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Entdeckung, Vergötterung, Abkehr. Elias Canetti und Karl Kraus

Seminararbeit 2015 22 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Meister und sein Schüler

3. Die Fackel im Ohr
3.1. Entdeckung: Die Fackel entflammt
3.2. Vergötterung: Die Fackel brennt
3.3. Abkehr: Die Fackel erlischt

4. Abschlussbetrachtung

5. Literatur
5.1. Primärliteratur Elias Canetti
5.2. Primärliteratur Karl Kraus
5.3. Sekundärliteratur

1. Einleitung

In einer Zeit, in der Streit allenfalls im Feuilleton ausgetragen wird – man könnte auch dysphemistisch von einem „Elfenbeinturm“ sprechen –, muss man eine Lichtgestalt wie Karl Kraus vermissen. Der österreichische Satiriker (1874-1936) ist in der von Konsens- und Kommerzkultur geprägten Gegenwart allenfalls Intellektuellen ein Begriff; der Diskurs über das Werk Karl Kraus‘ hat sich weitgehend hinter Hochschulmauern zurückgezogen. Und dennoch lassen sich Aktualität und Relevanz all dessen, wofür Karl Kraus stand und was sein Werk auszeichnete, nicht hoch genug einschätzen.

Seiner Strahlkraft – die insbesondere in seinem Hauptwerk „Die Fackel“, dem Drama „Die letzten Tage der Menschheit“ und dem Text „Die dritte Walpurgisnacht“ fortdauert – erlag auch der junge Elias Canetti, ein Mann, dessen Entschluss, Schriftsteller zu werden, sich nach und nach forcierte. Aber erst als es zur Abwendung von seinem langjährigen Idol Karl Kraus kam – eine Loslösung, die in dieser Arbeit untersucht werden wird –, etablierte sich Elias Canetti selbst und veröffentlichte Mitte der 30 er Jahre des vorigen Jahrhunderts seinen Roman „Die Blendung“.

Unterdessen befand sich der Stern Karl Kraus‘ im Sinken. Seit dem Beginn der Herrschaft der Nationalsozialisten wurde er missverstanden und angezweifelt. Auch Canetti wandte sich von ihm ab, relativierte seine Perfektion und versuchte ihn zu vergessen. Es sollte bis in die 50er Jahre dauern, bis Kunst und Wissenschaft Karl Kraus wiederentdeckten.

Elias Canetti (1905-1994) erhielt 1981 den Literaturnobelpreis. Bis ins hohe Alter sah er sich als von seinem Vorbild aus Studientagen geprägt.[1] Seine lebenslange ambivalente Beziehung zu Kraus, dem er sich nie persönlich oder gar auf Augenhöhe offenbaren konnte, der aber dennoch sein Denken beeinflusste, soll das Thema dieser Arbeit sein.

Die Ausführungen Canettis, die den Einfluss seines Vorbilds auf ihn beleuchten, stammen zumeist aus den 60er- oder 70er Jahren, so auch seine Memoiren und Essays, in denen Karl Kraus eine gewichtige Rolle zukommt. Canettis Erinnerungen und auch Zitate aus den Werken Kraus‘ helfen dabei, schlaglichtartig die Motive für Canettis Begeisterung, Enttäuschung und jahrzehntelange Korrespondenz von Liebe und Hass zu verstehen.

Die Rolle, die zeitgeschichtliche Ereignisse in der einseitigen Verehrungsbeziehung spielen, hat Canetti in seinen Memoiren und seinen Essays zu Karl Kraus bereits deutlich hervorgehoben. So ist es verständlich, dass in dieser Arbeit die zwei prägendsten politischen Ereignisse, die Canettis Denken auf Kraus zubewegten und schließlich von ihm abwandten, auch stark gewichtet werden müssen. Dies sind der Wiener Arbeiteraufstand von 1927 und die deutschen und österreichischen Umbrüche der Jahre 1933 und 1934, in deren Folge Kraus nach Meinung vieler seiner Anhänger als Gewissen Österreichs versagte.

