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Ein Blick genügt. Zur Veränderung der Wahrnehmung am Beispiel der Eisenbahn

Hausarbeit 2015 20 Seiten

Medien / Kommunikation - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Die Eisenbahn als neues Transportmittel
2.1 Dampfkraft wird mobil
2.2 Geschwindigkeitsrevolution der Gesellschaft
2.3 Veränderung von Raum und Zeit

3 Reisen mit der Eisenbahn

4 Der panoramatische Blick
4.1 Das Panorama als Massenmedium des 19. Jahrhunderts
4.2 Ausbildung des panoramatischen Blicks
4.3 Folgen einer neuen Reiseerfahrung

5 Zusammenfassung

6 Literatur- und Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Die Eisenbahn hat die Zeit des 19. Jahrhunderts wie kaum eine technische Errungenschaft vor ihr geprägt. Wie der Buchdruck die massenhafte Verbreitung von Büchern ermöglichte, förderte das neue Transportmittel die Mobilität der Massen. Angetrieben von der Erfindung der Dampfmaschine im späten 18. Jahrhundert, beförderte sie schon bald die Menschen aller Schichten schneller, bequemer und über weitere Strecken als je zuvor. Die Eisenbahn steht damit im Kontext einer zunehmend beschleunigten Entwicklung der modernen Gesellschaft und veränderte das Leben und Arbeiten der Menschen nachhaltig.

„So muß unsern Vätern zumut gewesen sein, als Amerika entdeckt wurde, als die Erfindung des Pulvers sich durch ihre ersten Schüsse ankündigte, als die Buchdruckerei die ersten Aushängebogen des göttlichen Wortes in die Welt schickte“, schreibt Heinrich Heine (1963: 308), der die Industrielle Revolution als Zeitgenosse dokumentierte, über das neue Transportmittel. Und weiter:

„Die Eisenbahnen sind wieder ein solches providentielles Ereignis, das der Menschheit einen neuen Umschwung gibt, das die Farbe und Gestalt des Lebens verändert; es beginnt ein neuer Abschnitt in der Weltgeschichte, und unsre Generation darf sich rühmen, daß sie dabeigewesen“ (ebd.).

Das neue Transportmittel beeinflusste nicht nur vereinzelte Gesellschaftsbereiche wie die Mobilität der Menschen, sondern sie hatte „eine über diese Zusammenhänge weit hinausgehende Bedeutung im Hinblick auf den langfristigen Strukturwandel der Gesellschaft“ (Roth 2005: 13). Für Heine war diese zivilisatorische Errungenschaft gar ein neuer Abschnitt in der Geschichte der Menschheit.

Diese Arbeit soll die Phänomenologie der Eisenbahn vor dem Hintergrund einer sich verändernden Gesellschaft verdeutlichen. Sie vertritt die These, dass die Eisenbahn die Soziologie und im Zuge dessen als besonderes Phänomen der Eisenbahnreise auch die Wahrnehmung der Menschen nachhaltig beeinflusste. Diese Veränderung lässt sich als Teil der sich industrialisierenden Gesellschaft verstehen, exemplarisch an der Eisenbahn ablesen und gleichsam in einen mediengeschichtlichen Kontext einordnen.

Die Eisenbahn soll dazu in einem ersten Schritt als neu erfundenes Verkehrsmittel des 19. Jahrhunderts vorgestellt und technikhistorisch eigeordnet werden, das direkt durch die Erfindung und Weiterentwicklung der Dampfmaschine den Weg aus den Bergwerksschienen auf die öffentlichen Gleise Englands und mit fortschreitender Industrialisierung auch anderer Länder fand. Sie veränderte schon bald die (Reise-)Gewohnheiten der Menschen, die sich inmitten einer allgemeinen Geschwindigkeitsrevolution der Gesellschaft wiederfanden Die Eisenbahn verwandelte den Naturraum und machte die Welt auf eine bisher unbekannte Weise erfahrbar. Natur wird kultiviert, es entstehen Großstädte, die mithilfe eine sich verbreitenden Schienennetz miteinander verbunden werden. Inmitten dieser Verstädterung wandelt sich die Gesellschaft, das Leben wird schneller, differenzierter und individualisierter – Das Verhältnis von Zeit und Raum verändert sich.

