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Wie lässt sich der Jugendgottesdienst musikalisch gestalten? Musikanthropologie und die Rolle der Musik im Gottestdienst

Seminararbeit 2017 28 Seiten

Theologie - Praktische Theologie

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 EINLEITUNG: BIDIREKTIONALER ZUGANG MUSIK

2 MENSCH UND MUSIK
2.1 Musik als Bestandteil menschlicher Kultur
2.2 Bedeutung der Musik in der Jugend

3 MUSIK IM CHRISTLICHEN GOTTESDIENST
3.1 Definitorische Grundlegungen
3.2 Musik und Gottesdienst

4 ZUSAMMENFÜHRUNG

5 SCHLUSS
5.1 Zusammenfassung
5.2 Persönliches Schlusswort

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

LITERATURVERZEICHNIS

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

1 EINLEITUNG: BIDIREKTIONALER ZUGANG MUSIK

Es gibt verschiedene Möglichkeiten und Orte, viele schöne Augenblicke, die in Gottes Nähe führen und ihn erfahrbar machen. Aber das gemeinsame Singen und Beten als Solidargemeinschaft, als Lebens-, Leidens- und Freudengemeinschaft der Christen, der Gedanke des gemeinschaftlichen Tuns und das Stehen vor Gott als ganze Kirche, sicher in einer strukturierten liturgischen Form1, sind es, die den Gottesdienst herausheben. Daran die Jugend teilhaben lassen zu wollen und dies in einer Weise zu tun, die ihrer Lebenswirklichkeit entspricht, ist der Grund und die Grundlage für jeden Jugendgottesdienst. Ein wesentliches Element dabei ist die Musik, denn in ihr eröffnet sich ein allgemeiner Zugang zum und für den jungen Menschen.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, wie die musikalische Gestaltung eines Jugendgottesdienstes anzulegen ist, damit sie zugleich jugend- aber auch gottesdienstgemäß ist. Dies erfolgt in drei Schritten. Im ersten Teil, in Form einer kleinen Musikanthropologie, soll zunächst das Verhältnis von Mensch bzw. Jugend und Musik eruiert werden. In ähnlicher Weise folgt im zweiten Abschnitt eine Deutung der Rolle der Musik im Gottesdienst. Schließlich versucht der dritte Schritt aus den bisherigen Ergebnissen mögliche Orientierungslinien zur Jugendgottesdienstgestaltung mit Musik zu entwickeln, die am Ende noch einmal zusammengefasst dargestellt werden.

2 MENSCH UND MUSIK

Im Letzten ist nicht klar, was das eine Etwas ist, das Musik und Mensch miteinander verbindet. Aber es ist hinlänglich bekannt und erfahrbar, dass Musik einen Einfluss auf den Menschen ausübt. So wird sie schon immer als Zugang zu ihm und als Medium in bestimmten Anliegen genutzt. Das Anliegen des Gottesdienstes ist es, dass die ganze Kirche mit allen Mitgliedern Anteil am Gotteslob nimmt. ÄDie ganze Gemeinde, der mit Christus, dem Haupt, vereinte Leib, feiert [die Liturgie].“2 ÄDie liturgischen Handlungen sind nicht privater Natur, sondern Feiern der Kirche, die das ‚Sakrament der Einheit‘ ist (…). Daher gehen diese Feiern den ganzen mystischen Leib der Kirche an (…).“3 Soll nun dieses Betroffensein im Hinblick auf eine bestimmte Zielgruppe, wie in diesem Falle der Jugend, deutlich und geltend gemacht werden, so müssen sowohl diese Gruppe als auch das Element, durch welches das geschehen soll, sowie deren Verhältnis zueinander gekannt werden. In diesem Sinne versucht der erste Abschnitt Musikanthropologie zu betreiben. Zunächst Mensch und Musik allgemein betrachtend, dann indem der Fokus auf die Jugend gerichtet wird.