Die vielen Zitate aus Schriften Elias Canettis sollen durch ausgewählte Sekundärliteratur ergänzt werden, sofern in ihnen besondere oder ergänzende Aspekte für Canettis Kraus-Verehrung Erwähnung finden. Trotz der Perspektive, Karl Kraus gleichsam durch Elias Canetti zu betrachten, steht Karl Kraus doch im Mittelpunkt dieser Arbeit. Es ist interessant zu erfahren, für wie bedeutsam ein bekannter Künstler des 20. Jahrhunderts den Einfluss Karl Kraus‘ auf seine Persönlichkeit und sein Werk erachtet. Ebenso erstaunlich ist dabei, welch einen lebenslangen Kampf Canetti mit sich ausfocht, die Wirkung seines Idols mal anzuerkennen und mal zu schmälern.

2. Der Meister und sein Schüler

Mitunter füllten die Kopisten Gift in die Tinte, die sie zur Vervielfältigung von Thora und Talmud benötigten, um so das Überleben von Fliegen und anderem Getier, das in die Flüssigkeit geraten konnte, zu unterbinden. Die Gefahr, die von überlebenden Tierchen ausging, war zu groß. Sollten ihre Bewegungen falsche Zeichen, Pünktchen oder Striche setzen, geriete die Schöpfung in Gefahr. Denn die Buchstaben der Thora waren das Werkzeug Gottes zur Erschaffung der Welt. Jede Abweichung, jeder Fehler, der unbemerkt bliebe, bedeutete Gefahr und vielleicht das Ende des Weltheils.[2]

Karl Kraus, dem diese historische Vorsichtsmaßnahme vermutlich bekannt gewesen war, wandte sie – ob bewusst oder unbewusst – auf jedes geschriebene Wort an. In jedem sprachlichen Ausdruck witterte er Gefahr. Er suchte, analysierte, enttarnte und verurteilte jede Unzulänglichkeit und jeden Fehler, den „die Quelle aller zeitgenössischen Übel“[3], der journalistische Sprachgebrauch, ihm bot.[4] Die siebenunddreißig Jahrgänge der „Fackel“ vereinen ein unermessliches Arsenal misslungenen Sprechens und entstellten Schreibens, „dessen Falschheit, Unbedenklichkeit, dessen Zynismus, Dummheit und latente Mordlust sich [erst] dem genauen Lesen offenbart“.[5]

Manfred Schneider bezeichnet die Kraus’sche Affinität, unermüdlich die „Journaille“ zu schelten, als „paranoische Vernunft“.[6] Denn angesichts der apokalyptischen Zeit, in die Karl Kraus‘ Leben und Werk fällt, war es berechtigter Argwohn, der ihn trieb. Die Konsequenzen aus dem Ersten Weltkrieg, die misslangen oder gar nicht erst gezogen wurden, die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Krisen der 20er- und beginnenden 30er Jahre und schließlich der sich Bahn brechende Faschismus wurden von der Presse begleitet, verarbeitet und erklärt. So kam der Presse in der Zeit vor Fernsehen und Internet eine große Macht zu, die nachgerade danach schrie, kritisch hinterfragt zu werden.

Die Verurteilung der Auswüchse der modernen Presse, die erbarmungslose Entlarvung zeitgenössischer Persönlichkeiten und die Verurteilung bestimmter Schriftseller unter Bezug auf die Gegenwart – diese Inhalte machen „Die Fackel“ zu einem Mahnmal, in dem die verhängnisvollen Zeichen der Zeit erfasst und die kommende katastrophale Dimension vorausgeahnt wurden. Dabei nahm sich Kraus jeder Unvollkommenheit mit größtmöglicher Vollkommenheit an. Seine Kritik war so intensiv, weil sie idealerweise unangreifbar sein musste. In der Kraus‘schen Utopie der Perfektion musste es ein gleichsam grammatikalisch wie auch ethisch-moralisch unangreifbares Bollwerk gegen das Unvollkommene geben, denn nur ein solches versprach Rettung.

