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Leistungsjunkies. Der Drogenkonsum des funktionierenden Menschen innerhalb der Leistungsgesellschaft

Studienarbeit 2017 16 Seiten

Kulturwissenschaften - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

1. Vorwort

2. Einleitung

3. Eine kranke Leistungsgesellschaft

4. Doping als Systemzwang?

4.1Beispiel Methylphenidat

5. Die Pharmaindustrie

6. Gegenbeispiel Cannabis

7. Drogenwirklichkeit

8.Schlussuberlegungen

Literaturverzeichnis

l. Vorwort

Wenn du etwas werden willst, dann musst du montags bis freitags punktlich um acht Uhr morgens im Schulunterricht sitzen und zuhoren. Naturlich, dasfallt dir schwer mit deiner Konzentrationsstorung, und zu der Zeit sind Kinder noch nicht aufnahmefahig, aber mit taglicher Ritalin-Einnahme wird das schon. Du schreibst schliefilich Klassenarbeiten, dessen Noten deine Zukunft bestimmen werden. Und dann, wenn du deine Pubertat in den Griff kriegst und dein Abi- Notendurchschnitt gut genug ist, schaffst du es ja vielleicht auf eine Universitat. Studiere aber blofi was sinnvolles, etwas, was dir spater einen Job verschafft. Kunstlerisch ausleben kannst du dich ja in deiner Freizeit. Aber entscheide dich schnell, der Ernst des Lebens wartet nicht. Geniefie deine Studienzeit, denn so viel Freiheit und so wenig Verantwortung wirst du nie wieder haben. In deiner eigenen Wohnung kannst du dann schalten und walten wie du willst. Nun, so wie esfur deine Mitbewohner ertraglich ist, realistisch gesehen kann man sich als Student keine eigene Wohnung leisten. Eine WG dagegen kannst du durch Nebenjobs finanzieren. Hat aber auch seine Vorteile, immer Leute da zu haben, mit denen du am Wochenende einen heben kannst, um Druck abzulassen. Aber ubertreib das nicht, lerne blofi gut fur deine Prufungen und sammle genug Credit Points, damit du deine Regelstudienzeit einhalten kannst. Habe gehort, dass ein paar Leute wahrend der Prufungsphasen Modafinil oder Ritalin einschmeifien, hat dir als Kindja auch gut geholfen. Ist wohl ejfektiver, als sich zum Lernen mit Energydrinks die Nachte um die Ohren zu schlagen.

Nach dem Bachelor solltest du noch deinen Master machen, es ist schliefilich bekannt, dass man mit einem Bachelor heutzutage nichts mehr wird. Naturlich, es ist schwierig einen guten Job zu finden, vor allem direkt nach dem Studium. Wenn du Karriere machen willst, dann solltest du dich ranhalten, solange du noch jung bist. Deswegen solltest du dich schon bewerben, wahrend du deine Bachelor Thesis schreibst. Auf die Familiengrundung kannst du dich ja konzentrieren, sobald du einen festen Arbeitsplatz hast, also nimm schon regelmafiig die Pille. Fur ein Baby hast du jetzt wirklich keine Zeit.

Deine Depressionen solltest du auf jeden Fall zwischendurch behandeln lassen, habe gehort, dass man die mit den richtigen Medikamenten gut zuruckhalten kann. Du musst einfach hundert Prozent da sein, um deine Chancen nutzen zu konnen.

Klar, vielleicht wirst du auch erstmal einen Job annehmen, der nicht ganz deinen Vorstellungen entspricht, aber du willstja schliefilich auch nicht bei den ganzen Fixern auf der Strafie landen. Bei deiner 45 Stunden Woche wirst du schon die Zeit haben, dich noch nach etwas neuem umzuschauen. Und wenn dich dein Chef um Uberstunden bittet, dann willige blofi ein. Meistens werden die zwar nicht bezahlt, aber von seiner Bewertung hangtja auch dein Arbeitsmarkt-Wert ab. Deine Schlaflosigkeit hilft dir da naturlich nicht, lass dir dafur lieber was verschreiben. Und mit der richtigen Menge an Kaffe im Buro bist du dann wieder fit. Ansonsten gibt’s da ein paar Helfer aus der Apotheke, nichts schlimmes, die du sogar rezeptfrei bekommst. Die Konkurrenz schlaft schliefilich auch nicht und wenn man sich den demographischen Wandel und das steigende Renteneintrittsalter anschaut, wirst du noch etwas durchhalten mussen.

Aber lass dich nicht gehen, wenn du den ganzen Tag auf einem Schreibtischstuhl sitzt, gutes Aussehen kann dir Turen offnen. Wenn du es nicht in das Fitnessstudio schaffst, dann achte zumindest auf die richtige Ernahrung. Ein paar Vitamine und Nahrungserganzungsmittel dazu, dann brauchst du dir keine Sorgen mehr uber deine Fettrollchen zu machen.

