufzuschließen, den Nicht-Genialen“(Phy 68). Möbius erkennt, dass ihm, egal welche Seite er wählt, er in einer unfreien Situation enden wird: „Jeder preist mir einen andere Theorie an, doch die Realität, die man mir bietet, ist dieselbe: ein Gefängnis“(Phy 73). Es widerstrebt ihm, für weltpolitische Interessen instrumentalisiert zu werden: „Da ziehe ich mein Irrenhaus vor. Es gibt mir wenigstens die Sicherheit, von Politikern nicht ausgenützt zu werden.“(Phy 73). Um ihre Ziele zu verwirklichen, gehen die Geheimagenten sogar über Leichen, indem sie die Krankenschwestern erwürgen.

Im Text sind einige Hinweise versteckt, dass es sich dabei um die ehemalige Sowjetunion und die Vereinigten Staaten von Amerika handelt. Der Bestechungsversuch von Newton „Kommen Sie mit mir (…), und Sie erhalten den Nobelpreis.“(Phy 68) weist kapitalistische Züge auf, ebenso wie ein weiterer Anwerbungsversuch: „Einige der berühmtesten Physiker erwarten Sie. Besoldung und Unterkunft ideal, die Gegend mörderisch, aber die Klimaanlagen ausgezeichnet“ (Phy 72). Bei der heißen Gegend, auf die Newton verweist handelt es sich um das damalige Atomforschungszentrum „Los Alamos“ der USA, das sich in Mexiko befand. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass Einstein ein Sowjetagent ist, was sich ebenfalls belegen lässt, da die beiden Agenten um Möbius konkurrieren, ähnlich wie die damaligen Weltmächte, zur Zeit des kalten Krieges, in Konkurrenz standen. Einstein zeigt seinem Land gegenüber bedingungslose Loyalität und hat sich als Wissenschaftler unterworfen: „Mir ist bloß mein Generalstab heilig.“(Phy 70) und „Meine Machtpolitik besteht gerade darin, daß ich zugunsten einer Partei auf meine Macht verzichtet habe.“(Phy 73). Die Figuren Newton und Einstein, ihrerseits selbst namhafte Wissenschaftler, Alec Jasper Kilton und Joseph Eisler, muten durch ihre Tätigkeiten wie Söldner an. Sie gaben ihre Forschungsarbeit für den Geheimdienst und die Regierung auf. Dieses militärische Motiv wird durch die Morde an den Krankenschwestern „ Ihr wart wie Automaten und habt getötet wie Henker.“(Phy 84) und den Waffenbesitz unterstrichen. Damit zeichnet sich das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Politik klar ab: Die Wissenschaft wird zugunsten der Machtpolitik der Regierung ausgenutzt und der Wissenschaftsbetreibende selbst wird als Werkzeug angesehen, das gehorchen, beziehungsweise ideologisch konform sein muss und dabei Freiheiten einbüßt.

