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Sozioökonomische Erbebenrisiken als räumliche Hazards. Naturgefahr und Agglomeration der tektonischen Beeinflussung Kaliforniens durch die San Andreas-Verwerfung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 12 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Allgemeines, Grundlagen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die San Andreas-Verwerfung
2.1 Tektonische Hintergründe
2.2 Der Entwicklungsverlauf tektonischer Anomalien

3 Erdbebenfolgewirkungen & Risiken für den Großraum San Francisco
3.1 Die Erdbebenauswirkungen von 1906 und 1989
3.2 Das Leben mit Risiken - Eine Betrachtungsweise des Gefahrenpotentials

4 Schutzmaßnahmen und Risikoadaptation in San Francisco
4.1 Die Entwicklung von Katastrophenplänen und Vorbeugemaßnahmen
4.2 Die Sicherung von Brücken und Viadukten

5 Ausblick & Zukunftsperspektiven

6 Fazit

Literatur

1 Einleitung

„Das erste Erdbeben, welches wir empfinden, hinterlässt einen unaussprechlich tiefen und ganz eigentümlichen Eindruck. Was uns dabei so wundersam ergreift, ist besonders die Enttäuschung von dem eingeborenen Glauben an die Ruhe und Unbeweglichkeit des Starren, der festen Erdschichten.“ (Steinert 1980:7).

Die von Steinert beschriebene Situation stellt im US-Bundesstaat Kalifornien keine Seltenheit dar. Nach Klohn & Windhorst (1997:125) ist Kalifornien Teil der zirkumpazifischen Platte hoher seismischer Aktivität und damit durch vulkanische Erscheinungen und Erdbeben-auswirkungen beeinflusst. Die Epizentren schwerer Beben sind in diesem Gebiet an bestimmten Verwerfungslinien orientiert. Weiterführend ist laut Klohn & Windhorst (1997:125) die berühmte San Andreas-Verwerfung, als Zone der höchsten seismischen Aktivität, hervorzuheben. Nach den Forschungen von Frisch & Meschede (2011:136) wurden alleine im Jahr 1978 in Südkalifornien 7500 Erdbeben registriert. Dabei fällt besonders der Großraum San Francisco im Zusammenhang mit der San Andreas-Verwerfung in den Blickpunkt der Betrachtung, da sich in diesem Gebiet neben zahlreichen kleineren jährlichen Erdbeben nach Klohn & Windhorst (1997:12) die beiden stärksten dokumentierten Beben 1906 und 1989 mit den größten Schadenswirkungen auf eine Agglomeration in Kalifornien ereigneten. Die Beeinflussung der tektonischen San Andreas-Verwerfung auf die Stadt San Francisco ist übertragbar auf die Ebene der Hazardforschung. Die Begrifflichkeit „Hazard“ umfasst plötzlich- auftretende Ereignisse mit erheblichen Schadensausmaß für Menschen, Infrastruktur und soziales Gefüge in einer größeren Region (Dikau & Pohl 2007:1031). Das Ziel dieser Ausarbeitung ist es, einen Überblick über die Erdbebenursachen und- Auswirkungen der San Andreas-Verwerfung in Bezug auf San Francisco zu geben, sowie die Frage nach den Reaktionsmöglichkeiten, Schutzmaßnahmen und Schadensreduzierungen zu klären. Des Weiteren soll ein allgemeiner Zusammenhang zwischen Hazards und anthropogenen Lebensräumen verdeutlicht und die Frage nach der erfolgreichen Entgegnung solcher Naturgefahren aufgegriffen werden.

