Lade Inhalt...

Warum das Westjiddische sterben musste

Ein Beitrag zur Ursachenforschung über den Niedergang der westjiddischen Sprache

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 13 Seiten

Judaistik

Leseprobe

Inhalts

1. Einleitung

2. Vorstellung der jiddischen Sprache
2.1 Jiddisch – Charakteristika und Verwendung
2.2 Warum West-Jiddisch?

3. Ursachen für das Ende der westjiddischen Sprache
3.1 Außerkulturelle Ursachen
3.2 Innerkulturelle Ursachen
3.3 Die Haskala

4. Fazit

5. Literatur

1. Einleitung

„Der Tod von Sprachen war natürlich immer schon Teil der Menschheitsgeschichte. […] Dies hat zur Folge, dass niemand mehr in die sprachliche Gedankenwelt eintauchen wird, die Generationen von Sprechern erschaffen haben. Es bedeutet aber auch, dass man niemals wieder den Klang dieser Sprachen hören wird, es sei denn auf einer Aufnahme. […] Jede Sprache erzählt uns eine Geschichte.“ (Evans 2014: 11)

Soweit historische Forschung Rückblicke in die Verbreitung und Verwendung von Sprachen erlaubt, existiert Sprachwandel auf diversen Ebenen durch alle Zeiten der Menschheitsgeschichte hindurch. Dazu gehört auch, dass Sprachen gelegentlich nicht mehr verwendet werden und schließlich ‚aussterben‘. Doch für die langsam nachlassende Verwendung einer Sprache, bis sie gar nicht mehr gesprochen wird, gibt es stets Ursachen.

Diese „Geschichte“ (ebd.) zu untersuchen und zu erforschen, wie es dazu kam, dass das Westjiddische untergehen konnte, widmet sich diese Arbeit. Es soll ein Beitrag geleistet werden die Gründe zu verstehen, die dazu führten, dass jüdische Sprecher die westjiddische Sprache ablegten und sie heute als ausgestorben gilt.

Daraus ergibt sich folgende Gliederung für diese Arbeit: Zuerst wird unter Zuhilfenahme entsprechender Fachliteratur die westjiddische Sprache definiert, in ihrer Verwendung erläutert und von der übrigen jiddischen Sprache und ihren Sprechern abgegrenzt. Dieser Teil der Arbeit beinhaltet auch die Unterscheidung von Ost- und Westjiddisch. Im weiteren Verlauf werden verschiedene mögliche Gründe auf ihre Bedeutung für den Niedergang des Westjiddischen hin analysiert. Dabei sollen inner- und außerkulturelle Aspekte berücksichtigt werden. Ein besonderer Schwerpunkt wird auf den Einfluss der jüdischen Aufklärung – Haskala genannt – gelegt, um ein vollständiges Bild der Ursachen zu erhalten, die zum Sprachsterben des Westjiddischen führten. Abschließend werden diese im Fazit gegenübergestellt und es erfolgt ein Gewichtungsversuch, welche Elemente wie große Bedeutung für das sprachgeschichtliche Ereignis „Niedergang des Westjiddischen“ besaßen. Mithilfe dieser Methodik versucht diese Arbeit Antworten zu geben, warum die westjiddische Sprache unterging und heute nicht mehr verwendet wird. Es wird aber auch deutlich werden, dass ihr Einfluss bis heute unstrittig und alles andere als bedeutungslos bleibt.

2. Vorstellung der jiddischen Sprache

2.1 Jiddisch – Charakteristika und Verwendung

Obwohl das Jiddische mit hebräischen Buchstaben geschrieben wird, ist es „stofflich eine germanische, also indogermanische Sprache“ (Birnbaum 1997: XIII), die als interne Verkehrssprache nicht-assimilierter[1] aschkenasischer[2] Juden fungierte[3] und sich ab dem 9. Jahrhundert herausbildete. Jiddisch ist eine Komponentensprache, die sich aus den Quellsprachen zusammensetzt, „die in den verschiedenen historischen und kulturellen Lebenswelten und Lebensbereichen der aschkenasischen Juden eine wichtige Rolle gespielt haben: Hebräisch und Aramäisch, mittelhochdeutsche und frühneuhochdeutsche Dialekte (und später Neuhochdeutsch), slawische Sprachen“ (Aptroot/Gruschka 2010: 12).

