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Migrationssoziologie. Inwiefern beeinflusst Bildung die Akkulturationseinstellungen der Aufnahmegesellschaft?

von Neema Li (Autor)

Hausarbeit 2017 20 Seiten

Soziologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretischer Hintergrund
2.1 Konzeptualisierung der Akkulturationseinstellungen
2.2 Bildung und Akkulturation

3 Daten, Variablen und Methode
3.1 ALLBUS 2014
3.2 Abhängige und unabhängige Variablen

4 Empirische Ergebnisse
4.1 Deskriptive Analysen
4.2 Uni- und multivariate logistische Regression

5 Zusammenfassung und Fazit

6 Literaturverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abbildung 1: Akkulturationsorientierung der Aufnahmegesellschaft

Abbildung 2: Wahrscheinlichkeit AE in Abhängigkeit zur Bildungszeit

Tabelle 1: Akkulturationseinstellungen nach Geschlecht

Tabelle 2: Zustimmung zu Vorurteilen nach Akkulturationseinstellung

Tabelle 3: Zustimmung zu Multikulturalismus nach Akkulturationseinstellung

Tabelle 4: Multinomiale logistische Regression

Tabelle 5: Durchschnittliche Marginaleffekte (AME)

1 Einleitung

In Zeiten verstärkter Zuwanderung steht Deutschland und die Europäische Union vor neuen Herausforderungen (Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration 2016: 22). Immer wieder wird betont, die Integration der Zuwanderer sei für ein erfolgreiches Zusammenleben eine wichtige Grundvoraussetzung (Amt für Zuwanderung und Migration 2017). Die Verantwortung sich zu integrieren, wird meist den Zuwanderern zugechrieben (Kymlicka 1995). Integration jedoch ist, wie die SPD-Abgeordnete Eva Lux formuliert, ein wechselseitiger Prozess innerhalb unserer Gesellschaft, zwischen der Zuwanderer- und auch der Mehrheitsbevölkerung (Integrationsrat Leverkusen 2017). Verschiedene Bedingungen beeinflussen den erfolgreichen Prozess der Integration, darunter auch die Einstellung der Aufnahmegesellschaft den Zuwanderern gegenüber. Verschiedene Studien haben nachgewiesen, dass die Akkulturationsorientierungen der Zuwanderer, wie beispielsweise der Wunsch nach Kulturerhalt beeinflusst werden kann, je nachdem wie sehr sich die Migranten in der Aufnahmekultur akzeptiert oder diskriminiert fühlen (Christ et al. 2013). So haben beispielsweise bestehende Vorurteile der Aufnahmegesellschaft gegenüber den Zuwanderern einen starken Einfluss auf deren Akkulturationseinstellungen. Selbst Akkulturationseinstellungen der Mehrheitsbevölkerung wirken sich, zumindest teilweise, auf die Akkulturationseinstellungen der Zuwanderer aus (Christ et al. 2013).

Im Sinne der Gestaltung eines integrationsförderlichen gesellschaftlichen Klimas dürfte es daher von großem gesellschaftspolitischem Interesse sein, wie zur Förderung von toleranten Einstellungen der Aufnahmegesellschaft gegenüber der Zuwanderbevölkerung beigetragen werden kann. Die wichtige Rolle der Bildung im Zusammenhang mit der Reduktion von Fremdenfeindlichkeit wurde in der Forschung schon mehrfach nachgewiesen (Coenders & Scheppers 2003; Hainmueller & Hiscox 2007; Rippl & Seipel 2002). Für die Entwicklung von Akkulturationseinstellungen gibt es derzeit noch keine Untersuchungen.

Deshalb soll im Rahmen dieser Hausarbeit, mit dem Titel Inwiefern beeinflusst Bildung die Akkulturationseinstellungen der Aufnahmegesellschaft? die Rolle der Bildung bei der Entstehung von Akkulturationseinstellungen geklärt werden. Dafür wird zunächst, im zweiten Kapitel der theoretische Hintergrund erläutert. Zuerst wird das Interactive Acculturation Model (IAM) nach Bourhis (1997) vorgestellt, bevor der Effekt von Bildung auf die Akkulturationseinstellungen erläutert wird. Daran anschließend, werden im dritten Kapitel die Daten, sowie die Operationalisierung der Variablen beschrieben. Im vierten Kapitel werden die Ergebnisse der deskriptiven, sowie der bi- und multivariaten Analysen erläutert. Das fünfte Kapitel umfasst eine Zusammenfassung der Ergebnisse, sowie deren kritische Diskussion.