2 Die San Andreas-Verwerfung

Die sich 1100 km vom Golf von Kalifornien bis zum Cap Mendocino erstreckende Verwerfungslinie bildet seit ihrer Entstehung vor 25 – 30 Millionen Jahren die Basis für eine ständige Erdbebenbedrohung entlang ihres Verlaufes (Frisch & Meschede 2011:135). Die San Andreas-Verwerfung zieht sich über verschiedene Landschaftsbereiche hin und führt durch kleine Ortschaften und große Städte eines der dichtest besiedelten Gebiete der Vereinigten Staaten, darunter San Francisco, Los Angeles und San Diego, in der über 18 Millionen Menschen leben (Walker 1983:141). Der Verlauf der San Andreas-Verwerfung lässt sich durch die schwache Vegetation im Küstenbereich zum größten Teil an der Erdoberfläche nachvollziehen. Besonders eindrucksvoll erscheint das Bild einer entlang der Verwerfung um drei Meter versetzten Baumplantage im Imperial Valley (Walker 1983:144: Abb.1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1(Aufnahme: Clarence R. Allen o. J.)

Es stellt sich die Frage, welche tektonischen Kräfte an der San Andreas-Spalte wirken müssen, um solche Landschaftsbilder zu formen?

2.1 Tektonische Hintergründe

In der Plattentektonik unterscheidet man 3 Arten von Plattenbewegungen, die divergente- und die konvergente Plattenverschiebung, sowie Transformstörungen. Die San Andreas-Verwerfung stellt wohl die bekannteste einer solchen Transformstörung laut Strahler & Strahler (2009:485) dar. Transformbewegungen beruhen auf einer meist horizontalen Verschiebung zweier direkt nebeneinander liegender Litosphärenplatten an ihrer gemeinsamen Grenze.

Die Plattenbewegung erfolgt entlang eines vertikalen Bruchs, der sich durch die gesamte Litosphäre zieht (Strahler & Strahler 2009:453). Im Bereich der San Andreas-Spalte basiert die Blattverschiebung auf dem Vorhandensein einer aktiven Transformgrenze zwischen Nordamerikanischer- und Pazifischer Platte (Strahler & Strahler 2009:485). Daraus ergibt sich die Schlussfolgerung, dass die beiden Litosphärenplatten in diametraler Richtung aneinander vorbeilaufen. Aus Klohn & Windhorst (1997:127: Abb.4) geht hervor, dass sich die Pazifische Platte nach Norden- und die Nordamerikanische Platte nach Süden bewegt. Durch Frisch & Meschede (2011:135) wird Aufschluss über den jährlichen Verschiebungsumfang von 6 cm an der San Andreas-Verwerfung gegeben.

Weiterführend erfolgte insgesamt eine Verschiebung von 300 km an der San Andreas-Spalte. Harald Steinert gibt an dieser Stelle einen anderen Verschiebungsbetrag an: „ Dies […] hat die beiden Schollen der Erdkruste bis heute um rund 500 km gegeneinander verschoben.“ (Steinert 1980:28).

2.2 Der Entwicklungsverlauf tektonischer Anomalien

Aus den oben aufgeführten plattentektonischen Bedingungen und Prozessen ist eine von der Verwerfung ausgehende Erdbebengefahr naheliegend. Jedoch begründen die entgegengesetzten jährlichen Plattenbewegungen nicht alleine die Entstehung größerer Erdbeben.

An bestimmten Stellen verhaken sich die Litosphärenplatten ineinander, sodass eine fortführende Bewegung gehemmt wird und die dadurch erzeugte tektonische Spannung soweit ansteigt, bis die Bruchfestigkeitsgrenze des Gesteins überschritten ist (Steinert 1980:40). Dadurch kommt es zum Bruch des Gesteins, welcher von Steinert (1980:40) als Scherbruch bezeichnet wird und einen ruckartigen Verschiebungsstoß der Gesteinsschollen beinhaltet.

Die dabei aufgestaute Energie und Druckspannung entlädt sich in Form von folgenschwerer Erdbebenwellen in den umliegenden Regionen.

3 Erdbebenfolgewirkungen & Risiken für den Großraum San Francisco

In der Erdbebenhistorie San Franciscos ereigneten sich bedeutsame dokumentierte Beben in den Jahren 1796,1857,1906,1974 (Steinert 1980:28), sowie nachfolgend 1989 und 1994 (Klohn & Windhorst 1997:125), welche alle eine Stärke von über 6 auf der Richter-Skala erreichten. Die Erdbeben von 1906, mit einer Magnitude von 8,3 und das Loma Prieta Beben von 1989 mit 7,1, zählen laut Klohn & Windhorst (1997:129) zu den zwei stärksten Bebenereignissen in San Francisco.

