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Strategien zur nachhaltigen Entwicklung. Eine kurze Reflektion

Essay 2017 6 Seiten

Soziologie - Wirtschaft und Industrie

Leseprobe

Theorien der Nachhaltigkeit:

Das Konzept der nachhaltigen Entwicklung erfordert gegenüber dem Status quo in Industriegesellschaften teils gewaltige Veränderungen. Der Energie-, Ressourcen- und Flächenverbrauch sowie der Ausstoß an klimaverändernden Spurengasen, Abgasen, Abfällen und Abwässern müssen innerhalb einer kurzen Zeit deutlich reduziert werden. Mit welchen politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Strategien lassen sich anspruchsvolle Nachhaltigkeitsziele am besten realisieren?

Einleitung:

Zweifelsohne dürfte es eine allgemein gesicherte Erkenntnis sein das insbesondere der Klimawandel die Menschen vor eine potenziell existenzielle Bedrohung stellt. Es gilt als gesichert dass die durch das menschliche Wirtschaften produzierten Treibhausgase wie CO2 und Methan den sogenannten Treibhauseffekt verstärken. Wohingegen die Probleme der reinen Umweltverschmutzung und der Verbrauch von Rohstoffen sich zumindest teilweise technologisch lösen lassen, scheint der menschengemachte Klimawandel sich nicht technologisch beheben zu lassen. Der weitreichende Konsens der Klimawissenschaftler geht davon aus dass wir eine Fakor-5- bis Faktor-10-Reduzierung der Treibhausgase in den nächsten 50 Jahren müssen um die Klimakatastrophe abzuwenden. Falls dies nicht gelingen sollte hätte dies weitreichende Folgen für Mensch und Natur, von der Zerstörung ganzer Ökosysteme bis hin zu der Schmelze von Gletschern und Polarkappen und der folgerichtigen Überflutung ganzer Erdteile. D.h. von Peak-Oil, Peak-Gas und Peak-Coal kann keine Rede mehr sein – der zwingende Paradigmenwechsel muss darin bestehen langfristig wenig (idealerweise keine) fossilen Brennstoffe mehr zu verbrennen.

Strategien zur nachhaltigen Entwicklung:

Leider gibt es eine Reihe an wirtschaftspolitischen und strukturellen Problemen die die Lösung des Klimaproblems deutlich erschweren:

Der Klimawandel ist eine Externalität unserer auf Fossilerbrennstoffnutzung basierenden globalen Wirtschaftsordnung und folgt damit der Logik der Allmende wie sie Wirtschaftsnobelpreisträgerin Elinor Ostrom ihrer Zeit beschrieben hat. Eine globale Lösungsstrategie des Klimawandels würde aufgrund ineffizienter Kontroll- und Sanktionsmechanismen dazu führen das ein nationalstaatlicher Anreiz zum Freeriding gegeben wäre. D.h. die auf Utilitätsmaximierung ausgelegte Kalkulation des Einzelnen würde es attraktiv machen das Klimaschutzabkommen zu brechen und weiterhin fossile Brennstoffe ungehalten zu verbrauchen (Moral Hazard: Hidden Action) und gleichzeitig als positive Externalität von den klimaschutzerhaltenden Aktivitäten der anderen profitieren. Da aber in den kooperationstheoretischen Ansätzen der Spieltheoretiker und Institutionenökonomen wie Mancur Olsson dieser Anreiz für alle Teilnehmer konsistent ist, würde ergo jeder Teilnehmer das Abkommen brechen. Diese Logik wiederlegt u.A. die Idee einer „weichen“ Global Governance-Lösung. Des Weiteren leben wir in einer globalisierten Welt und die Wirtschaft hat sich über die Entstehung von transnationalen Unternehmen (TNCs) und global integrierter Wertschöpfungs- und Lieferketten von der nationalstaatlichen Logik emanzipiert. In der Realität hat dies zu Konsequenz das Unternehmen und Nationalstaaten über die Logik der globalen Wertschöpfungsketten Ihre CO2-Bilanzen schönigen können und somit die Realität ihres angeblichen Fortschrittes zu Ungunsten der Entwicklungsländer (in denen meist die ressourcenintensiven Produktionsschritte durchgeführt werden) verzerren.

Im Gegensatz zu weichen Global Governance Lösungen gibt es auch Idee einer Global Government-Lösung, also einer Weltregierung die mit den nötigen Kontroll- und Sanktionsmechanismen ausgestattet die Produktion von Treibhausgasen global verhindert. Dadurch würde sich Zwar das Problem des kollektiven Handelns gelöst werden jedoch wäre dies im hayekschen Sinne der Weg zur Knechtschaft, d.h. Freiheit und Demokratie würden von der Diktatur abgelöst werden. Ein unbehaglicher Gedanke, der zudem unrealistisch ist und auch in der seriösen Nachhaltigkeitsdebatte wenig Anhänger findet.

