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Alltagsrassismus in "Heimat, bittersüße Heimat". Eine Analyse der Darstellung alltäglicher Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung Afro-Deutscher

Hausarbeit 2017 19 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Das Schicksal Afro-Deutscher in Deutschland

2. Schwarze Deutsche im historischen Rückblick

3. Analyse des Stückes im Hinblick auf rassistische Begegnungen Afro-Deutscher
3.1 „Nichts [] ist erfunden und nichts ist genauso passiert.“
3.2 „‚Je bunter desto lieber‘ - das ist mein Lebensmotto.“
3.3 „[] könntest du mir vielleicht einen [afrikanischen] Laden empfehlen?“
3.4 „Ich kann ja gar nichts Rassistisches gesagt haben, weil ich ja mit einem Afrikaner verheiratet
bin!“
3.5. „Betrifft: Umbenennung von Straßennamen, die Kolonialverbrechen verherrlichen.“
3.6. „Heimat heißt: []“

4. Die „Superiorität von Weißen und Inferiorität von Schwarzen“ als Schandfleck der deutschen

Gesellschaft

Literaturverzeichnis

1. Einleitung: Das Schicksal Afro-Deutscher in Deutschland

„Als ich geboren wurde, war ich nicht schwarz und nicht weiß. Vor allen Namen, die ich bekam, hieß ich ‚Mischlingskind‘. Es ist schwer, ein Kind mit Liebe zu umgeben, wenn die Großeltern der Mutter sagen, daß das Kind fehl am Platze sei. […] Es wird alles noch schwerer, wenn die weiße Mutter nicht möchte, daß ihr Kind in eine schwarze Welt entführt wird. Auch die Gesetze erlauben nicht, daß der afrikanische Vater das deutsche Töchterchen zu einer afrikanischen Mutter bringt.“1

Dieses Zitat stammt von May Ayim. May Ayim war eine Afro-Deutsche, sie wurde in Deutschland geboren, hatte aber eine schwarze Hautfarbe. Sie war eine Literatin und Aktivistin und schrieb Texte über ihre Erfahrungen als Afro-Deutsche in einer deutschen, rassistischen Gesellschaft. May Ayim war die Inspiration für die Schau- spielerin und Regisseurin Lara-Sophie Milagro ein Theaterstück zu eben diesem Thema des Schwarz-Seins und dessen Problematiken in Deutsch zu schreiben.

Diese Arbeit soll eine Einführung in die von vielen Weißen Deutschen häufig nicht gesehene alltägliche Diskriminierung Schwarzer Deutscher bieten und die Fragen beantworten, wie diese rassistischen Denkmuster in der deutschen Gesellschaft ent- standen sind, wie sich der alltägliche Rassismus in Heimat, bittersüße Heimat dar- stellt und was dieses Stück erreichen will. Dabei kann auf Grund des begrenzten Rahmens der Arbeit nicht der Rassismus gegenüber aller ‚andersartigen‘ Menschen in Heimat, bittersüße Heimat thematisiert werden, sondern es wird sich beschränkt auf die Diskriminierung Schwarzer Afro-Deutscher. Die Forschungsfrage, nach der das Stück analysiert wird, lautet: Wie macht sich Alltagsrassismus gegenüber Schwarzer Deutsch in Heimat, bittersüße Heimat bemerkbar?

Um eben diese Fragen zu beantworten, soll zunächst einmal der geschichtliche Hin- tergrund des Rassismus in Deutschland erläutert werden. Dann sollen die Szenen Heimat erster Versuch, Gestern auf der Parkbank, Morgen auf der Parkbank, Deutsch-Sein, Widerstände und Heimat letzter Versuch auf sprachliche Mittel und Arten der Figurenkonstellation analysiert werden. Dazu werden verschiedene Sekun- därliteraturwerke zur Stützung verschiedener Thesen herangezogen. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Einbeziehung verschiedener Erlebnisse und Aussagen der zuvor bereits erwähnten Literatin May Ayim, die als selbst Afro-Deutsche einen Rahmen um das Stück bildet. Schlussendlich soll ergründet werden, welche Forde- rungen das Stück durch die Art und Weise der Darstellungen von Rassimuserfahrun- gen stellt.

