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Stadtvegetation und Neophytenausbreitung in Mitteleuropa

Seminararbeit 2006 19 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Allgemeines, Grundlagen

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Unterschied zwischen Stadt und Dorf

3. Geschichte der geobotanischen Forschung in Siedlungen

4. Besonderheiten der Stadt als Vegetationsstandort

5. Pflanzenarten, die in Siedlungen heimisch sind

6. Anwendungsaspekte und Nutzen der Stadtvegetation

7. Anhang

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Gebiet der geobotanischen Forschung in unserem Städten ist erst seit ca. 20 Jahre verstärkt in den Interessen - Blickpunkt von Forschung und Naturschutz gerückt, obwohl dieser Lebensraum doch für die meisten Menschen Wohnort, Arbeitsplatz und Freizeitraum darstellt.

Bei vielen Menschen ist ein gesteigertes Umweltinteresse zu verzeichnen. Gerade Kinder haben ein Verlangen, das was um Sie herum passiert erklärt zu bekommen und somit auch besser verstehen zu können. Daher bietet sich für eine Einführung in die Vegetationskunde das am nächsten gelegene Ökosystem, die Stadt, sehr an. Die Vorteile dieses Untersuchungsgebiets liegen auf der Hand: Erstens sind die Untersuchungsobjekte, wenn man nicht sogar das ganze Stadtgebiet als solches sieht, in unmittelbarer Nähe.

Zweitens besteht in diesen nur eine relativ geringe Gefahr schützenswerte Pflanzengesellschaften durch unachtsame Auftritte oder andere Störungen bei der Untersuchung zu schädigen, wie dies zum Beispiel, gerade bei Schülern, während einer Exkursion zu nahe liegenden Wäldern oder anderen natürlichen (und dadurch auf anthropogene Störungen empfindlicher reagierende) Biotope geschehen kann.

Ein weiterer Interessanter Aspekt ist, dass die Teilnehmer eines solchen Kurses die Möglichkeit haben ihre direkte Umgebung, die sie auch sonst immer um sich haben, aus einer wissenschaftlichen Blickrichtung zu betrachten und ihr erworbenes Wissen auch später ständig anwenden können.

Auf Grund seiner starker Dynamik und extremen Belastungen durch den Menschen stellt der Standortkomplex Stadt einzigartige Anforderung an die Vegetation, welche darauf mit unterschiedlichsten Anpassungen, aber auch mit einer Veränderung ihrer Artenzusammensetzung reagiert. Der Lebensraum Stadt bietet daher eine breite Palette an Untersuchungsobjekten anhand derer man die Menschen zu einem bewussten Wahrnehmen der Pflanzen, deren Reaktionen auf (anthropogene) Störungen und ihre Verteilungsmuster anregen kann.

Diese Arbeit soll einen kleinen Überblick über das komplexe Gebiet der Stadtvegetation geben und zum Ende weitere Anwendungen bzw. Ziele der geobotanischen Forschung in Städten aufzeigen.1

2. Der Unterschied zwischen Stadt und Dorf

Im folgenden möchte ich kurz die wichtigsten Punkte skizzieren, welche den Unterschied zwischen der Stadt und einem Dorf ausmachen. Da man sich diese für die Betrachtungen in den nachfolgenden Kapiteln noch einmal vor das Innere Auge holen sollte.

Im Allgemeinen lässt sich sagen, dass alle Merkmale aufgrund des Einflusses des Menschen und seiner Bedürfnisse im Laufe der Zeit entstanden sind und mit der Größe der Siedlung mehr oder weniger korrelieren, d.h. grob gesagt, je größer eine Stadt ist, sowohl in Bezug auf ihre Einwohnerzahl als auch ihre Abmessungen, desto stärker sind die einzelnen Merkmale ausgeprägt.

Der erste große Unterschied zwischen Stadt und Dorf liegt in der Art der Bebauung. Diese ist in der Stadt, aufgrund der Tatsache, dass deutlich mehr Menschen auf weniger Raum leben müssen (höhere Einwohnerdichte als in einem Dorf), erheblich dichter und ausgeprägter, als dies in einem Dorf der Fall ist. Es ist weniger Platz für Ein- bzw. Mehrfamilien Häuser, mit angeschlossenem Garten. Die Bevölkerung wohnt hauptsächlich in Häusern mit vielen Wohnungen und keiner oder nur kleiner Grünfläche.