Eine ebenso unrealistische und wie ich finde unmenschliche Position sieht das größte Problem in der Nachhaltigkeitsdebatte in der wachsenden Zahl der Bevölkerung auf der Erde. Immer wieder wird in dem Zusammenhang von „Überbevölkerung“ gesprochen. Organisationen wie die Bill & Melinda Gates Foundation machen es sich zur Aufgabe das „Problem der Überbevölkerung“ zu bekämpfen. Konträr dazu lässt sich sagen dass der Wachstumstrend der Erdbevölkerung in dem letzten Jahrzehnt zurückgegangen ist, aber nach der IPAT-Formel der Aspekt der „Affluence“ also des pro Kopf-Konsums drastisch gestiegen ist. Um es mit den Worten des Degrowthers und Aktivisten Eric Pineault zu sagen: „Wir können uns keine 15 Milliarden Kanadier leisten, aber 15 Milliarden Äthiopier wären kein Problem“.

Eine weitere politische Lösung besteht in der Herausgabe von Emissionspapieren über welche Hochindustrienationen mit einem entsprechend hohen CO2-Bedarf diese Papiere von eher agrarbasierten Staaten, meist Niedriglohnstaaten, erwerben können. Über eine supranationale Organisation können diese Emissionspapiere herausgegeben werden, wobei sich die total Herausgabe mit den globalen Klimazielen decken sollte – ergo würde auf diese Weise mit fortschreitender Dauer pro Jahr immer weniger Emissionspapiere geprägt werden. Diese Option wird in der Nachhaltigkeitsdebatte häufig als nützliche und gerechte Methode bewertet. Allerdings sehe ich hierbei die Problematik, dass Niedriglohnländer über den Emissionshandel in zusätzliche Abhängigkeit von Industrienationen gedrängt werden könnten. Denn der Emissionshandel wäre für diese Staaten ein Desincentive eine eigene Industrie aufzubauen. Dies wäre zwar gut für das Klima, allerdings würde die globale Schere zwischen arm und reich noch stärker zementiert werden.

Auf nationalstaatlicher Ebene sind natürlich Steuern ein probates Mittel um die Nachfrage nach energieintensiven Produkten und Dienstleistungen zu schmälern. Energieintensive Produkte höher zu besteuern, sodass die Preise die ökologische Realität korrekt wiedergeben ist sicherlich ein effizientes Mittel. Idealerweise würde es Abkommen auf internationaler oder supranationaler Ebene geben, damit Staaten in dieser Hinsicht gleichziehen könnten. Falls dem nicht der Fall wäre, müsste darauf geachtet werden Arbitrage zu verhindern. D.h. ein Konsument in Deutschland sollte nicht die Möglichkeit haben ein energieintensives Produkt woanders zu erwerben – bzw. Zölle müssten die Preisdifferenz dann aufheben.

Allerdings ist auch bei hohen Besteuerungen darauf zu achten dass diskriminierende Preise nicht zu echten oder wahrgenommenen sozialen Ungerechtigkeiten führen. Leider ist es meist wenig effizient bzw. ökologisch sinnvoll Luxusgüter hoch zu besteuern, da 1.) der Konsum von Luxusgütern (z.B. Privatjets) sehr gering sind und 2.) die Nachfrage extrem inelastisch ist, bzw. im Falle von Giffengütern sogar durch Preiserhöhung steigt.

Benzin oder Diesel, die eher normale Güter darstellen bzw. Mangels an Alternativen in der Auto-Mobilität notwendige Güter darstellen, wirken sich deutlich auf das Klima aus. Eine sprunghafte der Erhöhung der Mineralölsteuer hätte wohl den Effekt da sich ein großer Teil der Gesellschaft keine Autos mehr leisten könnte, welches vor allem die breite Masse der Geringverdiener betreffen würde und auf die Wohlhabenden keinen Effekt hätte. Dies würde zu großen Protesten seitens der Zivilbevölkerung nach sich ziehen und die fragilen Gesellschaften Europas noch stärker spalten. Es ist sicherlich auch nicht sinnvoll die Debatte der sozialen Gerechtigkeit auf dem Altar der Nachhaltigkeit zu opfern.