Aufgrund der sozioökonomischen und kulturellen Situation der Juden in Deutschland waren die meisten Jiddisch-Sprecher mehrsprachig und griffen kontextabhängig auf die jeweils angemessene Sprache zurück.

Um Kontakt zur Mehrheit der (christlichen) Bevölkerung herzustellen und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können, soweit das möglich war (vgl. Bering 1991: 325), nutzten die Juden, dort wo sie ansässig waren, die entsprechenden vorherrschenden ‚deutschen‘ Dialekte, später auch Neuhochdeutsch. Außerdem waren manche Aschkenasim in der Lage die lateinische Sprache zu verwenden, die hauptsächlich von bildungsnahen Bevölkerungsschichten gebraucht wurde. Aufgrund dieser äußeren Mehrsprachigkeit kann man von Außendiglossie sprechen (vgl. Aptroot/Gruschka 2010: 14).

Doch auch innerhalb der jüdischen Sprechergemeinschaft ist Mehrsprachigkeit zu finden (Binnendiglossie) (vgl. ebd.: 13). Hebräisch und Aramäisch wurden nicht streng unterschieden, sondern bildeten zusammen die „loschn-kójdesch“, die „Heilige Sprache“ oder „Sprache der Heiligkeit“ (ebd.). Diese Sprache erlernten zumindest Jungen in einer auf Religion ausgerichteten Grundschule oder durch den Vater oder einen Hauslehrer. Dabei wurde der Text der hebräischen Bibel (Talmud) zusammen mit einer wortgetreuen Übersetzung mittels Wiederholens auswendig gelernt und immer wieder aufgesagt. Mithilfe dieser frühkindlichen Bildung lassen sich auch die zahlreichen Hebraismen in der jiddischen Sprache erklären, die dazu führten, dass Jiddisch für die übrige (christliche) Bevölkerung in Teilen unverständlich war.

Gebraucht wurde das Hebräische/Aramäische für „religiöse Kulthandlungen, rabbinische Urkunden, Verträge, Geschäftsbriefe und gelehrte Abhandlungen“ (ebd.: 13). Seltener finden sich auch private Briefwechsel oder Belletristik in der heiligen Sprache der Juden.

Den zweiten Bestandteil der Binnendiglossie, der Mehrsprachigkeit der Juden innerhalb der eigenen Sprechergemeinschaft, bildete das Jiddische. Diese wurde dabei als Umgangssprache verwendet und galt stets als weniger wertige Sprache im Vergleich zur loschn-kódesch, sodass sie nie direkt unterrichtet wurde (vgl. ebd.: 14). Komponenten dieser Alltagssprache sind „die Deutsche Komponenten, die Hebräisch-Aramäische Komponente, die Slawische und die Romanische Komponente“ (ebd.: 14 f.). Diese Komponenten sind jeweils Oberbegriffe für viele sprachliche bzw. dialektale Phänomene, die in lexikalischen, syntaktischen, morphologischen, semantischen und phonologischen Bereichen Einfluss auf das Jiddische nahmen. Aptroot/Gruschka veranschaulichen diese wechselseitige sprachliche Beeinflussung auf allen Ebenen treffend an Beispielen (vgl. ebd. 16). So kann man sich beispielsweise davon überzeugen, dass das Jiddische eine[4] stark flektierende Sprache ist, die maßgeblich vom Deutschen geprägt ist.

2.2 Warum West- Jiddisch?

Obwohl der Fokus bereits im vorangegangenen Abschnitt eher auf das Westjiddische gesetzt worden ist, soll nachfolgend kurz erläutert werden, warum zwischen Ost- und Westjiddisch unterschieden wird und was die Kategorien ausmacht, die zur Differenzierung beitragen. Die Unterscheidung zwischen diesen beiden Varianten des Jiddischen ist große Bedeutung beizumessen, da sich der Sprachwandel beim Ostjiddischen anders vollzog als beim Westjiddischen, was besonders an dem vergleichsweise frühen Aussterben des Westjiddischen deutlich wird. Erkenntnisse aus der Erforschung des Ostjiddischen lassen sich also nicht problemlos auf diese Arbeit und ihre Ergebnisse übertragen.

