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Pfadabhängigkeit, Pfadkreation und Pfadkonstitution. Darstellung, Vergleich und Diskussion verschiedener Pfadmodelle

Hausarbeit 2017 17 Seiten

Soziologie - Kultur, Technik und Völker

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Verortung der Pfadkonzepte in einer Soziologie der Technik

2 Pfadabhängigkeit nach David (1985) und Arthur (1990)

3 Pfadkreation nach Garud und Karnøe (2001)

4 Pfadkonstitution nach Meyer und Schubert (2005)

5 Zusammenfassung und Fazit

6 Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Phasen und Dimensionen der Pfadkonstitution

1 Verortung der Pfadkonzepte in einer Soziologie der Technik

Technik ist in unserer heutigen Welt allgegenwertig. Von der Waschmaschine und dem Kühlschrank über das Auto bis hin zum Computer. Es gibt kaum einen Lebensbereich der in unserem Alltag nicht von Technik durchsetzt ist. Besonders zu betonen ist hierbei sicherlich das Smartphone, der universelle Helfer in allen Lebenslagen, auf dem sich zusätzlich für viele vor allem jüngere Personen mittlerweile auch ein Großteil sozialer Kommunikation abspielt. Ein Leben ohne Smartphone? Für viele heutzutage unvorstellbar. Warum sich eine Gesellschaftswissenschaft mit Bereichen der Technik auseinandersetzen sollte, bringt Weyer gut auf den Punkt: „Die zunehmende Technisierung und Informatisierung aller Bereiche der Gesellschaft wirft Fragen nach den sozialen Ursachen und Folgen dieser Prozesse, aber auch nach der Gestaltbarkeit und Steuerbarkeit von Technikentwicklung auf.“ (Weyer 2008: 11). Grund genug also für die Soziologie gegenseitige Abhängigkeiten und Einflüsse zwischen Technik und Gesellschaft genauer zu betrachten. Unter dem Begriff Technik wird in der Soziologie größtenteils eine Technik im engeren Sinn verstanden (Häußling 2014: 11), d.h. sogenannte Realtechniken. Sie grenzen sich von Techniken im weiteren Sinn, die eher im psychisch oder mentalen Bereich anzusiedeln sind (wie z.B. Rede- oder Verführungstechniken) ab. Diese eher grobe Unterteilung geht auf Rammert zurück (Rammert 1989: 725). Unter Realtechniken, die er noch etwas genauer differenziert, fallen demnach Werkzeuge, einfache Maschinen, Maschinen mit Sensorik, Multiagentsysteme und intelligente Systeme (Rammert 2003: 296). Eine der Grundfragen der Techniksoziologe ist, ob technische Entwicklungen die Gesellschaft prägen (Technikdeterminismus) oder eher Technik durch gesellschaftliche Faktoren geprägt wird (Sozialkonstruktivismus). Heutzutage stimmt man in Forschungskreisen weitgehend darin überein, dass beide Perspektiven miteinbezogen werden müssen. Allein genommen sind beide in ihrer Sichtweise zu stark restringiert (Weyer 2008: 32). Zu unterscheiden ist des Weiteren, ob der Verwendungs- oder der Herstellungskontext von Techniksoziologie im Fokus der Betrachtung steht. Bei Letzterem ging es innerhalb der Innovationsforschung, entsprechend der oben genannten Grundfrage der Techniksoziologie, lange Zeit um die Frage, ob der Markt über die Nachfrageseite zukünftige Innovationsaktivitäten lenkt (demand pull-Theorie), oder ob die Technologieentwicklung weitgehend unabhängig von tatsächliche Bedürfnissen verläuft und die Nachfrage erst im Nachhinein durch die aufkommenden Innovationen selbst entsteht (technologie push-Theorie). Auch hier geht die Tendenz mittlerweile dazu, beide Sichtweisen zu vereinen um Limitationen zu überwinden (Häußling 2010: 625 f.). Im Kontext der Innovationsforschung werden gegenwärtig besonders Pfadkonzepte kontrovers diskutiert (Häußling 2010: 626; Meyer und Schubert 2005: 2). Diese charakterisieren sich dadurch, dass davon ausgegangen wird, dass technische Entwicklungen ab einem gewissen Punkt einen selbstverstärkenden Prozess in Gang setzten. Dieses sog. Momentum kann Innovationen zu einem generellen Standard werden lassen bzw. eingeschlagene technische Pfade verschließen. Die Pfadkonzepte gelten daher als einer technikdeterministischen Perspektive nahestehend (Häußling 2010: 626.). Aufgrund der nach wie vor gegebenen Kontroverse und damit verbundenen Relevanz, sollen in der vorliegenden Arbeit die verschiedenen Pfadkonzepte dargestellt, miteinander verglichen und diskutiert werden. Die weiteren Kapitel sind wie folgt gegliedert: Zunächst wird das ursprüngliche Konzept der Pfadabhängigkeit nach David (1985) und Arthur (1990) dargestellt, sowie kurz resümiert. Im Anschluss daran erfolgt die Erläuterung des Konzeptes der Pfadkreation nach Garud und Kanøe (2001), sowie des Konzeptes der Pfadkonstitution nach Meyer und Schubert (2005), die jeweils mit dem ursprünglichen Konzept der Pfadabhängigkeit und untereinander verglichen und diskutiert werden. Zu guter Letzt werden noch einmal die Kernpunkte zusammengefasst und ein kurzes Gesamtfazit gezogen.