2.1 Musik als Bestandteil menschlicher Kultur

Wo immer und wann immer es menschliches Zusammenleben gibt, da findet sich seit seinen Anfängen auch Musik. In allen bekannten Kulturen gehört sie, in gesungener wie instrumentaler Gestalt, als Grundform zur menschlichen Kommunikation4 und ist bereits für die Ur- und Frühgeschichte nachweisbar. Die Knochenflötenfunde aus dem Achtal beispielsweise sind mit einem Alter von etwa 40 000 Jahren die ältesten belegten Musikinstrumente.5 Seither gibt es keine Epoche oder menschliche Lebensgemeinschaft ohne Musik. Diese Tatsache allein gibt bereits Anlass zur Vermutung, dass Musik etwas dem Menschen wesenhaft und genuin zugehöriges ist. Wolfgang SUPPAN geht sogar so weit zu sagen, eine menschliche Kultur sei ohne Musik mit hoher Wahrscheinlichkeit humanbiologisch nicht möglich.6 Mit anderen Worten, der Mensch ist ein homo musicus.7 Vor allem in Situationen, in denen der Mensch mit den von ihm angenommenen natürlichen oder übernatürlichen Kräften nicht zurechtkommt, aber auch in solchen, in denen er diese zu loben sucht, verwendet er Musik als die Sprache der Götter. Er versucht, mit der jeweiligen Kraft oder Macht in Kontakt zu treten und auf sie einen in seinem Sinne positiven Einfluss auszuüben, sie zu beruhigen und zu bändigen.8 Dies scheint gleichsam Leitmotiv wie Herkunft menschlicher Musikverwendung zu sein.

Die akustischen Anfänge musikalischen Verhaltens sind an viel unscheinbarerer Stelle zu suchen. Gemeinsam mit einem Teil der Fauna kann der Mensch Laute wahrnehmen und produzieren. Was ihn allerdings schon früh von der Tierwelt abhebt, ist die mehr oder minder sprachmäßige Verwendung von Lauten, die zunächst instinktgesteuert stattfindet.9 ÄVon Musik sollte [allerdings] erst gesprochen werden, wenn hörbare Äußerungen bzw. Klangereignisse bewußt und willkürlich produziert und wenn dabei als Material Töne und Klänge, nicht nur amorphe Geräusche verwendet werden“10 Musik in diesem Sinne ist nur beim Menschen zu finden, was wiederum dafür spricht, dass nicht nur er von der Musik mitkonstituiert wird (homo musicus), sondern dieselbe auch als musica humana an den Menschen gebunden ist.

Trotz der oben beschriebenen Grundordnung als Voraussetzung für Musik, geschieht ihre Erfassung nach HARNONCOURT primär nicht auf einer verstandesmäßigen, sondern auf einer emotionalen Ebene. Es gibt existenzielle Erfahrungen, zu deren Beschreibung Worte im geläufigen Sinne nicht hinreichend Begleitband zur Großen Landesausstellung Eiszeit - Kunst und Kultur im Kunstgebäude Stuttgart. Ostfildern: Thorbecke 2009, S. 362. sind. Musik aber verfügt über die Fähigkeit, diese Erfahrungen als einen inneren Zustand oder Vorgang im Hörer zu erzeugen.11 Man denke dabei nur einmal an Bestattungen, wie dort der Zustand der Traurigkeit musikalisiert wird und wie man an sich selbst oder anderen eine innere Bewegtheit beobachten kann. Auch beim Ansehen von beispielsweise Spielfilmen ist dieses Phänomen festzustellen. Auf diese Weise ist Musik sprachhaft mitteilend, gleichzeitig aber unverfügbar für jede Art rationaler Steuerung.12

Auch für Wolfgang SUPPAN ist die primäre Mensch-Musik-Beziehung nicht von reflektierter Art. Aber SUPPAN sieht die Anfänge musikalischer Tätigkeit eher von Nützlichkeitsvorstellungen begleitet und betrachtet sie aus einer rein utilitaristischen Position. Zwar bereichert und gestaltet magisch-künstlerische Tätigkeit die menschliche Gefühls- und Gedankenwelt, allerdings besteht ihre Brauchbarkeit erst darin, dass sie die Produktivität, die Entwicklung und die Stärkung des menschlichen Wesens fördern. Die Verwendung von Musik bei lebenswichtigen Vollzügen dient nicht deren attraktiver Ausgestaltung oder der emotionalen Mithineinnahme. Ihr kommt in erster Linie die Funktion der Organisierung, Harmonisierung und Steigerung menschlicher Kräfte zur Befriedigung lebenswichtiger Bedürfnisse zu. Ein ästhetischer Wert fließt erst später ein.13

In der Frage, ob die Mensch-Musik-Beziehung primär emotional oder funktional eingerichtet ist, muss vermutlich eher HARNONCOURT gefolgt werden. Die Erfahrung lehrt, dass gerade bei grundlegenden Lebensvollzügen und Lebenswendepunkten Musik zur Anwendung kommt, weil sie an diesen Stellen als zutiefst passend empfunden wird und sich bereits vor Ausführung oder Vernehmbarkeit instinktiv geradezu aufdrängt. Deshalb ist davon auszugehen, dass Musik von ihrem Ursprung an zumindest von Emotionalität durchdrungen ist. Auf einem Streifzug durch die verschiedenen Regionen und Kulturen der Welt findet sich, als Exempel, nirgends eine Hochzeit ohne musikalische Ausgestaltung.