Alfred Polgar machte in seinem Nachruf auf Karl Kraus eine vollkommene Übereinstimmung zwischen Mann und Werk aus, unterstellte ihm also Perfektion nicht nur im geschriebenen Wort, sondern auch im Charakter.[7] Diese Ansicht mag unter Berücksichtigung des nicht zuletzt von Elias Canetti besprochenen privaten Briefwechsels zwischen Kraus und Sidonie Nádhérny von Borutin zwar bezweifelt werden, doch in der Tat: perfekte Radikalität, Kompromisslosigkeit, Strenge und Zorn – diese Melange durchdringt jede Zeile des Hauptwerks „Die Fackel“. Dass es sich bei ihr um eine „politisch-satirische Zeitschrift“[8] handelt, lässt deutlich Kraus‘ Orientierung erkennen: Er war ein tagesaktueller Begleiter, Kritiker und Richter, dessen Essays zu historischen Persönlichkeit und ihrem Werk, beispielsweise Johann Nepomuk Nestroy oder Heinrich Heine, wie zuvor erwähnt immer konnotativ verstanden werden müssen.

Und so ist es wichtig, sich die Zeit zu vergegenwärtigen, in der Kraus lebte und arbeitete. Er wurde 1874 in Böhmen in eine wohlhabende jüdische Familie geboren. Bald zog die Familie nach Wien, also in die Stadt, mit der Karl Kraus sein Leben lang engstens verbunden bleibt. Er brach sein Studium der Rechtswissenschaften ebenso ab wie seine Germanistik- und Philosophiestudien. 1899 erschien erstmals „Die Fackel“, die er nach anfänglicher Zuhilfenahme prominenter Zeitgenossen wie Frank Wedekind oder Houston Stewart Chamberlain bis zuletzt allein verfasste. Sein Drama „Die letzten Tage der Menschheit“ behandelte den Ersten Weltkrieg, sein dreihundertseitiger Text „Die dritte Walpurgisnacht“ die Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland. Diese beiden Ereignisse und daraus entstandenen Werke zeigen bis heute deutlich die beiden Pole, zwischen denen sich das Leben und Schaffen Kraus‘ bewegte – bewegen musste, offenbaren sie doch einerseits die Fehlentwicklungen von Politik und Gesellschaft und andererseits die apokalyptischen Auswüchse all dessen, wogegen Karl Kraus zeitlebens kämpfte.

Nach seiner für viele Verehrer unbefriedigenden Reaktion auf Hitler wurde es ruhiger um Kraus, der schließlich in eher ärmlichen Verhältnissen und weitgehend vergessen starb. Trotz aller bis heute anhaltender Zweifel an der Relevanz seines Werkes für nachkommende Generationen lässt sich beispielsweise Kraus‘ vollkommenes satirisches Können nicht relativieren. Auch muss anerkannt werden, dass eine große Anzahl bedeutender Zeitgenossen Gewinn aus seinem Schaffen zogen.

Kraus‘ Eingenommenheit für sich selbst, die ihm oft zum Vorwurf gemacht wurde, war – so sieht es Alfred Polgar in seinem wunderbaren Nekrolog – seine Stärke: Er sei sich „Maß aller Dinge“ gewesen. „Schwäche und Fehlbarkeit schloss er für seine Person […] aus, und ließ sie bei anderen nicht als Milderungsgrund gelten. […] [Er war] […] wenig beirrt von […] Objektivität und Gerechtigkeit. […] Die ihm nahe kamen, unterlagen dem Einfluss der dauernden Hochspannung […]. Vielleicht war es dieses Hochgespannte, das seine Erscheinung für Hass und Liebe so unwiderstehlich anziehend machte.“[9]

Canettis Verehrung für Kraus fiel in die Jahre seines Aufbruchs. Durch die Loslösung von der übermächtigen Mutter und der intellektuellen Erleuchtung, die sich durch die intensive Lektüre der „Fackel“ und die Besuche der Kraus-Vorträge einstellte, fasste er neuen (oder besser: endlich) Mut, sich künstlerisch zu versuchen. Aber nicht nur auf Canetti, auf fast alle seine Anhänger machte Karl Kraus einen tiefen Eindruck, dessen Intensität man sich schnell durch zwei Fakten vergegenwärtigen kann: Erstens zeigten sich sowohl Canetti, als auch zum Beispiel Friedrich Torberg noch Jahrzehnte nach seinem Ableben von ihm überzeugt, eingenommen oder zumindest geprägt. Zweitens kann die Fallhöhe besonders geliebter und akzeptierter Vorbilder, die enttäuschen, besonders groß sein – siehe Kraus 1933/34.

