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Das Geschlecht als Indikator sozialer Ungleichheit in Schule, Übergang und Beruf

Hausarbeit 2017 22 Seiten

Sozialwissenschaften allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung

2) Bildungsungleichheiten in der Schule
2.1. ) Bildungsbeteiligungsquoten
2.2. ) Männer als „Verlierer“ des Bildungssystems?
2.3. ) Geschlechtsdifferenzierte Kompetenzen

3) Ursachen geschlechtsdifferenzierter Bildungschancen in der Schule
3.1. ) Biologische Erklärungsansätze
3.2. ) Das soziale Umfeld als Ursache von Bildungsungleichheiten
3.3. ) Verhalten vs. Intelligenz

4) Das Geschlecht in der Berufsausbildung

5) Geschlechtsdifferenzen auf dem Arbeitsmarkt
5.1. ) Aspekte der Benachteiligung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt

6) GeschlechtundHochschule
6.1. ) Frauen und Männer an der Hochschule
6.2. ) Geschlechtsspezifische Studienfachwahl
6.3. ) Abwertung weiblich konnotierter Studienfächer als Ursache für soziale Ungleichheit am Arbeitsmarkt

7) ProblemzoneBildungssystem?
7.1. ) Maßnahmen der Bundesregierung zur Reduzierung der Ungleichheit

8) Konsequenzen der Ungleichheit in Schule, Übergang und Beruf für die Karriere
8.1. ) Lohnunterschiede

9) Fazit

1) Einleitung

„Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ so steht es im Grundgesetz Artikel 3, Absatz 2. Dieser Satz wurde mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1949 in das Grundgesetz aufgenommen und bildete einen wichtigen Schritt für die Gleichberechtigung der Frauen. Demnach sei von einer Geschlechterdiskriminierung dann zu sprechen, wenn Personen aufgrund ihres Geschlechts benachteiligt, beziehungsweise aus Sicht der Männer bevorzugt behandelt werden.

Doch inwiefern diese Rechtsprechung durchgesetzt wird, ist heutzutage noch fragwürdig. Denn Ungleichheiten in Bezug auf das Geschlecht ziehen sich durch den gesamten Lebensverlauf von Frauen und Männern. Die wohl auffälligste Folge dessen, sind die Lohnungleichheiten zwischen Männern und Frauen. Denn überall in Europa verdienen Frauen weniger als Männer. Die sogenannte „Gender-Pay-Gap“, also die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern, liegt in Deutschland bei 22 Prozent. Auch unter dem Aspekt der gleichen formalen Voraussetzungen und gleicher Qualifikationen, beträgt diese Lücke noch immer 6 Prozent. Was ganz klar für eine Ungleichbehandlung, wenn nicht sogar für eine Diskriminierung von Frauen spricht.

Der folgende Beitrag beschäftigt sich mit der Frage in welcher Hinsicht das Geschlecht eine Rolle im Bildungssystem und darauffolgenden Übergang in den Beruf spielt. Und welche Folgen, vor allem in Hinblick auf die Lohnungleichheit, diese Ungleichbehandlung für die jeweiligen Geschlechter mit sich bringt.

Dabei sollen die einzelnen Stufen des Bildungssystems von der Einschulung, über die Berufswahl und dem Studium, bis hin zur Berufstätigkeit auf die unterschiedliche Behandlung in Bezug auf die Geschlechter untersucht werden und die vermeintlichen Ursachen beleuchtet werden.

Denn obwohl Frauen als die „Gewinner der Bildungsexpansion“ benannt werden, sind es letztendlich die Männer die trotz dessen bei gleicher Qualifikation mehr verdienen und bessere Karrieremöglichkeiten haben.

2) Bildungsungleichheiten in der Schule

2.1. ) Bildungsbeteiligungsquoten

Während Frauen der älteren Generationen im Durchschnitt einen deutlich schlechteren Bildungsstand aufweisen als Männer, gilt dies für Frauen der jungen Generationen nicht mehr.

Betrachtet man beispielsweise die Schülerschaft an Gymnasien im Schuljahr 1960/61, so wird deutlich, dass diese zu 60% aus Jungen besteht (Vgl. Brake/Büchner, 2012, S. 198). Demnach waren Mädchen zu diesem Zeitpunkt an Gymnasien deutlich unterrepräsentiert. Dies sei vor allem auf das damals noch sehr traditionelle Familienmodell zurückzuführen, demzufolge Männern die Rolle des Familienernährers zugeschrieben wurden und Frauen die Rolle der Hausfrau und Mutter erfüllten.

