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Theoretische Zeitkonzepte von Migranten im Alltag

Hausarbeit 2004 47 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Die alltägliche Lebenswelt
1.1 Die zeitliche Struktur der alltäglichen Lebenswelt
1.1.1 Die Weltzeit
1.1.2 Die Zeitstruktur der Reichweite
1.1.3 Die subjektive Zeit

2 Die Bildung von zeitbegriffen
2.1 Entwicklung soziokultureller Zeitkonzepte

3 Dimensionen Kultureller Zeitkonzepte
3.1 Orientierung an Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft
3.2 Soziales Tempo und Abfolge sozialer Prozesse
3.3 Monochronie und Polychronie
3.4 Konkrete und abstrakte Zeitvorstellungen
3.5 Zyklische und lineare Zeitvorstellungen
3.6 Das Zeitkonzept der Deutschen

4 Auswirkungen der Migration auf die alltägliche Lebenswelt

5 Zeitkonzepte von Migranten in Deutschland
5.1 Das biographische Muster des Produktivitätstypus
5.1.1 Lebenszeit und Alltagszeit des Produtivitätstypus am Beispiel von Herrn Krizan
5.2 Zeiterleben von Aussiedlern und türkischen Migranten im Alltag
5.2.1 Zeiterleben der Aussiedlerinnen
5.2.2 Zeiterleben der Aussiedler
5.2.3 Zeiterleben der Türkinnen
5.2.4 Zeiterleben der türkischen Männer
5.2.5 Zusammenfassung und Schlußfolgerungen

6 Schlußbemerkungen

7 Literaturverzeichnis

8 Abbildungsverzeichnis

9 Tabellenverzeichnis

Einleitung

Verschiedene Kulturen unterscheiden sich in ihren Vorstellungen über die Zeit und in ihrem Umgang damit. So weit, so gut. Aber was bedeutet das für Menschen, die ihren gewohnten Kontext verlassen, um in einem fremden Land, einer fremden Kultur zu leben? Wie erleben und gestalten Migranten ihren Alltag in Deutschland, und welche Zeitkonzepte liegen ihrer Alltagsorganisation zugrunde? Welche Zeitkonzepte lassen sich überhaupt unterscheiden? Wie entwickeln sich unterschiedliche Konzepte, und gibt es welche, die für Migranten typisch sind? Dies sind die Fragen, denen ich in dieser Arbeit nachgehen möchte.

Um darzustellen, was die Alltagswelt beinhaltet und aus welchen Elementen sie sich im Hinblick auf die Zeit aufbaut, beziehe ich mich in Kapitel 1 auf ein Konzept der Alltagswelt von Schütz und Luckmann. Den Autoren geht es darum, Kriterien zu beschreiben, die für alle Menschen - egal zu welchem historischen Zeitpunkt und in welchem kulturellen Kontext sie leben - Gültigkeit haben. Also es geht um eine allgemeingültige Struktur der Alltagswelt. Wie diese Struktur im einzelnen ausgefüllt wird, kann natürlich von Gesellschaft zu Gesellschaft und nicht zuletzt von Mensch zu Mensch variieren. Mit den verschiedenen Möglichkeiten der Ausgestaltung dieser Struktur werde ich mich in dann in den nachfolgenden Kapiteln auseinandersetzen.

In Kapitel 2 geht es zunächst um die Entwicklung von Zeitbegriffen überhaupt und von soziokulturellen Zeitbegriffen im speziellen. Dabei wird auch deutlich, warum es zu Spannungen kommen kann, wenn unterschiedliche Konzepte aufeinandertreffen.

Auf welchen Dimensionen man kulturelle Zeitkonzepte einordnen kann, schildere ich in Kapitel 3. Hier versuche ich auch, mit Hilfe der beschriebenen Merkmale dieser Dimensionen, das „deutsche Zeitkonzept“ zu konstruieren. Dabei greife ich u. a. auf meinen eigenen Erfahrungsschatz zurück, weshalb diese Konstruktion zugegebenermaßen etwas hypothetisch und subjektiv gefärbt erscheinen mag. Da ich mich jedoch auch als ein Mitglied dieser Kultur verstehe, ist dieses Vorgehen m. E. durchaus legitim. Die Konstruktion soll hier als Grundlage dienen, um die Bedingungen zu beschreiben, die Migranten in Deutschland antreffen und mit denen sie sich in irgendeiner Weise arrangieren müssen.