Im Falle Canettis lässt sich der lebenslange Einfluss Kraus‘ bereits am oberflächlichen Faktum ermessen, dass sämtliche essayistische und autobiographische Arbeiten, die sich Kraus widmen oder zumindest berühren, Jahrzehnte nach dessen Tod entstanden. „[Karl Kraus], der ein Gott war[,] [wurde] nach […] Alleinherrschaft verdrängt und [schließlich] vollends gestürzt.“[10] Der vollständige Sturz des Abgotts – Canetti gelang er nie.

Hugo von Hofmannsthal – auch er ein abgefallener Verehrer Kraus‘ – schrieb, dass dieser „nichts als ganz kurze Zwecke und Absichten“ habe.[11] Hans Mayer machte dort genau den Irrtum aus, der im Zusammenhang mit Kraus gern umhergeistert: dass er sich im Aktuellen verirrt habe, dass er nichts Dauerhaftes geschaffen habe.[12] Aber das Gegenteil ist der Fall: Er war ein Idealist der Perfektion. Er tat alles dafür, den Wert der Sprache endlich in die verdiente Höhe zu katapultieren. Hätte es Hofmannsthal, der mit seinem „Brief des Lord Chandos an Francis Bacon“ einen künstlerischen Beweis für die Macht der Worte schuf, nicht besser wissen müssen?

An der Perfektion Karl Kraus‘ gab es für Elias Canetti lange Jahre nicht den geringsten Zweifel. Vor allem Mitte und Ende der 20er Jahre gab es für ihn „keine anderen Götter neben Kraus“. Auch wenn dieses entfremdete biblische Zitat blasphemisch wirkt, verdeutlicht es doch den hohen Grad der Verehrung, den Canetti Kraus entgegenbrachte. Besonders im Rückblick wirkt die bedingungslose Hingabe Canettis verwunderlich. In seiner Londoner Zeit von 1939 bis 1971 forderte er umgekehrt als „Godmonster of Hampstead“[13] die Ehrerbietung ein, die er einst für Kraus zeigte.

Elias Canetti wurde 1905 in Bulgarien in eine wohlhabende jüdische Familie hineingeboren. In jungen Jahren erlernte er in einer Radikalkur die deutsche Sprache, der er immer treu bleiben sollte. Er ging 1921 nach Deutschland, wo er sein Abitur machte. Ab Mitte der 20er Jahre lebte und studierte er in Wien. 1935 erschien der bereits seit einigen Jahren fertiggestellte Roman „Die Blendung“. Canetti emigrierte 1938 anschlussbedingt aus Österreich nach Großbritannien, wo er bis Anfang der 70er Jahre lebte. Anfangs widmete er sich gesellschaftlichen, soziologischen und politischen Studien zum Phänomen der Masse, das in dieser Arbeit noch erwähnt werden wird. Nach seiner Übersiedlung nach Zürich gelang Canetti mit seinen dreibändigen Lebenserinnerungen „Die gerettete Zunge“, „Die Fackel im Ohr“ und „Das Augenspiel“ ein aufsehenerregender Erfolg. Über Canettis Charakter gibt es unterschiedliche, sehr positive und sehr negative Aussagen. Seiner sich selbst zugdachten Rolle als Gutmensch und über allem stehenden zugewandter Vater der Intellektuellenszene wurde Canetti in einigen Passagen seiner Memoiren und insbesondere in seiner privaten Korrespondenz nicht gerecht.

Der diesem Kapitel vorangestellte Titel, der Karl Kraus als Meister und Elias Canetti als Schüler ausweist, ist zu allererst pointiert zu verstehen. Auch wenn Canetti es so empfunden haben mag, haben beide in keinem wechselseitigen Verhältnis zueinander gestanden. Canetti als der empfangende Part hat verstanden, was Kraus für ihn verständlich machen konnte – wobei das Verständnis mit der „Fackel“-Ausgabe Nr. 890-905, „Warum die Fackel nicht erscheint“, seine Grenze erreichte.

3. Die Fackel im Ohr

Dass Elias Canetti in seinem Gesamtwerk eine Vielzahl vom Wertekanon Karl Kraus‘ abweichende Theorien vertreten hat, ist leicht zu erkennen. Diese Tatsache soll zugunsten einer genaueren Betrachtung der autobiographischen Schriften Canettis aber hintanstehen.

