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Potenzial und Grenzen im Entwicklungsländertourismus. Entstehung und Entwicklung endogener Raumentwicklung

Seminararbeit 2017 17 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Wirtschaftsgeographie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

II Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Hauptteil
2.1 Zeitliche und inhaltliche Abgrenzung des endogenen Entwicklungskonzeptes
2.2 Prinzipien der endogenen Entwicklung
2.2.1 Identifikation und Aufwertung innerräumlicher Potentiale
2.2.2 Innovations- und Netzwerkkompetenz
2.2.3 Dezentralisierung und Partizipation
2.3 Endogene Raumentwicklung mit Tourismus

3 Fazit

III Literaturverzeichnis

II Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Die Phasen der deutschen Regionalpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg

Abbildung 2: Endogene versus exogene Entwicklungsstrategie

Abbildung 3 : Das Potentialgefüge der Regionen

1 Einleitung

Die Schaffung gleichwertiger Lebens- und Arbeitsverhältnisse in allen deutschen Landesteilen – egal ob Stadt oder Land, egal ob Ost oder West – ist das primäre Ziel der deutschen Bundesraumordnung und sogar in unserem Grundgesetz verankert (vgl. Bathelt u. Glückler 2012: 87).

Doch von diesem Ziel ist die Bundesrepublik noch weit entfernt. Ob ehemalige deutsche Industriegebiete, die dem internationalen Wettbewerbsdruck nicht mehr standhalten können, oder landwirtschaftlich geprägte Regionen mit ungünstigen Standortfaktoren – landesweit existieren sog. periphere Räume. Diese meist ländlich geprägten Regionen[1] haben verschiedene Entstehungshintergründe und sind in den meisten Fällen von Abwanderung geprägt (vgl. Streiffeler 1997: 304). Primär sind es die jungen Leute, die die peripheren Räume wegen fehlender zukünftiger Perspektiven und Anreize verlassen. Ihr Wegzug ist in mehrfacher Hinsicht problematisch. Zum Einen bewirkt eine fortschreitende Entleerung den Abbau von Versorgungs- und Infrastruktureinrichtungen, was auch die Lebensbedingungen der ansässigen Bevölkerung verschlechtert (vgl. Mayer et al. 2008: 143). Auf der anderen Seite konzentriert sich die Bevölkerung in den verhältnismäßig wenigen deutschen Kernzentren, was sich dort in einer verstärkten Verkehrsproblematik und fehlendem bezahlbaren Wohnraum niederschlägt. Auch der demographische Wandel sowie die ausdifferenzierte wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland beeinflussen diese Zentrum-Peripherie Gegensätze (vgl. BMVI 2006: 3).

Ob lokal, regional, national oder global – räumliche Disparitäten gibt es auf allen Maßstabsebenen. Sie sind das Ergebnis sozialer Disparitäten und äußern sich in ungleichen Lebensbedingungen bzw. Standortvoraussetzungen der verschiedenen Regionen unserer Erde (vgl. Neumair u. Haas 2015: 61). Da sie sich auf die Lebensqualität und Lebenschancen der Bevölkerung auswirken, haben sie auch eine gesellschaftliche Relevanz (vgl. Bathelt u. Glückler 2012: 84).

Wie bereits zu Beginn erwähnt ist es das vorrangige Ziel der deutschen Raumordnung diese gegenläufigen Entwicklungen zu begrenzen. Da der Entwicklungsbegriff lange Zeit mit wirtschaftlichem Wachstum gleichgesetzt wurde, versuchte die deutsche Raumpolitik noch bis in die 1980er Jahre durch Kapitalverschiebungen, z.B. in Form von Unternehmensansiedlungen, periphere Räume zu entwickeln. Erst mit der voranschreitenden Nachhaltigkeitsdebatte wurde die kapitalistische Wachstumstheorie mit einem Gegenmodell konfrontiert. Denn abgesehen vom bloßen quantitativen Wachstum muss eine nachhaltige Regionalentwicklung auch soziale, ökologische und politische Dimensionen beinhalten (vgl. Vorlaufer 1996: 2). Diese neue Orientierung fand insbesondere in der Entwicklungsländerforschung und den dort untersuchten Auswirkungen des Tourismus Anklang. Doch auch in der deutschen Raumpolitik setzt man seitdem verstärkt auf regional orientierte Entwicklungskonzepte, die sich auf die vorhandenen eigenen Potentiale konzentrieren und dabei alle gesellschaftlichen Ebenen miteinschließen. So entstand die Idee der endogenen Raumentwicklung, die anders als die top-down-Variante nicht auf exogene Entwicklungsimpulse sondern im Sinne einer bottom-up-Planung auf die in der Region vorhandenen Produktionsfaktoren setzt.

