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Flucht und Vertreibung der Deutschen aus Polen um 1945

Ein standardisiertes Verfahren?

Seminararbeit 2016 11 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Zeitalter Weltkriege

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Analyse der Fragestellung

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

Analyse der Fragestellung

Bevölkerungsverschiebungen finden in der Geschichte seit jeher und fast überall auf der Erde statt. Sie erfolgen meist aus Gegensätzen rassischer, ethnischer, religiöser oder ideologischer Art.[1] Auch heute ist dieses Thema aktueller denn je, insbesondere im Hinblick auf die gegenwärtige Flüchtlingssituation in Europa. Eine der extremsten Ausformungen dieser „Bevölkerungstransfers“ fand jedoch im Zuge des Zweiten Weltkrieges statt, bei dem etwa zwanzig Millionen Menschen in Europa ihre Heimat verloren. Darunter Polen, Tschechen, Slowaken, Ukrainer, Weißrussen, Litauer, Ungarn und etwa vierzehn Millionen Deutsche.[2] Eine der radikalsten Bevölkerungsverschiebungen jener Zeit begann noch vor dem Ende des Krieges. Die Rede ist von der Umsiedlung der Deutschen aus den Ostgebieten. Denn sechzig Prozent der zwischen 1944 und 1951 geflohenen und vertriebenen Deutschen stammten aus den östlichen Gebieten des Deutschen Reiches, aus Ostpreußen, Pommern, Brandenburg und Schlesien.[3] In dieser Arbeit untersuche ich, ob die Vertreibungen aus jenen Gebieten nach einem bestimmten Muster abliefen, ob es sogar ein Standardverfahren gab, dem die Vertreibungen folgten. Dies lässt sich zum einen anhand der Literatur über jene Zeit nachverfolgen, zum anderen zeichnen Berichte von Betroffenen Bilder, die sich möglicherweise vergleichen lassen und klare Linien deutlich machen.

Zunächst bearbeitet diese Analyse kurz den historischen Kontext und schildert, warum es zu einer solch extremen Bevölkerungsverschiebung von Polen nach Deutschland kam. Dann werden Einzelschicksale bzw. Erfahrungsberichte verglichen und in Verbindung mit aktueller Literatur gesetzt, um zum Schluss die aufgeworfene Frage nach einer einheitlichen Bevölkerungsverschiebung beantworten zu können.

Die Flucht bzw. Vertreibung seit dem Winter 1944/45 lässt sich in drei Phasen untergliedern. Zum einen die Flucht vor der Front und der heranrückenden russischen Armee kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges, die „wilden“ Vertreibungen aus den östlichen Gebieten Deutschlands unmittelbar nach der deutschen Kapitulation und die später durch die Potsdamer Konferenz (Juli/August 1945) festgelegte Vertreibung. Dabei wurden die östlichen Gebiete Deutschlands seit Mitte 1945 von Polen als ein Teil des polnischen Staates betrachtet, auch wenn diese territoriale Erwerbung international noch nicht anerkannt worden war. Zu dieser Zeit lebten nicht viele Polen in diesen Gebieten und die deutsche Bevölkerung wurde als Hindernis wahrgenommen beim Anschluss dieser Gebiete an Zentralpolen und bei der polnischen Massenansiedlung. Die deutsche Bevölkerung sollte also ausgesiedelt werden, um Platz für demobilisierte polnische Soldaten mit ihren Familien zu schaffen.[4] Zudem waren alle relevanten politischen und gesellschaftlichen polnischen Gruppierungen der Ansicht, dass nach der deutschen Terror- und Vernichtungspolitik im besetzten Polen, aber auch durch das Verhalten weiter Teile der „volksdeutschen“ Minderheit ein Zusammenleben mit Deutschen in einem Staat nicht länger möglich sei.[5]

Zu klären ist, was die Wissenschaft unter „Vertreibung“ versteht. „Der Terminus kennzeichnet eine mit der Anwendung von Gewalt oder zumindest mit der Androhung von Gewalt verbundene erzwungene Bevölkerungsverschiebung von Menschen (…), die zum Verlassen ihrer Herkunftsregion gezwungen sind.“[6] In Deutschland wird dieser Begriff auf den Prozess der Zwangsmigration der Deutschen aus Ostmitteleuropa im Kontext des Zweiten Weltkrieges bezogen. Umfasst wird die massenhafte Fluchtbewegung der deutschen Bevölkerung aus den Ostgebieten, die durch den sowjetischen Vormarsch gegen Ende des Krieges sowie die anschließende sogenannte „wilde“ Vertreibung der Deutschen vor allem aus polnischen und tschechoslowakischen Gebieten. Aufgrund des Potsdamer Abkommens folgte danach von Juli/August bis Ende 1945 eine mehr oder weniger geregelte Ausweisung oder Aussiedlung der Betroffenen.[7] Denn im Juli/August 1945 beschlossen die alliierten Siegermächte bei der Konferenz von Potsdam eine Aufteilung des Deutschen Reiches. In Artikel XIII wurde bezüglich der Überführung der Deutschen in Polen im Potsdamer Protokoll festgelegt, dass diese in „ordnungsgemäßer und humaner Weise“ erfolgen sollte.[8]