Freilich sind alle Memoiren unter Vorbehalt zu lesen. Canetti schrieb in der Tradition Stendhals. Dessen „La Vie de Henri Brulard“ bezeichnete er als „einzige absolut wahre Biographie“.[14] Seine Weigerung, Erinnerungen zu zensieren, kann sowohl gewollte Glättungen, als auch unverständliche Widersprüche zur Folge haben.

Klare, vielleicht sogar grobe Klassifizierungen in sympathische und unsympathische Personen und mitunter übertriebene, aber rhetorisch feine Pauschalisierungen, die den Facettenreichtum jedes Mitmenschen zu offenbaren helfen, reihen sich in den dreibändigen Erinnerungen Canettis ein in ein großes, abwechslungsreiches Panorama der 10er, 20er und 30er Jahre des 20. Jahrhunderts. Der Titel des zweiten Bandes, „Die Fackel im Ohr“, hebt die Bedeutung Karl Kraus‘ ungefiltert hervor.

3.1. Entdeckung: Die Fackel entflammt

Elias Canetti wusste schon, was er von Karl Kraus zu halten hatte, bevor er ihn kannte, sah oder verstand. Die Familie von Freunden weihte ihn ein: „Er sei der strengste und größte Mann, der heute in Wien lebt. Vor seinen Augen finde niemand Gnade. […] [E]r greife alles an, was schlecht und verdorben sei. […] [In der „Fackel“] gehe es zu wie vor Gericht. […] [E]ine solche Genauigkeit habe es in der Literatur noch nie gegeben. […] [U]nd dieses Weltwunder, dieses Ungeheuer, dieses Genie trug den höchst gewöhnlichen Namen Karl Kraus.“[15]

Es folgte der Besuch der 300. Kraus-Vorlesung am 17. April 1924 in einem völlig überfüllten Saal. Worüber Kraus sprach, daran erinnerte sich Canetti später nicht mehr.[16] Dennoch ist diese erste Vorlesung, der viele folgen sollten, ein unvergessliches Initialerlebnis.

Interessant dabei: die Kontextualisierung dieser ersten Kraus-Vorlesung mit der Annäherung an Veza Calderon, die auch seine erste Frau werden wird. Veza Calderon gehörte zum weiten Zirkel der Kraus-Verehrer, sie saß bei den Vorlesungen oft in den vorderen Reihen. Die erste von Canetti besuchte Vorlesung wurde von Verkupplungsversuchen begleitet.[17] Dass Canetti sich für die schöne Frau interessierte, bedeutete indes nicht, dass er sich in seinen Erinnerungen von Karl Kraus abbringen ließe. Kraus war so wichtig, dass Canetti Veza zeitlich und örtlich mied: Beide besuchten die Vorlesungen zunächst unabhängig voneinander.[18]

Aber auch außerhalb von Hör- und Theatersälen schwebte Kraus über den Verliebten, oder besser: stand zwischen ihnen. Kraus‘ Abneigung gegen Heinrich Heine war legendär. Schon bald übernahm Canettis die Aversion seines Vorbilds und huldigte einer massiven Verachtung für Heine, die sich nicht zuletzt in seiner Weigerung ausdrückte, ein Werk Heines, das seine Freundin aus dem Bücherregal zog, anzufassen.[19] Das Verdikt des Verbots, das bestimmte Künstler aus dem Kanon des Interesses ausschloss, veranlasste Veza zu folgender Aussage: „[Kraus] interessiert sich für nichts, was seinen Zorn schwächen könnte. Das ist großartig. Aber das kann man nicht nachmachen. Der Zorn muss in einem sein, den kann man sich nicht ausleihen.“[20]