In Kapitel 4 komme ich noch einmal zurück auf das Konzept der alltäglichen Lebenswelt von Schütz und Luckmann, und zwar im Hinblick darauf, was das Verlassen des gewohnten Umfeldes und der gewohnten Kultur für den Menschen in Bezug zur alltäglichen Lebenswelt bedeutet. Ich stelle hier auch kurz dar, welche Formen der Konfliktlösung es gibt.

Wie Migranten ihren Alltag in Deutschland (er)leben und welche Zeitkonzepte sich daraus ableiten lassen, beschreibe ich in Kapitel 5 anhand von ausgewählten Beispielen.

1 Die alltägliche Lebenswelt

„Der Alltag = langweilige Bewegung (lesen, schreiben);
die Zeit totschlagen, doch manchmal urplötzlich:
ein Termin, ein festgesetzter Tag: plötzlich Hetze,
die Zeit ist zu kurz, sie reicht nicht mehr.
Der Alltag = Müll, ein Schrottplatz, kaputte Autos
Lärm, Maschinen, Schule, alles auf einmal
Der Alltag = graue Städte,
von den Abwässern der Fabriken noch dreckiger,
verpestete und verseuchte Luft, Unfälle
halbabgerissene Häuser, kaputte Fensterscheiben,
unruhiger Schlaf und, und, und,
eben eine Großstadt.“

Alltagsbegriff zweier 12jähriger in der BRD[1]

Schütz und Luckmann definieren alltägliche Lebenswelt als jenen Wirklichkeitsbereich, den der wache und normale Erwachsene in der natürlichen Einstellung[2] als schlicht gegeben vorfindet. Nur in diesem Wirklichkeitsbereich kann der Mensch sich mit anderen verständigen und mit ihnen zusammenwirken. „Schlicht gegeben“ bezeichnet dabei alles, was der Mensch als selbstverständlich erlebt, jeden Sachverhalt, der ihm - bis auf Widerruf durch entsprechende Erfahrungen - unproblematisch ist.[3] In der natürlichen Einstellung des Alltags nehme ich als fraglos gegeben hin:

- die körperliche Existenz anderer Menschen, und daß diese ein Bewußtsein haben, das meinem ähnlich ist
- daß die Dinge in der gemeinsamen Umwelt für uns die gleichen sind und für uns auch die gleiche Bedeutung haben
- daß ich mit meinen Mitmenschen in Wechselbeziehung/-wirkung treten und mich mit ihnen verständigen kann
- daß als gemeinsamer Bezugsrahmen eine gegliederte Sozial- und Kulturwelt genauso selbstverständlich vorgegeben ist wie die „Naturwelt“
- daß die Situation, in der ich mich befinde, nur zu einem geringen Teil von mir selbst geschaffen ist.[4]

Durch unsere Handlungen verändern wir die Lebenswelt. Diese schränkt wiederum unsere Handlungsmöglichkeiten ein, da sie uns durch ihre Gegebenheiten Widerstand entgegensetzt. Um handeln zu können, müssen wir die Lebenswelt zu einem gewissen Grad verstehen. Wir nutzen dafür sowohl unsere direkten Erfahrungen als auch die, die uns von Mitmenschen übermittelt wurden. Diese bilden einen Wissensvorrat, der uns als Bezugsschema für unsere Auslegungen und Handlungen dient. Alle Erfahrungen in der Lebenswelt sind auf dieses Schema bezogen, d.h. die Gegenstände und Ereignisse in der Lebenswelt treten uns von vornherein in ihrer Typenhaftigkeit entgegen.[5]

Die Selbstverständlichkeit der natürlichen Einstellung ist nach Husserl durch zwei „Idealitäten“ geprägt, die auf der Erwartung der Konstanz der Weltstruktur beruhen. In ihnen kommt die Gleichförmigkeit und Wiederholbarkeit der alltagszeitlichlichen Handlungsorientierung zum Ausdruck:

- Das Vertrauen darauf, daß unser Wissensvorrat weiterhin gültig ist. Dies ist die Idealität des „Und-so-weiter“.
- Und daraus folgend die Erwartung, daß wir frühere erfolgreiche Handlungen wiederholen können. Dies ist die Idealität des „Ich-kann-immer-wieder".[6]

Der Sinnbereich der alltäglichen Lebenswelt erscheint uns als „natürliche“ Wirklichkeit, und wir sind nicht bereit, darauf beruhende Einstellungen aufzugeben, wenn nicht ein besonderes Schockerlebnis die Sinnstruktur des Alltags durchbricht.