Zusätzlich muss eine Stadt mit einem größeren Verkehrsaufkommen und damit direkt in Beziehung stehenden höheren Schadstoffemissionen, wie dies in einem Dorf, mit oftmals nur einer Hauptstraße, der Fall ist, zurecht kommen. Daraus resultiert als logische Folge eine erhöhte Konzentration von Verkehrswegen (Bebauungsdichte).

Für spätere Betrachtungen sollte man zusätzlich auf die Existenz großer Industrieund Gewerbegebiete in Städten und auf das Vorhandensein von Güterbahnhöfen oder Häfen und das damit einhergehende erhöhte Warenangebot, welches nicht nur Güter aus der Region beinhaltet, sondern auch exotische Lebensmittel, Pflanzen, Stoffe usw. hinweisen.

Der Versiegelungsgrad einer Stadt ist zwangsläufig höher als der in einem Dorf und kann in Innenstadtgebieten von Großstädten fast 100 Prozent erreichen. Die hohe Bodenversiegelungrate kann nur durch große Parkanlagen, Friedhöfe oder sonstige Grünflächen abgeschwächt werden.

Die Stadt zeigt sich als der am stärksten direkt anthropogen geprägte Lebensraum, welcher daher auch den extremsten Unterschied zum ehemaligen Naturraum, wie er früher einmal vorherrschte, darstellt.

Städte haben eine sehr unterschiedlich lange Stadtgeschichte hinter sich und haben sich daher auch auf unterschiedliche Weise zu ihrem aktuellen Erscheinungsbild entwickelt. Es gibt Städte, die schon auf die Römerzeit zurück gehen, andere die im Mittelalter ihren Ursprung finden und solche die erst in der Neuzeit gegründet und somit meistens planmäßig angelegt worden sind oder sich aus Dörfern entwickelt haben. Diese Stadtentwicklungen geschahen nicht zufällig, sondern hatten geographische, wirtschaftliche und teilweise politisch-militärische Hintergründe.2

3. Geschichte der geobotanischen Forschung in Siedlungen

Die gezielte Erforschung von Siedlungen hat erst sehr spät begonnen. So schreibt beispielsweise FITTER noch 1945 in Londons natural history London botanists have shamefully neglected the opportunities for studying the flora of the waste sites that lie under their noses.3

Und dies obwohl gerade das Ökosystem Stadt einen äußerst interessanten Lebensraum darstellt, von dem die meisten Menschen zudem direkt umgeben sind. Die ersten Untersuchungsobjekte waren Flechten, diese wurden bereits im 19. Jahrhundert untersucht. Aber auch in der heutigen geobotanischen Forschung nimmt ihre Erforschung und Untersuchung noch einen hohen Stellenwert ein (s.Kap. 6).

Ein weiteres Gebiet dem die Botaniker relativ früh ihre Aufmerksamkeit widmeten war die Adventivfloristik. In diesen Bereich fallen alle Pflanzenarten, die Menschen im Laufe der Geschichte absichtlich oder unabsichtlich eingeführt haben und nicht zur heimischen Flora gehören. Die Adventivflora darf aber nicht mit Kultur- und Zierpflanzen verwechselt werden, da diese im Gegensatz zu den Erstgenannten nicht spontan, also nicht wildwachsend vorkommen. Das vermehrte vorkommen dieser Adventivpflanzen lässt sich vor allem an Bahnhöfen, Hafengeländen und Müllplätzen beobachten. Ursachen hierfür werden im Kapitel 5 (vgl. Neophyten) aufgezeigt. Es ist daher leicht nachvollziehbar, dass diese Gebiete auch die ersten waren die von Botanikern genau untersucht wurden.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs rückten vor allem die Trümmerflächen in den Mittelpunkt der Untersuchungen. Diese gehörten zusammen mit Müllplätzen auch zu den ersten städtischen Gebieten, die einer genaueren pflanzensoziologischen Untersuchung unterzogen wurden.

Die erste Stadt, die eine systematische komplett Untersuchung erfuhr, war Berlin. Weitere Arbeiten für große Mitteleuropäische Städte folgten (z.B. für die polnische Stadt Chelm). Umfassende Bestandsaufnahmen wurden zuerst von WITTIG (1973) und BORNKAMM (1974) für Münster bzw. Köln angestellt.