2 Theoretischer Hintergrund

Es gibt eine Reihe von Konzepten zu Akkulturationseinstellungen (AE). Da die Ergebnisse einer Studie sich deutlich nach der jeweiligen Konzeptualisierung unterscheiden, soll zunächst auf das hier zugrunde gelegte Interacitve Acculturation Model (IAM) nach Bourhis et al. (1997) eingegangen werden.

2.1 Konzeptualisierung der Akkulturationseinstellungen

Ausgehend von Berry (1974) entwickelten Bourhis et al. (1997) das Interactive Acculturation Model (IAM). Berrys Modell basiert auf zwei Dimensionen, zum einen der des Kulturerhalts, zum anderen der des Intergruppenkontaktes, woraus sich vier Akkulturationsstrategien ergeben: Integration, Assimilation, Separation und Marginalisierung (Bourhis et al. 1997: 376). Da anzunehmen ist, dass die Akkulturationseinstellungen der Zuwanderer von den Akkulturationseinstellungen der Aufnahmegesellschaft beeinflusst sind, sahen Bourhis et al. die Notwendigkeit, Berrys Modell auf das Zusammenspiel der Akkulturationseinstellungen zwischen Aufnahme- und Zuwandererbevölkerung zu erweitern und in ein dynamischeres Modell zu überführen (Boruhis et al. 1997: 379).

Das Interactiv Acculturation Model (IAM) berücksichtigt so zusätzlich die Akkulturationsorientierungen der Aufnahmegesellschaft, welche ebenfalls den gleichen Fragen wie die Zuwanderer ausgesetzt sind: ‚Ist es akzeptabel, dass Migranten ihre Kultur erhalten oder die Aufnahmekultur annehmen?‘. Demnach unterscheiden Borhis et al. (1997: 379ff.) zwei Dimensionen, nach welchen sie die Akkulturationseinstellungen definieren: Kulturerhalt der Zuwandererkultur und Kulturübernahme der Kultur der Aufnahmegesellschaft. Daraus ergeben sich die Akkulturationsorientierungen Integration, Assimilation, Segregation (statt Separation wie bei Berry) und Exklusion, beziehungsweise Individualismus (statt Marginalisierung). Wenn sowohl Kulturerhalt, als auch Kulturübernahme erwünscht sind, so liegt die AE Integration vor. Die AE Assimilation hingegen, wenn Kulturerhalt unerwünscht und Kulturübernahme gefordert wird. Gegenteilig besteht die AE Segregation, wenn Kulturübernahme nicht erwünscht ist, ihnen der Erhalt ihrer Kultur aber zugestanden wird. Personen die AE Segregation vertreten, bevorzugen die Organisation der Zuwanderer in separaten Enklaven, da sie versuchen den Kontakt zu Zuwanderern eher zu meiden. Unter Exklusion verstehen Bourhis et al. (1997) die Ablehnung sowohl der Kulturübernahme der eigenen Gesellschaft, wie auch der Erhalt der eigenen Kultur. Personen die diese AE vertreten, wollen Migranten das Recht verwehren, ihre eigene Kultur zu behalten, sind jedoch auch der Meinung, dass sie nie gleichberechtigte Mitglieder der Aufnahmegesellschaft sein können. Oftmals kommen Menschen, welche diese Einstellung vertreten aus der rechten Szene. Individualismus ist eine Sonderform die mit der Ablehnung von Gruppenzugehörigkeit einher geht.

Abbildung 1: Akkulturationsorientierung der Aufnahmegesellschaft

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Bourhis et al. (1997: 380)

Bourhis (1997) Interactive Acculturation Modell (IAM) ergibt sich also durch die Erweiterung von Berrys Akkulturationsmodell durch die Berücksichtigung der Aufnahmegesellschaft und der dynamischen Beziehung zwischen den AE der Zuwanderer und den AE der Aufnahmegesellschaft. Die beiden Dimensionen, nach welchen er die Akkulturationseinstellungen definiert sind die Frage nach Kulturerhalt und Kulturübernahme. Daraus ergeben sich die AE Integration, Assimilation, Segregation und Exklusion beziehungsweise Individualismus.

