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Varietäten des Deutschen in frühneuhochdeutscher Zeit. Standardvarietäten, Dialekte, Stadtsprachen, Fachsprachen, Sondersprachen

Akademische Arbeit 2016 17 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

Varietäten des Deutschen in frühneuhochdeutscher Zeit

1. Definition Varietät

2. Standardvarietäten
2.1 Phonologische Variationen
2.2 Lexikosemantische Variationen
2.3 Variationen im Genus

3. Dialekte
3.1 Oberdeutsch
3.2 Mitteldeutsch
3.3 Niederdeutsch

4. Stadtsprachen

5. Fachsprachen

6. Sondersprachen

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Die frühe Neuzeit (Frühneuhochdeutsch) wird etwa von 1350-1650 datiert. Sie schließt an das Mittelalter an und wird als Übergangszeit zur Neuzeit angesetzt. Wichtige Ereignisse, die zu dieser Zeit stattgefunden haben, sind zum Beispiel der Machtzuwachs der Städte und des Bürgertums, der Beginn der Reformation und des Humanismus, die Entdeckung Amerikas und für die deutsche Sprache am wichtigsten, die Erfindung des Buchdrucks. Durch die Reformation wurde die Allmacht und Einheit der mittelalterlichen Kirchen erschüttert und schließlich aufgehoben. Ein anderer wichtiger Aspekt war die Emanzipation des Bürgertums vom bisher allein herrschenden Adel und die Herausbildung souveräner europäischer Nationalstaaten. Es kam zur Zunahme an schriftsprachlichen Varietäten, zur Entstehung von Kanzleisprachen und der Einfluss des Ostmitteldeutschen wurde immer größer. Verschiedene Varietäten und Varianten der deutschen Sprache entstanden durch Mono- und Diphthongierung, Vokaldehnungen und -kürzungen und weiteren Abbau von Formen und ausgeprägter Wortbildung. Es kam zur Bildung neuer Konjunktionen, festerer Reglungen, Satzkonstruktionen und Wortstellungen. Der Wortschatz hat sich drastisch erweitert und es kam zur Entlehnung aus dem Lateinischen, Griechischen und Französischen.1

In der frühen Neuzeit kann man also sagen, sind viele Varietäten des Deutschen entstanden. Es gibt drei Standardvarietäten des Deutschen, die zwar überwiegend Gemeinsamkeiten besitzen, jedoch auch ein paar Unterschiede aufweisen. Diese Unterschiede liegen in der Graphemik, Phonemik, Morphologie und in der Lexik. Zudem sind Varietäten wie Dialekte, Stadt-, Fach- und Sondersprachen in der frühneuhochdeutschen Zeit vorhanden und haben sich enorm entwickelt. Sie sind durch regionale, kulturelle und soziale Gruppierungen entstanden. Im weiteren Verlauf werden diese Varietäten, ihre Entstehungen und Eigenschaften detaillierter erläutert. Zudem wird zu Beginn kurz der Begriff „Varietät" definiert. Anschließend werden noch mal die wichtigsten Merkmale zusammengefasst.

1. Definition Varietät

Varietät bezeichnet eine bestimmte Ausprägung einer Einzelsprache, die diese Einzelsprache ergänzt, erweitert oder modifiziert.2 Varietäten sind zum Beispiel Dialekte oder Soziolekte.3 Es lässt sich jedoch nur von einer Varietät sprechen, wenn die Gruppe eindeutige sprachliche Gemeinsamkeiten aufweist.

Die Variation hingegen beschäftigt sich mit verschiedenen Ebenen einer einzelnen natürlichen Sprache, wie der Lautung, Grammatik, Wortschatz und Text. Eine Variante ist demnach, ein einzelnes Sprachmerkmal, welches in einer sprachlichen Varietät Vorkommen kann.4

2. Standardvarietäten

Die deutsche Sprache hat einige konkurrierende, aber auch interagierende Nationalvarietäten mit verschiedenen Normen. Die Sprache in der Bundesrepublik Deutschland (BRD), Österreich und Schweiz sind die drei Standardvarietäten. Auffällig ist, dass die Unterschiede der Varietäten sehr gering sind und die Gemeinsamkeiten überwiegen. Wichtig ist, dass Standardvarietäten keine Dialekte sind, sondern staatliche Varianten der deutschen Standardsprache darstellen.5 Die Nationalvarietäten entstanden aus kleinen Bünden, die sich innerhalb der deutschen Sprache gebildet haben. Ende des 13. Jahrhunderts bildete sich ein Bund der Alt Eidgenossenschaft, welche Vorläufer der modernen Schweiz sind. Das heutige Österreich ist noch früher entsprungen. Im Jahr 996 ist es unter dem Namen „Ostarrichi" erstmal erwähnt, gehörte damals aber noch der Markgrafschaft zum Herzogtum Bayern an. Während die Deutsche Geschichte erst im 10./11. Jahrhundert begann.

