Lade Inhalt...

Inwieweit wird durch Stigmatisierung die soziale Ungleichheit an Hauptschulen reproduziert? Liebe, Recht und Solidarität in Axel Honneths Annerkennungstheorie

Hausarbeit 2017 20 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung

2. Die Theorie der Anerkennung
2.1. Emotionale Anerkennung – Liebe
2.2. Moralische Anerkennung – Recht
2.3. Soziale Wertschätzung – Solidarität

3. Historische Entwicklung der Hauptschule

4. Aktueller Forschungsstand

5. Anerkennungsverhältnisse an Hauptschulen

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Kevin, Justin, Chantal und Mandy [..] sind eher verhaltensauffällig – und sie sind frech. “ Ein Satz, welcher sich nach einer Zeit – Online Studie häufig in den Köpfen von Grundschullehrern abspielt, wenn sie ihre Namenslisten der neuen Klassen bekommen. Den Falschen Namen zu haben und deshalb Opfer von sozialer Missachtung zu werden ist jedoch nicht der einzige Grund ein Ziel von Abwertungen, Stigmatisierungen und Vorurteilen zu werden. Hauptschüler sind hiervon besonders betroffen, da ihre eigenen Lehrer die Hoffnung eines sozialen Aufstiegs oder das Erlangen eines Abschlusses oft schon von Beginn an ausschließen. Das Ergebnis ist eine soziale Abwertung der Institution Hauptschule, welcher mit dem Schuleintritt durch das übertragen Stereotypischer Bilder und Rollen von außen auf die Schüler abfärbt. „Und dann bin ich auch noch Hauptschule gekommen [...] - und dann war ich dumm.“ (Völcker 2014, S.11) Ist ein Zitat einer 16 Jährigen Hauptschülerin. Es zeigt deutlich, wie Schüler selbst den Eintritt in eine Schulform, welche durch Medien Zuschreibungen wie „Restschule“ oder „Verliererschule“ (Völcker 2014, S.13) erfährt, wahrnehmen.

Es stellt sich die Frage inwieweit soziale Ungleichheit durch die Stigmatisierung an Hauptschulen reproduziert wird? Um diese Frage eingehend bearbeiten zu können ist eine Erläuterung Axel Honneths Anerkennungstheorie von großem Nutzen. Die Theorie unterteilt sich in die drei Formen Liebe, Recht und Solidarität, welche ich versuche - mit Werner Helpers Vorträgen zum Thema Schulkultur - auf das Feld Schule zu übertragen. Im Weiteren wird der historische Hintergrund des spezifischen Beispiels der Hauptschule erläutert um eine schon durch die Entwicklung beeinflusste Abwertung der Hauptschule aufzuzeigen. Die darauf folgenden Ergebnisse aus Studien der Pädagogik, Sozialpsychologie und Soziologie zeigen Felder der Abwertung und Reproduktion von Ungleichheit im Schulalltag auf. Im Anschluss wird anhand der erläuterten Forschungsergebnisse ein Bezug zur Anerkennungstheorie hergestellt um die Reproduktion von sozialer Ungleichheit an der Hauptschule aufzuzeigen und mit Hilfe des subjektbezogenen Pädagogischen Ansatzes einen Lösungsansatz zu formulieren.

2. Die Theorie der Anerkennung

„ The fact that distinguishes the human from the animal is that the self becomes an object of the organism itself “ (Mead, 1927 (1982), S.147)

Axel Honneths Theorie der Anerkennung baut sich auf der Annahme, dass der gesellschaftliche Wandel immer in einer Beziehung zu wechselseitigen Anerkennungsverhältnissen steht, auf. Somit ist Anerkennung die Basis des gesamten menschlichen Organismus. Sie ist die Voraussetzung für das Subjekt zur Entwicklung eines positiven Selbstverhältnisses, welches auf Selbstvertrauen, Selbstachtung und einem Selbstwert basiert. Die Angewiesenheit eines Jeden sorgt für ein großes Konfliktpotential, welches in Form von Kämpfen und Konkurrenz sowohl auf gesellschaftlicher, als auch auf interpersonellen Ebenen ausgefochten wird. Die Entwicklung des Subjektes ist jedoch ein langsamer Vorgang welcher parallel zum Eintauchen des Individuums in die Gesellschaft verläuft. Mit jedem neuen Anerkennungsverhältnis steigt die Autonomie des Subjektes, wie auch seine positive Selbstbeziehung. Missachtung, Vergewaltigung, Entrechtung und Entwürdigung können, laut Honneth, ebenso gesellschaftliche Veränderungen einleiten, wie auch die Entwicklung der Selbstbeziehung beeinflussen (vgl. Honneth, 1994, S.149ff). Im Folgenden werden die drei Formen der Anerkennung Liebe, Recht und Solidarität nach Honneth aufgeführt und zusammen mit der Möglichkeit der Aberkennung mit Hilfe von Werner Helsper in den schulischen Kontext übertragen. Denn die Analyse der Folgen von Verweigerung, als auch der Vorenthaltung von Anerkennung könnten wichtige Informationen über die Ursachen schulischer Konflikte liefern.

