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Das Scheitern von Bretton Woods

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 22 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Int. Organisationen u. Verbände

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Entstehungshintergründe des Systems von Bretton Woods
2.1 Historische Erfahrungen
2.2 Beteiligte und deren gemeinsame Interessen

3 Die Schaffung des Systems von Bretton Woods
3.1 Ausgestaltung des Systems von Bretton Woods
3.1.1 Ziele des Systems
3.1.2 Feste Wechselkurse als tragende Säule
3.2 Erklärungsansätze für spezifische Ausgestaltung
3.2.1 Machtverhältnisse im internationalen System
3.2.2 Verhalten während der Konferenz
3.2.3 Tagespolitische Umstände und Rücksichtnahmen

4 Schwächen des Systems von Bretton Woods
4.1 Dollar-Stärke statt systemeigene Währung
4.2 Mangelnde Autorität des IWF
4.3 Zielkonflikte – Triffin-Dilemma

5 Das Scheitern des Systems von Bretton Woods
5.1 Chronologie des Scheiterns
5.2 Gründe für das Scheitern
5.2.1 Inflation des Dollar
5.2.2 Rigide Wechselkursbreiten
5.2.3 Verhalten der Bündnispartner

6 Das Scheitern des Systems von Bretton Woods war konstitutionell angelegt und deshalb bedingt vorhersehbar

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

R.I.P. We regretfully announce the not unexpected passing away after a long illness of Bretton Woods … Bretton Woods was born in New Hampshire in 1944 and died a few days after his 27th birthday. Although abandoned by some of his parents in infancy, he was a sturdy lad and was expected to survive. …[1]

Mit diesen Worten nahm am 22. September 1971 die New York Times Abschied von Bretton Woods, “the most successful international monetary regime the world has ever seen”[2]. Fast drei Jahrzehnte arbeitete das internationale Wirtschafts- und Währungssystem erfolgreich und mit beeindruckenden Wachstumsraten[3] unter den auf der Konferenz in New Hampshire beschlossenen Regeln, bevor 1971 mit den festen Wechselkursen der Grundpfeiler aufgegeben wurde und das „System von Bretton Woods“ als gescheitert gelten musste. Doch wie kam es zu diesem Scheitern? Liest man zwischen den Zeilen der Anzeige, war Bretton Woods offenbar ein System, das seine bekannten Schwächen hatte, aber eigentlich funktionieren sollte, und dessen Niedergang dennoch nicht überraschend kam – eine auf den ersten Blick merkwürdige Mischung der Erwartungen. Warum war es offenbar gleichzeitig 'expected to survive', sein Scheitern aber dennoch absehbar?

Die vorliegende Arbeit soll zeigen, dass das System von Bretton Woods aufgrund seiner Entstehungsbedingungen und seiner Regeln von Beginn an auf tönernen Füßen stand. Bereits bei der Konstruktion wurden Fehler gemacht, die früher oder später zum Scheitern führen mussten, das Scheitern war also konstitutionell angelegt.

Um diese These zu bestätigen, wird zunächst kurz gezeigt, weshalb es überhaupt zur Schaffung eines internationalen Systems gekommen ist. Im zweiten Teil soll geklärt werden, welche spezifische Ausgestaltung es erfuhr und wie diese aufgrund von Interessen und Machtverteilung zwischen den Verhandlungspartnern zu erklären ist. Im Anschluss daran sollen die drei wichtigsten Schwächen dieser Ausgestaltung genauer vorgestellt werden, bevor im fünften Abschnitt das Scheitern des Systems analysiert wird. Dies beginnt mit einer kurzen Chronologie des Scheiterns, bevor anschließend die Gründe für den Niedergang dargestellt werden und damit die Frage beantwortet wird, ob das System wirklich an seinen bekannten Schwächen scheiterte und das Ende des Systems fester Wechselkurse also vorhersehbar war.

2 Entstehungshintergründe des Systems von Bretton Woods

Dass überhaupt ein System zustandekam, wurde oft charakterisiert als „political miracle“[4], da noch wenige Jahre zuvor ein gemeinsamer Ansatz keine Chance hatte. Weshalb dies 1944 anders war, lässt sich nur mit einem kurzen Abriss über die zeitgeschichtlichen Hintergründe und die daraus erwachsenden gemeinsamen Interessen der Beteiligten an einer institutionalisierten Regelung erklären.