2.1 Phonologische Variationen

Zwischen den drei Standardvarietäten gibt eine Zahl an phonologischen Variationen. Die Vokallänge nach /г/, /р/, /f/ oder /t/, wird zum Beispiel im deutschen Standarddeutsch lang und in den österreichischen und schweizerischen Nationalvarietäten kurz gesprochen. An den Wörtern Behörde, Geburt, Krebs, Nische, Notiz, Städte ist dies besonders gut zu erkennen. Ein weiterer Unterschied ist, dass schweizerisches Standarddeutsch, im Gegensatz zum deutschen und österreichischen Standarddeutsch, in brachte, Gedächtnis, Hochzeit, Rache, Rost zum Beispiel lange Vokale hat. Auch die Betonung der Silben weist Unterschiede auf. Bei Büffet, Filet oder Glace (Eis) fällt der primäre Nachdruck zum Beispiel auf die Anfangssilbe im schweizerischen Standarddeutsch. Dies ist durch den lexikalischen Transfer aus dem Französischen zu begründen. Bei Kaffee und Motor zum Beispiel fällt der Nachdruck im österreichischen Standarddeutsch auf letzte Silbe und im deutschen Standarddeutsch wird die erste Silbe der Wörter betont. Bei Adjektiven wie allerdings, ausführlich und unsterblich wird im deutschen Standarddeutsch die letzte Silbe betont, wogegen im österreichischen und schweizerischen Standarddeutsch die erste Silbe betont wird. Auslautkonsonanten werden aber zum Beispiel im schweizerischen Standarddeutsch manchmal stimmhaft gesprochen wie bei [bra:v] und im deutschen und österreichischen Standarddeutsch wird es dann [bra:f] gesprochen. /Ch/ wird in allen drei Standardvarietäten unterschiedlich verwendet. Im deutschen Standarddeutsch sprechen wir bei Chemie und China zum Beispiel das /Ch/ /Ç/ aus. Im österreichischen Standarddeutsch wird es [k] und im schweizerischen Standarddeutsch wird es häufig [x] gesprochen. Zudem sprechen die Schweizer im Standarddeutsch Wörter, die mit /gg/ geschrieben werden mit [k] aus, wie Aggressiv oder ausloggen. Der Kehlkopfverschlusslaut ist nur im deutschen Standarddeutsch vorhanden zum Beispiel bei Theater [tja:ta], Und nur im schweizerischen Standarddeutsch werden Doppelkonsonanten artikuliert, wie in [bella] Bälle oder [gassa] Gasse.6

2.2 Lexikosemantische Variationen

Auch auf lexikalischer Ebene weisen die drei Standardvarietäten Unterschiede auf. Vor allem in den kulturell geprägten Gebieten wie Essen, Heim und Institutionen sind verschiedene Formen zu finden. Im deutschen Standarddeutsch wird das Wort Abendessen benutzt im österreichischen Standarddeutsch sagt man Nachtmahl und im schweizerischen Standarddeutsch Nachtessen. Im deutschen und schweizerischen Standarddeutsch sagt man Tomate und im österreichischen Standarddeutsch wird Paradeiser gesagt. Die Österreicher und Deutschen im Standarddeutsch sagen Silvester, wohin gegen die Schweizer im Standarddeutsch Altjahr sagen. Zudem sagt man im deutschen und österreichischen Standarddeutsch Fahrrad und in der Schweiz Velo. 7

2.3 Variationen im Genus

In den Nationalvarietäten gibt es außerdem Substantive, die ein unterschiedliches Genus aufweisen. Im deutschen und schweizerischen Standarddeutsch ist es das Gehalt hingegen es im österreichischen Standarddeutsch der Gehalt ist. Im deutschen Standarddeutsch und in Österreich ist es die Bank, das Foto, der Koffer und in der Schweiz ist es der Bank, die Foto und die Koffer. 8

3. Dialekte

Dialekte kann man sagen, sind die eigentlichen „Muttersprachen" aller Deutschen. Zu beachten ist, dass sie älter sind als die Schrift- und Standardsprachen. Wenn man den Anfang der Geschichte betrachtet, kann man die weiten Distanzen und die geringe Mobilität zwischen den einzelnen Sprechergruppen erkennen. Erst durch eine „Verkehrsgemeinschaft" sind überregionale Einheitssprachen entstanden. Eine deutsche Einheits- oder Standardsprache stand also nie am Anfang. Jacob Grimm hat einmal gesagt „unsere Sprache ist auch unsere Geschichte", denn die Dialektgrenzen lassen sich auf die Grenzen der vielen kleinen und großen Territorialstaaten beziehen.9 In der Zeit des Frühneuhochdeutschen, gab es überwiegend Dorfdialekte, denn konservierte und wiederum reproduzierte Sprache in Radio, Fernsehen, auf Schallplatten oder Tonbändern sind wegzudenken. Hauptsächlich in engeren Lebenswelten konstituieren sich Sprachgemeinschaften in der mündlichen Kommunikation. Jeder Ortsdialekt hatte also eine Fülle von Lautvariationen hervorgebracht, die wenn überhaupt durch benachbarten Territorialen beeinflusst wurden.10