3.1 Die Erdbebenauswirkungen von 1906 und 1989

Das größte Erdbeben von 1906, welches auch als : „ […] das hervorragendste Ereignis in der Geschichte San Franzisko’s und möglicherweise das bekannteste Erdbeben aller Zeiten.“ (Ritchie 1985:201) bezeichnet wird, umfasste eine Flächenauswirkung von 960.000 km² (Klohn & Windhorst 1997:129). Die stärksten Schäden traten allerdings in San Francisco auf, da das Epizentrum nur eine geringe Entfernung zum Stadtkern aufwies. Das verheerende Ausmaß dieses Erdbebens wird vor allem an einer Katastrophenkette festgemacht, da die Erdbebenerschütterungen zum Ausbruch von Großbränden führten, welche durch schwer- beschädigte Wasserleitungen und Hydranten unzureichend bekämpft werden konnten

(Walker 1983:63,67). Die direkten Erdbebenauswirkungen und die über drei Tage andauernden Folgebrände führten zur Zerstörung von 28.000 Häusern, wodurch nahezu 100.000 Einwohner obdachlos wurden. Außerdem resultierte aus dem Ereignis ein Sachschaden von insgesamt 1,6 Mrd. $, sowie ein Personenschaden von ungefähr 225.000 Verletzten und 700 Todesopfern, welcher sich in neueren Nachforschungen jedoch mit 3000 Todesopfern als deutlich höher herausstellt (Klohn & Windhorst 1997:129-130). Das Loma Prieta Beben von 1989 weist nach Klohn & Windhorst (1997:130-131) mit 64 Toten, 3.757 Verletzten und 7 Mrd. $ Sachschaden eine deutlich geringere personelle, jedoch eine wesentlich höhere finanzielle Schadensbilanz auf. Diese Ergebnisse können einerseits mit der größeren Entfernung des Epizentrums 1989 zur Stadt San Francisco- und andererseits mit der geringeren Stärke des Bebens begründet werden. Insgesamt kann man also von einem schwächeren Beben ausgehen, jedoch fällt der Anstieg der Sachschäden von 1906 zu 1989 in den Blickpunkt der Betrachtung.

Hierbei muss die zwischen den beiden Beben stattfindende bauliche Stadtentwicklung, Siedlungsvergrößerung sowie Bevölkerungszunahme und der Ausbau der Infrastruktur berücksichtigt werden. Besonders die beiden großen Brücken, die Golden Gate Bridge und die Oakland Bay Bridge, welche Hauptverkehrswege zum Erreichen und Verlassen der Stadt über die San Francisco Bay darstellen, schaffen 1989 neue Gefahrenquellen und Schadensobjekte.

