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Der Begriff der Macht bei Hannah Arendt, analysiert von Jürgen Habermas

Hausarbeit 2004 14 Seiten

Politik - Internationale Politik - Allgemeines und Theorien

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Hannah Arendts Machtbegriff
2.1. Versuch einer empirischen Prüfung
2.2. Sekundärer Zweck der Macht
2.3. Kritik an Hannah Arendt

3. Kritische Betrachtung seitens Jürgen Habermas
3.1. Unterscheidung verschiedener Modelle
3.2. Das Element der strukturellen Gewalt
3.3. Verortung im Naturrecht

4. Fazit

Literaturnachweis

1) Einleitung

Der Begriff der Macht ist ein nicht leicht zu fassender. Nach Hannah Arendt vermischen viele große Denker den Begriff der Macht mit dem der Gewalt[1]. Die weithin anerkannte Definition von Macht bei Max Weber sieht diese als „Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Wi­derstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht“[2]. Weber setzt schon ein Ziel, das es zu erreichen gäbe voraus und argumentiert in eine an­dere Richtung als Arendt. Zudem bleibt er so ungenau, dass diese Defini­tion ebenso dem Gewaltbegriff Arendt entsprechen könnte.

Neben Max Weber zitiert Hannah Arendt zur Veranschaulichung C. W. Mills, der Gewalt als „aufs höchste gesteigerte Macht“ bezeichne[3]. Wie wir sehen werden, funktioniert diese Verbindung nach Arendts Definitionen nicht.

Und Jouvenel rechne zum Wesen des Staates den Krieg; bei Arendt sei Staat aber der bloße Überbau aus Gesetzen und Institutionen, welche durch legi­time Machtverhältnisse entstanden seien, und daher Gewalt als Wesensei­genschaft von vornherein ausgeschlossen[4].

Jürgen Habermas hat Arendts Begriff von Macht grundlegender analysiert und kommt zu dem Schluss, dass dieser vor allem normativ gedacht werden muss. Daher kann er nicht empirisch an bestehenden Machtsystemen ge­prüft werden. Ein Phänomen wie strukturelle Gewalt kann daher in ihrem Ver­ständnis nicht existieren.

Es soll mit dieser Arbeit unter Zuhilfenahme einer Abhandlung zu Macht von Jürgen Habermas Hannah Arendts Begriff der Macht – auch in Abgren­zung zu dem der Gewalt – dargestellt werden. In der Realität wird dieser wohl in der Reinheit nicht anzutreffen sein, was Arendt auch selber zugibt[5]. Doch mit einer Begriffsdefinition, die das eigentlich Wesentliche der Macht beschreibt, lassen sich deutlicher bestehende Verhältnisse unterscheiden und Missstände in einem politischen System erkennen.

2) Hannah Arendts Machtbegriff

Hannah Arendt definiert Macht primär als Selbstzweck. Nicht notwendig zur Erreichung von etwaigen Zwecken werde Macht gebildet, sondern um ihrer selbst willen, d.h. die Einigung auf eine Meinung sei das Ziel. Denn Voraus­setzung für das Zustandekommen von Macht sei eine Gruppe von Menschen, die sich aufgrund von übereinstimmenden Einzelmeinungen zu­sammenfände. Die Gruppe, deren Mitglieder die gleiche Meinung zu einem Thema vertre­ten, könne Macht an einen Vertreter der Gruppe oder auch, staatlich gedacht, an eine Institution verleihen. Dieser Vertreter oder diese Institution repräsen­tiere „eine Meinung, auf die sich viele öffentlich geeinigt ha­ben“[6].

Die Gruppe stelle sich nur solange hinter die Meinung seines Vertreters, wie dessen Meinung mit der der Gruppenmitglieder übereinstimmt. Tritt die Mei­nung des Vertreters in Opposition zu der eines oder mehrerer Gruppen­mit­glieder und ändern diese ihre Meinung nicht, gehören sie nicht mehr zur Gruppe und entzögen dieser insgesamt einen Teil der Macht. Stimmt der Großteil der Gruppe mit ihrem Vertreter nicht mehr überein, könne sie die­sem ‚seine‘ Macht vollständig entziehen, ihn entmachten. Eine Vertretung wäre nicht mehr legitim[7].

Hier kommt ein weiteres Merkmal der Macht – neben dem der unbedingten Gruppenbildung – in Abgrenzung zur Gewalt zum Vorschein.

Gewalt verfolge von vornherein ein Ziel, das sie zu erreichen strebt. Zur Durchsetzung greife sie auf Werkzeuge, Hilfsmittel zurück. Selbst ein Indi­viduum könne auf diesem Weg sein Ziel entgegen dem Willen anderer er­reichen[8].