2 Pfadabhängigkeit nach David (1985) und Arthur (1990)

Paul David und Brian Arthur gelten als die Entwickler des ursprünglichen Konzepts der Pfadabhängigkeit. Nach David können ökonomische Veränderungen einen pfadabhängigen, sequentiellen Verlauf annehmen. Die letztendlichen Resultate eines solchen Prozesses können durch zeitlich weit zurückliegende Ereignisse und zufällige Geschehnisse beeinflusst werden und folgen somit nicht immer einer bestimmten Systematik oder Logik. Er betont daher, dass die Betrachtung der Wirtschaftsgeschichte für ökonomische Analysen wichtig ist. Blendet man diese aus, ist es häufig schwer ökonomische Entwicklungen und Veränderungen vollends nachvollziehen zu können. David veranschaulicht diese Gedanken anhand des Siegeszuges des Tastatur-Standards QWERTY (benannt nach den ersten sechs Buchstaben in der oberen Reihe der englischen Tastatur). Obwohl es sich dabei nicht um die beste, weil nicht effizienteste, Tastaturanordnung handelt, setzte sie sich gegen diesbezüglich überlegene Varianten, wie z.B. DSK (Dvorak Simplified Keyboard) durch (David 1985: 332). Die weniger effiziente Tastenanordnung QWERTY wurde von den Erfindern bzw. Herstellern der ersten Schreibmaschine Sholes und Remington Anfang der 1870er Jahre überhaupt nur deshalb ins Leben gerufen, da die ersten Modelle das Problem aufwiesen, dass beim schnellen Tippen zweier benachbarter Tasten diese oftmals verhakten. Dies hatte zur Folge, dass im Anschluss daran bei jedem weiteren Tastenanschlag immer nur der verhakte Buchstabe geschrieben wurde. Im Zusammenhang mit dem Nachteil, dass man erst nachdem man das Papier aus der Maschine zog sehen konnte, was man tatsächlich geschrieben hatte, ergab sich ein schwerwiegender Qualitätsmangel. Um dieses Problem zu lösen wurden daraufhin, verbunden mit einem Effizienzverlust, die Tasten, die häufig direkt nacheinander angeschlagen wurden, möglichst weit voneinander entfernt platziert (David 1985: 333). Damit war der bis heute verwendete Tastaturstandard QWERTY geboren.

