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"Lesen" von Elke Heidenreich zur Förderung des literarischen Verständnisses von Schülern

Die Entdeckung der Alterität der Kurzgeschichte

Hausarbeit 2017 22 Seiten

Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2.Sachanalyse - Die Alterität des Textes erfahren

3.Die analytische Lektüre - Die Gestaltung der Alterität wahrnehmen

4. Didaktische Analyse – Fragehorizonte entwerfen

5. Didaktische Analyse – Fragehorizonte entwerfen
5.1 Arbeitsziele und –prozesse konzipieren

6.Entwicklung von Lernaufgaben

1.Einleitung

„Wenn unsere Politiker mehr lesen würden, wären sie nicht solche langweiligen Hanseln.“

Elke Heidenreich

Elke Heidenreich polarisiert und regt zum Denken an. Sie ist eine Schriftstellerin und Literaturkritikerin, die besonders durch ihre Literatursendung „Lesen!“ aufsehen erregte. Sie selbst sagte über ihre Sendung, dass es ihr nicht darum gehe, Literaturkritik vorzuführen, sondern beim Leser Begeisterung und Leidenschaft zu wecken. „Ein Buch muss fesseln, alles andere zählt nicht.“[1] Wenn Geschichten zu Texten werden und Texte dekonstruiert werden, dann verdampft die Bedeutung und „die Leselust gleich mit.“[2] Nicht nur Elke Heidenreich vertritt die Ansicht, dass die unendliche Zerlegung von Geschichten einen Text „tötet“. Seltsam, denkt man sich. Genau das ist es doch, was wir in der Schule bis zur unendlichen Erschöpfung praktiziert haben. Reflektiert man dieses Vorgehen heute, ist wohl unverkennbar, dass keiner – außer der Lehrperson selbst – zum Selbstdenken und Kreativ-Sein angeregt wurde. Wie Elke Heidenreich in ihrem Zitat wunderbar veranschaulicht, „macht“ das Lesen etwas mit dem Leser; es beeinflusst ihn. Innere Prozesse werden angeregt, die Einfluss auf unsere Kreativität, unsere Wahrnehmung und unsere Denkweise nehmen. Nun bleibt die Frage offen, wie diese Prozesse angeregt werden können, wenn im Unterricht ausschließlich die von dem Lehrer fertig interpretierten Texte besprochen werden, die die Lehrperson „blind und taub macht für Beobachtungen und Überlegungen der Schüler“[3] ? Hier kommt der von Wolfgang Iser eingeführte Begriff der „Leerstelle“/ „Unbestimmtheitsstelle“ ins Spiel. Sie entsteht dort, wo sich die literarischen Texte auf der einen Seite von der vorfindlichen Wirklichkeit abheben (sonst wären sie banal) und sich auf der anderen Seite auf diese beziehen (sonst wären sie phantastisch).[4] Hier soll die Aktivität und Kreativität des Lesers angeregt werden. Für den Lehrer bedeutet das also, dass er diese Leerstellen erkennen muss, um seine Schüler selbst aktiv werden zu lassen und sich selbst dabei etwas zurücknimmt. Hans Lösener hat dafür einen „Fahrplan“ entwickelt, der dem Lehrer helfen soll, die Alterität eines Textes zu erkennen, um den Schülern die Möglichkeit zu geben, ihren ganz eigenen Zugang zu literarischen Texten zu finden.

Anhand dieses Fahrplans soll im Folgenden die Kurzgeschichte „Lesen“ von Elke Heidenreich für den Unterricht vorbereitet werden.

2.Sachanalyse - Die Alterität des Textes erfahren

Zu Beginn möchte ich einen ersten Wirkungseindruck von der Kurzgeschichte bekommen und möglicherweise bereits Besonderheiten entdecken.

Der erste oberflächliche Blick auf den Text erweckt in mir sofort eine gewisse Neugierde. Der Grund dafür ist die Kürze der vorliegenden Geschichte. Wenn ein Text nur aus 6 Zeilen besteht, muss er wirklich aussagekräftig sein oder er muss viel Spielraum für eigene Gedanken lassen. Ich habe das Bedürfnis ihn zu lesen und frage mich sofort, ob es ein Zufall ist, dass mein erster Gedanke mit dem Titel der Kurzgeschichte übereinstimmt: „Lesen.“ Diese Erkenntnis erweckt in mir noch stärker das Interesse am Text, da es wie eine friedliche Aufforderung des Autors auf mich wirkt: Lies den Text, der Text ist lesenswert. Ich gebe mich dieser Aufforderung hin und beginne zu lesen.