Mit wachsender Bildungsbeteiligung der Frauen änderte sich zunehmend auch das Familienmodell, sodass heutzutage oftmals das „Doppelernährermodell“ vorherrschend in Deutschland ist.

Wie sich die Geschlechterverhältnisse in der Bildungsbeteiligung zu Gunsten der Mädchen verschoben hat wird deutlich, wenn man die Anteile der Mädchen und jungen Frauen unter den verschiedenen Abschlüssen des allgemeinbildenden Schulwesens des Jahres 2008 betrachtet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Während das Verhältnis bei Realschulabsolventen mit einem Frauenanteil von 50% sehr ausgewogen ist, fällt bei Betrachtung der Absolventen von Gymnasien und Fachhochschulen auf, dass in beiden Institutionen Frauen mit 56% (an Gymnasien) und 53,9% (an Fachhochschulen) überrepräsentiert sind. Hier wird deutlich, wie positiv sich die

Bildungsexpansion auf die Bildungsbeteiligung der Mädchen und Frauen ausgewirkt hat.

An Hauptschulen sind sogar nur 42,7% der Absolventen Frauen. An dieser Schulform ist vor allem der gestiegene Anteil der Jungen auffällig. Dieser stieg seit den 1960er Jahren von 50% auf 57,3% an.

Während Frauen also in den letzen Jahren immer mehr Bildung genießen durften, sind es heutzutage immer mehr junge Männer, die sich in den niedrigeren Schulformen wiederfinden und oftmals sogar ohne einen Abschluss das Schulsystem verlassen (Vgl. Brake/Büchner, 2012, S. 202).

2,2, ) Männer als „Verlierer“ des Bildungssystems?

Nicht nur in Hinblick auf die Bildungsbeteiligungsquote sind Männer in der heutigen Zeit benachteiligt. Denn nicht nur der Anteil der weiblichen Absolventen ist höher, sondern auch ihre Noten innerhalb einer Schulform. Das Land Nordrhein-Westfalen hat beispielsweise für das Jahr 2007 eine Geschlechteranalyse zu den Abiturnoten erstellt: Demnach hatten 40 Prozent der Jungen eine Abiturnote, die schlechter als 3,0 war - aber nur 33,4 Prozent der Mädchen wiesen eine solche Note auf (Vgl. Kramer, 2016).

Zudem schneiden Mädchen nicht nur insgesamt in der Schule besser ab als Jungen, nein, sie durchlaufen die Schullaufbahn zudem zügiger als ihre männlichen Mitschüler, weil sie erstens früher eingeschult werden und zweitens seltener eine Klasse wiederholen (Vgl. Solga/Dombrowski, 2009, S. 18). Im Bundesdurchschnitt wurden von allen Schülern 3,5% der Mädchen, aber 5,9% der Jungen verspätet eingeschult. Bei den vorzeitigen Einschulungen verhält es sich genau umgekehrt, hier bilden die Mädchen mit 60% die eindeutige Mehrheit. Darüber hinaus sind die Geschlechter auch in einem ungleichen Maß von dem Risiko betroffen, ein Schuljahr zu wiederholen.

Aus den Daten der PISA-Untersuchung von 2003 geht hervor, dass 23,1% der 15-jährigen Schüler und Schülerinnen und damit fast ein viertel, bereits mindestens ein mal eine Klasse hat wiederholen müssen. Im Hinblick auf die Geschlechterverteilung der „Sitzenbleiber“ ist die Differenz vor allem in der Sekundarstufe 2 stärker ausgebildet. So mussten in der zwölften Klasse 4,4% der Schüler aber nur 2,9% der Schülerinnen eine Klasse wiederholen. Klassenwiederholungen können innerhalb der gleichen Schulform stattfinden und freiwillig oder unfreiwillig geschehen. Aber sie können auch mit einer sogenannten Abschulung verbunden sein. Damit ist der Wechsel auf eine niedrigere Schulform, beispielsweise vom Gymnasium zur Realschule, gemeint. Von dieser Form der schulischen Abwärtsmobilität scheinen Jungen deutlich öfter betroffen zu sein, während Mädchen etwas häufiger den Umstieg auf eine höhere Schulform schaffen (Vgl. Brake/Büchner, 2012, S. 203).