Zudem wirkt die Industrialisierung als mediales Ereignis, das mit der Eisenbahn ein neues (Transport-)Medium hervorbringt. Dieses neue Medium verändert die Wahrnehmung der Menschen in derselben Form wie es die Industrialisierung für die Gesellschaft insgesamt tut. Die Aufmerksamkeit und Konzentration der Zeitgenossen wird während der Reise auf eine neue Art herausgefordert. Daraus entwickeln sich neue Reisegewohnheiten wie Lesen oder Schlafen. Beim Blick aus dem Fenster veränderten sich zudem die Sehgewohnheiten der Menschen und es bildete sich im Anschluss an die breiten Erfolge des Panoramas um die Jahrhundertwende des 18. ins 19. Jahrhundert ein weitsichtiger, panoramatischer Blick aus. In dieser Hinsicht lässt sich die Eisenbahn mediengeschichtlich einordnen und als Vorform des Kinos verstehen. Denn der sich entwickelnde panoramatische Blick veränderte nachhaltig das Sehen und die Wahrnehmung der Menschen, deren „Sehsucht“ (vgl. Plessen 1993) schließlich nach immer neuen visuellen Erlebnisformen verlangte.

2 Die Eisenbahn als neues Transportmittel

2.1 Dampfkraft wird mobil

Die Geschichte der Eisenbahn beginnt mit der industriellen Nutzung der Dampfkraft in den Dampfmaschinen Englands. Hier war die Industrielle Revolution am weitesten fortgeschritten und hier wurde im Vergleich zum europäischen Festland überdurchschnittlich viel Kohle abgebaut. Die Region um Newcastle wird von Wolfgang Schivelbusch (1995: 9) gar als „erste europäische Industrielandschaft“ bezeichnet, in der bereits mithilfe der atmosphärischen Dampfmaschine von Thomas Newcomen ab 1712 der Bergbau revolutioniert wurde. Sie ermöglichte durch eine Auf- und Abwärtsbewegung des Dampfkolbens das schnellere Abpumpen des Wassers aus den Bergwerken. Bei dieser Engine for Raising Water by Fire (vgl. Matthes 1990: 4) wird Wasserdampf in einen Zylinder geleitet, in dem damit ein Kolben angetrieben wird. Sobald der Kolben seine höchste Lage erreicht hat, wird das Wasser abgekühlt und kondensiert. Der dadurch sinkende Druck veranlasst eine Abwärtsbewegung des Kolbens.

Die Newcomensche Dampfmaschine verschlang durch den geringen Wirkungsgrad, unter anderem aufgrund der ständig abkühlenden Zylinderwände Unmengen an Brennmaterial, sodass James Watt, dessen Firma ebenfalls Newcomen-Dampfmaschinen verkaufte, eine effizientere Maschine entwickelte und 1769 patentieren ließ. Dessen Niederdruck-Dampfmaschine arbeitet mit einem Kondensator, in dem Wasserdampf außerhalb des Dampfzylinders kondensiert, während dieser dauerhaft erhitzt bleibt. Der durch den Druckunterschied zwischen Dampfkessel und Kondensator entstandene Niederduck arbeitet direkt auf den Kolben.