2.2 Bildung und Akkulturation

Der Zusammenhang zwischen Bildung und dem Maß an Fremdenfeindlichkeit, welches eine Person zeigt, wurde in unterschiedlichen Studien schon nachgewiesen (Hopf 1999; Coenders & Scheppers 2003; Hainmueller & Hiscox 2007; Rippl & Seipel 2002). Betrachtet man die Operationalisierung von Fremdenfeindlichkeit genauer, so fällt auf, dass oftmals Variablen zur Messung von Fremdenfeindlichkeit herangezogen werden, die genau genommen Akkulturationseinstellungen abbilden. In der Studie von Friesl et al. (2010: 10) oder Rippl & Seipel (2002: 86) wird beispielsweise recht ausführlich auf die Operationalisierung von Fremdenfeindlichkeit eingegangen. Aussagen wie ‚Ausländer sollten ihren Lebensstil ein bisschen besser an den der Inländer anpassen‘, oder ‚Ausländer sollten sich ihren Ehepartner unter ihren eigenen Landsleuten auswählen‘ (Friesl et al. 2010: 10) werden dabei zur Feststellung von Fremdenfeindlichkeit herangezogen. Da die Operationalisierung von Fremdenfeindlichkeit auch Akkulturalisierungseinstellungen beinhaltet, liegt es nahe anzunehmen, dass Bildung auch einen Effekt auf Akkulturationseinstellungen haben könnte.

Die Argumente, welche in der Forschung für Fremdenfeindlichkeit bezüglich der Bildung formuliert werden sind sehr vielfältig. Bildung trägt unter anderem zur Entwicklung der kognitiven Kapazitäten und Fähigkeiten bei. Damit wird die Analyse von anspruchsvolleren Problemen und kritischem Denken erleichtert, sowie eine differenzierte Aufnahme und Verarbeitung von Informationen ermöglicht. Diese durch Bildung erworbenen Fähigkeiten vermindern die Neigung der Anwendung vereinfachender Erklärungsmuster, welche oft in Vorurteilen resultieren (Coenders & Scheepers 2003: 217; Hainmüller & Hiscox 2007: 405). Deshalb wird angenommen:

H1: Je länger eine Person im Bildungssystem verbleibt, desto eher ist sie geneigt die AE Integration im Vergleich zu Assimilation oder Segregation zu wählen.

Ein weiteres Argument ist der Wissenserwerb im Bildungsverlauf. Es wird davon ausgegangen, dass Vorurteile durch fehlende Aufklärung und Wissen über bestimmten Sachverhalte entstehen. Stereotypisierungen stellen immer vereinfachte und generalisierte Annahmen dar, welche fälschlicher Weise auf alle Gruppenangehörigen angewandt werden. Aus solchen simplifizierten Annahmen können fremdenfeindliche Einstellungen resultieren. Durch den schulischen Bildungsprozess werden Wissen und Informationen vermittelt. Je mehr Personen wissen, desto weniger müssen sie sich bei der Erklärung von bestimmten gesellschaftlichen Vorgängen durch Stereotype und Vorurteile behelfen. Außerdem sind Personen, je länger sie im Bildungssystem verbleiben, umso eher in der Lage, die Komplexität und Multikausalität der Gesellschaft zu durchdringen und deshalb weniger geneigt, vereinfachte Ansichten zu entwickeln, aus welchen oft Vorurteile entstehen (Coenders & Scheepers 2003: 317). Es wird deshalb angenommen, dass Vorurteile eine vermittelnde Rolle zwischen Bildung und der Entstehung von Akkulturationseinstellungen einnehmen.

H2: Je länger eine Person im Bildungssystem verbleibt, desto weniger stark sind deren Vorurteile gegenüber Zuwanderern, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, die AE Integration statt Assimilation oder Segregation zu vertreten.

Außerdem trägt das in der Schule vermittelte Wissen dazu bei, auch andere Normen und Werte, als die in der eigenen Gruppe vertretenen, zu verstehen und wertzuschätzen (Coenders & Scheepers 2003: 317).

H3: Je länger eine Person im Bildungssystem verbleibt, desto größer ist die Befürwortung einer multikulturellen Gesellschaft, desto größer die Wahrscheinlichkeit, die AE Integration anstelle von zu Assimilation oder Segregation zu vertreten.

Unter multikultureller Einstellung wird dabei die allgemein positive Grundhaltung gegenüber Zuwanderern und kultureller Diversität verstanden. Dies impliziert die positive Bewertung von Kulturerhalt der ethnischen Gruppen und die Auffassung der gleichwertigen Einschließung der unterschiedlichen Kulturen in der Gesellschaft (Citrin et al. 2001: 254f.). Da eine multikulturalistische Einstellung den Wunsch nach Kulturerhalt der Zuwandererbevölkerung enthält, wird der Zusammenhang von Mulitkulturalismus zu AE angenommen.

