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Verschlungene Pfade: Militärgeschichte auf Gibraltar - eine Spurensuche

von Jürgen Rindt (Autor) Sascha Bruss (Autor)

Wissenschaftliche Studie 2003 45 Seiten

Anglistik - Kultur und Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Grenzerfahrung Gibraltar – eine Erstbegegnung
2.1 Geologische Eckdaten
2.2 Lebensraum „The Rock“
2.3 „Gibraltarian first“ – Anmerkungen zum Kulturraum Gibraltar

3 Gibraltar – ein historischer Abriss
3.1 Ur- und Frühgeschichte
3.2 Moorish Occupation
3.3 „Spanish Occupation“
3.4 „British Occupation“
3.4.1 Die „Neutrale Zone“, oder: Was vom Grenzland übrig blieb
3.4.2 Gibraltar und die Weltkriege

4 Militärhistorische Monumente
4.1 Hafen
4.2 Moorish Castle
4.3 Stadtmauern
4.4 Parson’s Lodge
4.5 Trafalgar Battle und Trafalgar Cemetery
4.6 Kanonenstellungen und Batteries
4.6.1 allgemein
4.6.2 Die 100 Ton Gun
4.7 Tunnelsysteme
4.7.1 Great Siege Tunnels
4.7.2 World War II Tunnels
4.8 The Upper Rock
4.8.1 St Michael’s Cave
4.8.2 O’Hara und Lord Airey’s Battery
4.8.3 Military Heritage Centre
4.8.4 Exkurs: Last Ape Standing – der Kampf um die Affen
4.9 Flughafen

5 Schlussbemerkung

6 Anhang
6.1 Militärische Stützpunkte auf Gibraltar
6.2 Unser Tagesplan

7 Literaturverzeichnis und Abbildungsnachweis

1 Einleitung

Ein provokanter Stein: Der Fels von Gibraltar überragt in seiner abrupten Erscheinung weite Teile Südspaniens – dass er zudem nachtsüber auch noch hell bestrahlt wird, woraufhin das dünn besiedelte Andalusien schattig bis symbolkräftig „unterweltlich“ wirken muss, ist dann aber offenbar doch zuviel. Im Gegenzug, so scheint es jedenfalls, lässt Spanien, mit seiner Rolle des „Underdogs“ kokettierend, den Reisenden seinerseits erst einmal konsequent „im Dunkeln“: Der einzige Richtungsverweis auf die Kolonie erfolgt, in Sichtweite des Felsens, kurz vor der Grenze. An keiner Autobahnausfahrt, keinem Kreisverkehr und keiner Landstraße befindet sich ein Hinweis auf „The Rock“. Wer nicht weiß, dass der spanische Grenzort „La Linea“ heißt, fährt im ersten Anlauf wohl erst einmal an Gibraltar vorbei, nachdem die Autobahn gerade in Höhe der Kolonie hinter einer relativ aufragenden Küste verläuft, die keine Orientierung „auf Sicht“ ermöglicht. Damit begegnet der EU-Tourist, der ja eigentlich darauf vertraut, sich auch ohne eine Straßenkarte (zumindest überregional) zurechtzufinden, recht unvorbereitet erst einmal zwei ihm fremd gewordenen Größen – der Wiederkehr eines Grenzempfindens und dem Bewusstsein einer territorialen Wunde, die offenbar noch immer nicht geschlossen ist. Es ist mithin also gar nicht so einfach, auf Gibraltar anzukommen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

UNSICHTBARER RIESE: Gibraltar mit Blick auf die spanische Küste. Von der Autobahn aus sieht man den Felsen nicht – und das ist Spanien wohl auch recht so.