Schütz und Luckmann entwerfen ein Aufschichtungsmodell der alltäglichen Lebenswelt, das sich aus zeitlichen, räumlichen und sozialen Strukturen zusammensetzt. Diese drei Bereiche sind eng miteinander verknüpft, insofern als zeitliches Erleben im Raum passiert und raumzeitliche Erfahrungen größtenteils in der Interaktion vermittelt werden. Ich werde mich jedoch im folgenden auf die zeitliche Struktur beschränken.

1.1 Die zeitliche Struktur der alltäglichen Lebenswelt

Die Autoren unterscheiden drei Dimensionen der Erfahrung zeitlicher Strukturen: die Weltzeit, die zeitliche Struktur der Reichweite und die subjektive Zeit.

1.1.1 Die Weltzeit

Die Weltzeit wird erlebt in den zeitlichen Grundmomenten: Fortdauer der Welt/End­lichkeit, Zwangsläufigkeit/first things first und Geschichtlichkeit der Situation:

1.1.1.1 Fortdauer der Welt und Endlichkeit des eigenen Lebens

Indem wir uns der Welt zu- bzw. uns von ihr abwenden, erleben wir deren Fortdauer. Wir gehen z.B. davon aus, daß die Welt weiterbesteht und sich verändert, wenn wir schlafen. Während unsere Bewußtseinsaktivitäten nach dem Aufwachen wieder dort beginnen, wo sie vor dem Einschlafen aufgehört haben, erfahren wir die Welt jedoch als älter geworden. Dieses Erleben der Transzendenz der Weltzeit ist ohne Bezugnahme auf andere möglich. Eine weitere Erfahrung dieser Transzendenz beruht dagegen vor allem auf der Reflexion der intersubjektiven Welt: das Wissen um die Endlichkeit unseres Lebens und die Fortdauer der Welt nach dem Tod. Aus diesem Wissen leitet sich das Relevanzsystem der natürlichen Einstellung[7] ab, das den Menschen veranlaßt, seine Lebenswelt zu meistern. Die Erfahrung der Weltzeit als Transzendenz der eigenen Endlichkeit ist das Grundmotiv für die Lebensplanung.[8]

1.1.1.2 Zwangsläufigkeit / first things first

Neben der Endlichkeit des Lebens beeinflußt auch die Zwangsläufigkeit der Weltzeit die zeitliche Gliederung individuellen und kollektiven sozialen Handelns. Diese Zwangsläufigkeit ergibt sich aus den unterschiedlichen Rhythmen der Lebenswelt: der biologischen Zeit, der subjektiven Zeit, den Jahreszeiten und dem sozialen Kalender. Die Folge der Inkongruenzen dieser Rhythmen ist das Warten.

Hinzu kommt das Prinzip „first things first“. Die Ereignisse in der äußeren Welt, mein körperlicher Rhythmus und der soziale Kalender begrenzen die Zahl der Handlungen, die ich gleichzeitig ausführen kann. Ich muß deshalb die Reihenfolge meiner Tätigkeiten nach Dringlichkeitsstufen ausarbeiten. Bevor ich mich wichtigen Dingen zuwenden kann (z.B. zu einem Bewerbungsgespräch gehen), muß ich zunächst „unwichtige“ erledigen (z.B. duschen). Solche Zwischenhandlungen sind notwendige Bestandteile des Alltagslebens.

Die zwangsläufige Zeitstruktur bestimmt unmittelbar unseren Tagesplan. Endlichkeit und Zwangsläufigkeit (Lebensplan und Tagesplan) sind eng miteinander verknüpft. Beide erfährt der Mensch in der natürlichen Einstellung als ihm auferlegt und unausweichlich.[9]

1.1.1.3 Weltzeit und Geschichtlichkeit der Situation

Weltzeit wird als irreversibel erfahren, z.B. werde ich älter und kann nicht jünger werden. Selbst wenn die relativ-natürliche Weltanschauung von der ewigen Wiederkehr menschlichen Geschehens ausgeht, wird die Sozialwelt - schon wegen der Erfahrung der Generationenfolge - als geschichtlich erlebt. Der Mensch wird in eine besondere geschichtliche Situation hineingeboren und erlebt dies ebenfalls als ihm auferlegt. Im Unterschied zur Endlichkeit und Zwangsläufigkeit, die weder veränderbar noch variabel sind, unterscheidet sich die geschichtliche Situation des einzelnen jedoch von der Situation anderer Generationen.