Auch Oppenheimer zeigt diese Merkmale, die er im Nachhinein stark bereut. Die Figur Oppenheimer durchläuft in ihrem Verhör eine Entwicklung; zunächst fühlt er sich nicht schuldig, „ [er] fühlte keine Schuld an [sich]“ (Opp 143) und hat keine Bedenken möglicherweise das Falsche getan zu haben, was sich aber durch die Retrospektive ändert: „[seine Haltung begann sich] zu wandeln“ (Opp145) Wie auch bei „ [den] Physikern“ forderte die Regierung bedingungslose Loyalität von ihren Angestellten, was Oppenheimer aus der Sicht von Bethe „zu regierungsfromm“ und „enthusiastisch“(Opp 117) erfüllt hatte und ihm den Namen „Vater der Atombombe“ einbrachte. Er wurde den Anforderungen der Machthabenden als ein Konformist gerecht. Obwohl er sich sehr kooperativ bei der Entwicklung zeigte, wird deutlich, wie stark die Regierung Druck ausüben und bis in die Privatsphäre der Wissenschaftler eindringen kann. Dies geschieht, als erste moralische Bedenken bei dem Atomphysiker eintreten. Der Staat agiert dabei in einem „Freund-oder- Feind-Denken“: Entweder fügt sich der Wissenschaftler und zeigt zufriedenstellende Ergebnisse, oder er wird als Geheimagent der gegnerischen Partei oder auch als Sicherheitsrisiko angesehen, was FBI-Ermittlungen hervorbrachten. Es besteht also eine grundsätzliche Gegnerschaft, wenn jemand nicht gehorcht, die metaphorisiert wird „Wenn wir erst einmal Blut geleckt haben - wir Bluthunde - er lacht - dann sind wir hartnäckig“ (Opp 60) und die metaphorisch gesehen gewalttätige Züge annimmt. Für Robb rechtfertigt die „Sicherheit der freien Welt“ ein grenzwertiges „[bis an die Grenzen der Privatsphäre gehen]“(Opp 22). Diese Offenlegung empfindet Oppenheimer als „widerwärtig, da ihm das Treffen mit seiner Verlobten als kommunistisch ausgelegt wird. Durch die Wandlung und die moralischen Skrupel beim Bau der Wasserstoffbombe wendet sich die Regierung gegen Oppenheimer, wobei das Motiv der unfreien Wissenschaft, wie auch bei den Physikern, zum Vorschein kommt: „Es geht um Sie als politisches Exempel. Marks Um Unterwerfung der Wissenschaft, Einschüchterung jedes Einzelnen“. Die Ansicht und Kritik des Autors äußert sich in Oppenheimers real nicht stattgefundenem Abschlussplädoyer. Das primäre Erkenntnisziel der Wissenschaft wird in den Hintergrund gedrängt und die Forschungseinrichtungen werden wie „Kriegsobjekte bewacht“. Ein Gedankenverrat des Befragten habe sich nicht am Land, sondern an der Wissenschaft selbst vollzogen, deren „Geist [verraten wurde], als [sie ihre] Forschungsarbeiten den Militärs überließen, ohne an die Folgen zu denken“(Opp 146). Oppenheimer appelliert an die Unmündigkeit des Physikers, der seiner Regierung keine „zu ungeprüfte Loyalität“ zollen soll. In beiden Werken wird die Wissenschaft zum Zwecke von Machtpolitik und Vormachtstellung instrumentalisiert, wobei die Machtinstanzen sich Methoden bedienen, die ethisch umstritten sind. Das Auseinandersetzen mit der Thematik geschieht in den Werken aus jeweils verschiedenen „Richtungen“. Dürrenmatt umreißt die Folgen, die die falsche Handhabung von Informationen annehmen können, indem er den dramaturgischen Trick der „schlimmstmöglichste[n] Wendung“ einsetzt, die zu jeder Geschichte gehören muss (vgl. Phy 91). Die Bewertung dieser Handhabung selbst ist schon von Anfang an als falsch festgelegt. Kipphardt hingegen beschäftigt sich mit ebenjener Bewertung, da die Folgen schon eingetreten sind und ein Rückblick stattfindet.

3.1.2 Die Machtgier in „Die Physiker“

Mathilde von Zahnd fördert eine machtfixierte Entfremdung der Wissenschaft mittels ihrer Manipulationskünste. Auch ihr Beruf als Ärztin wird entfremdet, indem sie ihren Heilauftrag hinten anstellt: „Ich war Ärztin und Möbius mein Patient. Ich konnte mit ihm tun, was ich wollte. Ich betäubte ihn, jahrelang, immer wieder, und photokopierte die Aufzeichnungen Salomos, bis ich auch die letzten Seiten besaß.“(Phy 82). Ihre Skrupellosigkeit scheint kein Ende zu finden, als klar wird, dass sie „[die drei Krankenschwestern auf sie hetzte]“(Phy 84). Die Leiterin der Anstalt strebt selbst totale Macht an: „Ich aber übernehme seine Macht“ (Phy 84) (gemeint ist Salomo) und ,,Nun werde ich mächtiger sein als meine Väter.“(Phy 85) und „Mein Trust wird herrschen, die Länder, die Kontinente erobern, das Sonnensystem ausbeuten, nach dem Andromedanebel fahren.“ (Phy 85). Hier zeigt sie deutlich größenwahnsinnige Züge, da sie sogar bis ins All vordringen will.