Die Niederdruck-Dampfmaschine verbrauchte deutlich weniger Brennmaterial als ihre Vorgängerin und hatte gleichzeitig eine erheblich höhere Leistung. Der US-Amerikaner Oliver Evans sollte schließlich die Dampfmaschine abermals weiterentwickeln. Seine Hochdruckdampfmaschine verbrennt durch eine effizientere Nutzung der Brennwärme noch weniger Kohle bei minimaler Apparatur. Dies ermöglichte die bewegliche Nutzung der Dampfmaschine auf Dampfschiffen, was gleichzeitig die Voraussetzung für die Entwicklung der Eisenbahn im „maschinellen Ensemble“ von Lokomotive und (glatter wie reibungsarmer) Schiene bedeutete (vgl. Schivelbusch 1995: 9ff., 21ff.). Der Engländer Richard Trevithick war es schließlich, der im Februar 1804 das Prinzip einer mit Dampf betriebenen Lokomotive entwickelte und diese in der Region Südwales fahren ließ. Die von George Stephenson und seinem Sohn Robert entwickelte Dampflokomotive Rocket wurde dann, nachdem sie sich 1829 beim Rennen von Rainhill als schnellste Lokomotive herausstellte, auf der Strecke zwischen Liverpool und Manchester erstmals auf die Reise geschickt (vgl. Schaffer-Hartmann 1994: 12). Die erste öffentliche, für den Personenverkehr freigegebene – und erstmals mit durch Dampflokomotiven angetriebenen Zügen befahrene – Strecke war die schon 1825 eröffnete Strecke zwischen Stockten und Darlington. Die ersten Dampflokomotiven auf deutschem Boden verkehrten 1835 zwischen Nürnberg und Fürth (vgl. Wolf 1992: 24).

Doch schon vor der Dampfmaschine nutzte man Schienenfahrzeuge, vor allem zur gewerblichen Nutzung in Bergwerken. Bereits im frühen 16. Jahrhundert dienten sie als Transportmittel. Sie wurden zunächst von Pferden auf Holz-, später auf Eisenschienen gezogen. Aus rein ökonomischen Gründen durch hohe Futterpreise in England investierten die Unternehmer dann ihr Kapital in die Forschung, um den Kohlebergbau durch neue Erfindungen zu intensivieren (vgl. Schivelbusch 1995: 12f.).

Steigerung von Effizienz bei der Produktion sowie technische und gesellschaftliche Entwicklung hießen die Leitmotive der Industrialisierung und sorgten für einen regelrechten Boom beim Aufstieg der Eisenbahn zum führenden Transportmittel (vgl. Wolf 1992: 32ff.).

2.2 Geschwindigkeitsrevolution der Gesellschaft

Die Generation der Industriellen Revolution erfuhr einen radikalen Wandel der gesellschaftlichen Verhältnisse. Die neuen maschinellen Geschwindigkeiten veränderten den Lebensrhythmus der Menschen grundlegend (vgl. Großklaus 1997: 75). Sie machten die Erfahrung, dass sich die idyllische, vorindustrielle und agrarisch geprägte Welt, aus der sie gekommen sind, grundlegend verändert. Diese Veränderung im Zuge der gesellschaftlichen Modernisierung wurde bei der Eisenbahn differenziert erfahren. Einerseits verdeutlichten sich der Fortschritt und die Zukunftsfähigkeit neuer Technologien in jener Geschwindigkeitsrevolution, die massiv durch die verbreitete Nutzung der Dampfkraft ausgelöst wird. Andererseits aber bereitete dieser Fortschritt in seiner Ambivalenz Sorgen und Ängste vor Entgleisungen, Unfällen und räuberischen Überfällen, was dann vielerorts einer Fahrt ins Ungewisse glich und sich auch an Zeitzeugenberichten bei der Fahrt mit der Eisenbahn ablesen lässt (vgl. Schivelbusch 1995: 75ff., 117ff.). Sie heben die Eisenbahn zudem zwar als Beispiel der rasant fortschreitenden Entwicklung hervor, bei der sich Hoffnungen und Ängste zugleich sammelten, bei der jedoch insgesamt der endgültige Abschied von der romantischen, vorindustriellen Vergangenheit offensichtlich wird. „Der Dampfwagen der Eisenbahn“, so Heinrich Heine, „gibt uns eine zittrige Gemütserschütterung, wobei kein Lied aufgehen kann, der Kohlendampf verscheucht die Sangesvögel, und der Gasbeleuchtungsgestank verdirbt die duftige Mondnacht“ (Heine 1997: 645, Großklaus 1997: 72).

