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Die Relation von Religion und Sprache im Werk von Max Müller

Essay 2017 13 Seiten

Theologie - Vergleichende Religionswissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sprache, Religion und der religionswissenschaftliche Ansatz bei

Friedrich Max Müller

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die wissenschaftliche Erforschung sowie die Frage nach dem Ursprung von Religion ist auch heute in der religionswissenschaftlichen Forschung weiterhin sehr präsent. Im 18. und 19. Jahrhundert etablierte sich die Erkenntnis, dass es möglich ist, Religionen über diverse Bezugsrahmen hinweg als geschichtlich wahrnehmbare Größe der Menschheit zu vergleichen. An diese Einsicht, dass Religion als historisches Phänomen angesehen werden konnte und somit wissenschaftlich erforschbar wurde, knüpfte der Philologe und Religionswissenschaftler Friedrich Max Müller (1823 -1900) an. Müller profilierte sich innerhalb der Religionswissenschaft im Bereich der klassischen Indologie, weshalb man ihn auch als Vermittlungspersönlichkeit zwischen Indien und Europa wertete. Noch heute gilt Müller als Pionier und Begründer der vergleichenden Religionswissenschaft. Bereits zu Lebzeiten Müllers distanzierten sich viele Intellektuelle vom bis dato vorherrschenden Rationalismus der Aufklärung und wandten sich der von England ausgehenden, geistlichen Strömung der Romantik zu. In der Romantik wurde dem reinen, idealen Ursprung ein hoher Stellenwert beigemessen, was nicht zuletzt der Grund dafür war, dass Friedrich Max Müllers Forschung nach dem Ursprung der Religion in intellektuellen Kreisen hohen Anklang fand. Ein weiterer Faktor, der Müller zu seinem großen Erfolg verhalf, war die Öffentlichkeitspräsenz der Hibbert- Lectures1, deren Antrittsvorlesung er zu dem Thema „On the Religions of India“ hielt. Auch das zunehmende und zum Teil daraus resultierende intellektuelle Interesse an der wissenschaftlichen Erforschung von Religion aus einer nicht-theologischen Perspektive, war für Müllers Arbeit vorteilhaft. In Baron Bunsen fand er einen Förderer und Geldgeber, der ihm seine umfangreiche Forschung nach anfänglichen Geldproblemen schließlich ermöglichte. Innerhalb seines Ansatz der vergleichenden Religionswissenschaft hat Müller sich darüber hinaus mit der Klassifikation von Religionen sowie, für ihn davon untrennbar, mit Mythologie und Sprache beschäftigt. Da er zugleich auch Sprachwissenschaftler war, bildete sich für ihn eine besondere Beziehung zwischen Sprache und Religion heraus. Die Bedeutung von Sprache und Religion sowie deren Relation zueinander, sollen im Folgenden, maßgeblich anhand Müllers „Vorlesung über die Religionswissenschaft II“ vom 26. Februar 1870, näher betrachtet werden soll.

2. Sprache, Religion und der religionswissenschaftliche Ansatz bei Friedrich Max Müller

Der Philologe und Religionswissenschaftler Friedrich Max Müller richtete sein Interesse und somit auch den Fokus seiner sprach- und religionswissenschaftlichen Forschungen gänzlich auf die Urgeschichte und Anfänge der Menschheit. Dies führte ihn unweigerlich auch zum Ursprung von Sprache und Religion. Müller vertrat die These, dass Sprache etwas Gottgegebenes sei und er den Ursprung des denkenden Menschen sowie menschlicher Religion durch seine Sprachwissenschaft ausmachen könne. Die Ursprünge menschlichen Denkens und menschlicher Sprache müssen für Müller zwangsläufig simultan erfolgt sein und waren für ihn untrennbar und wesentlich miteinander verbunden, da er Sprache und Denken als Größen ansah, die nicht einzeln existieren könnten.2 Zudem sah Müller, kongruent zur Evolutionstheorie Darwins, Sprache sowie Religion und Mythologie als Ergebnis eines natürlichen Wachstumes vom frühsten Ausgangspunkt an.3 Resultierend daraus betrachtete er „Sprache [als] die notwendige Voraussetzung für jede geistige Tätigkeit, Religion nicht ausgeschlossen“.4 Müller unterschied zwischen mentalen und physischen Fähigkeiten, die ein Mensch brauche, um eine Sprache zu beherrschen. Die physischen Voraussetzungen würde auch ein Tier, bspw. ein Papagei, haben, da er alle Laute erlernen könne, um menschliche Sprache nachzuahmen. Die mentale Fähigkeit eine eigene Sprache zu sprechen, habe der Papagei jedoch nicht, weshalb es für Müller einen mentalen Unterschied zwischen Tier und Mensch geben müsse, woraus er folgerte, dass Menschen eine Religion haben können und Tiere nicht.5