Die Zeit der Trennung zwischen Ost- und Westjiddisch fällt ungefähr auf die Zeit zwischen 1250 bis 1500 n.Chr., wobei das Jiddische bereits seit der Zeit existiert, als Juden begannen sich im deutschsprachigen Raum anzusiedeln (ca. 9. Jahrhundert) (vgl. Kleine 2008: 3 f.). Die Differenz zwischen den beiden Sprachvarianten resultierte zwar nicht darin, dass es unüberbrückbare Sprachbarrieren zwischen Jiddisch-Sprechern gab, jedoch erkennt man die Verschiedenheit der Sprachen deutlich, was vor allem auf die ausgeprägte slawische Komponente im Ostjiddischen zurückzuführen ist. Bis auf wenige Ausnahmen finden sich slawische Elemente ausschließlich in der ostjiddischen Sprache, ansonsten setzen sich beide Varianten aus hebräisch-aramäischen, deutschen und romanischen (im Westjiddischen allerdings stärker vorhanden) Bestandteilen zusammen.

Geographisch gesehen wurden „die westjiddischen Dialekte […] vorwiegend im deutschen Sprachgebiet gesprochen, die ostjiddischen hauptsächlich in Polen-Litauen einschließlich Weißrusslands und der Ukraine, sowie der Slowakei“ (Aptroot/Gruschka 2010: 50). Zum deutschen Sprachraum gehörten dabei auch Länder wie die Niederlande, Österreich oder die Schweiz, woher auch die veraltete Bezeichnung ‚Judendeutsch‘ für das Westjiddische rührt. So „verlief die Grenze zwischen Ost- und Westjiddisch [Mitte des 19. Jahrhunderts] dementsprechend mitten durch Ungarn und die Slowakei, durchschnitt in der Gegend um Krakau polnisches Gebiet und folge ab der Höhe von Breslau in etwa der ehemaligen Grenze Schlesiens bzw. dem Verlauf der Oder und verlor sich schließlich in einem Übergangsgebiet zwischen Berlin, Posen und Königsberg“ (ebd.: 53). Aptroot und Gruschka weisen aber darauf hin, dass sich das Gebiet des Westjiddischen in den früheren Jahrhunderten wesentlich weiter nach Osten erstreckt haben müsse, aber durch das Ostjiddische zurückgedrängt worden sei (vgl. ebd.). Das Ostjiddische schritt in seiner Entwicklung außerdem immer weiter bis hin zum modernen Jiddisch voran und findet bis heute in Alltagskommunikation und Unterhaltungsliteratur von Juden auf der ganzen Welt Verwendung. Die Weiterentwicklung des Ostjiddischen beinhaltete zudem die Erweiterung des Sprachsystems durch Elemente anderer Sprachen (z.B. englisch, spanisch, usw.).

Doch das Westjiddische wurde Stück für Stück verdrängt, bis es gar nicht mehr verwendet wurde und als ‚ausgestorben‘ bezeichnet werden konnte. Wie es dazu kommen konnte, soll im nächsten Kapitel behandelt und beantwortet werden. Welche Bedeutung das Jiddische in vielen Bereichen bis heute hat, ist im ersten Kapitel deutlich geworden. Die jiddische Sprache hatte einen wichtigen Status für seine jüdischen Sprecher inne und man erkennt seine Spuren in der deutschen Gegenwartssprache bis heute. Eine Beschäftigung mit dieser Sprache erscheint folglich aus jeder Perspektive äußerst lohnenswert.

3. Ursachen für das Ende der westjiddischen Sprache

3.1 Außerkulturelle Ursachen

Um außerkulturelle Ursachen für den Niedergang des Westjiddischen nachvollziehen zu können, ist es wichtig die äußeren Lebensumstände der Aschkenasim zu verstehen. Aus diesem Grund beschäftigt sich diese Arbeit zuerst mit den außerkulturellen Einflüssen, die zur nachlassenden Verwendung westjiddischer Sprache führten. Obwohl in dieser Arbeit getrennt, verlaufen die verschiedenen Auslöser für das Ende dieser Sprache natürlich parallel und beeinflussen sich wechselseitig.

Als sich das Hochdeutsche im 18. Jahrhundert immer weiter im deutschsprachigen Raum herausbildete, begann insbesondere das deutsche Bürgertum sich durch dessen Verwendung bewusst gesellschaftlich von sozioökonomisch schlechter gestellten Bevölkerungsgruppen abzugrenzen. Im Zuge dessen wurden Dialekte beispielsweise durch Unterhaltungsliteratur (z.B. Theater) stigmatisiert, sodass sich schnell das „Ideal der sicheren Beherrschung des Hochdeutschen und der Unabhängigkeit vom Dialekt“ durchsetzte (Aptroot/Gruschka 2010: 82).