2.2 Bedeutung der Musik in der Jugend

Bei KANT findet sich die Unterscheidung zwischen Naturmensch, der aus eigener Kraft seine Art erzeugen kann, und bürgerlichem Mensch, welcher dazu erst in eine Kultur hineinwachsen muss.14 Die entscheidende Erkenntnis aus dieser anthropologischen Konstitution ist die, dass der Mensch an sich weltoffen geboren wird.15 Er ist hineingeworfen in das Weltgefüge und muss sich in seiner eigenen Frühzeit zur Bewältigung des Lebens eine Kultur zu eigen machen. Entweder eine selbst entwickelte oder eine bereits etablierte. Im Falle der Entwicklungslinie zum bürgerlichen Menschen ist jene Kultur im Regelfalle die ihn umgebende.

Für die Jugend dieser Zeit, so KABUS, liegt eine Kulturübernahme aber vollkommen außerhalb ihres Interesses, steht ihrem eigenen Paradigma sogar konträr entgegen.16 ÄAus dem normalen Generationskonflikt ist die Trennung geworden. (…) [Die Jugend will] Distanz signalisieren und Eigenes schaffen.“17 Gemäß einer eigenen Theorie ist das nicht verwunderlich. Als heranwachsende junge Menschen wollen Jugendliche, bewusst oder unterbewusst, irgendwann wissen, wer sie sind und wie es um ihre Position in Welt und Leben bestellt ist. Um das zu ergründen legen sie das immer schon vorkommende ab (Distanz zum Etablierten) und begegnen in dem, was sie selbst hervorbringen (eigenes Schaffen), dem Spiegelbild ihrer selbst und beginnen, sich bewusst zu erkennen. Aus der Außenperspektive grenzt sich die Jugend wesentlich mittels Musik ab und legt sich mit ihr, neben Sprache, Gestik und Kleidung, eine eigene Kodifizierung an, in die ein nicht Initiierter keine verstehende Einsicht hat. Aus der Insider-Sicht definiert und positioniert sich Jugend über Musik.18 Das passt eher zum oben erwähnten kantschen Naturmenschen, der, statt sich einem bestehenden System anzugleichen, seine eigene Art schafft. Jugendkultur heute ist eine nicht etablierte Kultur.

Wenn diese Beobachtung korrekt ist, dann muss das auch für deren Musik gelten. Und tatsächlich lässt sich anhand des folgenden Diagramms erkennen, dass die Musikrichtungen, für die sich die jungen Menschen besonders begeistern, zum Beispiel Hip Hop oder Techno, seitens der Erwachsenen nur einer Generation zuvor lediglich geringes Interesse erfahren. Selbe Situation herrscht auch umgekehrt vor. Besonders exemplarisch sind hier Oldies und der deutsche Schlager. Man kann also durchaus von einer Trennung sprechen. Die offensichtliche Ausnahme bilden dabei Rock und Popp, die in beiden Generationen gern gehört werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. Nr. 1: Bevorzugte Musikrichtungen 201519

Hinzu kommt die Schnelllebigkeit der heutigen Tage. Steigende Mobilität und Konnektivität, sowie immer größer werdender Einfluss vielfältigster Medien zwingen in enorme Flexibilität und deren immer schnellere Abrufbarkeit. Das betrifft die Jugendkultur insbesondere, denn bei aller Unetabliertheit ist sie dennoch Kind ihrer Zeit. Anders ausgedrückt, Jugendkultur ist geprägt von großer Vitalität, von Pluralität und Uneindeutigkeiten. Andererseits aber haben deshalb Kreativität und Innovativität in ihr Hochkonjunktur.20 Zur Beantwortung der Frage nach einer jugendgemäßen musikalischen Gottesdienstgestaltung scheint das sehr nützlich, was noch zu beweisen sein wird.

Wenn im allgemeinen musikanthropologischen Teil gesagt wurde, dass das Erfassen von Musik primär nicht auf rationalem Wege geschieht, so gilt das gerade auch für Jugend. Jugendkultur ist Erlebniskultur und was für sie zählt ist das Feeling, nicht das Denken oder der Inhalt. Für die Musik heißt das, der Klang wird absolut gesetzt, bis dahin, dass aus dem passiven Hören aktivistische Wahrnehmung wird.21 Darin besteht das musikalische Potential einer Art Integration ins jeweilige Geschehen auf emotionaler Ebene. Das wird noch bedeutsamer, bedenkt man, dass Musik immer noch das bevorzugte Mittel in der Erlebniskultur Jugend ist.22

3 MUSIK IM CHRISTLICHEN GOTTESDIENST

3.1 Definitorische Grundlegungen

Bevor die Bedeutung der Musik im und für den Gottesdienst ventiliert werden kann, muss zuerst einmal geklärt werden, was unter der Bezeichnung Gottesdienst zu verstehen ist und von welcher Art Musik eigentlich gesprochen wird.