In seiner Einleitung in die vergleichende Religionswissenschaft verdeutlichte Müller anfänglich, dass die Anzahl der Religionen im Verhältnis zu den existierenden Sprachen äußerst gering ausfalle. Er betonte gleichzeitig, dass das Studium der Religionswissenschaft dennoch um einiges schwieriger sei als Sprachen zu erfassen, da für Religionen keine Hilfsmittel vorhanden seien, die mit Arbeitshilfen zur Sprachforschung vergleichbar wären. Angelehnt an die lateinische Formulierung „divede et impera“ (teile und herrsche), war Müllers Ansatz, Religionen wissenschaftlich erforschbar zu machen, die Klassifikation von Religionen. So teilte er Religionen zunächst in sog. „Buchreligionen“ im Gegensatz zu Religionen ohne Buch ein, angelehnt an die bereits im Orient vorherrschende Klassifizierung von Religionen. Von den sog. „Buchreligionen“ wiederum gebe es nur wenige, die einen anerkannten Kanon aufweisen.

Die Unterteilung Müllers in die zwei für ihn bedeutendsten Familien von Religion, arische und semitische Religionen, war ein Versuch seinerseits, erstmals einen genealogischen Stammbaum von Religionen zu erstellen, um an deren Ursprung zu gelangen. Zu den semitischen Religionen mit einer heiligen Schrift ordnete Müller die Hebräer und die Araber, zu den Ariern die Hindus und Perser. Ausgehend von der arischen Familie entwickelten sich anschließend der Brahmanismus mit ihrer heiligen Schrift der Veda und der Zoroastrismus mit dem Zend Avesta. Aus dem Brahmanismus entstand später wiederum der Buddhismus. Zur semitischen Familie zählte er zunächst den Mosaismus mit dem Alten Testament und den Mohammedanismus mit dem Koran. Aus dem Mosaismus entstand später das Christentum mit dem Neuen Testament. Die wesentlichen Lehren der neu entstandenen Religionen waren somit aus demselben Stamm entsprungen. Allerdings machte Müller auch auf eindeutige Abweichungen von der geraden Linie der „ursprünglicheren“ Religion aufmerksam. Außerdem zeigte er Parallelen zwischen den Religionsfamilien auf, da bspw. das Christentum, welches sich aus dem Mosaismus entwickelte, seine Weltbedeutung erst erlangte, als es „Hauptreligion der arischen Welt“ wurde.6 Zu der arischen und semitischen Familie kamen nach Müller lediglich zwei weitere Buchreligionen hinzu, die ihren Ursprung in China fanden. Die des Konfuzius und die des Laotse.