Nach einem kurzen Überblick zu der Entstehung des endogenen Entwicklungskonzeptes in Deutschland, wird sich diese Arbeit mit den verschiedenen Merkmalen der endogenen Raumentwicklung beschäftigen. Anschließend wird zur Veranschaulichung dargestellt, welches Potential sie im Entwicklungsländertourismus hat und wie sie dort umgesetzt werden kann. Dabei werden auch Grenzen des Konzeptes deutlich, zu denen im Fazit der Arbeit abschließend kritisch Stellung genommen wird.

2 Hauptteil

„Im Gesamtraum der Bundesrepublik Deutschland und in seinen Teilräumen sind ausgeglichene soziale, infrastrukturelle, wirtschaftliche, ökologische und kulturelle Verhältnisse anzustreben. Dabei ist die nachhaltige Daseinsvorsorge zu sichern, nachhaltiges Wirtschaftswachstum und Innovation sind zu unterstützen, Entwicklungspotenziale sind zu sichern und Ressourcen nachhaltig zu schützen. Diese Aufgaben sind gleichermaßen in Ballungsräumen wie in ländlichen Räumen, in strukturschwachen wie in strukturstarken Regionen zu erfüllen. “ (BRD 2008)

Paragraph 2 Absatz 2 der Grundsätze der deutschen Raumordnung beinhaltet bereits wichtige Prinzipien und Ziele einer endogenen Raumentwicklung. Neben der Formulierung von landesweit gleichwertigen Lebensverhältnissen, sollen ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum und Innovationen gefördert, sowie die regionalen Entwicklungspotentiale gesichert werden.

Nach einem kurzen geschichtlichen Abriss der vergangenen Jahrzehnte der deutschen Regionalpolitik, wird genauer auf die Idee der endogenen Raumentwicklung und den wichtigsten Prinzipien Ihrer Ausgestaltung eingegangen. Im Mittelpunkt steht dabei stets die Erhöhung der regionalen Eigenständigkeit auf politischer, sozialer und wirtschaftlicher Ebene.

2.1 Zeitliche und inhaltliche Abgrenzung des endogenen Entwicklungskonzeptes

Die Schaffung eines regionalen Ausgleichs war nicht immer das Ziel der deutschen Raumpolitik. Nach dem Zweiten Weltkrieg war sie zunächst wachstumsorientiert, denn es stand der infrastrukturelle Wiederaufbau des Landes im Vordergrund. Primäre Ziele waren der Ausbau des Verkehrswesens sowie die Abdeckung des Energiebedarfs der wachsenden Bevölkerung (siehe Abb.1: 1. Phase). Darauf aufbauend wurde ab Mitte der 1960er Jahre aktiv Industrieförderung (2. Phase) betrieben (vgl. Heintel 1994: 9), um sich nach dem Krieg erneut auf dem Weltmarkt positionieren und etablieren zu können.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In den späten 1970er Jahren sah man die Lösung des Disparitätenausgleichs in der Verschiebung der Produktionsfaktoren von den hochentwickelten zu den strukturschwachen Räumen des Landes (vgl. Abb.1: 3. Phase). Aufgrund der Immobilität der Faktoren Arbeit und Boden ging es in der deutschen Ausgleichspolitik primär um die Umverteilung von Kapital (vgl. Towara 1986: 50ff). Dieses exogene Modell erhoffte sich durch den Einsatz von monetären Mitteln sowie der entsprechenden Infrastrukturerschließung sogenannte „spill-over“ Effekte, die von den Zentren auf die peripheren und schwachen Regionen herunter sickern sollten (vgl. Heintel 1994: 18). Diese „mobilitätsorientierte“ Strategie fand unter anderem im neoklassischen Ansatz, dem keynesianischen Ansatz und dem Wachstumspol-Ansatz Anklang. Während in der neoklassischen Theorie die Regionalpolitik keine bedeutende Rolle einnimmt sondern der Marktmechanismus die regionale Entwicklung bestimmt, misst die keynesianische Theorie sowie später die Polarisationstheorie dem Staat eine wichtigere Rolle bei. Durch sein Eingreifen sollen periphere Räume durch Infrastrukturausbau, Technologietransfer und Unternehmensansiedelungen entwickelt werden. Insbesondere der Polarisationsansatz setzte sich in der Regionalpolitik vieler europäischer Länder ab den 1960er und 70er Jahren durch. Auch in Deutschland sah man aufgrund der dichten Besiedelung die Lösung für schwach entwickelte Gebiete oft in einer guten Anbindung an die Agglomerationszentren mit dem Ziel, den städtischen Arbeitsmarkt möglichst weit auszudehnen (vgl. Maier u. Tödtling 1996: 179ff).