2. Schwarze Deutsche im historischen Rückblick

Entgegen deutscher (Wunsch-)Vorstellungen war die deutsche Gesellschaft schon über Jahrhunderte eine Gesellschaft, die eben nicht durch weiße, sondern durch Bür- ger unterschiedlicher Kulturen, Religionen und auch Hautfarben geprägt war. Bereits zu Zeiten des Römischen Reichs gab es Schwarze Deutsche2. Allerdings erst mit dem Kolonialismus und der Besetzung einiger afrikanischer Länder unter Bismarck nahm man Schwarze in Deutschland wahr, jedoch nicht als ebenbürtige deutsche Bürger, sondern als 'Mitbringsel' aus den Kolonien Afrikas. Kolonialisten entführten Afrika- ner, um zu beweisen, dass sie den fremden Kontinent bereist hatten und um die Neu- gier der deutschen Gesellschaft an der schwarzen ‚Rasse‘ zu befriedigen3. Auch ge- prägt durch verschiedene Wissenschaftler und Ärzte entwickelten die Deutschen ein sehr einseitiges Bild von Schwarzen. So ordnete der Arzt Carl von Linnè im Rahmen der Rassenideologie einzelnen Rassen moralische Werte zu, wobei den Weißen die guten und den Schwarzen die schlechten zugeschrieben werden4. Der Schwarze, oder wie damals noch üblich der ‚Neger‘ oder ‚Mohr‘ Genannte, sei laut dem Kolonialis- ten Carl Peters „der geborene Sklave, dem sein Despot nötig ist wie dem Opiumrau- cher seine Pfeife“5 und dem „auch jeder vornehme Zug“6 fehle. Afrikaner wurden beschrieben als „verlogen, diebisch, falsch, […] hinterlistig“7 und minderbemittelt. Diese Minderwertigkeit der Schwarzen war die scheinbare Berechtigung der Europä- er eben diese durch beispielsweise Zwangsarbeit, Prügelstrafe oder Vergewaltigung der afrikanischen Frauen in den Kolonien zu ‚erziehen‘8. Afrikanische Menschen wurden als die minderwertigste Menschenart angesehen, die noch auf derselben Stu- fe mit den Affen stünde9. In Erzählungen wurden Schwarze häufig mit exotischen

Pflanzen und Tieren gleichgestellt und immer wurden sie als etwas Wildes und Unheimliches präsentiert10. Afrikaner seien nach kolonialistischen Vorstellungen unzivilisiert und „wie kleine Kinder […], denen ‚geholfen‘ werden muss, die man aber auch nicht für voll zu nehmen braucht, sondern wie unmündige Wesen behandeln kann“11. Gerade die afrikanischen Frauen wurden häufig von den weißen Gattinnen der Kolonialisten diskriminiert: „Sind die farbigen Völker alle dumm, so sind deren Frauen auf jeden Fall die dümmsten und faulsten“12.

Eben diese diskriminierenden Bilder von Afrikanern wurden im Nationalsozialismus wieder aufgegriffen und radikalisiert. Die Afro-Deutschen entsprachen nicht dem klassischen Bild vom Ideal-Deutschen, der blonde Haare, blaue Augen und weiße Haut hat. So wurden auch Schwarze neben Juden, Homosexuellen und Behinderten Opfer in Konzentrationslagern, allerdings wurden nur die Juden für den Holocaust entschädigt, nicht aber die vielen anderen Opfer wie zum Beispiel eben die vielen tausend Afro-Deutschen13.

