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Formen von Adaption in "Harry Potter" und deren Bedeutung für eine All-Age-Zuordnung

Hausarbeit 2017 24 Seiten

Germanistik - Gattungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung

2) Der All-Age-Roman als Grenzerscheinung zwischen
Jugend- und Allgemeinliteratur
2.1) Entwicklung moderner Kinder- und Jugendliteratur
2.2) Trend zur ‚All-Age-Literatur’
2.3) Fantasy und All-Age

3) Formen von Adaption im All-Age-Roman Harry Potter
3.1) Stoffliche Adaption
3.2) Formale Adaption
3.2) Sprachlich-stilistische Adaption
3.3) Thematische Adaption
3.4) Axiologische/wertende Adaption
3.5) Mediale Adaption

4) Bedeutung auftretender Formen und Grade von Adaption für eine All-Age-Zuordnung

5) Fazit

6) Literaturverzeichnis

1) Einleitung

Die vorliegende Arbeit widmet sich dem seit den 90er Jahren anwachsenden Trend zur All-Age-Literatur,1 welcher sich in den Bestsellerlisten abzeichnet. Unter den 25 meist verkauften Hardcover-Romanen der letzten zehn Jahre (Stand 2016) finden sich immerhin zwölf, die der All-Age-Literatur zugerechnet werden.2

Ausgehend von der Feststellung, dass sich Kinder- und Jugendliteratur3 im Bezug auf die verwendeten Darstellungsweisen der Erwachsenenliteratur signifikant angenähert hat,4 kommt den in der KJL anzutreffenden Formen von Adaption eine wichtige Bedeutung für die textinterne Unterscheidung der für Kinder und Jugendliche geschriebenen Texte (spezifische KJL)5 von denen für Erwachsene zu. Nun stellt sich die Frage, wie es um die Formen und Grade von Adaption in All-Age-Literatur bestellt ist, ob diese also einen Einfluss darauf besitzen, dass die Rezeption durch eine hinsichtlich des Alters heterogene Leserschaft Begünstigung erfährt.

Als Musterbeispiel für die Untersuchung der Mittel von Adaption in All-Age- Romanen wird Joanne K. Rowlings Harry Potter herangezogen, da dieser weithin als Ausgangspunkt des allseitigen Interesses am Phänomen All-Age gilt.6

Zunächst wird allerdings zu klären sein, inwiefern Kinder- und Jugendliteratur sich prinzipiell von Allgemeinliteratur unterscheidet und auf welche Weise sich deren Darstellungsmittel letzterer angenähert haben. Im Anschluss daran wird genauer auf den Trend zur All-Age-Literatur eingegangen und in diesem Zusammenhang aufgezeigt, worauf die Klassifikation einer solchen basiert. In einem dritten Schritt erfolgt ein knapper Blick auf die Beziehung von All-Age und Fantasy, bevor im zweiten Hauptteil die Untersuchung der in Harry Potter anzutreffenden Formen von Adaption unternommen wird. Deren Ergebnisse werden daraufhin herangezogen, um unter Oberpunkt vier zu diskutieren, inwiefern die festgestellten Formen und Grade von Adaption auf eine All-Age- Zuordnung einwirken, beziehungsweise inwiefern andere Einflussfaktoren ebenfalls Berücksichtigung finden müssen.

2) Der All-Age-Roman als Grenzerscheinung zwischen Jugend- und Allgemeinliteratur

2.1) Entwicklung moderner Kinder- und Jugendliteratur

Mit Kinder- und Jugendliteratur ist keine bestimmte Textsorte bezeichnet, die spezifische gemeinsame Merkmale besitzt. Vielmehr erscheint es grundlegend, dass diese in unterschiedlichsten Erscheinungsformen auftritt.7 Die Bezeichnung ‚Kinder- und Jugendliteratur‘ umfasst dennoch einen bestimmten Korpus von Texten, denen eine besondere Beziehung beziehungsweise Nähe zur sozialen Gruppe der Kinder und Jugendlichen gemeinsam ist. Obgleich KJL keine eindeutig bestimmbare Größe darstellt, gilt sie doch als intersubjektiv anerkannte Kategorie.8 Man unterscheidet allerdings verschiedene Verwendungsweisen des Begriffs.