Auch Kurt Tucholskys Gedicht Augen in der Großstadt kann als Beispiel für den Umgang der Menschen mit der durch Georg Simmel (1993: 193) ausgedrückten „Steigerung des Nervenlebens“ dienen. Bei Tucholsky wird, wie das folgende Beispiel zeigt, die typische Form flüchtiger sozialer Beziehungen von Menschen in der Großstadt beschrieben (vgl. auch Junge 2012: 89).

Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,

die Braue, Pupillen, die Lider –

Was war das? vielleicht dein Lebensglück...

vorbei, verweht, nie wieder.

Die von Simmel (1993: 196) geschilderte „Blasiertheit“ dient dabei als Beschreibung für den flüchtigen Kontakt von Menschen sowie die ständig wechselnden, auf den Menschen einwirkenden Nervenreize, die auch in dem Gedicht von Tucholsky angesprochen werden. Diese Blasiertheit entwickelte sich im 19. Jahrhundert im Zuge der Industrialisierung der Gesellschaft und fand ihren Ausdruck bei der rationalisierten (und auf Geldwirtschaft beruhenden Lebensweise) der Großstädter.

„Das Wesen der Blasiertheit ist die Abstumpfung gegen die Unterschiede der Dinge, nicht in dem Sinne, daß sie nicht wahrgenommen würden, wie von dem Stumpfsinnigen, sondern so, daß die Bedeutung und der Wert der Unterschiede der Dinge und damit der Dinge selbst als nichtig empfunden wird“ (ebd.).

Bei der Eisenbahn zeigt sich dieser Wandel sozialer Beziehungen anhand der veränderten Reisesituation im Vergleich zur Postkutsche. Ließ sich die Landschaft aus der Postkutsche noch detailliert beobachten und beschreiben, so rauschen die Bilder im schneller fahrenden Zug an einem vorbei. Bildeten sich auf der Reise mit der Postkutsche noch Schicksalsgemeinschaften (vgl. Schivelbusch 1995: 65f.) von Menschen, die oftmals mehrere Tage miteinander reisten, so sorgte das beschleunigte Reisen mit der Eisenbahn für eine kürzere Verweildauer zwischen den Bahnhöfen und für einen ständigen Wechsel der Reisebegleitungen, sodass persönliche Verbindungen unter Fremden kaum noch geknüpft wurden und allmählich der Vergangenheit angehörten.

2.3 Veränderung von Raum und Zeit

Durch die Reise mit der Eisenbahn verändert sich auch das Verhältnis von Raum und Zeit. Nach Götz Großklaus (1997: 7ff.) lässt sich die Eisenbahn dabei in eine Reihe von neuen Medien ihrer Zeit einordnen, denen die Verkleinerung oder Vernichtung von Raum und Zeit innewohnt. An dieser Stelle sind auch Schrift-, Bild und Tonmedien zu nennen, die die gültigen Bedingungen von raumzeitlicher Nähe und Ferne verändern. Die Eisenbahn löste darüber hinaus eine medientechnische Revolution aus. Ihr sich ausbreitendes Netz war entscheidend am Ausbau der Telegrafie sowie an der Verbreitung von Plakatwerbung beteiligt. (vgl. Faulstich
2004: 52, 158). Diese Liste ließe sich exemplarisch mit der Effizienzsteigerung in der Industrie oder im Postwesen erweitern. Die Expressbeförderung ersetzt bereits 1848 das Versenden mit der Kutsche. Damit gelangte die Post schneller, sicherer und billiger an ihr Ziel. 1890 gab es im Deutschen Reich bereits über 6000 Züge zur Postbeförderung (vgl. a. a. O.: 173).

[...]

Details

Seiten
20
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668568525
ISBN (Buch)
9783668568532
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v380316
Institution / Hochschule
Bauhaus-Universität Weimar – Fakultät Medien
Note
1,5
Schlagworte
Eisenbahn Panorama Schwindel Mediengeschichte Industrialisierung Reisen Beschleunigung Mediensoziologie Dampfkraft Film Kino Wahrnehmung Lokomotive Sehen panoramatisch Industrielle Revolution 19. Jahrhundert Schivelbusch

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Titel: Ein Blick genügt. Zur Veränderung der Wahrnehmung am Beispiel der Eisenbahn