Lade Inhalt...

Die Eignung von Gedichten für die Förderung von Lesekompetenz im Fremdsprachenunterricht

Ein didaktischer und methodischer Vorschlag für eine Unterrichtsstunde am Beispiel des Gedichts "Galope" aus dem spanischen Bürgerkrieg von Rafael Alberti

Unterrichtsentwurf 2016 12 Seiten

Didaktik - Spanisch

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Stellenwert der Lesekompetenz im Fremdsprachenunterricht

3. Der Spanische Bürgerkrieg als Thema im Spanischunterricht

4. Planung und Durchführung einer Unterrichtsstunde
4.1 Unterrichtsverlauf
4.2 Sachanalyse
4.3 Didaktische Überlegungen
4.4 Methodische Überlegungen und Lernziele
4.5 Kritik und Reflexion

5. Literaturverzeichnis.

1. Einleitung

Im Fremdsprachenunterricht an hessischen Gymnasien, scheint das Lesen fremdsprachlicher Lektüre sowie die Vermittlung von Lesekompetenz eine bedeutsame Rolle einzunehmen. Dieser Eindruck resultiert nicht nur aus der Tatsache, dass das hessische Kultusministerium dieses vorgibt und sich die Förderung der Lesekompetenz in Lehrplänen wiederfindet, son- dern auch aus eigenen empirischen Erfahrungen. Der Stellenwert der Lesekompetenz scheint jedoch nicht mit der Beliebtheit des Lesens fremdsprachlicher Texte seitens der Schülerinnen und Schüler (SuS) zu korrelieren. In meinen Schulpraktika erlebte ich, dass das Lernverhalten vieler SuS beim Lesen fremdsprachlicher Texte nicht von Begeisterung geprägt zu sein schien. Dies mag teilweise auch damit zusammengehangen haben, dass die betreffenden Lehrpersonen sich keiner methodischen Vielfalt bedient haben, um die Attraktivität der fremdsprachlichen Lektüre für die SuS zu steigern. Auch in meiner eigenen Schulzeit ist mir zudem rückblickend aufgefallen, dass die betreffenden Lehrpersonen es häufig versäumt ha- ben, einen nachvollziehbaren Gegenwartsbezug des Lehrinhaltes zur Lebenswelt der SuS her- zustellen. Dieses ist aus meiner Sicht eine Grundvoraussetzung zur Steigerung der Lernmoti- vation und schließlich des Lernerfolges. Wenn SuS verstehen, welchen Wert das Lesen eines bestimmten fremdsprachlichen Textes für ihre Lebenswelt haben kann, fällt ihnen der Zugang zu diesen Inhalten sicherlich leichter. Die SuS sollten verstehen, warum es sinnvoll ist, sich mit dem vorliegenden Lerninhalt zu beschäftigen. Dies gilt selbstverständlich auch für andere Lerninhalte. Es ist demnach die Aufgabe der Lehrperson, diesen Gegenwartsbezug zur Le- benswelt der SuS herzustellen bzw. die Bedeutung des Lehrinhaltes für eine Gesellschaft deutlich zu machen.

Um dieses Ziel zu erreichen, ist es sinnvoll, den fremdsprachlichen Text nicht nur zu lesen, sondern ihn sorgfältig mit den SuS vor- und nachzubereiten, indem er in einen verständlichen Kontext gestellt wird. In der Literaturdidaktik sind mittlerweile eine Vielzahl von methodi- schen und didaktischen Vorschlägen für die Gestaltung des Fremdsprachenunterrichts entwi- ckelt worden. Diese werden verschiedenen Lernphasen zugeordnet, den sogenannten Pre- reading, While-reading und Post-reading activities.1 Die erste Phase dient im Wesentlichen dazu, zum einen bereits vorhandenes Vorwissen der SuS zu aktivieren und zum anderen die Lernmotivation zu steigern. In dieser Phase wird die Lektüre als Unterrichtsgegenstand in einen sach- und schülerbezogenen Kontext eingebettet und die SuS haben die Gelegenheit, ihre eigene Erwartungshaltung an die Lektüre zu artikulieren und ggf. nützliche Hintergrund- informationen zu erfahren. Die zweite Phase dient dazu, dass sich die SuS sowohl individuell mit der fremdsprachlichen Lektüre beschäftigen, als auch im Unterrichtsgespräch ihre Leseer- fahrungen mit anderen zu teilen. In dieser Phase unterstützt die Lehrperson mit verschiedenen Unterrichtsmethoden den Lese- und Verstehensprozess der SuS. In der dritten Phase bekom- men die SuS die Gelegenheit, nach dem Lesen einer Lektüre oder eines Textabschnittes ihre Leseerfahrungen zu vertiefen, indem sie sie anhand weiterer Inhalte und Methoden anwenden.