Fortdauer und Endlichkeit, Zwangsläufigkeit, first things first und Geschichtlichkeit der Situation sind somit unabänderliche, auferlegte Elemente des Daseins. Sie bestimmen die Grenzen unserer Erfahrungen und unseres Handelns, über die wir in der natürlichen Einstellung kaum reflektieren, da es im Alltag dafür gewöhnlich keinen Grund gibt. Der „Bereich des Bewirkbaren“ ist somit begrenzt durch die Zeitstruktur der Lebenswelt. Er ist weiterhin begrenzt durch den Wissensstand der Gesellschaft, in der ich lebe, und durch meine eigenen Vorerfahrungen.[10]

1.1.2 Die Zeitstruktur der Reichweite

Schütz und Luckmann unterscheiden die Welt in aktueller Reichweite, d.h. alles, was meiner unmittelbaren Erfahrung zugänglich ist, und die Welt in potentieller Reichweite. Die Welt in aktueller Reichweite hat wesentlich den Zeitcharakter der Gegenwart. Die Welt in potentieller Reichweite bezieht sich auf Vergangenheit (die Erinnerung) und Zukunft (die Erwartung): Was bereits einmal in aktueller Reichweite war, gilt unter der Idealisierung des „Ich-kann-immer-wieder“ als wiederherstellbar. Die Welt in meiner vergangenen Reichweite hat so den Charakter einer Welt, die aktualisiert werden kann. Der zweite Bereich der potentiellen Reichweite beruht auf Vorwegnahmen der Zukunft. Er beinhaltet alles, was noch nie in aktueller Reichweite war aber unter der Idealisierung des „Und-so-weiter“ früher oder später erreichbar sein wird. Ein Aspekt dieser Zone ist die Wirkzone meines Mitmenschen. In einer gemeinsamen Situation decken sich unsere Wirkzonen nur teilweise oder gar nicht. Seine Wirkzone ist für mich jedoch eine erreichbare, wäre ich eben an seiner Stelle.[11]

1.1.3 Die subjektive Zeit

1.1.3.1 Zeitliche Artikulierung des Bewußtseinsstroms

Vladimir: So vergeht die Zeit.
Estragon: Sie wäre auf jeden Fall vergangen.
Vladimir: Ja, aber nicht so schnell.

Warten auf Godot, Samuel Beckett[12]

Das Erleben der inneren Dauer ist geprägt von der ständigen Aufeinanderfolge aktueller impressiver Phasen. In meinen Bewußtseinsakten „lebend“ bin ich jedoch deren intentionalen Objekten und nicht den Akten selber zugewandt. Um die Akte zu verstehen, muß ich sie reflektieren, also gewissermaßen aus meinem gegenwärtigen Bewußtseinsstrom heraustreten. Dabei bleibe ich aber trotzdem „in“ diesem Bewußtseinsstrom. Dieser ist kontinuierlich, und auch die Reflexionen haben innerhalb dieses Stroms eine zeitliche Struktur. Durch die Reflexion erhalten Erfahrungen einen Sinn. Dabei bezieht sich jede aktuelle Erfahrung aber auch auf Erfahrungen der Vergangenheit und auf Erwartungen künftiger Erfahrungen. Die Einheiten der inneren Dauer lassen sich deshalb nicht in quantitativ homogene Meßgrößen zerstückeln. Es sind vielmehr „nicht-homogene“ Größeneinheiten des Sinns, die sich in charakteristischen Rhythmen aneinanderreihen. Diese Rhythmen werden bestimmt von der - je nach körperlicher Befindlichkeit, Interesse und Wirklichkeitsbereich - vorherrschenden Bewußtseinsspannung. Verschiedene Grade der Bewußtseinsspannung haben ihren charakteristischen Rhythmus, ihr charakteristisches Tempo und bestimmen die „Größenordnung“ des subjektiven Zeiterlebens.[13]

Levine nennt fünf Faktoren, die das Erleben der inneren Dauer beeinflussen: Menschen haben das Gefühl, daß die Zeit schneller vergeht, wenn sie angenehme Erfahrungen machen, sich nicht unter Zeitdruck fühlen, mit etwas beschäftigt sind, Abwechslung haben und wenn die rechte Gehirnhälfte aktiviert ist. Er schränkt jedoch ein, daß die Interpretation dieser Faktoren individuell und kulturell variiert.[14] Faktoren, die nach Dossey das Zeitgefühl beeinflussen, sind die Persönlichkeit, die soziale Kompetenz, Motivation, Drogen, psychische Störungen und Licht- und Temperaturveränderungen.[15]

Die obige Beschreibung betrifft im wesentlichen den Tagesablauf. Im folgenden geht es darum, wie sich dieser in Bezug zum Lebenslauf verhält.