Häufig ist auch die Rede von den sogenannten Besatzungskindern. Dies seien die Kinder, die durch einen sexuellen Übergriff schwarzer Soldaten auf weiße Frauen in Deutschland im Zweiten Weltkrieg entstanden seien. Der Begriff ‚Besatzungskinder‘ ist allerdings in mehrfacher Hinsicht ein rassistischer und diskriminierender. Zum einen denunziert der Begriff jeden, der so angesprochen wird, als jemanden, der als ewiges Kind und somit als infantil angesehen wird und zum anderen, weil davon ausgegangen wird, dass Besatzungskinder durch einen gewaltvollen Übergriff eines Schwarzen über eine Weiße entstanden seien und somit nicht gewollt sein können. Ein Besatzungskind stelle somit für die deutsche Gesellschaft immer ein „Problem“ dar, denn es entstand nicht aus einer ‚rein-rassig deutschen‘ Verbindung14.

Dieser historische Hintergrund der alltäglichen Diskriminierung Afro-Deutscher wird weder von der Politik noch von den Bürgern selbst aufgearbeitet. Schäuble propa- gierte beispielsweise, Deutschland sei ein „offenes, ausländerfreundliches und tole- rantes Land“15. Jedoch ist der Rassismus in der deutschen Gesellschaft mentalitätsge- schichtlich verfestigt, was es den Bürgern erschwert, sich „dem Strom des Rassismus“16 zu entziehen17. Weiß-Sein als Privileg ist mit dem Nationalsozialismus verbunden und somit tabuisiert18.

„Kaum ein Weißer und kaum eine Weiße macht sich bewusst, dass sie im deutschen Alltag den Schutz der Anonymität genießen, dass ihnen der allgegenwärtige Druck feindseliger oder auch nur ‚neugieriger‘ Blicke er- spart bleibt, dass sie das Privileg haben, ohne Angst vor rassistischen Gewalttätern das Haus zu verlassen, und letztlich auch bei der Wohnungs- und Arbeitssuche privilegiert sind und nicht über ihr ‚Weiß-Sein‘ nach- denken müssen.“19

3. Analyse des Stückes im Hinblick auf rassistische Begegnungen Afro-Deutscher

3.1 „Nichts […] ist erfunden und nichts ist genauso passiert.“

Heimat, bittersüße Heimat beginnt zunächst einmal im Märchenton20. Wie zum Vor- lesen einer schönen Gute-Nacht-Geschichte betritt ein Mann im ersten Kapitel: Hei- mat, 1.Versuch im Schlafanzug die Bühne und beginnt aus einem großen Buch vor- zulesen21. Er erzählt, dass an der Geschichte des Stückes zwar nichts erfunden, aller- dings auch nichts genauso passiert sei. „[D]ie Geschichte veränder[e] sich, je nach- dem, wer sie erzählt und je nachdem, wer sie hört und es gibt nicht zwei Menschen auf dieser Welt, die ein und dieselbe Geschichte gleich hören oder gleich erzählen“22. Der „Ort und [die] Zeit der Handlungen [seien] überall und immer oder nirgends und niemals, je nachdem, wer die Geschichten hört und wer sie erzählt“23. Dieser Ein- stieg in das Stück verdeutlicht die Allgegenwärtigkeit des Problems des Rassismus, denn er findet in ganz Deutschland alltäglich statt. Jedoch wird auch direkt zu An- fang des Stücks die Hoffnung ausgesprochen, dass sich dieses Problem bald ändern könnte24, denn die Geschichte müsse nicht so erzählt werden25. Um diese Änderung hervorzurufen, verlässt der Mann im Schlafanzug die Bühne und es wird zu „Mor- gendämmerung“ von Grieg umgebaut. Das klassische Stück Griegs impliziert einen neuen Tag und die Hoffnung auf Veränderung. Es klingt fröhlich, positiv, optimis- tisch. Es wird eine Parkbank aufgebaut und die Szenerie wechselt begleitet von ei- nem Lichtspiel in die nächste Szene: Gestern auf der Parkbank26.

3.2 „‚Je bunter desto lieber‘ - das ist mein Lebensmotto.“

Der Titel der Szene gibt bereits Aufschluss über die zeitliche Verortung der folgend gezeigten Rassismuserfahrung:27 Gestern. Die Szene präsentiert also ein Ereignis, das Afro-Deutschen in nicht allzu ferner Vergangenheit passiert ist und platziert die ‚Oma‘ als eine Person, die in der Vergangenheit und in vergangenen Denkmustern lebt28.