Der Fels selbst war und ist – allem voran – ein international bedeutendes militärisches Sperrgebiet. Dass der Besucher dies heute nicht mehr als vornehmlich wahrnimmt, ist zum großen Teil den politischen Entspannungsbemühungen Englands und Spaniens während der vergangenen drei Jahrzehnte sowie dem Ende des Kalten Krieges zu verdanken: Grenzzäune wurden abgebaut, die Militärpräsenz erheblich reduziert und der lange Zeit, Gibraltar betreffend, nur verhalten diplomatische Ton zwischen London und Madrid relativ entschärft.[1]

Gleichwohl natürlich begegnet auch der nicht auf militärgeschichtlicher „Mission“ befindliche Tourist nach wie vor schon auf ersten Blick allem voran einer Unzahl an Stadtwällen, Festungsresten, Kanonenstellungen, Verteidigungstunnel-Eingängen und musealen Würdigungen, die eindrucksvoll von der äußerst bewegten militärischen Vergangenheit der kleinen Kolonie künden. Bereits mit seinem Grenzübertritt befindet er sich auf einer Rollbahn der „British Air Force“, stößt nach der Überquerung der Startbahn auf ein Denkmal, das ihm Gibraltar samt einer Soldatenstatue als „Cradle of History“ benennt, passiert die „Devil’s Tower“-Kaserne, quert weiter durch ein schmales, einst mit Zugbrücke versehenes Stadttor die Festung „Casemate Battery“, erblickt auf dem Stadtplatz das erste Kanonendenkmal – und erhält schließlich im Tourist Office, das sich in der einstigen Offiziersmesse und den ehemaligen „Fortress Headquarters“ befindet[2], allem voran Tipps zur Besichtigung von maurischen Burgen, spanischen Grenzwällen und englischen Verteidigungstunneln. Kurz: Bereits nach wenigen Schritten wird offenbar, dass Gibraltars Herz ohne einen Rückgriff auf seine Militärgeschichte nur schwerlich fassbar wird.

Ziel unseres Exkursionsberichtes soll es sein, die wechselvolle Vergangenheit des Felsens unter besonderer Berücksichtigung einiger militärhistorischer und -architektonischer Meilensteine nachzuzeichnen. Dabei wollen wir, selbst Neuland-Besucher, auf einen einführenden landeskundlichen Überblick zur Erstorientierung natürlich nicht verzichten (Kapitel 2). Im Anschluss daran gilt es, die zentralen Weichenstellungen innerhalb der vielen „verschlungenen Pfade“ in der Geschichte Gibraltars im Rahmen eines Überblicks vorzustellen (Kapitel 3), um auf diesem Fundament schließlich die zur näheren Betrachtung ausgewählten militärhistorischen Monumente vorzustellen (Kapitel 4).

2 Grenzerfahrung Gibraltar – eine Erstbegegnung

2.1 Geologische Eckdaten

Der Felsen von Gibraltar ist das Produkt eines prähistorischen Massengrabes: Vor rund 200 Millionen Jahren formten sich über Jahrtausende hinweg seetierische Überreste zu Kalkstein, der im Laufe der Zeit über unzählige Plattenbewegungen zum Felsen aufgeworfen wurde. Vor ca. fünf Millionen Jahren entfernten sich dann der afrikanische und der europäische Kontinent voneinander, wobei zwischen Gibraltar und dem heutigen Ceuta eine rund drei Kilometer tiefe Senke entstand, über die der Atlantik das Mittelmeer „füllte“. In seiner heutigen Form besteht Gibraltar seit etwa zwei Millionen Jahren, wobei seit dem 18. Jahrhundert Landgewinnungsmaßnahmen die westliche Küstenlinie erheblich ausgeweitet haben. Der Fels selbst ist 4.5 Kilometer lang, 1.6 Kilometer breit und erhebt sich an seiner höchsten Stelle 426 Meter über den Nullpunkt; mit der Iberischen Halbinsel ist er über eine sandige, ca. 1.2 Kilometer breite Landenge („Isthmus“) verbunden.