Du willstja nicht so aussehen, als hattest du die Kontrolle uber dich verloren.

2. Einleitung

Alle Menschen des 21. Jahrhunderts konsumieren Drogen. Der eine oder andere mochte bei dieser Aussage vielleicht protestieren, aber das ruhrt dann vermutlich daher, dass der Begriff ,,Droge“ eine negative Konnotation hat und aufierdem vollkommen unterschiedlich definiert wird. Der Gebrauch von illegalen Substanzen wie beispielsweise Heroin, Kokain und Cannabis wird meist als „Drogenmissbrauch“ bezeichnet und lasst das Bild eines kranken, abgehalfterten Junkies entstehen. Der gesellschaftskonforme Mensch konsumiert ebenfalls Drogen, ohne jedoch dafur geachtet zu werden, oder wirklich zu wissen, was ihn von den ,,Junkies“ unterscheidet. Der Trick ist, so meine Theorie, dass sich das Konsumverhalten des funktionierenden Menschen perfekt in das System der modernen Leistungsgesellschaft eingliedern lasst und nicht zuletzt von ihr auferlegt wurde, was ich im Folgenden naher beleuchten mochte.

3. Eine kranke Leistungsgesellschaft

„Jeder funfte Deutsche erkrankt an Depressionen, etwa 54 000 Menschen sind 2007 wegen psychischer Probleme fruhzeitig mit der Diagnose Burn-out in Rente gegangen. Mehr als die Halfte der Erwerbstatigen ist unzufrieden mit der Arbeit, die sie verrichten. Jeder zweite hat Angst um seinen Arbeitsplatz. Jeder zehnte empfindet seine Arbeit als gesundheitlich belastend. Mehr als 1.4 Millionen Arbeitnehmer in der BRD schlagen sich durch mit einem Zweitjob. Da ist eine ausgeglichene Work-Life-Balance kaum zu erwarten.“ (Amendt 2014: 214 f.)

Bereits 2003 spricht Gunther Amendt von dem „ [...],,neue[n] Mensch“ als Produkt eines Anpassungsprozesses an die Beschleunigungskrafte der Informationstechnologien [...]“ in der Veranderungsdynamik des anbrechenden, postindustriellen Zeitalters (Amendt 2003: 20, 21). Diese Beschleunigungskrafte eines Modernisierungsprozesses innerhalb eines kapitalistischen Systems, sind seit diesem Zeitpunkt nicht aufzuhalten. Die weltweite Vernetzung und neuen Moglichkeiten des Web 2.0, gehen einher mit der Globalisierung und einer Neustrukturierung von Arbeitsprozessen.

Sicherlich gibt es noch weitere zahlreiche Grunde fur eine steigende Uberlastung des modernen Menschen, denn Tatsache ist: Wir leben in einer kapitalistischen Leistungsgesellschaft, in der Effektivitat und Wachstum hochste Prioritat erhalten.

Alle der zentralen Ergebnisse des ,,DGB-Index Gute Arbeit“, welche 2015 erhoben wurden, sprechen fur diese Hypothese: 23 Prozent aller Beschaftigten, weisen uberlange Arbeitszeiten von 45 oder mehr Stunden pro Woche auf, wobei bei den Vollzeitbeschaftigten sogar 33 Prozent davon berichten. 17 Prozent der Vollzeitbeschaftigten geben sogar an, die vom Arbeitsgesetz vorgeschriebene Arbeitszeit mit mehr als 48 Stunden die Woche zu uberschreiten. 70 Prozent der uberlang arbeitenden Personen, fuhlen sich bei der Arbeit haufig oder sehr haufig gehetzt und unter Zeitdruck gesetzt, bei den normal arbeitenden Befragten sind es noch immer 49 Prozent, die mit dieser psychischen Belastung zu kampfen haben.

(DGB-Index Gute Arbeit 2016: 2 f.).

2009 betrifft dies ,,nur“ 36 Prozent der Befragten, wobei nur jeder zweite Beschaftigte wirklich davon ausgeht, seiner Tatigkeit unter den derzeitigen Bedingungen bis zum Renteneintrittsalter nachgehen zu konnen.

2009 erschien ebenfalls der DAK Gesundheitsreport mit dem Schwerpunktthema „Doping am Arbeitsplatz“, auf den ich noch intensiver eingehen werde. Auch hier wird alarmierend von einer starkeren Belastung durch die zunehmende Arbeitsverdichtung geredet. Die Muskel- Skelett Erkrankung lag 2008, zu dem Zeitpunkt der Erhebung, mit rund 22 Prozent Anteil am Krankenstand der versicherten Erwerbstatigen, wiederholt an der Spitze aller Krankheitsarten. Der Anteil am Krankenstand durch psychische Belastungen war auf 10,6 Prozent gestiegen (DAK 2009). Beide Erkrankungen wurden bereits in dem Report von 2005 und 2002 mit einer erheblichen Arbeitsbelastung, sowie einem wachsenden Zeit- und Leistungsdruck in Verbindung gebracht (DAK- BGW 2005).