Auch von Seiten des Staates wurde von Juden der Gebrauch des Hochdeutschen vorausgesetzt. So mussten beispielsweise Geschäftsbücher ausschließlich in hochdeutscher Sprache verfasst sein (vgl. ebd.). Hinzu kamen weitere politische oder theologische Bereiche (z.B. Wohnrecht, usw.), in denen Juden von offizieller Seite nach wie vor Benachteiligung erfuhren und als gesamte Gruppe diskriminiert wurden.

Dies setzte sich in der Öffentlichkeit fort. Dem Jiddischen wurde nirgendwo ein großer Stellenwert zuteil, seine Verwendung war unangesehen. Aufschlussreich ist die Einleitung von Gustav Wustmanns Buch „Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen. Ein Hilfsbuch für alle, die sich öffentlich der deutschen Sprache bedienen“. Darin gibt der Autor dem ‚Judendeutsch‘, also der öffentlich verwendeten oder unter deren Einfluss stehenden jiddischen Sprache, die Schuld daran, dass die deutsche Sprache seiner Ansicht nach verfallen würde. Er bezichtigt Juden, die bei der Zeitung arbeiten oder deren Sprache auf andere Art und Weise öffentlich rezipiert werden, dass sich dadurch der allgemeine Sprachgebrauch verschlechtern und das Hochdeutsche ‚verkommen‘ würde. Prekär daran ist, dass erst die jahrhundertelange Diskriminierung von Juden dazu führte, dass sie in manchen Berufsbranchen häufiger vertreten waren.

Im Zuge der Aufklärung und der französischen Revolution änderte sich die Stellung der Juden stückweise. Der Staat wurde mehr und mehr säkularisiert und es gab erstmals Gleichheits- und Gleichberechtigungsgedanken, von denen Juden nicht ausgeschlossen waren und die zumindest theoretisch auf juristischer Ebene galten (vgl. Römer 1995: 68 f.). Diesen Entwicklungen versuchten die Juden in Deutschland dahingehend entgegenzukommen, dass sie die erwartete und geforderte Hochdeutsche Sprache erlernten und verwendeten.

Im 19. Jahrhundert wurde außerdem der allgemeine Schulbesuch zur Pflicht für jedes Kind in Deutschland. Das führte dazu, dass auch alle jüdischen Kinder Hochdeutsch lernten und sprachen.

In diesem Kapitel ist deutlich geworden, dass Juden lange Zeit an Ausgrenzung und Schikane vom christlichen Teil der Bevölkerung leiden mussten. Sie hatten lange Zeit erfahren, dass es sich besser lebt, wenn man sich anpasst und auch auf sprachlicher Ebene unerkannt bleibt. Diese außerkulturellen Tendenzen befeuerten den Assimilationswillen großer Teile der jüdischen Bevölkerung, wie im folgenden Kapitel deutlich werden wird.

[...]


[1] Sie werden deshalb als nicht-assimiliert bezeichnet, weil sie innerhalb einer überwiegend christlich geprägten gesellschaftlichen Umgebung ihre jüdische Religion, Kultur und Tradition bewahrten und sich so deutlich von ihrer Umgebung unterschieden.

[2] „Als aschkenasische Juden oder Aschkenasim bezeichnet man diejenigen Juden, deren Kultur im mittelalterlichen Deutschland entstanden ist und sich von dort aus schließlich […] ‚über alle Kontinente‘ verbreitet hat.“ (Aptroot/Gruschka 2010: 11).

[3] Definition entspricht Bauschmid, Suse (2015): Folien des Seminars „Das Jiddische kontrastiv zum Deutschen.“

[4] Große Teile des Inhalts dieses Kapitels sind an Aptroot/Gruschka „3. West- und Ostjiddisch“ angelehnt.

Details

Seiten
13
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668608580
ISBN (Buch)
9783668608597
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v385842
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
1,3
Schlagworte
Untergang Aussterben Jiddisch Westjiddisch Juden Deutschland Europa Ostjiddisch Sprachsterben Haskala Aufklärung Aschkenasim loschn-kójdesch Hebräisch Aramäisch Deutsch Hebraismen Diskriminierung Antisemitismus Sprachwandel Komponentensprache Quellsprache Umgebungssprache Sprechergemeinschaft jüdisch

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Warum das Westjiddische sterben musste