Macht dagegen funktioniere ausschließlich gewaltlos. In dem Augenblick, wo Macht auf Gewalt zurück greift bzw. der Vertreter der Gruppe, der, sei­nem Vertretungsstatus durch die Gruppe enthoben, versucht, seine weniger machtvolle Position mit Hilfe von Gewalt zu verteidigen, werde sie – die Macht – bzw. er – der Vertreter – vollständig machtlos. Die der Macht in­newohnende Legitimität gehe verloren. Empirisch beobachtbar sei dieser Vorgang in verschiedenen Situationen[9].

2.1) Versuch einer empirischen Prüfung

Die Gesetze einer Republik würden legitimiert durch die Einigung der Gruppe, die mit der Ausarbeitung dieser beauftragt werde, und der Aner­ken­nung durch das Volk. Bei fehlender Anerkennung, oder genauer bei of­fen­sichtlicher Ablehnung der Gesetze seitens des Volkes wäre zur Durch­setzung ein tyrannisches System notwendig.

Die Institutionen der Demokratie erlangten ihre Macht durch eine vom Volk verabschiedete Verfassung. Einer Institution wie dem Bundestag werde seine Macht regelmäßig durch Wahlen bestätigt. Durch die Anerkennung der Mehrheit der Gruppe (hier: des Volkes) werde das Parlament als die Vertre­tung ihrer Meinung legitimiert; mangelnde Legitimation bestehe demnach dann, wenn eine Mehrheit die Teilnahme an den Wahlen ver­sagte[10]. Eine Aberkennung der Macht der Institutionen werde durch man­gelnde Anerken­nung – z. B. Widersetzen gegen Staatsorgane und deren An­ordnungen – durchgeführt. Nur durch Meinungsänderungen hin zu Kom­promissen werde neue Macht aufgebaut. Vollständig verschwinden würde Macht auch in der Demokratie, wenn zur Aufrechterhaltung der Ordnung gegen das die Ord­nung legitimierende Volk Gewalt eingesetzt würde. Arendt gibt außerdem zu, dass unkontrollierte Macht Minderheiten unter­drücken und eine Meinungs­uniformität ohne Gewalt erzeugen könne, die ein gewisses zwingendes Mo­ment besäße[11].

Der Monarch, der nicht auf die Bedürfnisse seines Volkes eingehe und die­ses gegen sich aufbringt, wüsste sich zur scheinbaren Sicherung seiner Macht nicht anders als mit Gewalt durch das Militär, das ihm möglicher­weise auf­grund seiner Autorität als Amtsperson folge, zu helfen.

Seine restliche Macht, die ihm durch Teile des Volkes, z. B. einem Adels­stand, verblieben sei, zerstöre er damit selbst. Diese würden ihn nicht mehr machtvoll unterstützen, sondern ihm aus Angst folgen.

Er werde zum Tyrann, der nach Hannah Arendt auf Helfer angewiesen sei, die ihm Macht verleihen[12].

[...]


[1] Arendt, Macht und Gewalt, S 36f.; Sie betrachtet neben den Abhandlungen von C. Wright Mills, Max Weber und Bertrand de Jouvenel noch weitere, die sie ebenfalls als etwas unge­nau und nicht treffend was den Machtbegriff anbelangt bezeichnet.

[2] Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, S. 28

[3] Arendt 2003, S. 36; Mills, S. 171

[4] Arendt 2003, S. 36f.; Jouvenel, S. 169

[5] Arendt 2003, S. 47

[6] Arendt 1963, S. 96

[7] ebd. 2003, S. 45

[8] ebd., S. 47

[9] Arendt 2003, S. 42f.

[10] Ein Studienparlament, an dessen Wahlen sich regelmäßig weniger als 1/4 der wahlberech­tigten Studenten beteiligt, ist demnach ebenso nicht legitim. In dem Zusammen­hang muss die Frage erlaubt sein, was die Gründe dafür sind und ob die Studenten über­haupt ein eigenes Parlament befürworten.

[11] Arendt 2003, S. 43

[12] Arendt 2003, S. 42f.; Wahrscheinlicher ist, dass der Tyrann bloß aufgrund seiner Autori­tät über seine Helfer herrscht. Der Mythos des Freud’schen Urvaters [Freud, S. 491f.] er­zählt von einem tyrannischen Vater, der erst durch die Macht der Söhne, die sich gegen ihn zu­sammenschlossen – die also eine gemeinsame Meinung vertraten und eine Gruppe bil­deten – gestürzt wurde. Doch bis dahin handelte er als autoritärer Vater und starke Persön­lichkeit. Macht im Arendt’schen Sinne hatte er bestimmt nicht.

Details

Seiten
14
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638375085
ISBN (Buch)
9783638806336
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v38450
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
2,0
Schlagworte
Begriff Macht Hannah Arendt Jürgen Habermas Grundbegriffe Politikwissenschaft

Autor

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Titel: Der Begriff der Macht bei Hannah Arendt, analysiert von Jürgen Habermas