Obwohl die Rede von den Mädchen auf der bildungsbezogenen Überholspur und den Jungen als Verlierern der Bildungsexpansion ist, zeigen viele Forschungsergebnisse das solche Verallgemeinerungen empirisch nicht haltbar sind. Vielmehr sollte aus der Perspektive der geschlechtergerechten Bildung die Forderung in die Richtung gehen, dass sowohl Mädchen als auch Jungen zu den Gewinnerinnen und Gewinnern der Bildung werden müssen.

2.3. ) Geschlechtsdifferenzierte Kompetenzen

Auch in den fächerspezifischen Kompetenzen unterscheiden sich Mädchen von Jungen. So sind geschlechtsbezogene Unterschiede sowohl für den Bereich der Lesekompetenz als auch für den Bereich der Mathematikkompetenz belegt. Die Leistungen von Mädchen sind demnach vor allem in Deutsch, den Fremdsprachen und im Lesen seit langem besser als die der Jungen. In Mathematik und naturwissenschaftlichen Fächern schneiden Mädchen hingegen tendenziell schlechter ab.

Dies lässt sich auch anhand der Studien IGLU (Internationale Grundschul-Lese- Untersuchung) und TIMSS (Trends in International Mathematics and Science Study) belegen. Zwar haben sich die Unterschiede zwischen den Geschlechtern in Deutschland mit der Zeit verringert, sie liegen aber in den MINT-Fächern noch über dem Mittel der Industriestaaten. Dabei sind die Geschlechterunterschiede in den Naturwissenschaften am stärksten sichtbar. Während die Jungen etwa 534 Punkte erreichten, waren es bei den Mädchen lediglich etwa 522 Punkte (Vgl. Sievert/Kröhnert, 2015, S. 14).

Betrachtet man die Ergebnisse der Pisa-Studie von 2012 so ergibt sich, dass sich dieser Trend weiter fortführt. Anders als bei der IGLU und TIMSS Untersuchung wurden bei der Pisa­Studie die Schüler der 9. Klassen beobachtet. Dabei stellte sich heraus, dass Mädchen im Lesen weiterhin vorne lagen, während die Jungen abermals in Mathematik besser dastanden. In den Naturwissenschaften hat sich dieses Gefälle jedoch nivelliert, sodass keine geschlechtsbezogenen Unterschiede mehr sichtbar sind. Das Ausmaß der Geschlechterunterschiede in Mathematik und im Lesen jedoch ist gestiegen. So erreichten Mädchen im Bereich Lesen ganze 44 Punkte mehr als Jungen, was einem Leistungsvorsprung von etwa einem Schuljahr entspricht. Der Leistungsvorsprung der Jungen in Mathematik hingegen fiel mit 13 Punkten Unterschied eher gering aus (Vgl. Sievert/Kröhnert, 2015, S. 16).

Diese facherspezifischen Unterschiede sind während der Grundschulzeit meist nur sehr gering ausgeprägt, nehmen aber in den darauffolgenden Jahren tendenziell zu. Teilweise wird sogar davon ausgegangen, dass die Schulleistungsentwicklung bei Mädchen und Jungen in der Grundschule weitestgehend parallel verläuft (Vgl. Hadjar/Hupka-Brunner, 2013, S.109).

3.) Ursachen geschlechtsdifferenzierter Bildungschancen in der Schule

Als Ursache geschlechtsdifferenzierter Bildungschancen werden in der Literatur mehrere Theorien thematisiert. Dazu gehören zum einen die biologische Sichtweise auf die unterschiedliche Entwicklung von Jungen und Mädchen und zum anderen die Frage ob die Unterschiede sozial bedingt oder gar anerzogen sind. Diese Debatte ist im englischen Sprachraum unter dem Begriff „Nature vs. Nurture“ bekannt (Vgl. Sievert/Kröhnert, 2015, S. 24). Vieles deutet jedoch daraufhin, dass Unterschiede im Verhalten und der Motivation der Schüler und Schülerinnen zu den Ursachen für die besseren oder schlechteren Leistungen verantwortlich sind.