Es gibt insbesondere auf der politischen Ebene einige Hebel die genutzt werden können und sollten – ein großes Problem stell natürlich des Lobbyismus auf nationaler wie internationaler Ebene dar. Die Akkumulation des Kapitals welche zu einem globalen Oligopol an Großunternehmen geführt hat, ermöglicht es wirtschaftliche Interessen einiger gegen die allgemeine Wohlfahrt durchzusetzen. Die Großkonzerne und Interessenverbände setzen Ihre Lobbyisten auf allen politischen Ebenen ein um Politiker und Bürokraten in Ihren Entscheidungen zu beeinflussen, die u.a. auch den Klimawandel betreffen. Ein Beispiel dafür ist die europäische Agarlobby die auf EU-Ebene Subventionen u.a. in der Form von Floor-Preisen über dem Weltmarktpreis für Produkte wie Milch fixiert haben und die EU sich verpflichtet unbegrenzte Menge zu diesem Preis zu kaufen - wodurch wenig überraschend zu einem Überangebot kommt (Resultat: Verschwendung, Dumping-Preise, höherer Mentan-Ausstoß durch immer mehr Kühe). Anreizstrukturen der Lobbyisten können durchaus attraktiv sein und so ist es nicht selten dass manch ein ehemaliger Politiker oder EU-Funktionär, unmittelbar nach seiner politischen Karriere einen hohen Posten bei einem Rüstungskonzern oder einem Energiekonzern antritt – ein Schelm der dabei etwas Böses denkt!

Es ist wichtig dass auf politischer Ebene, insbesondere wenn Lobbyisten mit im Spiel sind, größere Transparenz geschaffen wird. Außerdem sollten Berufspolitiker und EU-Minister für einen jahrelangen Zeitraum gesperrt werden bevor sie einen Job in der Privatwirtschaft annehmen dürfen.

Des Weiteren gibt es ein Problem mit unserem Finanzsystem. Der Zyklus zwischen der künstlichen Geldschöpfung durch Kredite von den Banken ausgehend, der Niedrigzinspolitik der Zentralbanken die Kreditvergaben und damit Investitionen befördern führen immer wieder zu Preisblasen auf verschiedenen Märkten und schlussendlich zu Finanzkrisen. Dieser von Wicksell, von Mises und von Hayek beschriebene Kredit-Boom-Bust-Zyklus dem unsere Finanzwirtschaft unterliegt, stellt auch immer höhere Anforderungen an die Realwirtschaft und führt somit zur Überproduktion und damit zur Verschwendung von Ressourcen, welches wiederum negative Auswirkungen auf das Klima hat. Das Prinzip der Schulkapitalgenerierung durch Kredite entspricht exponentiellen Erwartungen an die Wachstumsrate der Realwirtschaft – folglich lautet mein Plädoyer in dieser Hinsicht die Baseler Eigenkapitalsregelungen komplett abzuschaffen und zu einem Geldsystem zu wechseln welches Geld als Aktiva versteht. Es gibt hier interessanten Entwicklungen mit illustren Namen wie Islamic Banking, Ethical Banking, Green Banking usw. Auch Krytowährungen wie Bitcoin könnten mittel- bis langfristig eine nötige Revolution einleiten.

In der Privatwirtschaft gibt es natürlich auch Überlegungen wie der Klimawandel aufzuhalten sei – es haben sich mittlerweile zahlreiche Unternehmensberatungen und Zertifizierungs-Agenturen herausgebildet die das Thema Nachhaltigkeit als attraktives Geschäftsfeld verstanden haben. Der Management-Guru und Harvard-Professor Michael Porter ist der Meinung dass sich soziale und gesellschaftliche Probleme wie der Klimawandel über die Marktmechanismen lösen lassen – die Argumentation fußt darauf dass wenn man es schaffen würde diese Problemstellungen so darzustellen dass Unternehmen durch ihre Lösung Profite erwirtschaften könnten, dann würde dies Dank der menschlichen Innovationskraft auch funktionieren. Auch die erwähnten Beratungsunternehmen, z.B. South Pole Group oder Carbon Trust vertreten die These dass nur private Unternehmen die Ressourcen besitzen um den Klimawandel aufzuhalten. Es wird erwartet dass durch zielgerichtete privatwirtschaftliche Investitionen Technologien entwickelt werden die den Klimawandel direkt oder indirekt aufhalten werden.

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Details

Seiten
6
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668572898
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v379643
Institution / Hochschule
Universität Witten/Herdecke – Wirtschaftswissenschaften
Note
2,7
Schlagworte
Nachhaltigkeit Klimawandel Grüne Politik Wachstum Ressourcenknappheit

Autor

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