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Der Einfluss der kognitiven Linguistik in den traditionellen Ansätzen

Inwiefern hat sich die kognitiven Linguistik auf die Erklärungsansätze zum Passiv in den Lehrwerken für Deutsch als Fremdsprache ausgewirkt?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 22 Seiten

Didaktik - Deutsch - Deutsch als Fremdsprache

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Passiv in der Grammatiktheorie

3. Passivkonstruktion aus der kognitionslinguistischen Sicht
3.1. Konzepte der kognitiven Linguistik in Bezug auf Grammatik
3.2. Passiv aus kognitionslinguistischer Sicht
3.2.1. Aktionskette: das Billard-Modell
3.2.2. Profil/Basis
3.2.3. Trajector/landmark

4. Relevanz für DaF: Passiv in Lehrwerken
4.1. Die grundlegenden Passivarten in DaF-Lehrwerken
4.2. Vermittlungsmethode: traditionell vs. kognitiv
4.3. Analyse des Lehrwerks „Erkundungen C1“
4.4. Didaktisierungsvorschläge zur Passivvermittlung

5. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Sprache ist das wichtigste und älteste Kommunikationsmittel der Menschen, das sich in verschiedene Kategorien klassifizieren lässt. Eine der zentralen Rollen für kommunikative Prozesse spielt die grammatische Beschreibung einer Einzelsprache, denn sie differenziert Wertklassen, die die Beziehung zwischen den verschiedenen Objekten und Phänomenen der Wirklichkeit reflektieren (vgl. Althaus/Henne/Wiegand 1980: S. 60ff).

Von besonderem Interesse im Hinblick auf die grammatische Konzeptualisierung ist die Kategorie der Genera verbi. Dies folgt daraus, dass ihre Formen nicht nur die Wahrnehmung der objektiven Unterschiede in der Subjekt-Objekt-Beziehung, sondern Darstellungen von ein und derselben denotativen Situation in der Sprache, objektivieren. Das Verhältnis des prädikativen Merkmals zum Subjekt und Objekt ist im Prinzip gleich: Wenn es in einer Situation eine Aktion, ein Subjekt oder ein Objekt gibt, dann wird die Handlung vom Subjekt ausgeführt, das auf die eine oder andere Weise auch das Objekt mit in den jeweiligen aktiven Prozess einbezieht. In der Grammatikforschung werden solche Beziehungen durch zwei verschiedene Konstruktionen aufgezeigt - Aktiv und Passiv (vgl. Rimskaya 2011: S. 348).

Langacker (1997: S. 395) behauptet, dass die Formen der Genera verbi aus der kognitionslinguistischen Perspektive verstanden werden können, da die Menschen fähig sind, sich die jeweilige Situation vorzustellen und mithilfe verschiedener sprachlicher Formen zu beschreiben. Häufig kommt es je nach individuellen Merkmalen unserer Einbildungskraft darauf an, was bei der Situationsbeschreibung im Hintergrund und was zentral steht.

In der vorliegenden Arbeit wird daher die Frage behandelt, wie sich die traditionelle Darstellung des Passivs zu dessen kognitionslinguistischen Sicht entwickelt hat. Bei der Untersuchung wird sich vor allem darauf konzentriert, wie stark kognitive Linguistik in den traditionellen Ansätzen schon eingeflossen ist und inwiefern sich das auf die Erklärungsansätze in den Lehrwerken für Deutsch als Fremdsprache ausgewirkt hat.

Zu Beginn der Arbeit werden Aktiv und Passiv aus der Perspektive der traditionellen Grammatiktheorie vorgestellt. Anschließend wird die Passivkonstruktion aus der kognitionslinguistischen Sicht betrachtet. Dabei wird auf die Bedeutung von kognitiver Linguistik im Grammatikunterricht eingegangen. Des Weiteren werden die Vermittlungsmethoden zum Thema „Passiv“ in einigen Lehrwerken für Deutsch als Fremdsprache kontrastiv aufgezeigt. Abschließend folgt die Zusammenfassung der vorliegenden Arbeit mit einem knappen Ausblick.