2. Stellenwert der Lesekompetenz im Fremdsprachenunterricht

Neben der Ausbildung und Förderung fachlicher Kompetenzen ist es die Aufgabe des Fremd- sprachenunterrichts Sprachkompetenzen zu vermitteln. In den Lehrplänen des hessischen Kul- tusministeriums werden drei Dimensionen der sprachlichen Kompetenzen differenziert aus denen sich verschiedene Teilkompetenzen ableiten. Diese drei Dimensionen sind die Rezepti- on, die Produktion bzw. Interaktion sowie die Mediation.2 Während bei der Mediation die mündliche sowie schriftliche Sprachmittlung und bei der Produktion wesentliche produktive Fähigkeiten, wie Sprechen und Schreiben, ausgebildet und gefördert werden sollen, sollen bei der Rezeption vor allem das Lese- und Hörverstehen ausgebildet und gefördert werden. Dem- nach ist die Lesekompetenz als Teil der rezeptiven Sprachkompetenzen wesentlicher Bestand- teil des Sprachunterrichts. Diese Tatsache überrascht insofern nicht, als dass rezeptive Fähig- keiten, wie Lesen und Hörverstehen, eine wesentliche Grundvoraussetzung für die Sprachfä- higkeit bilden. Daher ist der Literaturunterricht folgerichtig ein integraler und notwendiger Bestandteil des Sprachunterrichts und in den Lehrplänen verankert.3 Mit den Lehrplänen in- tendiert das Kultusministerium eines Bundeslandes zum einen eine Vergleichbarkeit zwischen den Schulen und SuS zu schaffen und zum anderen eine gewisse Qualität des Unterrichts zu garantieren sowie die Ausbildung und Förderung der genannten Kompetenzen zu gewährleis- ten.4

3. Der Spanische Bürgerkrieg als Thema im Spanischunterricht

Der Literaturunterricht im Besonderen und der Spanischunterricht im Allgemeinen dienen nicht nur dazu, dass die SuS Sprachkompetenz in seinen verschiedenen Ausprägungen erwer- ben, sondern auch fachliche Kompetenzen, wie kulturelles, geschichtliches und geographi- sches Wissen über Spanien und seine Gesellschaft zu vermitteln. Diese Einsicht ist im Sinne eines interkulturellen Literaturunterrichts, dessen Bedeutung angesichts einer multikulturellen Gesellschaft und globalisierten Welt in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich gestiegen ist.5 Die Vermittlung interkulturellen Wissens ist für ein gutes gesellschaftliches Zusammenleben und somit auch für die Lebenswelt der SuS zunehmend eine Notwendigkeit. Infolgedessen ist es sinnvoll, den SuS jene geschichtlichen und politischen Entwicklungen und Ereignisse zu- gängig zu machen, die die spanische Gesellschaft in besonderer Weise geprägt haben und die auch in der Gegenwart, und somit auch potenziell in der Lebenswelt der SuS, Erklärungsan- sätze für die gegenwärtigen Verhältnisse in Spanien bieten.

Der Spanische Bürgerkrieg, dessen Entwicklungsverlauf in den Franquismus kulminierte, ist ein solches historisches Ereignis, das die spanische Gesellschaft sowie deren kollektives Ge- dächtnis nachhaltig geprägt hat. Die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Spanischen Bürgerkrieg und dem Franquismus ist demnach kulturell bedeutsam und ermöglicht es, be- stimmte Merkmale der gegenwärtigen spanischen Gesellschaft sowie des spanischen Staates nachvollziehen zu können.6 Sie bietet beispielsweise Erklärungsansätze dafür, warum es in der spanischen Gesellschaft gegenwärtig ein ausgeprägtes Misstrauen vieler spanischer Bür- ger gegenüber der spanischen Zentralregierung sowie ausgeprägte Separationstendenzen in einigen spanischen Provinzen, wie Katalonien und dem Baskenland gibt. Dieses Misstrauen und das Autonomiestreben der einzelnen Provinzen sind selbstverständlich nicht nur eine Folge des Spanischen Bürgerkriegs und des Franquismus, jedoch wurden sie durch diese Er- eignisse und Entwicklungen maßgeblich verstärkt.7