Die Gesamtheit der von Kindern und Jugendlichen tatsächlich rezipierten Texte wird als ‚faktische KJL‘ oder auch als ‚Kinder- und Jugendlektüre‘ bezeichnet. Diese Größe lässt sich jedoch nur schwer exakt erfassen und ist auf umfangreiche empirische Forschung angewiesen.9 Als ‚intentionale’ oder ‚intendierte KJL‘ wird hingegen diejenige Literatur bezeichnet, welche von gewissen Autoritäten der Gesellschaft (wie zum Beispiel Pädagogen und Eltern) für geeignet befunden wird und der dementsprechend eine Leseempfehlung anhaftet.10 Über solche Leseempfehlungen kann jedoch naturgegebenermaßen Uneinigkeit bestehen, sodass auch die ‚intendierte KJL‘ keine eindeutig abgrenzbare Einheit ist. Vergleichsweise genau lässt sich hingegen die sogenannte ‚originäre‘ beziehungsweise ‚spezifische KJL‘ bestimmen, da es sich dabei um diejenigen Texte handelt, die vom Autor explizit für Kinder und Jugendliche verfasst wurden.11 Zuletzt spricht man vom ‚Subsystem KJL‘, sofern auf das Bestehen des gesellschaftlichen und literarischen, explizit auf Kinder und Jugendliche ausgerichteten Handlungsund Symbolsystems rekurriert wird.12

Aufgrund des Anliegens der vorliegenden Arbeit wird hier, wenn nicht gesondert vermerkt, von der ‚spezifischen KJL‘ ausgegangen, da diese zum einen klarer zu umgrenzen und zum anderen gezielt auf Kinder und Jugendliche als Rezipienten angelegt ist, demnach also auch Formen von Adaption vorsätzlich gebraucht werden.

Als ein Spezifikum von KJL wird trotz der Vielzahl ihrer Erscheinungsformen neben der Anpassung an die kindlichen beziehungsweise jugendlichen Adressaten (Adaption) bevorzugt die erzieherische Funktion derselben genannt.13 Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts wurde als wesentliches Ziel von KJL die rhetorische Erziehung betrachtet. Erst ab dem 20. Jahrhundert geschah die bewusste Bezugnahme auf die Absicht der KJL als Mittel zur Enkulturation, welche in der Folge überdies ausdrücklich angestrebt wurde. Neben der literarischen Bildung wurde demnach der impliziten Charaktererziehung in der modernen KJL eine besondere Rolle eingeräumt.14 Im Rahmen der Entwicklung von KJL ab dem Ende des 18. Jahrhunderts, die mit einer liberalen Verschiebung innerhalb der Gesellschaft verbunden war,15 maß man zudem kinder- und jugendgemäßer Literatur einen besonderen Wert bei, welche ein Aufgreifen von ihren intellektueller Fähigkeiten, des kindlichen Wissensstandes und Erfahrungsschatzes sowie deren literarischer Dekodierfähigkeiten als auch Interessen und Vorlieben forcierte.16

Mit besagtem Wandel ging der Trend zur Verselbständigung der KJL einher. Das didaktische Interesse sollte in Einklang mit den Bedürfnissen und Fähigkeiten der Kinder und Jugendlichen subtiler umgesetzt werden und rückte demnach stärker in den Hintergrund der Wahrnehmung. Durch den Anspruch, KJL als ‚vollwärtige’ Ausprägung von Literatur zu betrachten, musste sie demzufolge auch ästhetischen Grundsätzen sowie (hoch)literarischen Konventionen genügen.17

Besonders Heinrich Wolgast wendete sich im ausgehenden 19. Jahrhundert gegen eine erzieherische Instrumentalisierung von KJL.18 Mit der zunehmenden Beheimatung der KJL im allgemeinliterarischen Symbolsystem hat sich diese im Bezug auf ihre Darstellungsformen also der Erwachsenenliteratur stark angenähert.19

2.2) Trend zur ‚All-Age-Literatur’

Die Bezeichnung ‚All-Age-Literaur’, welche vor allem im deutschen Sprachraum Verwendung findet, einen Anglizismus aus dem norwegischen Begriff ‚allalderslitteratur‘ darstellt und mit dem englischen Begriff ‚crossover fiction‘ konvergiert,20 beschreibt das Phänomen, dass seit Beginn des 21. Jahrhunderts erwachsene Leser vermehrt zu originärer KJL greifen.21 Als Ausgangspunkt dieser Entwicklung wird mehr oder weniger übereinstimmend die Reaktion auf Joanne K. Rowlings Harry Potter ausgewiesen.22