2.1 Historische Erfahrungen

Die Verträge von Bretton Woods wurden 1944 geschlossen unter den Eindrücken der jüngeren Geschichte. Der Völkerbund und mit ihm das System der kollektiven Sicherheit war gescheitert. Ebenso scheiterte in der Zwischenkriegszeit das internationale Finanzsystem, die Weltwirtschaftskrisen brachen aus und stürzten die Welt für mehrere Jahre in eine tiefe Depression. Doch wie kam es dazu?

Seit den 1920er Jahren hatten Massenarbeitslosigkeit und politischer Druck der erstarkten Arbeiterbewegung in vielen Ländern Beschäftigungs- und Konjunktur-politik immer nötiger gemacht. Einige Regierungen versuchten die Sicherung und Schaffung von Arbeitsplätzen mit der Abwertung ihrer Währung zu erreichen: Dank billigerer Währung könne – knapp formuliert – mehr exportiert und weniger importiert werden, so dass die Produktion im Inland ausgeweitet werden könne und damit Arbeit geschaffen werde, was wiederum zu höherem Volkseinkommen, mehr Konsum und damit wiederum erhöhter Produktion und mehr Arbeitsplätzen führe. Dies geht jedoch meist auf Kosten der Nachbarländer, deren Währungen automatisch teurer werden und die unter den negativen Folgen leiden müssen, weshalb diese Art der Währungsabwertung den bezeichnenden Namen „beggar-the-neighbour-policy“ erhielt. Dies kann theoretisch funktionieren, wenn nur ein Land abwertet und die anderen Länder verharren. In der Realität der Zwischenkriegszeit jedoch wertete ein Land seine Währung ab, was andere Länder um ihrer Konkurrenzfähigkeit willen dazu brachte, ebenfalls abzuwerten, so dass Land A weiter abwertete, usw. Statt positive Effekte hervorzubringen, wurde eine Abwertungsspirale in Gang gesetzt, die die weltweiten Probleme verschärfte, statt sie zu lösen. Die Welt steckte in einem Kooperationsproblem, und die Wirtschaft kollabierte – mit dramatischen politischen Konsequenzen.[5]

Alle an den Verhandlungen von Bretton Woods Beteiligten standen noch unter den Eindrücken dieses doppelten Scheiterns und erkannten die Ursachen: “Economic crisis produced political instability; and the failure of international cooperation made more likely a breakdown of peace."[6] Statt zu erkennen, dass sozusagen alle im gleichen Boot saßen, versuchte sich jeder Staat nur um seine Belange zu kümmern. Die währungs- und wirtschaftspolitische Koordination war mangelhaft. Man hatte versäumt, nach dem ersten Weltkrieg ein tragfähiges internationales Wirtschafts- und Währungssystem zu institutionalisieren, das gleichzeitig für Frieden unter den Völkern sorgen konnte.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

"PHEW! THAT'S A NASTY LEAK: THANK GOODNESS IT'S NOT AT OUR END OF THE BOAT."

Abb. 1[7]

2.2 Beteiligte und deren gemeinsame Interessen

Aus diesen Erfahrungen leiteten sich die wichtigsten Interessen der Akteure ab. Man wollte versuchen, alte Fehler zu vermeiden und ein besseres Modell für die Nachkriegszeit zu entwickeln. Von diesem Modell würde die ganze Welt betroffen sein, folglich waren an dessen Schaffung letztlich auch viele Länder beteiligt. Dennoch gab es klar zwei dominierende Akteure: die aus dem Weltkrieg als Hegemon hervorgehenden USA sowie die ehemalige Großmacht Großbritannien. Beide hatten – abhängig von ihrer spezifischen Situation – andere Vorstellungen von der konkreten Ausgestaltung der künftigen Wirtschaftsordnung, aber auch diverse gemeinsame Interessen, die eine Einigung schließlich möglich machten.