2.1. Emotionale Anerkennung - Liebe

Der Schlüssel für das Erlangen emotionaler Anerkennung sind funktionierende Primärbeziehungen (vgl. Honneth, 1994, S.174). Bei Primärbeziehungen handelt es sich vorrangig um die wenigen, sehr intensiven Beziehungen zwischen Freunden, in (Liebes)Beziehungen oder bei Eltern-Kind-Beziehungen (vgl. Honneth, 1994, S.153f). Die Eltern-Kind-Beziehung wirkt schon früh auf das Individuum ein und ist somit ein entscheidender Faktor zur Erwerbung der notwendigen Kompetenzen, um im späteren Leben funktionierende Primärbeziehungen eingehen zu können. Schon im ersten Lebensjahr entwickelt sich bei einer positiven Mutter-Kind-Beziehung die Interaktionskompetenz in Spannungsverhältnissen bestehen zu können. Dies stellt, laut Honneth, einen der wichtigsten Eckpfeiler für funktionierende Primärbeziehungen in der weiteren Entwicklung dar. Sie entsteht durch ein komplexes Durchlaufen mehrerer Stufen, die das Verhältnis zwischen Mutter und Kind von der vollkommenden Selbstaufgabe über Symbiose hin zur Selbstverwirklichung und Autonomie führt. Das Resultat verschafft dem Individuum ein Selbstvertrauen, welches auf der Sicherheit basiert, dass die eigenen notwendigen Bedürfnisse auf jeden Fall erfüllt werden. Diese Sicherheit entsteht in den ersten Lebensmonaten. Der Säugling ist hilflos und auf die Hilfe der Mutter zur Bedürfnisbefriedigung angewiesen. Die Mutter, welche dem Kind das Gefühl vermittelt, dass selbst bei einer Phase der Abwendung des Säuglings, die Befriedigung seiner Bedürfnisse immer im Vordergrund steht, erschafft in ihm ein Selbstvertrauen, welches die Kompetenz beinhaltet in Zukunft funktionierende Primärbeziehungen eingehen zu können (vgl. Honneth, 1994, S.174). Primärbeziehungen sind somit immer auch Abhängigkeitsverhältnisse. Die Intensität von Primärbeziehungen entsteht nur unter der Vorrausetzung, dass ein Bewusstsein über die gegenseitige Abhängigkeit der Bindungspaare existiert. Die Sicherheit, dass seine erwarteten Bedürfnisse befriedigt werden, nimmt das Individuum aus der positiven Erfahrung mit der Mutter. Diese hinterlässt eine Sicherheit, dass die persönlichen Bedürfnisse, welche in Form von emotionaler, aber auch körperlicher Zuwendung wie Ermutigung stattfinden, von dem Beziehungspartner erfüllt werden (vgl. Honneth, 1994, S.153f). Durch Misshandlungen oder Missachtungen wird das bestehende Vertrauen an die richtige Selbsteinschätzung nicht mehr bestätigt. Das führt zu einem Misstrauen und Unsicherheit sich selbst gegenüber, welches die „freie Verfügung über den Körper“ einschränkt (vgl. Honneth, 1994, S.214).

Da das Verhältnis von Lehrern und Schülern nicht die Intensität von Primärbeziehungen hat rückt die emotionale Anerkennung im professionellen Kontext der Schule in den Hintergrund. Trotzdem erhalten Lehrende durch ihre vorausgesetzte Professionalität und ihren Lehrauftrag einen Einfluss auf die bestehende emotionale Basis, die von den Schülern mitgebracht wird. Ihre Aufgabe besteht darin, dass bereits bestehende Selbstvertrauen zu verfestigen. Eine Voraussetzung hierfür ist die positive Einstellung gegenüber den Schülern. Das stärkt das emotionale Anerkennungsverhältnis der Schüler und zeigt ein professionelles Interesse des Lehrers an der Schülerpersönlichkeit. Die Folge dieser Zuwendung ist die Entstehung eines von beiden Seiten zugestimmten Arbeitsbündnisses, welches auf gegenseitigem Vertrauen basiert. Die Erhaltung dieses Bündnisses verlangt, ebenso wie die Primärbeziehungen, verlässliche Interaktionen. Missachtung wie Bloßstellungen oder Beschämungen führen zu emotionalen Verletzungen und können das bestehende Vertrauensverhältnis brechen (vgl. Helsper, 2006, S.43).