Obgleich es keine neue Erscheinung ist, dass Erwachsene und Kinder beziehungsweise Jugendliche altersgrenzenunabhängig dieselben Texte rezipieren, rückte mit der Popularität von Werken wie Harry Potter, Pullmans His Dark Materials und Haddons The Curious Incident of the Dog in the Night-Time das Lesen von im eigentlichen Sinne Jugendliteratur in das Zentrum der Aufmerksamkeit von Literaturwissenschaftlern sowie -kritikern.23 Eine sogenannte Mehrfachadressierung, wie sie sich vor allem im Rahmen von Volkspoesie, Märchen und antiken mythischen Stoffen ausmachen lässt, ist hingegen vielmehr als altes Phänomen zu betrachten.24 Es gibt nicht wenige Beispiele, die zeigen, dass Werke wie Alice im Wunderland, Der Zauberer von Oz, Die unendliche Geschichte oder Die Chroniken von Narnia auch von Erwachsenen Lesern ebenso rezipiert wurden und werden, wie originäre Erwachsenenliteratur wie Robinson Crusoe, Oliver Twist, Die Schatzinsel, Don Quiote und Die drei Musketiere schon lange zur Lektüre von Kindern beziehungsweise Jugendlichen gehört.25 Diese Mehrfachadressierung wird auf unterschiedliche Gründe zurückgeführt. Erstens wird von einer gleichlautenden literarischen Botschaft für die unterschiedlichen Adressaten ausgegangen. In diesem Fall ähneln sich die Rezipienten entweder hinsichtlich ihrer Voraussetzungen (so wurde Sachliteratur im 18. Jahrhundert häufig an Kinder und Ungebildete oder Frauen gerichtet, da diesen ein gleichartiger Bildungsstand beigemessen wurde), oder der vorliegende Text ist auch dann verständlich, wenn die Leser mit geringeren literarischen Fähigkeiten bestimmte Schwierigkeiten überlesen können.26 Die zweite Möglichkeit besteht in einer doppelsinnigen Literatur, die zwei Sinnebenen besitzt, also für unterschiedliche Leser verschiedene literarische Botschaften bereithält.27

Im Rahmen der vorliegenden Untersuchung wird jedoch der Fokus auf das seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert vermehrt diskutierte Spezifikum des ‚Crossover’ von Erwachsenen, welche Jugendliteratur lesen, gelegt. Dieses kann insofern als Trend verstanden werden, als sich das Marketing der Verlage mit der Publikation getrennter Ausgaben beziehungsweise der Betitelung als All-Age-Literatur aufgrund von Rentabilität auf diesen eingestellt hat. Zudem finden sich vermehrt Titel aus Kinder- und Jugendbuchverlagen auf den Bestsellerlisten der Allgemeinliteratur wieder.28 Beachtet man die vormalige Marginalisierung von Kinder- und Jugendliteratur und deren Abgrenzung von ‚vollwärtiger Literatur‘29, stellt sich bei zunehmender Bedeutsamkeit von All- Age-Literatur die Frage, inwieweit bei Übernahme der Darstellungsweisen von Allgemeinliteratur Adaption insbesondere in Jugendliteratur überhaupt noch Verwendung findet, oder ob die erwachsene Leserschaft sich mit dieser arrangieren kann, vielleicht sogar eine Infantilisierung30 der Grund für die Akzeptanz von Adaptionen ist.

[...]


1Vgl. Gansel, Kinder- und Jugendliteratur, 72.

2Vgl. Bertling, All-Age-Literatur, 3.

3Im Folgenden wird für die Bezeichnung ‚Kinder- und Jugendliteratur‘ die Abkürzung ‚KJL‘ gebraucht.

4Vgl. Gansel, Kinder- und Jugendliteratur,

5Vgl. a.a.O.,

6Vgl. Bertling, All-Age-Literatur, 1

7Vgl. Gansel, Kinder- und Jugendliteratur, 12.

8Vgl. Ewers, Literatur, 14.

9Vgl. a.a.O., 14f.

10Vgl. a.a.O., 15f.

11Vgl. Ewers, Literatur,

12Vgl. Gansel, Kinder- und Jugendliteratur, 14.

13Vgl. a.a.O.,

14Vgl. Ewers, Literatur, 141-

15Vgl. Lampert, Children’s Fiction, 12

16Vgl. Ewers, Literatur, 144f.

17Vgl. a.a.O., 145-147.

18Vgl. a.a.O., 147.

19Vgl. Gansel, Kinder- und Jugendliteratur, 12.

20Vgl. Beckett, Crossover Fiction, 7f.

21Vgl. a.a.O., 1.

22Vgl. Falconer, Crossover Novel, 1f.

23Vgl. Falconer, Crossover Novel, 2f.

24Vgl. Beckett, Crossover Fiction, 4.

25Vgl. a.a.O., 2-5.

26Vgl. Ewers, Literatur, 60f.

27Vgl. a.a.O., 62-64.

28Vgl. Ewers, Literatur, 59f.

29Vgl. Beckett, Crossover Fiction, 12-14.

30Vgl. Falconer, Crossover Novel, 2f.

Details

Seiten
24
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668596221
ISBN (Buch)
9783668596238
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v384252
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
13 Punkte
Schlagworte
Harry Potter Kinder-und Jugendliteratur KJL All-Age Adaption Literatur

Autor

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