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Ulrich Becks Individualisierungstheorem

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 20 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Beck’sche Individualisierungstheorem
2.1 Ulrich Beck
2.2 Die Risikogesellschaft
2.3 Thesen zum Individualisierungstheorem

3. Untersuchungen und Meinungen zum Beck’schen Individualisierungstheorem – eine Auswahl
3.1 Untersuchungen von Hans Bertram und Simone Kreher zu Lebensformen und Familienstrukturen
3.2 Untersuchungen von Hans Bertram zu regionalen Unterschieden
3.3 Weitere Kritikpunkte und Einschätzungen

4. Schlussbemerkungen: Bewertung des Beck’schen Theorems

5. Literaturverzeichnis

„Die Menschen sind zur Individualisierung verdammt !“[1]

Jean-Paul Satre

1. Einleitung

Individualisierungstheorien gibt es nicht erst seit der jüngeren Vergangenheit. Die Anfänge des Individualisierungskonzeptes liegen mit der Betonung eines Ich-Bewusstseins unter anderem bei Sokrates, Platon und Aristoteles in der Antike. Um einiges später leistete dann die Reformation ihren Beitrag zu Individualisierungskonzepten, schaltete sie doch die Kirche als Zwischenkommunikator aus und stellte eine direkte Verbindung zwischen Gott und dem einzelnen Individuum her. In der Renaissance und mit Kant vor allem während der Aufklärung entwickelte sich das individuelle Bewusstsein. Während der Industrialisierung wurde der Individualisierungsbegriff im politischen und wirtschaftlichen Leben zur Geltung gebracht. Die Einmaligkeit des Individuums trat im 19. Jahrhundert bei den Liberalen in den Vordergrund, allerdings war dies in erster Linie auf Männer bezogen, vorwiegend der höheren Klasse.[2]

Die Soziologie beschäftigt sich seit dem 19. Jahrhundert mit dem Individualisierungsbegriff. So beschäftigten sich Marx – für den Individualisierung ein Grundproblem des Kapitalismus war, der den Arbeiter aus vorkapitalistischen Lebensformen löse und ihn von der Gesellschaft entfremde – aber auch Durkheim, Simmel, Weber, Adorno, Habermas oder Luhmann mit Individualisierung. Letzterer sah in ihr eine Selbstverwirklichung, die zu einem normativen Kulturgut geworden ist und soziale Heimatlosigkeit jenseits traditioneller Lebenswelten hervorrufen kann.[3]

Spricht man heute allerdings von der Individualisierungsthese bzw. dem Individualisierungstheorem, so bezieht man sich auf Ulrich Beck, der sich in seinem Buch „Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne“, 1986 überwiegend mit Individualisierung auseinandersetzt.[4] Das außergewöhnliche an diesem Theorem ist, dass es bloße Theorie ist, empirisch kaum belegt – eher widerlegt – aber angewandt wird, als sei es das Theorem zur Individualisierung beziehungsweise zur Beschreibung der Moderne schlechthin. Es hat begonnen, ein Eigenleben zu führen und hat sich als einflussreiche Diagnose unserer modernen Gesellschaft durchgesetzt.

Deshalb soll es hier darum gehen, Becks Individualisierungstheorem überblicksartig vorzustellen – überblicksartig deshalb, weil es einer eigenen Arbeit bedürfte, es in seiner Gesamtheit und Komplexität zu behandeln – , um es im Anschluss im Spiegel ausgewählter Aufsätze und Untersuchungen, die sich mit Becks Thesen auseinandersetzen, zu bewerten.

2. Das Beck’sche Individualisierungstheorem

2.1 Ulrich Beck

Geboren 1944 im pommerschen Stolp[5], begann Ulrich Beck 1966 sein Studium in Freiburg, bei dem er nach einem Semester Rechtswissenschaften zu den Fächern Soziologie, Psychologie, Politikwissenschaft und Philosophie wechselte und diese später in München weiter studierte. Dort promovierte er 1974 und habilitierte 1979. Zwischen Promotion und Habilitation war Beck wissenschaftlicher Mitarbeiter des Sonderforschungsbereiches 101 der Münchner Universität zum Thema "Theoretische Grundlagen sozialwissenschaftlicher Berufs- und Arbeitskräfteforschung".