Über die Jahre verbesserte sich die Technik der Schreibmaschinen, wodurch das Problem des Verhakens von Tasten nicht mehr bestand und somit die QWERTY-Tastatur im Grunde obsolet wurde. Obwohl es mittlerweile eine ganze Reihe an alternativen Tastaturen gab, mit denen man deutlich schneller schreiben konnte, bewegte sich die US-Industrie während der Hochphase der Schreibmaschinen jedoch bereits Mitte der 1890er Jahre hin zur QWERTY-Tastatur als universellen Standard. Um zu verstehen, warum es zu so einer, im ersten Augenblick irrational erscheinenden, Entwicklung kam, muss man nach David bedenken, dass die Schreibmaschinen Teil eines sehr komplexen Systems gegenseitiger Abhängigkeiten waren. Zusätzlich zu den Herstellern und Käufern spielten dabei auch die Schreibkräfte und Unternehmen, die das Maschinenschreiben lehrten, eine Rolle, wodurch dezentrale Entscheidungen vieler Akteure einen Einfluss nahmen. Entscheidend für die weitere Entwicklung war zudem die Innovation des 10-Finger-Systems, das auf die QWERTY-Tastatur zugeschnitten war, in den späten 1880er Jahren. Das 10-Finger-System führte letztlich zu drei Merkmalen innerhalb des Produktionssystems, die die Tastenanordnung QWERTY immer dominanter werden ließen: technical interrelatedness, economies of scale, und quasi-irreversibility of investment (David 1985: 334). Technical interrelatedness bezieht sich darauf, dass die „Hardware“, repräsentiert durch die Schreibmaschine, und die „Software“, repräsentiert durch Personen, die eine bestimmte Tastenanordnung beherrschten, zusammenpassen mussten, damit sie für einen Arbeitgeber bzw. Arbeitnehmer von Wert waren. Die Schreibmaschinen mit QWERTY-Tastatur hatten anfangs bezüglich der Verkaufszahlen einen Vorteil. Je höher der Anteil an Schreibmaschinen mit QWERTY-Tastatur auf dem Markt war, desto höher war auch die Wahrscheinlichkeit, dass angehende Schreibkräfte genau diese Tastenanordnung erlernten, um auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich zu sein. Umgekehrt gilt analog, dass auch mit steigendem Anteil an Schreibkräften, die diese Tastaturanordnung erlernten, wiederum die Wahrscheinlichkeit stiegt, dass Unternehmen entsprechende Schreibmaschinen anschafften. Es bestand in diesem Fall also ein wechselseitiger technischer Zusammenhang zwischen den Schreibmaschinen und den Fähigkeiten diese entsprechend bedienen zu können (David 1985: 334 f.). Mit steigendem Anteil an QWERTY-Tastaturen sanken die Gesamtnutzerkosten dieses Systems. Diese Bedingungen der sinkenden Kosten, die David economies of scale nennt, führten dazu, dass sich am Ende ein einziges Tastatursystem, nämlich QWERTY, als de facto Standard herausbildete. David beschreibt den Siegeszug der QWERTY-Tastatur in diesem Kontext als einen stochastischen Prozess, innerhalb dessen jede Entscheidung einer Person für diesen Tastaturtyp die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass sich die nächste Person ebenso für diesen entscheidet. Unter der Prämisse unbegrenzt sinkender Nutzerkosten, kristallisiert sich am Ende eines solchen Prozesses genau eine Alternative als „der“ dominierende Standard heraus. Welche dies am Ende sein wird, lässt sich vorab kaum abschätzen, da gerade am Anfang des Prozesses „historische Unfälle“ in Form von zufälligen Faktoren einen großen Einfluss haben können. Sollen Entscheidungen in Bezug auf deren Nutzen in der Zukunft getroffen werden, spielen außerdem Erwartungen eine große Rolle. Entsprechende, positive Erwartungen über dessen Durchsetzung haben wohl auch dazu beigetragen, dass es zu einer Verriegelung („lock in“) des QWERTY-Standards Mitte der 1890er Jahre kam (David 1985: 335). Dass es zu einer Verriegelung kam, hängt nach David auch mit dem dritten und letzten Merkmal des Prozesses zusammen: quasi-irreversibility of investments. Zwischen der „Hardware“ und der „Software“ kam es im Hinblick auf die Umstellungskosten über die Zeit zu einer Asymmetrie. Während die Kosten für eine Umstellung der Schreibmaschinentastatur durch den technischen Fortschritt sanken, stiegen mit der Anzahl der Menschen, die sich bereits an die QWERTY-Tastatur gewöhnt hatten, die Kosten für das Umlernen von Schreibkräften auf andere Systeme. Es war ab diesem Punkt also günstiger die Maschinen an die Gewohnheit der Menschen anzupassen als umgekehrt. Dieses Argument hat bis heute bestand (David 1985: 335 f.).