Am Beispiel der Erlebnisse der Familie Steiner aus Buchelsdorf in Schlesien, Karlheinz Gleß aus Piasek (nahe Stettin) und Renate Sommer aus Ostpreußen lassen sich die Ereignisse um das Jahr 1945 sehr gut veranschaulichen. Bei diesen Erinnerungen ist allerdings kritisch zu betrachten, dass sie erst viele Jahre später niedergeschrieben wurden und somit keine exakten Berichte darstellen. Vielmehr muss mit Lücken, Ungenauigkeiten und Vermischungen von Erlebtem und später Erfahrenem gerechnet werden. Dorothea Buller (ehemalige Steiner), die damals ca. sechzehn Jahre alt war, erinnert sich daran, dass sie und ihre Familie vor dem Einmarsch der russischen Armee fliehen wollten, dies aber nicht mehr rechtzeitig schafften und zwischen den Fronten umherirrten.[9] Auch Karlheinz Gleß, damals auch noch ein Junge, berichtet, dass seine Ortschaft vor der heranrückenden Front geräumt werden musste und er nach Westen nach Greswalde jenseits der Oder floh. Die Räumung war von Wehrmacht, SS und Nazifunktionären befohlen, wodurch im Winter 1944/45 etwa ein Drittel der Bewohner des Ostdeutschen Reichsgebiets in die mittleren und westlichen Landesteile verbracht wurden.[10] Renate Sommer (damals elf Jahre alt) floh vor der russischen Front mit Mutter und Schwester aus Reuß (Ostpreußen) erst nach Mehlsack und dann über Greifswald nach Stettin und zu guter Letzt nach Ebstorf in Niedersachsen.[11] Es lässt sich also feststellen, dass in der zweiten Jahreshälfte 1944 und Anfang 1945 etliche Menschen vor der Front, also der heranrückenden russischen Armee, flohen. Sichere Zahlen über die ersten Phasen der Vertreibung der deutschen Bevölkerung liegen nicht vor, weil sich in diesem Zeitraum Evakuierung, Flucht vor der Roten Armee und die folgende Vertreibung und „wilde“ Aussiedlung überschneiden und ineinander greifen.[12] Bis Ende März 1945 wurde der größte Teil der ostdeutschen Gebiete jenseits von Oder und Neiße von der Roten Armee besetzt.[13] Anfang 1945 war kaum einem Flüchtling bewusst, dass die Flucht und der Abschied von der Heimat endgültig sein sollten. Auch diejenigen, welche die Flüchtlinge aufnahmen in Gebieten westlich der Oder und Neiße gingen von einem vorrübergehenden Zustand aus. Daher nannten sie die Ankömmlinge auch „Flüchtlinge“.[14] Dieser Terminus impliziert eine Rückkehr an den Herkunftsort. In allen genannten Erinnerungsberichten äußern die Autoren ebenfalls, dass sie zu Beginn ihrer Flucht die Hoffnung hegten, schon bald in ihre Heimat zurückkehren zu können. Im Mai und Juni 1945 wurde der Übergang über die Oder und Neiße dann aber auch von polnischen Einheiten gesperrt, um eine Rückwanderung der Flüchtlinge zu verhindern. Die Flüchtlinge waren also schon vor dem Potsdamer Abkommen zu „Vertriebenen“ geworden, da ihre Flucht nun endgültig war.[15]

Im Widerspruch zur gängigen Literatur gelang offensichtlich einigen Flüchtlingen, so auch Karlheinz Gleß, dennoch der Rückweg in die Heimat unmittelbar nach Beendigung des Krieges. So lebten sie für kurze Zeit wieder in ihren alten Dörfern; nun allerdings unter einer russischen Verwaltung.[16] Gleß berichtet weiter, dass er nun für Lebensmittel auf nahegelegenen Gütshöfen arbeiten musste. Der Getreidedrusch sollte noch vor der endgültigen Vertreibung beendet werden.[17] Bei den unterschiedlichen politischen Strömungen in Polen herrschten Meinungsverschiedenheiten, ob Teile der deutschen Bevölkerung zur Arbeit in Polen festgehalten werden sollten.[18]

[...]


[1] Kersten, Krystyna: Das Jahrhundert der Übersiedler. Erzwungene Bevölkerungsverlagerungen – Versuch der Typologisierung, in: Klaus Bachmann/Jerzy Kranz (Hgg.): Verlorene Heimat. Die Vertreibungsdebatte in Polen, Bonn 1998, S. 103.

[2] Henke, Kaus-Dietmar: Der Weg nach Potsdam – Die Alliierten und die Vertreibung, in: Wolfgang Benz (Hg.): Die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten. Ursachen, Ereignisse, Folgen, Frankfurt am Main 1985, 1995, S. 58.