1979 übernahm er eine Professur für Soziologie an der Universität Münster, 1981 bis 1992 dann in Bamberg. Danach wechselte Beck nach an die Universität München, wo er Professor und Direktor am Soziologischen Institut ist.

Seit 1980 gibt er die Zeitschrift „Soziale Welt“ heraus. In den Jahren 1995 bis 1997 wirkte er als Mitglied der Kommission für Zukunftsfragen der Freistaaten Bayern und Sachsen, und seit 1999 ist Beck Sprecher des DFG-Sonderforschungsbereichs „Reflexive Modernisierung“ der Universität München. Darüber hinaus nahm und nimmt er Gastprofessuren im Ausland an.

Sein Buch über die Risikogesellschaft erschien in Erstauflage 1986 und wurde zur Jahrtausendwende in der 14. Auflage herausgegeben. Es wurde mittlerweile in 13 Sprachen übersetzt.

2.2 Die Risikogesellschaft

Beck bettet seine Ausführungen zur Individualisierung in sein Konzept der Risikogesellschaft ein. Diese gilt ihm als Nachfolgerin der Industriegesellschaft und somit als zweite Moderne. Während die erste Moderne schwerpunktmäßig durch Industrie, Erwerbsarbeit, Nationalstaat, einer Abhängigkeit von Stand und Klasse, der „Institution Kleinfamilie“ sowie klar verteilter Rollen zwischen Männern und Frauen gekennzeichnet ist, bricht dies in der zweiten Moderne alles auf. Die Erwerbsarbeit erodiert, den nationalstaatlichen Akteuren – Regierung, Parlament, usw. – stehen die wirtschaftlichen Akteure gegenüber, die weit über den nationalstaatlichen Rahmen hinaus agieren. Der industrielle Sektor wird mehr und mehr vom Dienstleistungssektor abgelöst, und Abhängigkeit besteht nur noch über Risiken, weswegen Beck ja auch von einer Risikogesellschaft spricht. Als Beispiel führt er das Reaktorunglück von Tschernobyl an, das sich just in dem Jahr ereignete, in dem auch sein Buch zur Risikogesellschaft erschien. Die Folgen des Unglücks in Form der sich über Europa ausbreitenden atomaren Wolke, hatten alle zu tragen. Welcher Herkunft man war, spielte dabei keine Rolle. Egal ob arm oder reich, alle waren betroffen.[6] Die Logik der Risikoverteilung verdrängt damit die Logik der Reichtumsverteilung, der Antrieb für kollektives Handeln sind also nicht mehr die Gefahren eines ausbeutenden Arbeitsverhältnisses, sondern die Gefährdungsgemeinsamkeit. Die Unsicherheit wird in der Weltrisikogemeinschaft zum gesellschaftlich allgemeinen Strukturprinzip, nach dem alles Handeln ausgerichtet wird, wobei die verschiedenen Institutionen nicht mehr genug Sicherheit geben. Der Fortschrittsglaube schwindet, als Form des Protestes entstehen neue soziale Bewegungen und traditionelle Lebensformen brechen zusammen.[7]

Der Übergang von der ersten zur zweiten Moderne wird als reflexive Modernisierung bezeichnet, was soviel wie die Modernisierung der Moderne bedeutet.[8]