Gottesdienst allein als Synonym für die Eucharistiefeier zu verstehen wäre unvollständig. Nicht nur vom Begriff ausgegangen meint Gottesdienst sowohl den Dienst des Menschen für Gott, wenn er ihn zum Beispiel in der Tagzeitenliturgie hymnisch lobpreist, als auch den Dienst Gottes an den Menschen, wenn Gott ihm beispielsweise in den Sakramenten sein Heil zukommen lässt. So verstanden fallen unter die Rubrik Gottesdienst neben den Sakramenten und der Tagzeitenliturgie auch etwa das Tischgebet, die Anbetung, Andachten usw.

Bei Winfried Kurzschenkel findet sich die Unterscheidung von Profan- und Sakralmusik, wobei sakrale Musik nur als Überbegriff für jene verstanden werden kann, die mit der christlichen Botschaft bzw.

[...]


1 Vgl. Kirche in Not: Wochenende oder Tag des Herrn? - Über die Kunst der Sonntagsheiligung, 2016, http://www.kirche-in-not.de/app/mediathek/play/sItem/0010002347 (07.07.2017, 22.38 Uhr).

2 KKK, München 1993, Nr. 1140.

3 SC 26. Zit. nach: Konstitution über die heilige Liturgie. In: Kleines Konzilskompendium. Sämtliche Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils. Hg. von Karl Rahner u. a.. Freiburg i. Br. 2008, S. 61.

4 Vgl. Philipp Harnoncourt u. a.: 24 Singen und Musizieren im Gottesdienst. In: Gottesdienst der Kirche. Handbuch der Liturgiewissenschaft, Bd. 3: Gestalt des Gottesdienstes. Sprachliche und nichtsprachliche Ausdrucksformen. Hg. von Hans Bernhard Meyer. Regensburg 1987, S. 134.

5 Vgl. Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg und Abteilung Ältere Urgeschichte und Quartärökologie der Eberhard Karls Universität Tübingen (Hg.): Eiszeit. Kunst und Kultur.

6 Vgl. Wolfgang Suppan: Art. Musikanthropologie. In: MGG, Bd. 6. 2. Aufl. Kassel u. a.: Bärenreiter 1997, Sp. 927.

7 Vgl. ebd.

8 Vgl. Wolfgang Suppan: Der musizierende Mensch. Eine Anthropologie der Musik. (Musikpädagogik. Forschung und Lehre, Bd. 10). Mainz u. a.: Schott 1984, S. 32f.

9 Vgl. Harnoncourt, Singen und Musizieren im Gottesdienst, 1987, S. 134f.

10 Ebd.

11 Vgl. ebd., S. 135f.

12 Vgl. ebd., S. 136.

13 Vgl. Suppan, Der musizierende Mensch, 1984, S. 29f.

14 Vgl. Immanuel Kant: Mutmaßlicher Anfang der Menschheitsgeschichte (Werke in zehn Bänden, Bd. 9). 4. Aufl. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1975, S. 94.

15 Vgl. Wolfgang Kabus: Wer zu spät kommt … . 9 Thesen zum Thema Jugendkultur(en) und Kirche (Friedensauer Schriftenreihe, R. C. Bd. 2), Frankfurt a. M. u. a.: Europäischer Verlag der Wissenschaften 2000, S. 121.

16 Vgl. ebd., S. 122.

17 Ebd.

18 Vgl. Kabus: Wer zu spät kommt …, 2000, S. 127.

19 Das Diagramm wurde selbstständig erstellt. Die dazu verwendeten Daten entstammen folgender Quelle: Deutsches Musikinformationszentrum: Bevorzugte Musikrichtungen nach Altersgruppen, 11.2015, http://www.miz.org/downloads/statistik/31/statistik31.pdf (25.02.2017, 17.45 Uhr).

20 Vgl. Kabus: Wer zu spät kommt …, 2000, S. 127.

21 Vgl. ebd., S. 128f.

22 Vgl. ebd., S. 128.

Details

Seiten
28
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668582903
ISBN (Buch)
9783668582910
Dateigröße
871 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v379778
Institution / Hochschule
Universität Augsburg – Katholisch-Theologische Fakultät
Note
1,3
Schlagworte
Jugendgottesdienst Kirchenmusik Liturgie

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