Die ‚Oma‘ beginnt eine Konversation mit dem Mädchen auf Englisch29. Dieses Ver- halten zeigt ein implizites Vorurteil der älteren Dame, dass das junge Schwarze Mädchen auf Grund ihres Äußeren nicht deutsch sein kann. Durch das Ansprechen des Mädchens auf Englisch betont die Oma unbewusst die Andersartigkeit des Mäd- chens30.

[...]


1 Ayim, May: Grenzenlos und unverschämt. Berlin: Orlanda Frauenverlag GmbH 1997. S. 13. 3

2 Vgl. Susan Arndt: AfrikaBilder. Studien zu Rassismus in Deutschland. Münster: UN-RAST-Verlag 2001. S. 14.

3 Vgl. May Ayim/Opitz u. Dagmar Schulz u. Katharina Oguntoye: Farbe bekennen. Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte. 3. Aufl. Berlin: Orlanda Frauenverlag GmbH 2006. S. 25.

4 Vgl. Arndt: AfrikaBilder. S. 19.

5 Ayim/Opitz u. Schulz u. Oguntoye: Farbe bekennen. S. 43.

6 Ebd.

7 Ebd.

8 Vgl. ebd.

9 Ayim/Opitz u. Schulz u. Oguntoye: Farbe bekennen. S. 30.

10 Vgl. Ayim/Opitz u. Schulz u. Oguntoye: Farbe bekennen. S. 27.

11 Arndt: AfrikaBilder. S. 42.

12 Ayim/Opitz u. Schulz u. Oguntoye: Farbe bekennen. S. 45.

13 Vgl. Arndt: AfrikaBilder. S. 14.

14 Vgl. ebd., S. 78.

15 Vgl. Arndt: AfrikaBilder. S. 49.

16 Ebd., S. 60.

17 Vgl. ebd., S. 50.

18 Vgl. Arndt: AfrikaBilder. S. 96.

19 Arendt: AfrikaBilder. S.24.

20 Vgl. Kaempf, Simone: Deutsch sein ist schwer. Heimat bittersüße Heimat - Das afro-deutsche La- bel Noir präsentiert in Berlin sein erstes Theaterprojekt. https://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=4428:heimat- bittersuesse-heimat-ndas-afro-deutsche-label-noir-praesentiert-in-berlin-sein-erstes- theaterprojekt&catid=447&Itemid=100476. Abgerufen am 24.09.2017 um 21:03 Uhr.

21 Vgl. Milagro, Lara-Sophie: Heimat, bittersüße Heimat. Berlin: Label Noir 2010. S. 8.

22 Ebd.

23 Milagro, Lara-Sophie: Heimat, bittersüße Heimat. Berlin: Label Noir 2010. S. 9.

24 Vgl. Watkins, Jamele: Rearticulating Black Feminist Thought in Heimat, bittersüße Heimat. In: Women in German yearbook. Feminist studies in German literature & culture. Jg. 92. Nebraska: University of Nebraska Press 2017. S. 142.

25 Vgl. Milagro: Heimat, bittersüße Heimat. S. 9.

26 Vgl. ebd.

27 Ebd., S. 12.

28 Vgl. Watkins: Rearticulating Black Feminist Thought in Heimat, bittersüße Heimat. S. 143.

29 Vgl. Milagro: Heimat, bittersüße Heimat. S. 10.

30 Vgl. Michaels, Jennifer: Fühlst du dich als Deutsche oder als Afrikanerin?. May Ayim’s search for an afro-german identity in her poetry and essays. In: Braun, Rebecca: German Life and Letters. Jg. 59. Heft 4. Hoboken: John Wiley & Sons Ltd. 2016, S. 504.

Details

Seiten
19
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668589124
ISBN (Buch)
9783668589131
Dateigröße
827 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v383178
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Note
Schlagworte
Rassismus Deutschland Heimat May Ayim Label Noir

Autor

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