Aber genau das tat Canetti, der nach Orientierung gierte und sich der Einfachheit halber – wenn auch niveauvolle – Motti aufoktroyierten ließ. „Jeder seiner Sätze war eine Forderung. […] An keinem seiner Worte zweifelte ich. Nie […] hätte ich ihm zuwidergehandelt. Er war meine Gesinnung, […] meine Kraft. […] Ein Runzeln seiner Stirn, und ich hätte mit dem besten Freund gebrochen. Ein Wink, und ich hätte mich für ihn ins Feuer gestürzt.“[21] Dieses Zitat ist bezeichnend, weil es ausdrückt, wie schnell Canetti die Kraus’sche Radikalität, die Neigung zur pauschalen Unterteilung in Freund und Feind, Gut und Böse, Schwarz und Weiß verinnerlicht hatte. Und dann ist da das Eingeständnis, es bei Kraus mit seiner „Gesinnung“ und mit seiner „Kraft“ zu tun zu haben – wieder ein Argument mehr für die Vermutung, dass Kraus im richtigen Moment dem richtigen jungen Mann Halt bot. Und Canetti war nicht der einzige.

Am interessantesten an der Darstellung der ersten Zeit, der entflammenden Momente zu Kraus, ist Canettis Bestreben, seine ebenfalls im Entstehen begriffene Beziehung zu Veza Calderon in Relation zu der im Nachhinein für wichtiger befundenen Meister-Schüler-Konstellation zu stellen.[22] Anne D. Peiter macht in Canettis Parallelisierung von Veza und Kraus ein bezeichnendes „Ungleichgewicht der Blicke“ aus.[23]

Die Empfindungen in den Kraus-Vorlesungen und seine Liebe zu Veza wechseln sich ab, gehören zusammen, wiegen einander auf, scheinen sich gegenseitig zu bedingen – als ob nicht jedes Spektrum für sich, sowohl Kraus als auch Veza, allein Bestand haben könnte.

3.2. Vergötterung: Die Fackel brennt

Auch im bereits angesprochenen Essay „Karl Kraus, Schule des Widerstands“ umreißt Canetti sein Vorhaben: Er wolle erklären, warum er Kraus verehrt(e) und warum es zu einer Abkehr von ihm kam.[24] Was folgt, ist eine Hymne auf Kraus; bis zur letzten Seite keine Spur eminenter Kritik an Kraus, geschweige denn eine klare Formulierung der Beweggründe, warum Canetti sich von ihm abwandte. Es bleibt bei Andeutungen und Spitzen.

Auch wenn es vielerlei Ausführungen Canettis in seinen Memoiren gibt, dass er sich von Kraus abwandte, tut er sich schwer damit zu erklären, warum es geschah. Außerdem kann man nicht von einer finalen Loslösung vom Vorbild sprechen. Canetti durchlebte in den 30er- und 40er Jahren eine nicht zuletzt der zeitgeschichtlichen Umstände wegen kritische Zeit. Es war eine Zeit, auf die Kraus Canettis Meinung nach keine angemessene Antwort wusste. So ist es verständlich, dass er ihn während dieser Jahre und auch im Nachhinein nicht mit sich in Verbindung wissen wollte. Aber Canetti konnte seine Faszination nie mehr ablegen, nicht zuletzt da jugendliche Verehrer die Objekte ihrer Verehrung immer ungerecht behandeln, sie überhöhen und entschuldigen[25] – bis ins Alter, käme es doch sonst einer Verleugnung des Aufbruchs in die eigene Selbstständigkeit gleich, mit einstmals verteidigten Werten zu brechen.

Es wäre voreilig, Kraus die Rolle eines Ersatzvaters zuzuschreiben, vielmehr nahm er für Canetti auch die Rolle einer intellektuellen Mutter ein, die ihn beschützte und den Weg durch das Gewirr der Verlockungen wies: „Alle Gegenstände der Verdammung waren von Kraus vorgeschrieben. Es war einem nicht einmal erlaubt, sie ins Auge zu fassen, denn das hatte er schon für einen besorgt und entschieden.“[26]

[...]


[1] „Ich glaube, dass ich überhaupt niemandem so viel verdanke wie Karl Kraus.“ In: Koch, Werner (Hrsg.): Selbstanzeige. Schriftsteller im Gespräch. Frankfurt am Main 1971. Hier S. 31.

[2] Eine umfangreichere Darstellung findet sich in Schneider, Manfred: Kritik der Paranoia. Elias Canetti und Karl Kraus. In: Lüdemann, Susanne (Hrsg.): Der Überlebende und sein Doppel. Kulturwissenschaftliche Analysen zum Werk Elias Canettis. Freiburg 2008. S. 189-213. Hier S. 200. Nachfolgend Schneider.