[3] Henke, Kaus-Dietmar: Der Weg nach Potsdam – Die Alliierten und die Vertreibung, in: Wolfgang Benz (Hg.): Die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten. Ursachen, Ereignisse, Folgen, Frankfurt am Main 1985, 1995, S. 60.

[4] Ruchniewicz, Krzystof: Wilde Vertreibung der Deutschen aus Polen, in: Lexikon der Vertreibungen. Deportation, Zwangsaussiedlung und ethnische Säuberung im Europa des 20. Jahrhunderts (2010), S. 726.

[5] Esch, Michael: Bevölkerungsverschiebungen und Bevölkerungspolitik 1939-1950, in: Włodzimierz Borodziej/Klaus Ziemer (Hgg.): Deutsch-polnische Beziehungen 1939-1945-1949. Eine Einführung, Osnabrück 2000, S. 199.

[6] Franzen, K. Erik; Troebst, Stefan: Vertreibung, in: Lexikon der Vertreibungen. Deportation, Zwangsaussiedlung und ethnische Säuberung im Europa des 20. Jahrhunderts (2010), S. 693 f.

[7] Franzen, K. Erik; Troebst, Stefan: Vertreibung, in: Lexikon der Vertreibungen. Deportation, Zwangsaussiedlung und ethnische Säuberung im Europa des 20. Jahrhunderts (2010), S. 695.

[8] Rogall, Joachim: Deutsche aus dem polnischen Staatsgebiet, in: Lexikon der Vertreibungen. Deportation, Zwangsaussiedlung und ethnische Säuberung im Europa des 20. Jahrhunderts (2010), S. 147.

[9] Buller, Dorothea; Mertenstein, Alice; Steiner, Horst: Vertreibung aus Schlesien aus dreifacher Perspektive, in: Hans-Jürgen Bömelburg/Renate Stößinger/Robert Traba (Hgg.): Vertreibung aus dem Osten. Deutsche und Polen erinnern sich, Olsztyn 2002, S. 104.

[10] Gleß, Karlheinz: Peetzig/Piasek – Erinnerungen an ein Dorf an der Oder, in: Hans-Jürgen Bömelburg/Renate Stößinger/Robert Traba (Hgg.): Vertreibung aus dem Osten. Deutsche und Polen erinnern sich, Olsztyn 2002, S. 86 f.

[11] Sommer, Renate: Meine Flucht aus Ostpreußen, in: Hans-Jürgen Bömelburg/Renate Stößinger/Robert Traba (Hgg.): Vertreibung aus dem Osten. Deutsche und Polen erinnern sich, Olsztyn 2002, S. 228-239.

[12] Esch, Michael: Bevölkerungsverschiebungen und Bevölkerungspolitik 1939-1950, in: Włodzimierz Borodziej / Klaus Ziemer (Hgg.): Deutsch-polnische Beziehungen 1939-1945-1949. Eine Einführung, Osnabrück 2000, S. 204.

[13] Rogall, Joachim: Deutsche aus dem polnischen Staatsgebiet, in: Lexikon der Vertreibungen. Deportation, Zwangsaussiedlung und ethnische Säuberung im Europa des 20. Jahrhunderts (2010), S. 146.

[14] Ther, Philipp: Deutsche und polnische Vertriebene: Gesellschaft und Vertriebenenpolitik in SBZ/DDR und in Polen 1945-1956, in: Helmut Berding/Jürgen Kocka/Hans-Peter Ullmann/Hans-Ulrich Wehler (Hgg.): Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft (Band 127), Göttingen 1998, S. 55.

[15] Ther, Philipp: Deutsche und polnische Vertriebene: Gesellschaft und Vertriebenenpolitik in SBZ/DDR und in Polen 1945-1956, in: Helmut Berding/Jürgen Kocka/Hans-Peter Ullmann/Hans-Ulrich Wehler (Hgg.): Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft (Band 127), Göttingen 1998, S. 55.

[16] Gleß, Karlheinz: Peetzig/Piasek – Erinnerungen an ein Dorf an der Oder, in: Hans-Jürgen Bömelburg/Renate Stößinger/Robert Traba (Hgg.): Vertreibung aus dem Osten. Deutsche und Polen erinnern sich, Olsztyn 2002, S. 88.

[17] Gleß, Karlheinz: Peetzig/Piasek – Erinnerungen an ein Dorf an der Oder, in: Hans-Jürgen Bömelburg/Renate Stößinger/Robert Traba (Hgg.): Vertreibung aus dem Osten. Deutsche und Polen erinnern sich, Olsztyn 2002, S. 90.

[18] Madajczyk, Piotr: Die polnische Politik gegenüber der deutschsprachigen Bevölkerung östlich von Oder und Neiße 1944-1950, in: Włodzimierz Borodziej /Klaus Ziemer (Hgg.): Deutsch-polnische Beziehungen 1939-1945-1949. Eine Einführung, Osnabrück 2000, S.163.

Details

Seiten
11
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668594142
ISBN (Buch)
9783668594159
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v383492
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Historisches Institut
Note
1.0
Schlagworte
Vertreibung Flucht Polen 1945

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