Ungefähr ab dem 11. Jahrhundert lässt sich Deutschland in vier große Dialektgruppen einteilen; in Oberdeutsch, welches im Süden gesprochen wird; in Mitteldeutsch, welches in West- und Ostmitteldeutsch aufgeteilt ist; und in Niederdeutsch, welches im Norden gesprochen wird. Im Oberdeutschen ist die zweite Lautverschiebung „im stärkeren Maß", im West- und Ostmitteldeutschen „weniger" und im Niederdeutschen „gar nicht" durchgeführt worden. Durch die zweite Lautverschiebung (p, t, к Kriterien) lassen sich die Unterschiede der Dialektgruppen gewinnen.11

3.1 Oberdeutsch

Im Oberdeutschen fand die Verschiebung von <p> im Anlaut und <pp> im Inlaut zu [pf] statt. Aus Perd wurde dann Pferd und aus Appel Apfel. Zudem lässt sich das Oberdeutsch noch in Nordoberdeutsch (Ostfränkisch, Südfränkisch), Ostoberdeutsch (Bairisch) und Westoberdeutsch (Alemannisch, einschließlich schwäbisch) einteilen.12 Außerdem hat sich die Graphemik und Phonemik zur frühneuhochdeutschen Zeit in den verschiedenen Regionen verändert. Im Ostoberdeutschen ist die nhd. Diphthongierung durchgeführt worden, aus min entstand mein, aus hus haus und aus hüte heute. Die nhd. Monophthongierung wurde hingegen nicht durchgeführt. Außerdem fand eine Senkung der mhd. Diphthonge statt. Heim wurde zum Beispiel zu heim gesenkt, houpt zu haupt und fröud zu freud. Die bairische Verdumpfung vor Nasal oder Liquid führte dazu, dass /а/ zu /о/ wurde. Im Bairischen sagte man dann nom und gorten, und im ostfränkischen hieß es name und garten. Ein weiterer markanter Unterschied ist auch, die Entwicklung der mhd. Medien. Aus dem initialen mhd. /Ь/ wurde /р/. Blat wurde zum Beispiel zu plat, brunn zu prunn und bürg zu purg. Der Media /d/ hat sich oft zu /t/ verändert. Dulden hieß dann tulden und drey trey. Auch die Morphologie hat sich im Osteroberdeutschen verändert. Es kam zur Kasusnivellierung und Numerusprofilierung. Es fand ein Ausgleich im Sg. der sw. fern. (n-St.) zu durchgehendem -en statt. So hieß es, im Nominativ Sg. der zungen, im Genitiv Sg. des zungen, im Dativ Sg. dem zungen und im Akkusativ Sg. den zungen. Zudem fand eine Apokope der -e Endung im Dat. Sg. der st. mask, und neutr. statt. Beispiele sind dem Tag oder dem Wort,13

Im Westoberdeutsch ist die nhd. Diphthongierung nur teilweise durchgeführt worden. Jedoch fand, im Gegensatz zum Ostoberdeutsch, im Westoberdeutsch die nhd. Monophthongierung weitgehend statt. Das heißt, sei hat sich zu sie verändert, bruoder zu bruder und brüeder zu brüder. Die Senkung der mhd. Diphthonge fand im Westoberdeutschen genauso statt, wie im Ostoberdeutschen. Ein Merkmal des Westoberdeutschen ist, die schwäbische und alemannische Rundung bzw. „Überrundung" seit dem 13. Jahrhundert. Aus dem mhd. /e,i/ wurde <ö,ü>, zum Beispiel bei hölle, schwören, zwölf, flüstern usw. Auffällig war jedoch auch eine hyperkorrekte Rundung wie zum Beispiel bei hör, bösser, lödig, schüff. Auch die mhd. Medien haben sich im Westoberdeutschen anders entwickelt. Das initiale /Ь/ blieb meistens /Ь/, wie bei blitz und das initiale /d/ wurde manchmal zum /t/ (tringen), aber blieb auch als /d/ erhalten, wie zum Beispiel bei drei. Die Morphologie weist im Westoberdeutschen keine Unterschiede zum Ostoberdeutschen auf. Hier kam es genau wie im Ostoberdeutschen zu einer Kasusnivellierung und einer Numerusprofilierung.14

[...]


1 P.v. Polenz(2000),S.22.

2 <https://de.wikipedia.org/wiki/Variet%C3%A4t (Linguistik)> (03.03.16).

3 T. Roelcke (2011), S.30.

4 T. Roelcke (2011), S.30.

5 M. Clyne (2000), S.2008.

6 M. Clyne (2000), S. 2011-2012.

7 M. Clyne (2000), S. 2012.

8 M. Clyne (2000), S. 2012-2013.

9 W. Besch (2009), S. 15-19.

10 W. Besch (2009), S. 15-19.

11 W. Besch (2009), S. 22-23.

12 W. Besch (2009), S. 22-23.

13 Dr. H. Schmidt (WS 15/16), S. 12.

14 Dr. H. Schmidt (WS 15/16), S. 13.

Details

Seiten
17
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668606210
ISBN (Buch)
9783668606227
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v386281
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
2,3
Schlagworte
varietäten deutschen zeit standardvarietäten dialekte stadtsprachen fachsprachen sondersprachen

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