2. Aktiv und Passiv in der Grammatiktheorie

Aus der Sicht der traditionellen Grammatik wird das Passiv als Verbindung des Partizips II mit dem Hilfsverb ‚werden‘ dargestellt (vgl. Graefen/ Liedke 2012: S. 176):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Die Bildung des Passivs nach Dreyer & Schmitt (2009: S. 122).

In den aktuellen Forschungen wird das Passiv auch aus der syntaktischen, semantischen sowie funktionalen Perspektive betrachtet (vgl. Steinhoff 2011: S. 62). Laut dem syntaktischen Transformationsansatz wird das Passiv dadurch charakterisiert, „dass die syntaktische Struktur eines Passivsatzes aus der syntaktischen Struktur eines Aktivsatzes durch eine Transformation abgeleitet wird“ (Welke 2012: S. 54). Dies wird an den folgenden Beispielen klar: „die Erde“ wird vom Akkusativobjekt in (1a) zum Subjekt in (1b). Das Subjekt „die Sonne“ in (1a)„verwandelt sich“ in eine Präpositionalphrase in (1b).

(1) a. Die Sonne bescheint die Erde.

(1) b. Die Erde wird von der Sonne beschienen.

(2) a. Akkusativobjekt in (1a) → Subjekt in (1b)

(2) b. Subjekt in (1a) → fakultative Pr ä positionalphrase (Objekt) in (1b). (Welke 2012: S. 54).

Das Konzept des traditionellen transformativen Ansatzes besteht aber nicht bloß darin, dass eine syntaktische Struktur von den Sprechern in einen Passiv- oder Aktivsatz übertragen wird, sondern es beschreibt dieses Verhältnis extensional. Diese Interpretation „gibt nicht den Weg [wieder], auf dem in der sprachlichen Tätigkeit der Sprecher/Hörer der Zusammenhang besteht und entsteht“ (Welke 2012: S. 55).

Die semantische Zusammenwirkung von Passiv und Aktiv wird als Diathese/ Konverse benannt und setzt nach Eisenberg (2001: S. 125) voraus, dass der im Aktiv gebildeten Verbform die passivische Verbform entspricht, dass Aktiv-Subjekt durch Präpositionen von/durch im Passivsatz ergänzt werden und dem Aktiv-Objekt mit dem Passiv-Subjekt übereinstimmt (vgl. Graefen/ Liedke 2012: S. 176). Hier geht es praktisch um den Rollentausch der syntaktischen Funktionen ‚Subjekt‘ und ‚Objekt‘, die in der Semantik als Agens und Patiens benannt werden. Als Resultat ergibt sich, dass statt Agens dem Subjekt im Passivsatz die Argumentrolle ‚Patiens‘ entspricht (vgl. Welke 2012: S. 55f). Dieses Konzept lässt sich nach Bresnan/ Kaplan (1982: S. XXV) mit einem lexikalistischen Ansatz gegenübergestellen, der „[...]die passivische Verbform mit ihrer formalen Konstituentenstruktur [ableitet]“ (Welke 2012: S. 56):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aus diesem Schema wird deutlich, dass die semantischen Komponenten der Passivkonstruktion in (6c) und der Aktivkonstruktion in (6a) kongruent sind. Der Unterschied der Argumente lässt sich nur durch Kodierungsformalitäten wie Wortfolge und Kasusform erkennen.

In einem Konversionskonzept erscheint ein Passivsatz also trotz seiner deutlich anderen (formalen) Konstruktionsweise in semantischer Hinsicht weiterhin als ein Aktivsatz, wie der Bezug der Passivkonstruktion auf die semantische Struktur des Aktivsatzes mit den gleich bleibenden Rollen ‚Agens‘ und ‚Patiens‘ in (6) zeigt (Welke 2012: S. 57).