Einig war man sich in dem Vorsatz, künftig „…internationale Wirtschaftsfragen stärker in einem institutionellen Rahmen zu diskutieren und gemeinsamen Regeln zu unterwerfen.“[8] Kooperation war das Zauberwort der Stunde; das Interesse an einer stabileren Regelung des internationalen Wirtschafts- und Währungssystems einte Großbritannien und die USA und mit ihnen die meisten anderen Länder der Erde und führte letztlich tatsächlich zur Kooperation. So argumentierte etwa der junge Senator Fulbright: “We have tried self-sufficiency, and it has failed. Let us try cooperation ad participation. It can be no worse.”[9]

Ebenso bestand nach den Erfahrungen der Zwischenkriegszeit ein gemeinsames Interesse darin, politische Sicherheit mit wirtschaftlicher Ordnung zu verknüpfen. Friede wurde nun auch verstanden als Folge internationaler Zusammenarbeit und eines stabilen Welthandels, die künftige Wirtschaftsordnung sollte also nicht nur den Handel sichern, sondern "... represented both an attempt to learn the lessons of the Great Depression and a part of the preparation for peace“[10]

Einigkeit gab es schließlich nicht nur über die prinzipielle Notwendigkeit einer internationalen Ordnung, sondern auch über einige wesentliche Aufgaben derselben. Sowohl die USA als auch Großbritannien hatten Interesse an einer Institution, die Wechselkurse fixiert, die Konvertibilität von Währungen garantiert und bei Krisen – insbesondere der Zahlungsbilanz – steuernd eingreifen kann, bevor sie sich ausweiten und andere schädigen.[11] Stabile Wechselkurse galten allen Beteiligten als unerläßlich für das Wachstum des Welthandels, und dies wiederum "als Schlüssel zu einer soliden und blühenden Weltwirtschaft."[12]

So kam es schließlich, dass die zentralen Akteure letztlich trotz unterschiedlicher Detailvorstellungen zu einem gemeinsamen Vorschlag fanden: Man war sich einig über die grundsätzliche Notwendigkeit einer Regelung, und selbst wenn sie einigen Beteiligten mehr Vorteile bringen sollte als anderen, ergeben sich doch Vorteile für alle Beteiligten – ein klassischer Fall von Kooperationsgewinn.

3 Die Schaffung des Systems von Bretton Woods

„Given these premises, the relevant policy issue was not whether to construct an integrated economic system, but how.“[13] Über dieses ‚how’ wurde 1944, nach langen Vorbereitungen durch die Regierungen Großbritanniens und der USA[14] auf der Konferenz von Bretton Woods entschieden. 44 Staaten trafen sich hier zur Beratung über die künftige Weltwirtschafts- und Finanzordnung. Ergebnis mehrwöchiger Verhandlungen war die Gründung des IWF und der Weltbank, die 1947 ihre Arbeit in Washington D.C. aufnahmen. Was aber waren die Ziele und Regeln, mit denen das System von Bretton Woods arbeiten sollte? Und warum kamen sie in der gewählten Version zustande? .

[...]


[1] Siehe New York Times, September 22, 1971, zitiert nach Eckes, Alfred E. (1975), S. 266.

[2] Siehe de Bordo, Michael (1993), S. 27.

[3] Vgl. James, Harold (1996), S. 148.

[4] Siehe Gardner, Richard N. (1986), S. 21.

[5] Vgl. Herz, Dietmar (1998), S. 145.

[6] Siehe James, Harold (1996), S. 26.

[7] Vgl. James, Harold (1996), S. 2.

[8] Siehe Gareis, Sven B./Varwick, Johannes (2002), S. 223.

[9] Siehe Eckes, Alfred E. (1975), S. 201.

[10] Siehe James, Harold (1996), S. 27.

[11] Vgl. Niehans, Jürg (1996), S. 178.

[12] Siehe Browne, Robert S. (1994), S. 65.

[13] Siehe Eckes, Alfred E. (1975), S. 278.

[14] Beide hatten seit 1941 bilateral über Modelle verhandelt, die sich im Detail stark unterschieden. Der amerikanische Plan, maßgeblich vorbereitet von Harry White (Staatssekretär im Finanzministerium) sah eine bescheidenere Lösung vor, während sein Gegenspieler auf britischer Seite, Milton Keynes, ein klar supranationales Konzept bevorzugte. Bereits im Vorfeld der Konferenz einigten sich die beiden Hauptakteure jedoch auf einen gemeinsamen Vorschlag, der sich stark am amerikanischen Modell orientierte. (Vgl. van Dormael, Armand (1978), S. 71.).

Details

Seiten
22
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638375627
ISBN (Buch)
9783638654456
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v38536
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,3
Schlagworte
Scheitern Bretton Woods Regieren Internationale Institutionen

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