Zahlreiche Entwicklungen ließen jedoch schon bald an dem „Gießkannenprinzip“ der Fördermittelverteilung zweifeln. Denn vor dem Hintergrund des Wandels der internationalen Arbeitsteilung bekamen auch die wirtschaftlichen Zentren des Landes den zunehmenden Wettbewerbsdruck zu spüren und hatten plötzlich selbst mit hohen Arbeitslosenquoten und einem sinkenden Bruttoinlandsprodukt zu kämpfen. Aufgrund dieser neuen Entwicklungen blieb weniger Spielraum für die Diffusion exogener Impulse und das bisherige Entwicklungskonzept geriet verstärkt in die Kritik (vgl. Hahne 1985: 29ff).

Insbesondere bei der Ansiedelungsstrategie wurden Schwachstellen deutlich, da man feststellen musste, dass die neuangesiedelten Firmen oft nur geringe Verflechtungen und Multiplikatoreffekte in den peripheren Räumen bewirkten. Zudem hatten diese Betriebe in der Regel eine geringe Persistenz und die Arbeitsplätze, die sich meist durch niedrige Qualifikationsanforderungen auszeichneten, eine hohe Konjunkturanfälligkeit (vgl. Maier u. Tödtling 1996: 184).

Dezentrale Teilstrategien für die einzelnen Regionen rückten in den Fokus der regionalen Entwicklungsdiskussionen (vgl. Hahne 1985: 29ff), was Anfang der 1980er Jahre zu einem Paradigmenwechsel in der deutschen Raumordnung führte. Insbesondere durch die Beiträge von Paul Romer entstand eine neue Entwicklungstheorie des endogenen Wachstums (vgl. Abb.1: 4. Phase). Bei dieser Strategie standen nun nicht mehr monetäre Kapitalgüter im Fokus des Entwicklungsprozesses, sondern man setzte auf die Bedeutung von Forschung und Entwicklung, da die Investition in Wissen nachhaltigere und langfristigere Wirkungen hat als die in Realkapital (vgl. Bröcker 2012: 174f). Parallel dazu gewannen Aspekte wie Lebensqualität und ökologische Nachhaltigkeit stärker an Bedeutung. Bestärkt und unterstützt wurde das neue Paradigma auch durch die 1992 auf der UNCED-Konferenz in Rio de Janeiro verabschiedete Agenda 21. Dort wurden wichtige Handlungsempfehlungen und Strategien für alle Staaten festgelegt, um eine nachhaltige Entwicklung zu erreichen. Seitdem ist das Prinzip der Nachhaltigkeit auch in der deutschen Regionalpolitik verankert (vgl. Niehoff 2008: 51ff).

Mit dem Einzug der endogenen Entwicklung in die deutsche Raumpolitik wird seither versucht entwicklungsschwache Gebiete aufzuwerten, in dem man auf bisher noch nicht genutzte aber in der Region vorhandene Potentiale und Ressourcen zurückgreift (vgl. Heintel 1994: 9). Die Nutzung und Weiterentwicklung dieser Potentiale soll dabei sektorenübergreifend erfolgen, was bedeutet dass vor allem die in der Region ansässigen und oft vernachlässigten Wirtschaftszweige wie die Landwirtschaft oder das Kleingewerbe in das neue Entwicklungskonzept mit eingebunden werden. Von den dadurch entstehenden Synergie-Effekten kann die Region profitieren (vgl. Maier u. Tödtling 1996: 186f).