1.1.3.2 Biographische Artikulation

Alltagszeit und Lebenszeit stehen miteinander in einem wechselseitigen Verhältnis. Biographische Entwürfe setzen die Synchronisation von Alltags- und Lebenszeit voraus. Blicke ich auf vergangene Lebensabschnitte zurück - z.B. um mich zu fragen: „Wie ist es dazu gekommen, daß ich...“ - dann erscheinen die vergangenen Alltage der Biographie untergeordnet. Und wenn ich langfristig plane, antizipiere ich typisierend viele zukünftige Tagesabläufe. Meine Interpretationen und Entwürfe sind aber auch in den Tagesrhythmus meiner inneren Dauer eingefügt und werden zudem von der aktuellen Situation mitbestimmt. Umgekehrt wird jede aktuelle Situation beeinflußt durch die Einzigartigkeit der Abfolge und Ansammlung meiner vergangenen Erfahrungen.[16]

Die Kategorien der biographischen Artikulation lassen sich jedoch nicht nur von der inneren Dauer und der Erfahrungsabfolge ableiten. Für die Gestaltung der Biographie sind im gesellschaftlichen Wissensvorrat - entstanden durch die Objektivierung von Interaktions- und Erfahrungsschemata[17] - bestimmte Typisierungen vorhanden. Relevant für die Biographie sind aber nicht nur die Typisierungen, sondern auch die übergeordneten wertenden Deutungen der Sozialwelt, die sich in Legitimierungen, Gesetzen und Handlungsrezepten ausdrücken, sowie die Bewertung sozialer Positionen. Das Individuum erlebt all diese Typisierungen als Möglichkeiten, Selbstverständlichkeiten und Unmöglichkeiten für seinen Lebenslauf.[18]

Die Sozialstruktur[19] stellt dem einzelnen also typische Biographien zur Auswahl, wobei verschiedene Sozialstrukturen sich allerdings in den Freiheitsgraden der Wahl und der sozialen Verteilung dieser Freiheitsgrade unterscheiden. Dasselbe gilt auch für enger begrenzte Handlungsmuster. Weiterhin sind typische Biographien an bestimmte Grundbedingungen gekoppelt wie z.B. Geschlecht oder unabänderliche ontologische oder sozialstrukturell vorgegebene Abfolgen.[20]

Das Individuum erlernt die Sozialstruktur im Laufe seiner Sozialisierung von anderen Menschen, v. a. von den sozial definierten Eltern. Die Typisierungen werden in Spie-gelungsprozessen zu Selbsttypisierungen (allerdings in modifizierter Form) und prägen seine Persönlichkeit. Die wichtigsten der so verinnerlichten Typisierungen sind soziale Zeitkategorien, die der inneren Dauer des Individuums quasi aufgestülpt werden.[21]

2 Die Bildung von zeitbegriffen

Die Fähigkeit zeitliche Verhältnisse zu erfassen ist nicht angeboren - wir erwerben sie in einem langen Prozeß. Laut Piaget bilden sich Zeitbegriffe aus der Aktion, d.h. sie sind eng mit Erfahrungen verbunden. Dabei werden - beginnend mit der sensori-motorischen Frühphase - die gleichen Etappen durchlaufen wie bei der Aneignung aller anderen kognitiven Begriffe: Auch das subjektive Zeiterleben ist nicht in Form eines „inneren Zeitgefühls“ angeboren, sondern hat eine von Erlebnissen und Handlungen ableitbare Entwicklungsgeschichte.[22]

Ciompi geht nach dem Konzept der Affektlogik davon aus, daß sämtliche kognitiven Bezugssysteme - also auch zeitliche - affektiv gefärbt sind. Das Kleinkind speichert alle Erfahrungen in einem positiven und einem negativen Bereich. Die affektiven Elemente verbinden die dadurch entstehenden affektiv-kognitiven Bezugssysteme zu einem Ganzen. Diese Bezugssysteme beeinflussen alle späteren Wahrnehmungen und Abläufe und bestätigen sich fortwährend rekursiv selbst. Als Folge sehen wir die Gegenwart durch die Brille der Vergangenheit. Erst wenn unsere Bezugssysteme durch widersprüchliche Erfahrungen massiv infrage gestellt werden, merken wir, daß sich unsere gewohnte Welt nicht „von selbst versteht“.[23]