3.2 Darstellungsweise

Ein betrachtenswerter Vergleichsaspekt ist der der Beziehung der internen Vorgänge zum öffentlichen Weltgeschehen. Oppenheimer wertet diese abschätzig ab, da es ihr an Weitsicht und Urteilsfähigkeit aufgrund von mangelhaften Informationen fehlte. Dadurch, dass im Werk keine öffentlichen Stellungnahmen mit einflossen, wird der Zuschauer dazu bewegt, sich seine eigene Meinung zu bilden. An dieser Stelle entfaltet das dokumentarische Theater mit seiner Nähe zum tatsächlich Geschehenen seine volle Wirkung. Bei den Physikern findet die komplette Handlung abseits des Weltgeschehens in einer Psychiatrie, in äußerster Abgelegenheit statt. Möbius wählte dieses Schicksal aus Verantwortung der Menschheit gegenüber, da die Öffentlichkeit der Bewältigung der Problematik nicht gewachsen ist.

3.2.1 Sprache und Gestaltungselemente

„In der Sache J. Robert Oppenheimer“ behandelt ein Verhör, zu dem allgemein zwei Seiten gehören: die desjenigen, der verhört und Fragen stellt, und diejenige Befragten. In der Sprache des Stückes spiegelt sich diese Ambivalenz wieder. Der befragte Oppenheimer bedient sich einer unpersönlichen nüchternen Faktensprache, die oft technische Motive hervorbringt „Ich meine, daß man einen Menschen nicht auseinandernehmen kann, wie einen Zündsatz“. Seine Antworten sind teils äußerst reduziert und einsilbig (vgl Opp 39). Das lässt ihn wie einen Automaten erscheinen. Auf Robbs Frage „Hätten Sie den Abwurf einer Wasserstoffbombe auf Hiroshima befürwortet?“ antwortet Oppenheimer emotionslos, nur auf die nackten Zahlen bedacht: „Das Ziel war zu klein“ (vgl. Opp 17). In seiner Abschlussrede stellt er seine Empfindung sogar mit der Technik gleich: „Ich bemühte mich, vollkommen offen zu sein, und das ist eine Technik, die man erlernen muss“ (Opp 145). Diesem Aspekt der Sprache steht eine plastischere Befragung gegenüber, die das schon zuvor erwähnte „Freund-oder-Feind-Denken“ der Regierung widerspiegelt, weil sie einen antithetisch-kontrastiven Charakter annimmt: „Meinen Sie nicht, Doktor, daß es auf viele Wissenschaftler einen großen Eindruck gemacht hätte, wenn Sie den Ärmel aufgekrempelt hätten, um das Super-Programm in Ihre Hand zu nehmen?“(Opp 87) und „ Sie fanden die wissenschaftlichen Ideen zur Herstellung einer Wasserstoffbombe verführerisch und wundervoll, und Sie fanden das mögliche Ergebnis, die Wasserstoffbombe, abscheulich. Nicht wahr?“ (Opp 88) Robb und Rolander versuchen Oppenheimer zu belasten, indem sie ihn unglaubwürdig erscheinen lassen: „Robb (zitiert) (…) >Wir sind der Ansicht, daß eine Wasserstoffbombe niemals hergestellt werden sollte.<(…) Was verstehen Sie unter niemals?“ (Opp 91) und „Oppenheimer Es hat mich niemand gefragt. Robb Es hat Sie niemand gefragt.“ (Opp 39). Diese Fragestrategie mutet an einer Stelle besonders feindselig und spöttisch an: „Hat Dr. Oppenheimer damals die Ansicht vertreten, daß man Los Alamos am besten den Indianern zurückgeben soll?“ (Opp 98). Diese Vorgehensweise resultiert aus mangelnden Beweisen gegen Oppenheimer, sodass die Anklage sich bemühen muss, ihn bloßzustellen. Dem entsprechend bedient sich Robb in seinem Abschlussplädoyer scharfer Worte, indem er von „offentsichtliche[m] Versagen“ (Opp 135) spricht und tief in die „rhetorische Trickkiste“ greift: „In diesem Widerspruch liegt seine Tragik, und es ist eine anhaltende Tragik, die ihn nicht befähigt (…) zu dienen, obwohl er das ehrlich wünscht.“ (Opp 135). Gleiches gilt für die Anapher „Sie zeigte sich“ (Opp 133). Durch dieses Hin und Her im Verhör zeigt sich, wie der Befragte, ehemalig „regierungsfromm“, zum Gegner gemacht wird, da er nicht hundertprozentig gehorchte.