Arthur argumentiert in einer ähnlichen Weise, dass sich viele ökonomische Entwicklungen nicht mit der klassischen Wirtschaftstheorie erklären lassen, die von einem „negativen Feedback“ ausgeht, das stabilisierend auf die Wirtschaft wirkt. Denn anstelle von sich verringernden Erlösen, die aufgrund von sich ausbalancierenden Gegenkräften am Ende zu genau einem vorhersagbaren Gleichgewicht von Preisen oder Marktanteilen führen, finden sich in Wirklichkeit oft steigende Erlöse, die zu mehreren alternativen Gleichgewichtspunkten führen können. Man spricht in diesem Fall von einem „positiven Feedback“, welches kleine Veränderungen in der Wirtschaft verstärken und sie so zu größeren werden lassen kann. Entgegen der Annahme der klassischen Theorie muss sich dabei auch nicht zwangsläufig die beste aller möglichen Alternativen im Ergebnis durchsetzen. Könnte man den identischen Prozess mehrmals ablaufen lassen könnte, käme man wohl zu unterschiedlichen Ergebnissen. Dies spiegelt den stochastischen Charakter des Prozesses wider. Auch Arthur spricht davon, dass Pfade den Status der Verriegelung erreichen können, also einen Punkt, ab dem einmal eingeschlagene Pfade nicht wieder verlassen werden, auch wenn eigentlich bessere Alternativen zur Verfügung stehen. Auf diese Weise tendieren Produkte, die aus rein zufälligen Gründen oder durch gewisse „Störeinflüsse“ Anfangs höhere Verkaufszahlen aufweisen, dazu ihre Führung häufig weiter auszubauen. Die Geschichte spielt dabei – entgegen der klassischen Theorie – also eine vordergründige Rolle (Arthur 1990: 2,11f.). Economy is „not […] simple but complex, not […] deterministic, predictable and mechanistic, but instead […] process-dependent, organic and always evolving. “ (Arthur 1990: 12).

Ein Beispiel für positives Feedback stellt die Geschichte der Videorekorder dar, in der sich zu Beginn die beiden konkurrierenden Formate VHS und Beta gegenüberstanden. Für beide gilt das Prinzip der steigenden Erlöse mit steigendem Marktanteil, d.h. werden mehr Rekorder verkauft, gibt es auch eine steigende Vielfallt an Filmen im entsprechenden Format und der Anreiz für weitere Personen steigt wiederum, sich den entsprechenden Rekorder zuzulegen. Sobald nun ein Format über einen auch nur geringfügigen Vorsprung im Marktanteil verfügt, kann sich daraus schnell ein sehr viel größerer entwickeln. David bezeichnet einen solchen Markt als instabil, da sich zu Beginn starke Schwankungen ergeben und man keine Aussage darüber treffen kann, welche Alternative sich durchsetzen wird. Beide Formate waren anfangs gleichauf, bevor externe Umstände, Glück und das Handeln bestimmter Firmen VHS zunächst zu einem kleinen Vorsprung verhalfen. Es dauerte daraufhin nicht lange, bis der VHS-Standard schließlich fast den kompletten Videorekorder-Markt eingenommen hatte. Und das obwohl dem Beta-Standard nachgesagt wurde, sogar technisch überlegen zu sein (Arthur 1990: 3). Ein Beispiel für negatives Feedback ist der Wettbewerb zwischen den Energielieferanten Wasserkraft und Kohle. Steigt der Marktanteil der Wasserkraft, müssen immer teurere Dämme auch an weniger geeigneten Stellen errichtet werden, was die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Energie von Kohlekraftwerken im Verhältnis billiger wird. Gewinnen die Kohlekraftwerke an Markanteil, steigt der Preis für Kohle oder den Betreibern werden beispielsweise teure Umweltauflagen aufgezwungen. In beiden Fällen verringert sich wiederum im Verhältnis der Preis von Wasserkraft. Am Ende pendelt sich so der Marktanteil für beide an einem optimalen Gleichgewichtspunkt ein, der die Vorteile beider bestmöglich ausnutzt (Arthur 1990: 3). Passend zu den bis hierhin beschriebenen Beispielen, schlägt Arthur eine Unterscheidung von ressourcenbasierter Wirtschaft, die meist dem Prinzip sinkender Erlöse folgt, und wissensbasierter Wirtschaft, bei der sich größtenteils steigende Erlöse ergeben, vor. Typisch für wissensbasierte Wirtschaft (z.B. Technikprodukte) ist, dass die Entwicklung neuer Produkte sehr teuer ist. Ist das Produkt aber erst einmal auf dem Markt, kann jede weitere Einheit sehr viel günstiger produziert werden und je höher die Verkaufszahlen sind, desto höher steigt auch die Gewinnspanne. Die Produktion größerer Mengen bringt auch noch die Vorteile mit sich, durch größere Erfahrung die Produktionskosten weiter senken zu können und neue Produkte mit gleicher oder ähnlicher Technologie herstellen zu können (Arthur 1990: 4). Außerdem kann durch die zunehmende Erfahrung die Qualität der Produkte (bei gleichzeitiger Kostensenkung) steigen, was zu immer besseren Verkaufsargumenten führt (z.B. japanische Autohersteller auf dem US-Markt). Wie unschwer zu erkennen ist, ergibt sich hier also wieder ein sich selbst verstärkender Mechanismus (Arthur 1990: 8).