So stürzte während des Bebens ein aus den Verankerungen gerissenes Segment der oberen Fahrbahnebene der Oakland Bay Bridge auf die untere Ebene. Dies führte zur Stilllegung des gesamten Verkehrs zwischen West- und Ostseite der San Francisco Bay für Monate (Klohn & Windhorst 1997:133). Dieses Beispiel verdeutlicht nach Klohn & Windhorst (1997:136) weiterführend die Bedeutungszunahme der Verkehrsinfrastruktur der Stadt von 1906 bis 1989 und die damit verbundenen Folgeproblemen angesichts der Beschädigungen durch Erdbeben. Somit führt diese Tatsache zu einer weiteren wichtigen Erkenntnis in der Entwicklung von Erdbebenauswirkungen auf die Stadt. Beck (1986:25) beschreibt, dass grundlegende Hauptproblem im Zusammenhang von Naturrisiko und Agglomeration, durch die gesellschaftliche Produktion von Reichtum und die mit ihr gleichzeitig einhergehende Produktion und Verstärkung von Risiken. Resultierend lässt sich somit konstatieren, dass eine äquivalente, oder geringere Erdbebenintensität ein höheres Risiko hinsichtlich des Schadensausmaßes für eine Agglomeration wie San Francisco mit zunehmender wirtschaftlicher-, gesellschaftlicher, infrastruktureller- und siedlungstechnischer Entwicklung darstellt. Denn auch nach Fuchs & Wenzel (2000:15) werden Naturgewalten erst im Zusammenhang mit den Menschen und den von ihnen geschaffenen anthropogenen Räumen zu Naturkatastrophen. Außerdem stellen sie verschiedene gefährdete Elemente einer von Erdbeben bedrohten Stadt heraus, welche sich beispielsweise in Schulen, Wohnhäusern, Krankenhäusern, Industriekomplexen und Kraftwerken widerspiegeln. Die auch in San Francisco vorherrschende kontinuierliche Entwicklung dieser Bereiche führt dazu, wie von Klohn & Windhorst (1997:143) zu entnehmen, das zukünftige Erdbebenauswirkungen eine deutlich höhere materielle Schadenssumme, aber vor allem eine höhere Anzahl an Toten und Verletzten fordern, welche die Erfahrungen von 1906 und 1989 bei Weitem übersteigen werden.

3.2 Das Leben mit Risiken - Eine Betrachtungsweise des Gefahrenpotentials

Einen offensichtlichen Kontrast zu den oben erläuterten Erdbebenauswirkungen in der Geschichte San Franciscos bildet der Umgang eines großen Bevölkerungsteils mit dem geografischen Phänomen der San Andreas-Verwerfung, sowie der mit ihr verbundenen Erdbebengefahr : „Trotz dieses Schreckenspotenzials betrachten viele Kalifornier, die in der Nähe der San Andreas Verwerfung wohnen, Erdbeben als annehmbares Risiko […] .“

(Walker 1983:141). Walker verstärkt seine Aussage sogar noch und beschreibt, dass die meisten Kalifornier die San Andreas-Verwerfung mit einer Art Faszination und Gleichmut betrachten. Dem fortwährenden Siedlungsbau und der Industrieansiedlung tut diese auch keinen Abbruch : „Jährlich entstehen etwa 50 neue Wohngebiete im Bereich des Störungssystems. Wichtige Industriebetriebe und Universitäten liegen in unmittelbarer Nähe der Verwerfung .“ (Walker 1983:141). Auch nach Ritchie (1985:202) bewerten die meisten Einwohner San Franciscos die erdbebenreiche Geschichte ihrer Stadt als nichts Ungewöhnliches und verweisen auch auf andere amerikanische Erdbebengebiete wie Boston. Diese Grundhaltung deckt sich mit konkreten Bevölkerungsbefragungen. So treten Aussagen wie: „Jede Gegend hat ihre Probleme“ (Walker 1993:141) und „Nein, ich habe keine Angst vor einem Erdbeben“ (Ritchie 1985:202) auf. Das diese Ansichten nicht auf die gesamte kalifornische Bevölkerung, sowie die Bewohner San Franciscos zutreffen, ist selbstverständlich. Darüber hinaus wurden diese Thesen vor dem zweitgrößten Erdbeben von 1989 aufgestellt.

Dennoch stellt sich hierbei die Frage, ob eine dementsprechend verbreitete Einstellung förderlich für eine angemessene Risikobetrachtung ist und die Grundlage für notwendige Schutzmaßnahmen und Erdbebenentgegnungen beeinträchtigt?

[...]

Details

Seiten
12
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668603172
ISBN (Buch)
9783668603189
Dateigröße
591 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v386158
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Geographie
Note
1,3
Schlagworte
San Andreas Graben Erdbeben Hazard Raumrisiken Kalifornien

Autor

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Titel: Sozioökonomische Erbebenrisiken als räumliche Hazards. Naturgefahr und Agglomeration der tektonischen Beeinflussung Kaliforniens durch die San Andreas-Verwerfung