2.2. Moralische Anerkennung – Recht

Die zweite Anerkennungsform bezieht sich darauf, das generalisierte Andere als Träger und Vermittler von Recht und Moral anzuerkennen. Das generalisierte Andere stellt hierbei eine organisierte Gemeinschaft dar, welche dem einzelnen Mitglied das Ich-Gefühl verschafft. Hierbei wird die Einstellung und Haltung dieser Gemeinschaft ein Stück weit von dem Individuum übernommen (vgl. Honneth, 1994, S.174f). Es geht um universalistische, nicht spezifisch an das Individuum gebundene Rechte, die es als Teil der Gemeinschaft befolgen muss. Die Befolgung des bestehenden Rechtssystems macht das Individuum dann zu einem Mitglied der Gesellschaft. Die moralische Anerkennung ist das Resultat der historischen Entwicklung und wird von Honneth in zwei Gesellschaftsformen unterteilt : traditional und posttraditional. Die traditionale Gesellschaftsform ist vor dem Eintreten der Moderne zu verorten. Ein Beispiel hierfür ist die Ständegesellschaft. Hier gab es einen kausalen Zusammenhang zwischen rechtlicher Anerkennung und sozialer Wertschätzung. Die Begründung und Legitimation für die bestehenden Stände war meist metaphysischer Natur. Somit stellte laut Georg W. F. Hegel der Glaube nicht nur eine Legitimation für die unterschiedlichen Stände dar sondern auch für die Annahme differenzierter Wertigkeiten der Gesellschaftsmitglieder. Die Reformation und die Hinterfragung der vorher als natürlich gegebenen Annahmen führten dazu, dass es keine Legitimation mehr für die Ab- und Anerkennung von Rechten aufgrund unterschiedlicher Stände gab. Womit sich die Zeit der modernen posttraditionalen Rechtsgesellschaft einleitete. Diese handelt nach dem Verständnis des Philosophen Georg Friedrich William Hegel nach einem gemeinschaftlichen Prinzip, bei dem alle Mitglieder einer Gesellschaft eine rationale Vereinbarung treffen wie Rechte, Werte und Normen aussehen sollen nach denen gelebt wird. Durch die Anerkennung aller gleichen und freien Wesen entsteht ein moralisches Gewissen, welches das Individuum die festgelegten Regeln zum Gemeinwohl befolgen lässt (vgl. Honneth, 1994, S.175). Es herrscht das universelle Prinzip des modernen Rechtssystems, welches keine Privilegien oder Ausnahmen bei der Verteilung von Rechten mehr macht und eine gegenseitige Anerkennung des Individuums als Subjekt fördert, welches den Zuspruch der moralischen Zurechnungsfähigkeit und der individuellen Autonomie eines Jeden bedeutet und somit das Recht der Mitwirkung und Mitentscheidung im Gesellschaftsverbund ermöglicht (vgl. Honneth, 1994, S.178). Durch die gemeinsame Bestimmung der Regeln werden die Eigenschaften jedes Individuum geschützt und die Anerkennung Aller garantiert. Somit sorgt die autonome und moralische Zurechnungsfähigkeit dafür am Entscheidungsprozess mitzuwirken und als vollwertiges Mitglied des Sozialverbunds teilnehmen zu können. Durch historische Prozesse entwickelten sich die Gesellschaftssysteme unterschiedlich weiter. So kam es in Deutschland zum Beispiel dazu, dass das persönliche Freiheitsrecht durch das Wohlfahrtsrecht ergänzt wurde. Das Rechtsystem dient hierbei als Werkzeug für das Individuum seine Rechte einzufordern. Das macht das Individuum zu einem autonomen Subjekt, welches durch die Anerkennung seiner moralischen- (und kognitiven-) Zurechnungsfähigkeit als gleichberechtigter Teilnehmer mit egalitären Rechten am gesellschaftlichen Leben mitwirken kann. Die Auswirkung dieser gesellschaftlichen beziehungsweise moralischen Anerkennung ist das Gefühl das Selbst als wichtigen und wertigen Teil der Gesellschaft anzuerkennen. Dies führt zur Entwicklung eines psychischen Zustandes der Selbstachtung (vgl. Honneth, 1994, S.194). Kommt es jedoch zu einer Erfahrung der Entrechtung hat das eine Verletzung der moralischen Selbstachtung zur Folge. Dies kann unteranderem durch den Entzug der moralischen Anerkennung geschehen, welcher einem die kognitive Fähigkeit aberkennt die gleiche Zurechnungsfähigkeit wie die anderen Mitglieder des Sozialverbandes zu verdienen (vgl. Honneth, 1994, S.215f). Das Gefühl des Entzugs der moralischen Anerkennung bezeichnet Honneth als sozialer Scham (vgl. Honneth, 1994, S.195).

[...]

Details

Seiten
20
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668584778
ISBN (Buch)
9783668584785
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v380658
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1.0
Schlagworte
Anerkennung Anerkennungstheorie Honneth Leistungsgesellschaft Individualisierung

Autor

Zurück

Titel: Inwieweit wird durch Stigmatisierung die soziale Ungleichheit an Hauptschulen reproduziert? Liebe, Recht und Solidarität in Axel Honneths Annerkennungstheorie