Ein sehr junger und interessanter Zweig der Stadtbotanik, auf den ich in Kapitel 6 näher eingehen werde, ist die Bioindikation. Diese wird zum Beispiel für die Bewertung der Luftqualität oder der Einteilung von Stadtgebieten in verschiedene Hemerobiestufen4 („Synanthropisation“) benutzt (s. Kap. 6).

Der Aufschwung der geobotanischen Erforschung, der seinen Beginn in den 1970er Jahren hatte, kann an der steigenden Zahl der vorgenommen Bestandsaufnahmen und dem ebenfalls wachsenden Anteil derjenigen geobotanischen Arbeiten, die sich mit dem Thema Siedlung beschäftigen, gut beobachtet werden. Die Untersuchung von Dörfern hat noch später begonnen wie die der Städte und ist längst nicht so ausgeprägt. Die ersten umfassenden Bestandsaufnahmen liegen erst 25 Jahre zurück.5

4. Besonderheiten der Stadt als Vegetationsstandort

Die Stadt als Pflanzenstandort zeichnet sich durch viele Veränderungen hinsichtlich der Standortfaktoren, die für Pflanzen relevant sind, aus. Die Ursache für diese Veränderungen sind zum größten Teil, die in Kapitel 2 angesprochenen baulichen Unterschiede zum Umland. Der Mensch wirkt sowohl indirekt, durch seinen Einfluss auf abiotische Standortfaktoren, als auch direkt auf die Vegetation ein. Stellenweise wird der Mensch zum wichtigsten Standortfaktor.

Die wichtigsten Standortfaktoren für Pflanzen sind der Boden, das Klima und die damit in engem Zusammenhang stehende Wasserversorgung. Die Veränderung dieser Faktoren in der Stadt hat zum einen auf die Pflanzen direkt Einfluss, die mit einer Anpassung reagieren, als auch auf die Zusammensetzung der Vegetation (s. Kap 5).

Das Klima ist in Städten so charakteristisch verändert, dass man heutzutage von einem eigenen „ Stadtklima“ spricht.

Dieses Klima weißt hauptsächlich drei große Unterschiede zum Umland auf:

Erstens ist die Stadt wärmer als das Umland, vor allem weniger kalte Winter und Nächte sind hier hervorzuheben. Zweitens eine erhöhte Trockenheit des städtischen Klimas, dessen Wirkung auf die Pflanzen auch noch durch den hohen Versiegelungsgrad verstärkt wird. Und drittens eine geringere Einstrahlung aufgrund der Dunsthaube, die vor allem im Sommer über Städten ausgeprägt ist. Alle weiteren Veränderungen von Klimaparametern sind in der folgenden Tabelle abgebildet:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab.1 Veränderungen von Klimaparametern in Siedlungsgebieten (aus Kuttner 1998 Ursachen und Auswirkungen auf die Stadtflora (nach WITTIG 1991, ergänzt).

[...]


1 Vgl.: BRANDES, D. (32. Jahrgang 1983). Stadtvegetation als Unterrichtsgegenstand. Praxis der Naturwissenschaft Heft 2. S.35

2 Vgl.: WITTIG, R. (2002). Siedlungsvegetation. Stuttgart: Eugen Ulmer,S. 9-12

3 FITTER, R.S.R (1945) Londons natural history. London: Collins

4 Hemerobiestufen geben den Grad der Gestörtheit eines Gebietes an und können auf Grundlage von verschiedenen Parametern (z.B. Anteil Neophyten) eingeteilt werden. Manche Pflanzenarten können nach der Meinung von Experten auch als Zeigerarten für bestimmte Hemerobiestufen angesehen werden.

5 Vgl.: WITTIG, R. (2002). Siedlungsvegetation, Stuttgart: Eugen Ulmer, S. 13-16

Details

Seiten
19
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783668581715
ISBN (Buch)
9783668581722
Dateigröße
1.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v381091
Institution / Hochschule
Karlsruher Institut für Technologie (KIT) – Geographie
Note
1,5
Schlagworte
Vegetation Stadtvegetation Europa Pflanzen Stadtklima

Autor

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