3.1. ) Biologische Erklärungsansätze

Sowohl Jungen als auch Mädchen weisen biologische Unterschiede auf, die ihren Erfolg in der Schule begünstigen oder erschweren können. So führen unterschiedliche hormonelle Einflüsse in der Gehirnentwicklung dazu, dass Jungen ihre Stärken eher im räumlich­visuellen Bereich haben, Mädchen dagegen in verbalen, kommunikativen Bereichen. Zudem sind Mädchen den Jungen während der Pubertät was ihre Reife angeht voraus, was vor allem durch die schnellere Gehirnentwicklung von Mädchen zu erklären ist. Diese biologischen Ungleichheiten sind allerdings keine unbeeinflussbaren Weichenstellungen und nicht auf Mädchen und Jungen im Allgemeinen übertragbar. So sollen diese Ergebnisse keineswegs bedeuten, dass jeder Junge jedem Mädchen in Mathematik überlegen ist und alle Mädchen besser lesen als Jungen.

Zu den biologischen Unterschieden zwischen den Geschlechtern zählen zwangsläufig die unterschiedlichen Geschlechtshormone. Dabei stellt sich die Frage ob vererbbare Merkmale an diese gebunden sein können, sodass für eines der Geschlechter bessere Lernvoraussetzungen resultieren. Bei Menschen liegen 46 Chromosomen vor, von denen 44 als Paare vorliegen. Die übrigen 2 Chromosomen bilden das Geschlecht des Menschen. Bei Frauen liegt dieses ebenfalls als Paar auf und zwar in Form von zwei X Chromosomen. Männer hingegen weisen ein X und ein Y Chromosom auf, was sie vom anderen Geschlecht unterschiedet. Bei der Theorie ob eines der Geschlechter aufgrund seiner Gene einen Vorsprung in Bezug auf die schulische Leistung hat, stehen vor allem die auf das X- Chromosom zurückführbare Gendefekte im Vordergrund. Davon sind Jungen häufiger betroffen als Mädchen, da diese den Gendefekt auf ihre zwei X Chromosomen ausgleichen können, während Jungen dies mit dem vergleichbar kleinen Y-Chromosom seltener können. Dass Jungen also häufiger zu den schlechteren Schülern gehören oder Förderschulen besuchen kann somit zumindest teilweise von ihrem Genmaterial beeinflusst sein.

Auch die geschlechtsspezifischen Hormone können einen Einfluss auf die unterschiedlichen Kompetenzen von Jungen und Mädchen haben. So lässt das für Frauen typische Sexualhormon Östrogen die sprachlichen Fähigkeiten steigen, während die räumlich-visuellen Fähigkeiten durch einen hohen Östrogenspiegel eher sinken. Umgekehrt ist es der Fall, dass ein niedrigerer Östrogenspiegel, etwa während der Menstruation, zu verbesserten Ergebnissen bei räumlichen Aufgaben führt.

Bei Männern hingegen steigen die räumlich-visuellen Fähigkeiten nicht exponentiell zum Testosteronspiegel. Vielmehr scheint es eine Art optimalen Hormonspiegel zu geben, wobei jegliche Abweichung von diesem negative Konsequenzen mit sich ziehen (Vgl. Sievert/Kröhnert, 2015, S. 26).

Die geschlechtsspezifischen Hormone werden schon früh im Mutterleib ausgeschüttet, was auch zu einer unterschiedlichen Entwicklung der Gehirne von Mädchen und Jungen zur Folge hat. So führt das Testosteron beispielsweise dazu, dass bei Jungen die rechte Gehirnhälfte besser entwickelt ist als die linke. Was das mit der Intelligenz eines Menschen zu tun hat, beschreibt die sogenannte Liberalisierung des Gehirns, welche erklärt, welche Aufgaben von welcher Gehirnhälfte gesteuert werden. So scheinen räumliche und mehrdimensionale Denkprozesse eher in der rechten Gehirnhälfte verankert zu sein, während die linke Gehirnhälfte eher auf organisatorische Dinge spezialisiert ist, wie etwa das Sprechen, Lesen und Schreiben. Jedoch lassen sich damit allein nicht die besseren mathematischen Fähigkeiten von Jungen erklären. Denn auch die Funktionsweise von männlichen und weiblichen Gehirnen scheint sich zu unterscheiden. So nutzen Frauen beispielsweise für das Lösen der selben Aufgaben andere Hirnareale als Männer.

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Details

Seiten
22
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668611931
ISBN (Buch)
9783668611948
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v385143
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover – Institut für Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
Gender Pay Gap Soziale Ungleichheit Lohnungleichheit

Autor

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