Zusammenfassend kann also nach Müller von acht Religionen mit einer Heiligen Schrift gesprochen werden, die in den Sprachen Sanskrit, Pâli und Zend7, Hebräisch, Griechisch, Arabisch und Chinesisch verfasst wurden. Die immense Fülle an Materialien zur Erforschung einer Religion erachtete er als so gewaltig, dass sie schwer bzw. unmöglich von nur einem Gelehrten zu bewältigen seien. Einige der Heiligen Schriften erschienen vom Umfang her zwar recht klein zu sein, bspw. die Hymnen des Rig-Veda, die als eigenen Umfang lediglich 10.580 Verse enthalten. Gemeinsam mit weitaus umfangreicheren Kommentaren, erläuternden sowie kritischen Schriften aus einer Zeitspanne von zum Teil drei Jahrtausenden, bildeten sie hingegen einen kaum zu bewältigenden Umfang an Schriften. Um eine Religion verständlich zu machen, war das Hinzuziehen solcher Sekundärquellen für Müller obligatorisch. Durch all diese Materialien sah Müller seine anfänglich aufgestellte These, dass das Studium der Religionswissenschaft um einiges komplexer sei, als Sprachen zu erfassen, bekräftigt, da selbst die vorhandenen Materialien bei weitem nicht alle religiösen Überzeugungen der Geschichte, u.a. die der Griechen und Römer, umfassen und aufzeigen könnten, wodurch die Authentizität der Forschung angezweifelt werden müsse. Auch unsichere Quellen, bspw. Inschriften, Legenden, Eigennamen und Sprichwörter, aus denen die religiösen Überzeugungen einiger semitischer Völker erschlossen wurden, könnten keine zureichenden Auskünfte über alte Religionen liefern, da diese im Laufe der Zeit in Mitleidenschaft gezogen wurden bzw. gar nicht überliefert oder heute z.T. nur noch fragmentarisch erhalten sind. Die bereits angesprochenen Religionen deckten laut Müller zudem keinesfalls den gesamten Globus ab. Diese Annahme begründete er mit seinem bereits angeführten Verständnis von Sprache, dass überall dort, wo menschliches Leben, Denken und Sprache vorkommt, auch menschliche Religion zu finden sei.8 Hinzu kommt, dass Müller als Religion, bzw. Gegenstand der Religionswissenschaft, alle Formen von Verehrung einer Transzendenz auffasste, was den Umfang an (Sekundär-) Quellen zu Religionen zusätzlich immens steigerte. Müller äußerte die Annahme, dass in allen Teilen der Welt ähnliche Elemente vernehmbar seien, die einen Grundkonsens aller Religionen erahnen lassen. Dieser Grundkonsens sei das Wesentliche einer Religion und lasse auf einen alten, ursprünglichen Glauben hindeuten, der im Menschen verankert sei.9 Dieser gemeinsame, „ursprüngliche Glaube“ kann laut Müller in allen acht Buchreligionen, mal mehr mal weniger, festgestellt werden und ist „ursprünglicher“ als die Buchreligionen, weshalb sich dieser auch außerhalb der Buchreligionen wiederfinden ließe.10 Trotz all der Materialien, die zu den Religionen vorliegen bzw. gerade deshalb, gestalte sich die Suche nach dem tiefsten Grund des Ursprungs aller Religionen äußerst vielschichtig und schwierig. Wie bereits erwähnt, war der für Müller einzig zielführende Weg zur wissenschaftlichen Erforschung von Religion daher die Klassifikation. Bevor er aber seinen eigenen, sprachwissenschaftlichen Ansatz zur Klassifikation von Religion ausführte, grenzte Müller sich gegen bereits vorhandenen Klassifikationen ab und lieferte somit zunächst eine Definition ex negativo.

Eine derartige Einteilung, die für Müller jedoch keine Alternative war, ist die Klassifikation in wahre und falsche Religion. Seine Kritik an dieser Einteilung war, dass sie stets standpunktbezogen sei und somit als nichtwissenschaftlich angesehen werden müsse. Eine Klassifikation in geoffenbarte und nat ü rliche Religion lehnte er ebenfalls ab, da diese weiterhin standpunktbezogen sei. Die geoffenbarten Religionen schrieben sich selbst zu, auf einer Offenbarung zu gründen und dadurch ihre Legitimation zu erhalten.

[...]


1 Die Hibbert-Vorlesungen sind eine jährliche Reihe konfessionsungebundener Vorlesungen über theologische Fragen. Sie werden gefördert aus dem Nachlass von Robert Hibbert (1769 -1849) mit dem Ziel, die Erforschung von Religion aus einem unabhängigen Standpunkt voranzutreiben. In den letzten Jahren wurden die Vorlesungen sogar von der British Broadcasting Corporation (BBC) ausgestrahlt. (Vgl. Kippenberg, S. 62-64).

2 Vgl. Chaudhuri, S. 187, 202.

3 Vgl. Kippenberg, S. S. 61f; vgl. Chaudhuri, S. 206.

4 Chaudhuri, S. 200.

5 Vgl. Chaudhuri, S: 200f; Diese Anlage, eine eigene Sprache zu Sprachen, die bei den Tieren laut Müller fehlt, bringt Müller dazu Darwin in seiner Theorie, dass es keine unüberwindbare Grenze zwischen Tier und Mensch gebe, zu wiedersprechen.

6 Vgl. Müller, S. 96-98.

7 Bei der Bezeichnung „Zend“ handelt es sich um eine Fehlbezeichnung. Mit „Zend“ können die Sprachen „Avestisch“ oder „Pazend“ gemeint sein.

8 Vgl. Müller, S. 104 - 107.

9 Merkmale einer gemeinsamen Ursprungsreligion, die im Menschen verankert sei, können für Müller u.a. „Kunde von göttlichen Wesen“ „Hoffnung auf ein künftiges Leben“ und „Opfer und Gebete“ sein. Vgl. Müller, S. 109.

10 Vgl. Müller, S. 108f.

Details

Seiten
13
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668592704
ISBN (Buch)
9783668592711
Dateigröße
407 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v384187
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,0
Schlagworte
relation religion sprache werk müller

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Titel: Die Relation von Religion und Sprache im Werk von Max Müller