Die folgende Gegenüberstellung (siehe Abb. 2) soll zusammenfassend den Unterschied zwischen exogenen (mobilitätsorientierten) und endogenen (eigenständigen) Strategien der Raumentwicklung verdeutlichen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Endogene versus Exogene Entwicklungsstrategie (Maier u. Tödtling 1996: 186)

2.2 Prinzipien der endogenen Entwicklung

“And here we are at the heart of Local Economic Development: It starts when people realize that neither the state nor the market economy serve their needs or solve their problems, and if they are unwilling or unable to leave their homes. ” (Birkhölzer 2009)

Anders als bei der externen Raumentwicklung, wo die Entwicklung von Märkten oder staatlichen Eingriffen dominiert wird, setzt die endogene Raumentwicklung auf das regional vorhandene Potential der eigenen Bevölkerung. Ulf Hahne, der das Entwicklungskonzept in Deutschland verstärkt bekannt gemacht hat, bezeichnet das endogene Potential als die Gesamtheit aller Entwicklungsmöglichkeiten die räumlich und zeitlich eingegrenzt werden. Es beschreibt somit die Obergrenze der möglichen wirtschaftlichen oder sozialen Aktivitäten einer Region ohne den Einfluss von exogenen Impulsen (vgl. Hahne 1985: 52)

Verschiedene Begriffe können weitestgehend synonym zum Begriff der endogenen Entwicklung gesetzt werden: autozentrierte Entwicklung, Entwicklung von unten, Entwicklung von innen, ökologische Regionalentwicklung, sowie Regionalisierung der Regionalpolitik (vgl. Hahne 1985: 35). Bei dieser Art der Entwicklung geht es um die Forderung nach einem politischen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungsweg, der eine starke Selbststeuerungsfähigkeit und eine möglichst geringe Außenabhängigkeit aufweist (vgl. Heintel 1998: 51). Wie bereits erwähnt geht es bei Entwicklung nicht nur Wirtschaftswachstum, sondern sie ist „primär als Beschreibung von Veränderungen jeglicher Art zu verstehen.“ (Niedermeyer 2000) Also sowohl in ökonomischer als auch in ökologischer und sozialer Hinsicht. Da die verschiedenen peripheren Räume auch unterschiedliche Charakteristika aufweisen, gibt es kein universell anwendbares Entwicklungskonzept. Allerdings werden bei der endogenen Entwicklungsstrategie immer wieder bestimmte Merkmale und Prinzipien sichtbar, auf die im Folgenden eingegangen wird.

2.2.1 Identifikation und Aufwertung innerräumlicher Potentiale

Zunächst steht die räumliche Perspektive im Vordergrund der Betrachtung. Denn endogene Raumentwicklungsstrategien zielen auf die Eigenheiten des Raumes ab und suchen nach dem Entwicklungspotential seiner innerräumlichen Faktoren. Das bedeutet dass davon ausgegangen wird, dass nichtausgelastete oder brachliegende regionale Potentiale in der Region vorhanden sind. Entscheidend für die Aktivierung dieser Potentiale sind die aktive Beteiligung der ansässigen Bevölkerung sowie die Einbeziehung regionaler Besonderheiten (vgl. Hahne 1985: 35). Niedermeyer bezeichnet Potential als „die Möglichkeit, vorhandene Faktoren nach bestimmten Zielvorstellungen in wertzusetzen.“ (Niedermeyer 2000: 54)

Um das vorhandene Potential einer Region besser zu identifizieren und katalogisieren wird es in verschiedene Teilpotentiale zerlegt. Niedermeyer bietet eine weitreichende Übersicht, indem er die verschiedenen Teilpotentiale zu Kategorien zusammenfügt, wie die nachfolgende Darstellung deutlich macht (siehe Abb. 3):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Das Potentialgefüge der Regionen (Niedermeyer 2000: 57)

[...]


[1] Die Begriffe Raum und Region werden in der vorliegenden Arbeit gleichwertig verwendet.

Details

Seiten
17
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668582965
ISBN (Buch)
9783668582972
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v379648
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
2,3
Schlagworte
potenzial grenzen entwicklungsländertourismus entstehung entwicklung raumentwicklung

Autor

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