[3] siehe Schneider, ebd.

[4] „Keinen Gedanken haben und ihn ausdrücken können – das macht den Journalisten.“ Mit diesem bis heute bekannten Zitat verdeutlichte Karl Kraus seine Aversion. Siehe Kraus, Karl: Fackel Nr. 281/82, Juni 1909, S. 29. Nachfolgend Fackel zzgl. jeweilige Nummer, Jahr der Veröffentlichung und Seitenzahl.

[5] siehe Schneider, S. 192.

[6] siehe ebd., S. 189.

[7] Der Nachruf findet sich im Tonformat in der CD-Sammlung „Karl Kraus liest aus seinen Schriften“, die 1989 veröffentlicht wurde. Die in dieser Arbeit genannten Zitate entsprechen den Worten, die Alfred Polgar am 8. Januar 1952 über Karl Kraus im Rahmen eines kleinen Nachrufs sprach. Nachfolgend Polgar.

[8] siehe Fackel Nr. 5, Mai 1899, Beilage.

[9] siehe Polgar.

[10] siehe Canetti, Elias: Karl Kraus, Schule des Widerstands. In ders.: Das Gewissen der Worte. Essays. Wien 1975. S. 39-49. Hier S. 39. Nachfolgend Widerstand.

[11] zitiert nach Spicker, Friedemann: Der Aphorismus – Werteträger oder Wertezerstörer? In ders. u.a. (Hrsg.): Wertsetzung – Wertschätzung. Der Aphorismus im Wandel der Werte. Fachbeiträge, Aphorismen, Illustrationen. Bochum 2013. S. 55-64. Hier S.58.

[12] vgl. Mayer, Hans: Nachdenken über den großen Nörgler. Zum 50. Todestag von Karl Kraus. In: Sinn und Form 39, Heft 6 (1987), S. 367-382. Überdies gibt Hans Mayer zu bedenken, dass man Karl Kraus‘ Zorn nicht zum Hass entwerten darf. Zorn als edle, zielgerichtete, produktive Form der Verzweiflung korrespondiert mit der Rolle Kraus‘ als Ahner und Mahner in Zeiten großer Wirren.

[13] Diese Bezeichnung geht auf den Literaturkritiker John Bayley zurück.

[14] Originalzitat: „Je crois que c’est l’unique autobiographie qui soit absolument vraie.“ Zitiert nach Meyer, Christine: „La Vie de Henry Brulard“ comme modèle pour l’autobiographie de Canetti. Austriaca 16 Nr. 33 (1991). S. 89-108. Hier S. 98.

[15] siehe Canetti, Elias: Die Fackel im Ohr. Lebensgeschichte 1921-1931. München 1980. Hier S. 66f. Nachfolgend FO.

[16] siehe ebd., S.71.

[17] vgl. FO, S. 70.

[18] vgl. ebd., S. 151.

[19] vgl. ebd., S. 152.

[20] zitiert nach FO, S. 152. - Zur von Elias Canetti stets unerwähnt gelassenen Leistung seiner Frau als Schriftstellerin siehe Kapitel 6 in Peiter, Anne D.: Komik und Gewalt. Zur literarischen Verarbeitung der beiden Weltkriege und der Shoah. Köln 2007. Nachfolgend Peiter. - Desweiteren finden sich hier in den Kapiteln 2, 4 und 5 Betrachtungen zu Karl Kraus, sowie in den Kapiteln 3, 7 und 8 Betrachtungen zu Elias Canetti.

[21] siehe FO, S. 152f.

[22] Besonders FO, S. 120ff.

[23] siehe Peiter, S. 222.

[24] vgl. Widerstand, S. 39.

[25] In der Einleitung seines Essays „Karl Kraus, Schule des Widerstands“ führt Elias Canetti diesbezügliche Thesen aus. Vgl. Widerstand S. 39.

[26] siehe FO, S. 252.

Details

Seiten
22
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668588356
ISBN (Buch)
9783668588363
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v383387
Institution / Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,3
Schlagworte
Die Blendung Die letzten Tage der Menschheit

Autor

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Titel: Entdeckung, Vergötterung, Abkehr. Elias Canetti und Karl Kraus