Des Weiteren besagt die Sozialisationstheorie (Coenders & Scheepers 2003: 318), dass Bildungsinstitutionen Werte, Normen und Verhaltensweisen vermitteln, welche in der Gesellschaft als angemessen gelten. Die Schule stellt dabei die wichtigste Institution bei der Weitergabe dieser offiziellen Kultur dar, welche sich vor allem auf wissenschaftliche, demokratisch und tolerante Werte stützt.

Die Internalisierung der offiziellen Kultur einer Gesellschaft kann mit einer gewissen Verbundenheit oder gar Stolz auf diese Werte einhergehen (Coenders & Scheepers 2003: 319). Der Stolz auf die demokratische offizielle Kultur des Landes soll deshalb als demokratischer Patriotismus bezeichnet werden. Mit der Verbundenheit mit toleranten Werten wird eine pluralistische Einstellung und deshalb eine Bevorzugung der AE Integration unterstellt. Aus diesen Annahmen wird folgende Hypothese formuliert:

H4: Je länger eine Person im Bildungssystem verbleibt, desto größer ist ihr Stolz auf die demokratische Kultur des Landes, desto größer die Wahrscheinlichkeit, die AE Integration statt Assimilation oder Separation zu vertreten.

Patriotismus kann sich jedoch auch in einer undifferenzierten, unkritischen Bindung an das eigene Land äußern und eventuell auch mit einer Abwertung von anderen Personen und Gruppen einhergehen (Becker et al. 2007: 132). Nach Tajfel & Tuner (1979) und ihrer Theorie der sozialen Identität hilft die Bindung an soziale Gruppen und so auch die Bindung an Nationen, die eigenen Identität zu bestimmen. In einer anderen Studie zeigt Tajfel (1981), dass höher gebildetere Personen ein stärker ausgeprägtes Selbstwertgefühl besitzen und deshalb weniger geneigt sind, ihre soziale Identität an der nationalen Identität festzumachen und ihre eigene Nation oder Kultur als einer anderen überlegen zu bewerten. Diese Art von Patriotismus soll hier als identitärer Patriotismus bezeichnet werden. Deshalb wird angenommen, dass Personen die einen solchen identitären Patriotismus vertreten, ihre Kultur als überlegen wahrnehmen und deshalb der Meinung sind, dass Zuwanderer sich anzupassen haben. Aus diesen Überlegungen wird die fünfte Hypothese formuliert:

H5: Je länger eine Person im Bildungssystem verbleibt, desto weniger ausgeprägt ist deren identitärer Patriotismus, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, die AE Assimilation anstelle von Integration oder Segregation zu vertreten.

Darauf hinzuweisen ist, dass der Effekt der Bildung jedoch auch grundsätzlich überschätz werden könnte, da Personen die länger im Bildungssystem verbleiben, sich auch der gesellschaftlich angebrachten Werte bewusst sind und ihre Antworten nach der sozialen Erwünschtheit ausrichten (Coenders & Scheepers 2003: 318).

Länger andauernde Bildung wirkt sich also durch die Sozialisierung im Bildungssystem, als einem tolerante Werte vermittelndem Umfeld, durch Wissensvermittlung, wie die Erweiterung der kognitiven Kompetenzen, auf Personen aus. Auch die Ausbildung von Selbstsicherheit wird unterstützt. Das Antwortverhalten der Befragten nach sozialer Erwünschtheit kann zur Überschätzung des Bildungseffektes führen.

3 Daten, Variablen und Methode

3.1 ALLBUS 2014

Zur Beantwortung der Forschungsfrage soll als Datengrundlage die Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS) herangezogen werden. Der ALLBUS ist ein nationales Datengenerierungsprogramm, welches vor allem den sozialen Wandel als Untersuchungsgegenstand sieht (Wasmer et al. 2012: 6). Die empirischen Ergebnisse, welche in dieser Arbeit präsentiert werden, basieren auf dem Datensatz des ALLBUS 2014. Die Befragung wurde durch mündliche Interviews mit einem vollstrukturierten Fragebogen (CAPI) durchgeführt (Wasmer et al. 2012: 16). Die Nettofallzahl des ALLBUS 2014 beträgt N = 3480 Befragte.

Aufgrund des thematischen Schwerpunktes des ALLBUS 2014 mit einem Fragebogensplit zum Thema ‚nationale Identität‘ (GESIS 2015), erweist sich der ALLBUS 2014 zur Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Bildung und den Akkulturationseinstellungen, als besonders günstig.

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Details

Seiten
20
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668574205
ISBN (Buch)
9783668574212
Dateigröße
769 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v380770
Note
1,0
Schlagworte
Akkulturationseinstellungen Integration Assimilation Bildung Migration

Autor

  • Neema Li (Autor)

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