Wird das Passiv funktional betrachtet, so geht es meistens um das sogenannte „Vorgangs-“ oder „werden-Passiv“ (Welke 2012: S. 59), auf welches in vielen Lehrwerken zurückgegriffen wird (vgl. Steinhoff 2009: S. 60). Um es analysieren zu können, ist hier der Vergleich von persönlichen und unpersönlichen Passiv-Sätzen erforderlich. In subjekthaltigen Sätzen wird eben ein Vorgang ausgedrückt, der durch ein entsprechendes Vollverb konkretisiert wird (vgl. Kotin 2003: S. 235ff). Die Hauptfunktion der Passiv- Sätze ist „ [...]die Fokussierung des Vorgangsbezugs [...]“ (ebd.). Im Vergleich zu diesen Sätzen verwalten Aktiv-Sätze gleichzeitig Valenz und Vorgang: Sabine gibt ihrer Mutter ein Buch; Sabine liest ein Buch; Sabine hilft ihrer Mutter: Sabine tanzt. In einem subjektlosen Satz ist der Vorgangsbezug ausgelassen: Es wird viel gelernt. In dem Fall ist die Konstruktion werden +Partizip II keine Periphrase mehr. Hier passiert ein Funktionswandel von „werden“, das lexikalisiert wird und somit die Zweigliedrigkeit des Satzes bildet (ebd.).

In diesem Kapitel erfolgte eine kurz gefasste Darstellung des traditionellen Verständnisses von Passiv aus verschiedenen Perspektiven. Eine völlig andere Sicht auf die Passivkonstruktion bietet die kognitive Linguistik, die im nächsten Kapitel dargestellt wird.

3. Passivkonstruktion aus der kognitionslinguistischen Sicht

3.1. Konzepte der kognitiven Linguistik in Bezug auf Grammatik

Im Fremdsprachenunterricht sind viele grammatische Übungen produktionsorientiert, sind aber als inadäquat und sogar fehlerinduzierend bewiesen. Die kognitive Linguistik stellt aber eine ganz besondere Sichtweise auf die Sprachvermittlung her (vgl. Scheller 2008):

Linguistische Kategorien basieren auf übergreifenden kognitiven Mechanismen: Sensorische Erfahrungen, Wahrnehmungsorganisation, Raumorientierung stellen das Fundament dar, auf dem die sprachliche Organisation aufbaut (ebd.).

Außerdem sind Aspekte wie Kategorisierung und Perspektivierung mit Kognitionslinguistik verbunden. Aus den empirischen Untersuchungen zum Unterschied zwischen dem traditionellen und kognitiven Ansatz am Beispiel der Kasuswahl beim Gebrauch von Wechselpräpositionen hat sich ergeben, dass der zweite einen positiveren Einfluss auf die fremdsprachliche Didaktik ausübt. Eine entscheidende Rolle hat dabei animationenbasierte Kontextualisierung gespielt (ebd.).

In Bezug auf den Grammatikunterricht sind einige Forschungsansätze entstanden. Im ersten, dem kognitiv-linguistischen, ist die Idee, dass „alle sprachlichen Kategorien, eingeschlossen grammatische Strukturen, konzeptuell und semantisch motiviert sind“ (ebd.). Hier wird durch Einsetzung bildhafter Darstellungen der sinnliche Inhalt der jeweiligen Struktur begriffen. Im folgenden Schema kann der Zusammenhang zwischen Sprache und Imagination nachvollziehbar werden (ebd.):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Verb und Verb-Nominalisierung (Wildgen 2008: 132).

Aus der Abbildung 2 wird klar, dass „beim Verb die Abfolge von einzelnen Zuständen im Vordergrund steht, wogegen bei einem Funktionsverbgefüge die Handlung als eine holistische Gestalt in den Vordergrund rückt“ (Scheller 2008).

Das Konzept des kognitiv-konzeptuellen Ansatzes besteht darin, dass abstrakte sprachliche Strukturen transparenter und bildhafter sein können, als es beim ersten Eindruck erscheinen kann. So wird zum Beispiel anhand vom folgenden Bild die Transparenz der Präposition ü ber mit dem Verb streiten dargestellt. Hier wird die Semantik der Präposition metaphorisiert: „Die Energie einer Emotion kommt von oben und ist auf ein Bezugsobjekt gerichtet, das sich auf einer tiefer liegenden Ebene befindet.“ (ebd.):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: sich ü ber etwas streiten (Bellavia 2007: 124)

[...]

Details

Seiten
22
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668593640
ISBN (Buch)
9783668593657
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v384264
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,3
Schlagworte
linguistik ansätzen erklärungsansätze passiv lehrwerken deutsch fremdsprache

Autor

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Titel: Der Einfluss der kognitiven Linguistik in den traditionellen Ansätzen