LESEN

Ich steige ins Taxi, der Fahrer liest in einem Buch. Ich sage ihm, wohin ich möchte, er seufzt, fährt los, das Buch offen auf dem Schoß. Die Ampel ist rot, er liest weiter. Die Ampel wird grün, er liest, bis es hinter ihm hupt, dann fährt er los, in aller Ruhe.

Das wiederholt sich an jeder Ampel.

Ich finde das sehr komisch, irgendwie auch sehr schön, und als ich ausgestiegen bin, ärgere ich mich, dass ich ihn nicht gefragt habe, was er da liest.

Meine Neugierde auf den Text hat sich trotz des Lesens nicht verringert, im Gegenteil. Ich bin beeindruckt von der Wirkung des Textes, die mich vollkommen einnimmt. Die Frage, die ich mir sofort stelle ist: Was für ein Buch liest der Taxifahrer? Ich bekomme Lust darauf, dasselbe Buch zu lesen und ärgere mich ein bisschen darüber, dass der Erzähler den Taxifahrer am Ende nicht nach dem Titel des Buches gefragt hat. Diese Lust auf Lesen, die in mir aufkommt, lässt mich sofort wieder an den Titel denken und ich bin jetzt noch unschlüssiger, auf was genau der Titel anspielt. Ist es, wie zu Beginn vermutet, eine Aufforderung an den Leser oder ist damit die Tätigkeit des Taxifahrers gemeint, um den es in der Geschichte geht? Es könnte auch der Wunsch des Fahrgasts sein, als er aussteigt. Er ärgert sich da- rüber, dass er den Fahrer nicht gefragt hat, was er liest. Das impliziert, dass er großes Interesse am Namen des Buches hat, was wiederum darauf schließen lässt, dass er es selbst gerne lesen möchte, um zu erfahren, weshalb es so mitreißend ist. Sieht man den Titel allgemeiner oder als „Message“ der Geschichte, so könnte dies auch eine Aufforderung an den Leser sein, nicht nur diese Kurzgeschichte zu lesen, sondern sich allgemein mehr mit dem Lesen zu beschäftigen, um selbst zu erfahren, was das Lesen mit einem „machen“ kann.

Was für mich mindestens genauso spannend ist wie die Vielfältigkeit des Titels, ist das Verhalten der beiden Personen. Zuerst möchte ich mich mit dem Taxifahrer beschäftigen. Was mich wundert, ist, dass ich mit dem Taxifahrer sympathisiere. Obwohl er seine Arbeit vernachlässigt, offensichtlich keinen großen Spaß an seinem Job hat und dies auch ungeniert vermittelt, so kann ich mich trotzdem in den Taxifahrer hineinversetzen und kann sein Verhalten nachvollziehen. Ich denke, jeder, der schon einmal ein Buch gelesen hat, das er nicht mehr aus der Hand geben konnte, versteht den Taxifahrer. Das Lesen kann eine Sucht sein. Für diejenigen, die diese Art der Sucht bereits erfahren und als positiv empfunden haben, wird das Verhalten des Taxifahrers ein Stück weit verständlich sein. Diejenigen, die Sucht in eine andere, negative Beziehung setzen, werden wohl kaum Verständnis für den Taxifahrer aufbringen können. Ich jedenfalls kann sein Handeln nachempfinden und finde es schön, dass er seine Augen kaum von den Wörtern in seinem Buch lösen kann. Diese Leidenschaft für sein Buch wird für mich besonders durch das Seufzen deutlich, als der Mitfahrer einsteigt und ihm sagt, wohin er möchte. Es scheint den Fahrer eine unglaubliche Überwindung zu kosten, seinen Blick vom Buch zu lösen, um seiner Arbeit nachzugehen. Den genauen Grund für sein Seufzen kennen wir allerdings nicht. Ist es die stille Enttäuschung darüber, dass ein neuer Kunde eingestiegen ist, weshalb er aufhören muss zu lesen? Oder hat der Fahrer in diesem Moment etwas in seinem Buch gelesen, was ihn automatisch zum Seufzen verleitet? Im ersten Fall wäre der Seufzer der Punkt, in welchem der Taxifahrer aus seiner fiktiven Welt zurück in die Realität gelangt. Im zweiten Fall wäre der Taxifahrer weiterhin in der Welt des Buches, was seine Wahrnehmung im nachfolgenden Geschehen definitiv beeinträchtigen würde. Was die zweite Lesart unterstützen würde, wäre das Verhalten während der Fahrt. Der Taxifahrer nutzt jede Gelegenheit, um im Buch zu lesen und lässt sich auch von hektisch hupenden Fahrern hinter ihm nicht beeindrucken. Er fährt „in aller Ruhe“ (Z.3) weiter .