Neben den bewußten Zeitbegriffen gibt es also auch viele weitgehend unbewußte Aspekte des Zeiterlebens. Physikalische, klimatische, biologische, soziokulturelle Rhythmen und Raumerlebnisse prägen sich dem psychischen Funktionssystem bereits in frühester Kindheit tief ein. Da alle Erfahrung in Zeit und Raum stattfindet, sind wahrscheinlich sämtliche affektiv-kognitiven Bezugssysteme neben ihren sonstigen Eigenschaften auch spezifisch „zeiträumlich gemustert“. Entsprechend ist unser Alltagsverhalten von unbewußten zeiträumlichen Mustern durchzogen, die unser Wohl­befinden vermutlich stark beeinflussen. Am ökonomischsten ist es, entsprechend unseren fundamentalen zeiträumlichen Prägungen zu leben. Andernfalls, so befürchtet Ciompi, sind unterschwellige Spannungen zu erwarten.[24]

Diese Annahme wird m. E. durch eine Studie über die Ursachen des Kulturschocks bestätigt. Freiwillige des Peace Corps wurden nach ihrer Rückkehr gebeten, 33 Problempunkte danach zu ordnen, welchen Aufwand an kultureller Anpassung sie ihnen abverlangt hätten. Man könnte annehmen, daß Themen wie „die Art des Essens“, „die persönliche Sauberkeit der meisten Menschen“, „die Anzahl der Menschen der eigenen Rasse“ und „der allgemeine Lebensstandard“ bei einem Aufenthalt in einer fremden Kultur große Probleme bereiten können. Jedoch hatten - abgesehen von der fremden Sprache - die Freiwilligen vor allem Schwierigkeiten mit der sozialen Zeit: Ganz oben stand das „allgemeine Tempo des Lebens“, gefolgt von einer der wichtigsten Komponenten: „wie pünktlich die meisten Menschen sind“.[25]

[...]


[1] zitiert nach Greverus (1987), S. 93

[2] Orientierung des Menschen auf die Welt, in der er lebt

[3] vgl. Schütz und Luckmann (2003), S. 29

[4] vgl. ebd. S. 31

[5] vgl. ebd. S. 32

[6] Husserl (1929) nach Schütz und Luckmann (2003), S. 34

[7] ineinander verschlungenes System von Hoffnung und Furcht, Bedürfnissen und Befriedigungen, Chancen und Risiken

[8] vgl. Schütz und Luckmann (2003), S. 81 ff.

[9] vgl. ebd., S. 84 f.

[10] vgl. ebd., S. 86 ff.

[11] vgl. ebd., S. 88 f.

[12] zitiert nach Levine (1998), S. 71

[13] vgl. Schütz und Luckmann (2003), S. 89 ff.

[14] vgl. Levine (1998), S. 71

[15] vgl. Dossey (1982) nach Boscolo und Bertrando (1994), S. 54

[16] vgl. Schütz und Luckmann (2003), S. 94 ff.

[17] vgl. Brose et al. (1993), S. 23

[18] vgl. Schütz und Luckmann (2003), S. 141 f.

[19] definiert als „(...) Gesamtheit der die Handlungsmöglichkeiten/-spielräume von Gesellschaftsmitgliedern einschränkenden Bedingungen ihres Handelns bzw. die Möglichkeitshorizonte bestimmenden Erwartungen.“ (Brose et al., 1993, S. 55)

[20] Schütz und Luckmann (2003), S. 143 f.

[21] vgl. ebd., S. 145

[22] vgl. Ciompi (1988), S. 216 und 219 ff.

[23] vgl. ebd., S. 171 ff.

[24] vgl. ebd., S. 247 f.

[25] vgl. Spradley, J.P. und Phillips, M. (1972), S. 518 - 529 nach Levine (1998), S. 33

Details

Seiten
47
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638374415
ISBN (Buch)
9783638799355
Dateigröße
631 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v38351
Institution / Hochschule
Hochschule Zittau/Görlitz; Standort Görlitz
Note
gut
Schlagworte
Theoretische Zeitkonzepte Migranten Alltag Interkulturelle Kommunikation

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Titel: Theoretische Zeitkonzepte von Migranten im Alltag