Die zwanghaften Zentralisierungstendenzen während des Franquismus waren u. a. ein ver- zweifelter Versuch, die politischen Fliehkräfte in einigen spanischen Regionen zu beenden, die sich über die Jahrhunderte hinweg im Verlauf der Reconquista ausgebildet und in unab- hängigen Gesellschaften mit einem differenten kollektiven Bewusstsein für die eigene von Kastilien abweichende Kultur und Geschichte manifestiert hatten. Spanien bestand im Verlauf der Reconquista aus mehreren voneinander unabhängigen Königreichen, in denen sich unter- schiedliche Zivilisationen mit unterschiedlichen Herrschafts- und Gesellschaftsstrukturen ausgebildet hatten. Auch die dynastische Vereinigung von Kastilien und Aragonien im Jahr 1479, das in vielen Geschichtsdarstellungen als Entstehungszeitpunkt für das Königreich Spanien ausgemacht wird, änderte an dieser kulturellen, sprachlichen und strukturellen Viel- seitigkeit Spaniens nichts.8 Die Teilreiche Spaniens blieben bis ins 18. Jahrhundert hinein in politischer Hinsicht weitestgehend voneinander unabhängig und autonom.9 Das Identitätsbe- wusstsein in den einzelnen spanischen Provinzen blieb darüber hinaus bestehen und spiegelt sich auch heute noch in ausgeprägter Weise vor allem in der katalanischen und baskischen Gesellschaft wider. Auch heute noch sind deutliche Bestrebungen nach mehr Unabhängigkeit der genannten Regionen zu vernehmen. Die erzwungene Zentralisierung während des Fran- quismus war insofern für Spanien eine eher atypische Herrschaftsform und hat daher eher zur Entfremdung zwischen Kastilien und der Peripherie beigetragen statt als integratives Element zu wirken. Die Separationstendenzen im Baskenland und in Katalonien sowie das hohe Miss- trauen vieler spanischer Bürger gegenüber der Zentralregierung in Madrid sind daher in ihrer Intensität ein Erbe des Spanischen Bürgerkriegs sowie des ihm folgenden Franquismus.

Die Bedeutsamkeit des Spanischen Bürgerkriegs spiegelt sich auch in der zahlreich erschie- nenen Literatur wider. Neben Fachliteratur sind viele literarische Werke, wie Romane und Kurzgeschichten sowie Filme seit dem Ende des Franquismus und der Transición erschienen. Dazu gehören Werke, wie La lengua de las mariposas, La buena letra oder Bajo la fría luz de octubre. Die hohe Bedeutsamkeit des Spanischen Bürgerkriegs und des Franquismus spiegelt sich daher folgerichtig auch in den schulischen Lehrplänen in Bezug auf den Spanischunter- richt wider. Das Bundesland Hessen gibt u. a. den Spanischen Bürgerkrieg als Rahmenthema für die Unterrichtsgestaltung in der Q1-Phase der gymnasialen Oberstufe vor.10

[...]


1 Vgl. Henseler, Roswitha [u. a.]: Leselust statt Lesefrust. Lesemotivation in der Fremdsprache Englisch fördern. In: Der Fremdsprachliche Unterricht Englisch (2007) Nr. 89. S. 12-13.

2 Vgl. Hessisches Kultusministerium: Lehrplan Spanisch. Gymnasiale Oberstufe: https:// kultusministerium.hessen.de/sites/default/files/media/go-spanisch.pdf (Stand: 09.07.2016).

3 Vgl. Abraham, Ulf [u. a.]: Literaturdidaktik Deutsch. Eine Einführung. Erich Schmidt Verlag. Berlin, 3. Aufl. 2009. S. 62-63.

4 Vgl. Fäcke, Christiane: Fachdidaktik Spanisch. Eine Einführung. Narr Francke Attempto Verlag. Tübingen 2011. S. 66-67; Hessisches Kultusministerium: Lehrplan Spanisch. Gymnasiale Oberstufe: https:// kultusministerium.hessen.de/sites/default/files/media/go-spanisch.pdf (Stand: 09.07.2016).

5 Vgl. Leubner, Martin [u. a.]: Literaturdidaktik. Akademie Verlag. Berlin, 2. Aufl. 2012. S. 220-221; Neumann, Ursula [u. a.]: Multikulturalität und Mehrsprachigkeit als Lernbedingung im Literaturunterricht. In: (Hrsg.) Bogdal, Klaus Michael [u. a.]: Grundzüge der Literaturdidaktik. Deutscher Taschenbuchverlag. München, 6. Aufl. 2012. S. 78-79.

6 Vgl. Abraham, Literaturdidaktik Deutsch, S. 17.

7 Vgl. Bernecker, Walther L.: Pietschmann, Horst: Geschichte Spaniens. Von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart. Verlag W. Kohlhammer. Stuttgart, 4. Aufl. 2005. S. 367-368.

8 Vgl. Bernecker, Walther L.: Spanische Geschichte. Vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Verlag C. H. Beck. München, 6. Aufl. 2015. S. 9-12.

9 Vgl. Ebd. S. 46-47.

10 Vgl. Hessisches Kultusministerium. Lehrplan Spanisch. Gymnasiale Oberstufe: https:// kultusministerium.hessen.de/sites/default/files/media/go-spanisch.pdf (Stand: 09.07.2016).

Details

Seiten
12
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668569881
ISBN (Buch)
9783668569898
Dateigröße
580 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v380426
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,3
Schlagworte
fremdsprachenunterricht unterrichtsstunde galope Rafael Alberti Lesekompetenz Unterrichtsentwurf spanischer Bürgerkrieg

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die Eignung von Gedichten für die Förderung von Lesekompetenz im Fremdsprachenunterricht