Es tauchen blasphemische Motive auf, die die gewaltige Macht und Zerstörungskraft in den Händen der Menschheit, anklingen lassen: So wird von „Trinity“ - also der Dreifaltigkeit - und von Oppenheimer als Gott gesprochen (vgl. Opp S. 64). Dadurch entsteht ein superlativischer Eindruck von einem vermessenen Umgang mit den Kernkräften. Wiederholt wird das Codewort „Super“ für die Wasserstoffbombe verwendet, was man „als durchaus dokumentarisch betrachten kann, da die im Stück aufzufindenden Beispiele durchaus zum Inventar eines um Geheimhaltung bemühten Codes von Forschern, Politikern und Militärs gehörten.“3 Es kommt zu einer Verzerrung der Maßstäbe in Bezug auf die Atomwaffen, durch die „häufige Verwendung verniedlichender Euphemismen“4, wenn beispielsweise von dem „Patenspielzeug“ (Opp 11), „Baby“ und „Kind“ gesprochen wird (vgl. Opp S.11). Diese Sprachbilder nehmen Bezug zu Oppenheimers „Titel“: „der Vater der Atombombe“. An dieser Stelle zeigen sich Widersprüche in der Figur Oppenheimer, der gleichzeitig Faszination und Reue gegenüber dem Bau seines „Kindes“ verspürt. Auf Seite 94 divergieren seine Faszination und seine Reue, als er zwei Hindusprüche zitiert. An anderer Stelle zeigen sich beschönigende, utopische Zukunftsvorstellungen, dem einzig eine unvorbereitete Welt im Wege steht; erkennbar in dieser von Robb geäußerten Aufzählung: „Sie denken an Goldenes Zeitalter, Schlaraffenland und diese Geschichten?“ (Opp 14). Entgegen seiner bisher verwendeten technisch-faktischen Sprache steigert sich Oppenheimer in seinem Schlussplädoyer rhetorisch mit zum Teil anaphorischen Schlussfolgerungen im Hinblick auf die Verantwortung der Wissenschaftler: „Dabei scheint die Hoffnung gering“ (Opp 146); sowie mit Periphrasen - „klein gewordener Stern“ für die Erde (Opp 146) - und antithetischen Formulierungen „wir [hatten] niemals so viel Bedeutung.

[...]

1 Friedrich Dürrenmatt: „Die Physiker“, Diogenes, 1986, S͘ 70; unter der Siegle „Phy“ im laufenden Text zitiert

2 Heinar Kipphardt: „In der Sache J͘ Robert Oppenheimer“, Suhrkamp Verlag, 1964, S͘ 93; unter der Siegle „Opp“ im laufenden Text zitiert

3 Fasse, Ferdinand: „Heinar Kipphardt, In der Sache J͘ Robert Oppenheimer“, Oldenburg Verlag, 1988, München, S. 62

4 4 Fasse, Ferdinand: „Heinar Kipphardt, In der Sache J͘ Robert Oppenheimer“, Oldenburg Verlag, 1988, München, S. 62

Details

Seiten
19
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668565876
ISBN (Buch)
9783668565883
Dateigröße
916 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v378819
Note
13
Schlagworte
dilemma wissenschaftlers physiker friedrich dürrenmatt sache robert oppenheimer heinar kipphardt

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Titel: Das ethische Dilemma des modernen Wissenschaftlers in "Die Physiker" von Friedrich Dürrenmatt und "In der Sache J. Robert Oppenheimer" von Heinar Kipphardt