Auch 2016 liegt die Muskel- Skelett Erkrankung wieder ganz oben an der Spitze mit 22,2 Prozent Anteil am Krankenstand. Und auf den zweiten Platz hochgeklettert: Psychische Erkrankungen, mit einem Anteil von 17,1 Prozent (DAK 2017).

Trotz allem, gehen die Beschaftigten immer haufiger krank zur Arbeit, wobei die Grunde je nach beruflicher Stellung variieren. Arbeitskrafte mit geringer Qualifikation furchten dabei meist um ihre Anstellung, Fuhrungskrafte nehmen uberdurchschnittlich zu viel Arbeit als Anlass das Phanomen ,,Prasentismus“ zu unterstutzen. (Schirmer 2011: 20 ff.)

All diese erhobenen Daten sind nicht genug, um ein umfassendes Bild des Leistungsdrucks aller Gesellschaftsschichten zu zeichnen und bieten aufierdem viele unterschiedliche Analyseansatze. Und doch lasst sich ein Trend erkennen: Die Leistungsgesellschaft verzehrt sich; im doppelten Sinne.

4. Doping als Systemzwang?

Das Prinzip der Leistungssteigerung durch Drogen ist keineswegs ein neues Phanomen. So bediente sich das Militar stets dieser, um ihre Soldaten zu dopen:

„Die Naziarmeen waren ausgerustet mit coffeinhaltiger Schokolade; Pervitin, ein hochpotentes Aufputschmittel, das zur Zeit als ,Yaba‘ beziehungsweise ,Ice‘ eine Renaissance am Schwarzmarkt erlebt, wurde vor allem in den letzten beiden Kriegsjahren massenhaft an die deutschen Truppen verteilt. Zur Zeit des Apartheidregimes orderte die sudafrikanische Regierung tonnenweise das Barbiturat Mandrax als Mittel zur Aufstandsbekampfung.“ (Amendt 2003: 30)

Die Liste liefie sich schier unendlich fortsetzen. Viel starker in der offentlichen Diskussion verankert ist allerdings das Thema ,,Doping im Leistungssport“. Sport ist langst ein fester Bestandteil der Unterhaltungsindustrie, welcher seinen Rezipienten erlaubt, Sportlern bei der fast ubernaturlichen, sensationellen Ausschopfung ihrer korperlichen Fahigkeiten zuzusehen. Dabei wird mit allen Mittel versucht, diese auf das Aufierste auszureizen, um dem Publikum genau das zu geben, was sich verkauft. Wo jeder Berufssportler Vitamine und Nahrungsmittel zu konsumieren hat, mussen die verbotenen Substanzen eng eingegrenzt werden. Mit den Anti-Doping-Gesetzen wurden strenge Sanktionen eingefdhrt. Auch diese vermogen es nicht, jeden Sportler von jeglichem Doping abzuhalten, aber doch ist es enorm wichtig, dass Einhalt geboten wird. „ Ein Sportereignis ist nicht die Feier der unverdorbenen Naturlichkeit, sondern die Inszenierung der technischen Verbesserung des menschlichen Korpers.“ (von Pelli 2002, zitiert nach Amendt 2003: 46). Ein US-amerikanisches Gericht stufte Drogenprobleme aufgrund eines Falles von einem Footballspieler, welcher von Trainer und Mitspielern mit Amphetaminen etc. versorgt worden war, sogar als Berufskrankheit von Footballspielern ein (Amendt 2003: 55).

Wenn Unterhaltungssport existentiell darauf angewiesen ist, den Rezipienten Unglaubliches zu bieten und der Sportler jede Konkurrenz schlagen muss, um wirklich erfolgreich zu sein, dann lasst sich nur in den dunkelsten Farben ausmalen, wie die Zustande ohne ein Doping-Verbot aussahen, denn: ,,Es ist die Wahrheit der Leistung. Wie sie zustande kommt, interessiert in einer Gesellschaft, die sich dem Leistungsprinzip verschrieben hat, nur am Rande.“ (Amendt 2003: 46).

Beispiele bietet das Doping im Freizeitsport, welches nicht derart strengen Kontrollen und Sanktionen unterliegt. Substanzen wie Testosteron, Insulin, Wachstumshormone durfen legal verwendet werden und der Markt fur Nahrungserganzungsmittel ist gigantisch.

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