2.3 Thesen zum Individualisierungstheorem

Die reflexive Modernisierung ruft Individualisierung hervor. Denn Beck stellt in der Übergangsgesellschaft, aber auch in der Risikogesellschaft[9], einen Individualisierungsschub fest, der das Individuum – vor allem vor dem Hintergrund sozialstaatlicher Rahmenbedingungen – aus traditionellen Bindungen freisetzt. Das bedeutet ein Loseisen aus Großgruppen, Klassen, Schichten, aus der Kleinfamilie aber auch aus den festgefahrenen Geschlechterrollen. Die Gründe für diesen Individualisierungsschub sieht Beck in der Wohlstandssteigerung, der gestiegenen sozialen wie geographischen Mobilität und vor allem in der Bildungsexpansion. Denn traditionalistische Denkweisen werden mittels Bildung häufig durch universalistische Sichtweisen ergänzt beziehungsweise ersetzt.[10]

Durch das Verblassen ständisch geprägter Sozialmilieus – Beck spricht von einer Tendenz zur Klassenlosigkeit – entstehen individualisierte Existenzformen und Existenzlagen, wodurch das Individuum gezwungen wird, sich auf sich zu konzentrieren. Denn der Lebenslauf ist nun entscheidungsabhängig, selbstverantwortlich, offen und selbstreflexiv. Die Individuen haben die Chance, aber auch den Zwang zur Entscheidung, was gleichzeitig eben auch einen Zwang zur Individualisierung bedeutet. Man wird gezwungen, sich als Individuum zu konstituieren, zu planen, als Individuum zu handeln, sich selber zu entwerfen, oder man muss die Konsequenzen für Nichtentscheidungen selbst tragen. Individualisierung ist bei Beck also keinesfalls eine freie Entscheidung des Individuums, sondern eher ein Muss. Er weist hier auch auf vielerlei Nachteile hin: Der Individualisierungszwang kann zu Entwurzelung, Vereinzelung und vor allem zur Überforderung durch die Wahlzwänge führen.[11]

[...]


[1] Zit. in: Beck, Ulrich, Die „Individualisierungsdebatte“, in: Schäfers, Bernhard, Soziologie in Deutschland. Entwicklung, Institutionalisierung und Berufsfelder, Theoretische Kontroversen, Opladen 1995, S. 185-198, hier S. 192.

[2] Vgl. Ebers, Nicola, „Individualisierung“. Georg Simmel – Norbert Elias – Ulrich Beck, (=Epistemata, Würzburger wissenschaftliche Schriften, Reihe Philosophie, Bd. 169), Würzburg 1995, S. 34-38.

[3] Vgl. ebd., S. 38-43.

[4] Vgl. Beck, Ulrich, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt a.M. 1986.

[5] Zu den nachfolgenden Angaben vgl. http://www.lsbe.soziologie.uni-muenchen.de/, am 15.9.2004; Beck, Ulrich, Die Arbeitsgesellschaft als Risikogesellschaft, in: Gewerkschaftliche Monatshefte, Nr. 7-8/1999, S. 414-418, hier S. 414 und Ebers, „Individualisierung“ (Anm. 2), S. 262ff.

[6] Vgl. Beck, Risikogesellschaft (Anm. 4), S. 7-11.

[7] Vgl. ausführlich ebd., S. 25-112; vgl. weiter Beck, „Individualisierungsdebatte“ (Anm. 1), S. 189f und ders., Arbeitsgesellschaft (Anm. 5), S. 417.

[8] Vgl. Beck, „Individualisierungsdebatte“ (Anm. 1), S. 187.

[9] Einen Überblick über die Thesen bietet Beck, Risikogesellschaft (Anm. 4), S. 115-120.

[10] Vgl. Beck, „Individualisierungsdebatte“ (Anm. 1), S. 188.

[11] Vgl. ebd., S. 185, 188, 192f.

Details

Seiten
20
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638374835
DOI
10.3239/9783638374835
Dateigröße
630 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Soziologie
Erscheinungsdatum
2005 (Mai)
Note
2,0
Schlagworte
Ulrich Becks Individualisierungstheorem Entgrenzung Arbeit

Autor

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Titel: Ulrich Becks Individualisierungstheorem