Starten nun mehrere vergleichbare Unternehmen ihr Geschäft, entscheiden kleine zufällige Ereignisse, welches von ihnen eine dominante Marktstellung einnimmt. Diese Zufälligkeiten können sich nämlich aufaddieren und zusammen durch positives Feedback verstärkt werden. Im Falle steigender Erlöse, sollten daher nach Arthur die wirtschaftlichen Prozesse nicht als statisches, deterministisches betrachtet werden, sondern als dynamisch beeinflusst von Zufall und positiven Feedback. Auf diese Weise ist es möglich, Märkte mit steigenden Erlösen, auf denen sich unter gleichen Bedingungen einmal die eine und einmal eine andere Alternative durchsetzen würde, theoretisch abzubilden. Die zufälligen Ereignisse, die zur Durchsetzung einer bestimmten Lösung führen, können so registriert und untersucht werden. Die meisten Problemstellungen in Situationen mit steigenden Erlösen weisen dabei folgendes nichtlineares Wahrscheinlichkeitsmuster auf: Ein steigender Marktanteil eines Unternehmens/ Produktes ist mit einer steigenden Wahrscheinlichkeit verbunden, dass sich weitere Konsumenten für dieses entscheiden (positive Feedback) (Arthur 1990: 6). Dieses Konzept lässt sich auch auf Unternehmen und ihre Entscheidung für den Ort ihrer Niederlassung übertragen. Zwar unterscheiden sich Unternehmen generell in ihren geografischen Präferenzen, insofern sie allerdings Synergieeffekte durch örtliche Nähe mit anderen Unternehmen erhalten, werden sie sich eher dort niederlassen, wo sich bereits potentielle Zulieferer oder Geschäftskunden befinden. Die zufällige Reihenfolge dieser Niederlassungen entscheidet darüber, welche Art von Industrie sich bevorzugt in einem Gebiet konzentriert. Ziehen Gebiete nun durch Zufall anfänglich mehr Unternehmen an, tritt ein sich selbst verstärkender Effekt ein, der dazu führen kann, dass sich dort ganze Industriegebiete bilden, auch wenn die geografische Lage an sich nicht optimal ist bzw. austauschbar wäre. Ein gutes Beispiel hierfür ist der bedeutende IT-Standort Silicon Valley in Kalifornien, welcher im Grunde auf die Firmengründung zweier Personen, nämlich William Hewlett und David Packard zurückgeführt werden kann. Sicherlich kam hierfür nicht jeder beliebige Standort in Frage, jedoch wären sicherlich auch etliche andere Gebiete in der Nähe von Universitätsstädten geeignet gewesen. Dies kann als weiteres Beispiel betrachtet werden, wie historische Zufälle gepaart mit positivem Feedback die ökonomische Welt, wie sie heute besteht, geformt haben (Arthur 1990: 8).