Versetzt man sich selbst in die Situation, werden die wenigsten behaupten können, dass sie in so einer Situation ruhig bleiben würden. Bei den meisten steigen der Blutdruck und die Herzfrequenz an, man atmet schneller und reagiert meist überhastet. Wieder wird deutlich, was für eine enorme Wirkung das Buch auf den Taxifahrer hat. Ich als Leser denke mir ständig, wie schön, wenn man sich für ein Buch so begeistern kann, dass es einen ganz und gar einnimmt, aber gleichzeitig denke ich an den Mitfahrer des Taxis, der es vielleicht eilig hat, der aber überraschenderweise meine Meinung teilt. Zu kaum einem Zeitpunkt im Text erfahren wir vom Erzähler etwas über seine Gefühle, Gedanken oder seine Meinung zu dem Verhalten des Taxifahrers. Bereits beim Einsteigen des Ich-Erzählers schildert er nur ganz objektiv und neutral die Ereignisse, wertet sie aber nicht. Er gibt uns lediglich Einblick in seine Beobachtungen. Dies gibt uns als Leser wieder die Möglichkeit, selbst kreativ zu werden. Den einzigen Anhaltspunkt, den wir bekommen, ist sein Gefühl beim Verlassen des Taxis. Er beschreibt es als „sehr komisch“, aber auch „sehr schön“. Nun stellt sich die Frage, ob der Erzähler bereits beim Einsteigen diese Auffassung vertreten hat, oder ob er im Laufe der Fahrt einen inneren Prozess durchlebt, der seine Denkweise letztendlich beeinflusst und verändert. Ich habe plötzlich den Wunsch, mich in den Erzähler hineinversetzen zu können. Was genau fühlt er während der Fahrt? Bekommen wir kaum Informationen über seine Gedanken, weil er viel zu beschäftigt damit ist, das Verhalten des Taxifahrers genauestens zu analysieren? Ist er so fasziniert und verwundert, dass es überhaupt keinen Spielraum für negative Gedanken lässt? Oder ist er anfangs noch irritiert und verärgert, entwickelt im Laufe der Fahrt dann aber eine Neugierde auf das Buch, die ihn seinen Ärger vergessen lässt? Wir können es nur erahnen. Den letzten Gedanken, den wir von dem Erzähler bekommen und der dem Leser definitiv im Kopf bleibt, ist sein Ärger darüber, dass er den Taxifahrer nicht danach gefragt hat, was für ein Buch er liest, bevor er ausgestiegen ist. Es scheint, als wäre dieser Gedanke der einzige, der zählt. Nicht die Gefährdung im Straßenverkehr, nicht der Widerwille mit dem der Taxifahrer seiner Arbeit nachgeht, nur das Buch, das Lesen, was nicht nur den Taxifahrer selbst, sondern auch seine Mitmenschen allein durch das Zusehen in den Bann zieht. Auch wir als Leser werden mitgerissen von der Leidenschaft und es bleibt weiterhin eine Frage offen, die uns brennend interessiert: Was für ein Buch liest der Taxifahrer?

3.Die analytische Lektüre - Die Gestaltung der Alterität wahrnehmen

Nachdem wir einen ersten Eindruck von der Besonderheit und Vielfältigkeit des Textinhalts gewonnen haben, soll nun im nächsten Schritt die Form der Kurzgeschichte analysiert werden. Dies kann uns möglicherweise Aufschluss darüber geben, weshalb wir diese Alterität im Text wahrnehmen.

[...]


[1] Spiegel, - http://www.tagesspiegel.de/medien/zum-geburtstag-die-vorschlaegerin/1166336.html, Zugriff am 22.06.2017

[2] Ebd.

[3] Fritzsche, Joachim 1994: Zur Didaktik und Methodik des Deutschunterrichts. Band 3: Umgang mit Literatur. Stuttgart: Klett. S. 75.

[4] Vgl. Iser, Wolfgang 1970: Die Appellstruktur der Texte. Unbestimmtheit als Wirkungsbedingung literarischer Prosa. Konstanz: Universitätsverlag. S.12

Details

Seiten
22
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668585331
ISBN (Buch)
9783668585348
Dateigröße
617 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v383037
Institution / Hochschule
Universität Stuttgart
Note
1,0
Schlagworte
lesen elke heidenreich förderung verständnisses schülern entdeckung alterität kurzgeschichte

Autor

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