Mechanismen steigender Erlöse können jedoch auch dazu führen, dass eine Volkswirtschaft einen suboptimalen Pfad „verriegelt“ („lock in“). Technologien verbessern sich üblicherweise, wenn sie von einem größeren Personenkreis genutzt werden, was diese Technologie wiederum allgemein attraktiver macht. Auch hier findet sich also wieder ein Kreislauf positiven Feedbacks, der auch durch zufällige Gegebenheiten in eine bestimmte Richtung gelenkt werden kann. Eine Technologie, die mehr Anlaufzeit benötigt aber auf lange Sicht überlegen ist, kann dadurch ausgeschlossen werden. Ein Beispiel hierfür ist die Kühlung von Kernreaktoren in den USA. Hier hat sich die Industrie auf dem Pfad der Leichtwasserkühlung verriegelt, obwohl einschlägige Literatur zu dem Schluss kommt, dass eine Kühlung durch Gas besser wäre (Arthur 1990: 10). Ein weiterer Mechanismus positiven Feedbacks, der zu einer Verriegelung bestimmter Standards führen kann, ist die Kompatibilität mit bereits vorhandenen Produkten. Wird ein Standard also bereits von einer Mehrzahl der Nutzer verwendet, ist es für neue Nutzer von Vorteil, sich diesem Standard anzupassen. Beispiele hierfür sind u.a. die Spurweite von Eisenbahnschienen oder die Tastenanordnung der Schreibmaschinen. Auf diese Art können Standards, die sich bereits früh festsetzen nur schwer wieder von Alternativen verdrängt werden, auch wenn diese in ihrem Nutzen eigentlich überlegen sind. Solch verriegelte Technologien werden dann im Normalfall erst ersetzt, wenn eine völlig neue Generation des Fortschritts auf dem Markt erscheint. Wie auch hier wieder eindrucksvoll gezeigt werden kann, führt ein positives Feedback keineswegs immer zur Durchsetzung der unter gegebenen Umständen besten aller möglichen Alternativen (Arthur 1990: 11).

Zusammenfassend lässt sich über das Konzept der Pfadabhängig von David und Arthur sagen, dass sich die verwendeten Termini, konzeptionellen Darstellungen und Beispiele teilweise etwas unterscheiden. David konzentriert sich insgesamt nur auf ein konkretes Beispiel, die QWERTY-Tastatur, und benennt und beschreibt explizit die drei Merkmale für ihren Siegeszug: technical interrelatedness, economies of scale, und quasi-irreversibility of investment. Arthur hingegen hebt das Konzept der Pfadabhängigkeit auf eine allgemeinere Stufe, indem er es nicht nur anhand von Beispielen der Durchsetzung bestimmter Produkte oder Standards belegt, sondern es auch allgemein auf ganze Industriezweige oder Entwicklungen von Industriegebieten und Städten anwendet. Die Verwendung seiner Termini ist hingegen weniger differenziert. Was bei David noch in drei Merkmalen unterschieden wird, fast Arthur hier allgemein unter dem Begriff steigende Erlöse bzw. positives Feedback zusammen. Insgesamt beschreiben beide jedoch trotzdem denselben Sachverhalt. Es gibt wirtschaftliche Entwicklungen, die auf den ersten Blick irrational erscheinen und sich nicht mit der klassischen ökonomischen Theorie erklären lassen. Bestimmte Produkte oder Standards setzen sich durch und werden im weiteren Verlauf auch nicht mehr verdrängt, obwohl sie mitunter bereits zu Beginn suboptimal (bzw. zumindest austauschbar/ gleichwertig zu anderen Lösungen) erscheinen oder im Laufe der Zeit bessere Alternativen auf den Markt drängen. Als Ursache arbeiten die beiden Autoren Pfadabhängigkeiten heraus. Einmal eingeschlagene wirtschaftliche Pfade können häufig nicht mehr ohne weiteres verlassen werden. Ab einem gewissen Punkt setzt sich ein selbstverstärkender Prozess in Gang, der zu einer immer weiteren Verbreitung und Verfestigung bestimmter Produkte oder Standards führt. Dies wird in der Literatur allgemein als Momentum bezeichnet (Häußling 2010: 626).

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Details

Seiten
17
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668559776
ISBN (Buch)
9783668559783
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v379235
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg – Fakultät für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Pfadabhängigkeit Pfadkreation Pfadkonstitution Technik Gesellschaft Darstellung Vergleich Kritik Diskussion QWERTY

Autor

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