2.2 Lebensraum „The Rock“

Gibraltar verfügt über eine reiche Fauna; die Möglichkeiten, das Land zu kultivieren, sind dagegen äußerst begrenzt. Entsprechend stellte die Landwirtschaft nie einen bedeutenden Industriezweig dar; heute leben die Gibraltarianer allem voran von Tourismus, Schiffsbau und finanzwirtschaftlichen Dienstleistungen („Steuerparadies“). Insgesamt zählt Gibraltar knapp 28000 Einwohner in seiner einzigen Stadt, „Gibraltar City“, im Norden und Westen am Fuße des Felsens sowie dem dörflichen „Catalan Bay“ im Osten. Der Fels selbst sowie der Süden sind kaum besiedelt. Mit rund 4200 Einwohnern pro Quadratkilometer weist „The Rock“ dennoch eine der weltweit höchsten Bevölkerungsdichten auf, was sich in dem von Hochhäusern zerklüfteten Stadtbild durchaus widerspiegelt. Die urbane Hauptschlagader bildet die „Main Street“, die – teilweise als Fußgängerzone – durch das gesamte Zentrum führt. Sie wird von Restaurants, unzähligen Souvenir- und Tabak-/Alkohol-Shops[3], der Verwaltung, Kulturzentren, Schulen, Moscheen, Kirchen und Synagogen gesäumt. Eine gibraltarianische Weisheit, wonach man sich in der „Main Street“ ohnehin so oft begegnet, dass man sich auch gleich mit „bye“ begrüßen kann, leuchtete uns schon nach kurzer Zeit ein – tatsächlich trifft man dort überraschend häufig auf bereits „bekannte Gesichter“.

2.3 „Gibraltarian first“ – Anmerkungen zum Kulturraum Gibraltar

Bei aller Nähe: Bezüglich seiner kulturellen Identität hat sich Gibraltar längst von Spanien distanziert – vergeben ist es aber auch für seine kolonialen Eigner: „Gibraltarian first“ lautet bei der multiethnischen Bevölkerung[4] und in den lokalen Medien die übergreifende Losung, und eine Umfrage in der gibraltarianischen Zeitung „Panorama“ vom 24. April 2003 führte einmal mehr zu dem Schluss: „To the question asking who does Gibraltar really belong to, 86% said the Gibraltarians”[5].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

FELSENFESTER „Nationalstolz“: Steinernes Wappen im Stadtpark.

Dem Besucher widerfährt auch bei längerem Aufenthalt ein zweigeteilter Eindruck von der Halbinsel; ein stabiles Bild zu dem Kulturraum wird ihm alles andere als leicht gemacht: Natürlich bestellt er auf Englisch, während sich die Schüler der gibraltarianischen „West Side School“ in ihrer recht britisch anmutenden Uniform ausschließlich auf Spanisch unterhalten; natürlich isst er „Fish and Chips“, muss sich dafür aber erst einmal durch eine Speisekarte wühlen, an deren vorderster Stelle Tortillas angeboten werden; natürlich fährt er rechts – und wundert sich, dass das auch alle anderen tun[6]. Natürlich reist er mit Euro an – und ist erstaunt, dass das Wechselgeld meist aus Pfund und Pence besteht. Und schließlich: Wenn man auf Gibraltar bekennend ist, so unser Eindruck, dann ist man kein Anglikaner – sondern Jude[7]. „Entre dos tierras“ – zwischen zwei Welten – so lässt sich der Kulturraum „Gibraltar“ vielleicht am besten umschreiben: Nach Jahrhunderte langer Belagerung unter wechselnder Führung haben sich Gibraltars Bewohner nicht nur in Flexibilität geübt, sondern sie zu einem prinzipalen Wert erkoren: Man macht mit, was unvermeidbar ist, adaptiert, was sich anbietet und bleibt bei all dem möglichst, wer man ist: Der seltene und stolze Staatsbürger einer außergewöhnlichen Insel – die natürlich keine ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3 Gibraltar – ein historischer Abriss

3.1 Ur- und Frühgeschichte

Im Zeitraum von 60000 bis 20000 v. Chr. wurde Gibraltar zur letzten Station der Neandertaler – und im Jahr 1848 zu ihrem ersten Fundort. Der „homo neanderthalensis“ könnte also eigentlich „Gibraltar Man“[8] heißen, hätte die örtliche „Scientific Society“ ihre Entdeckung nur lautstark genug verbreitet. So aber verbuchte der Fund im nordrhein-westfälischen Neandertal das weltweite Aufsehen für sich – acht Jahre später. Im frühen 20. Jahrhundert fanden Archäologen auf Gibraltar, meist im Zusammenhang mit Tunnelarbeiten, weitere Hinweise auf eine prähistorische Besiedelung des Felsens. Mit der Regentschaft der Phönizier, rund 700 v. Chr., wurde Gibraltar dann allerdings zu „Heiligem Boden“ und damit zum Sperrgebiet: Zu jener Zeit galten der Fels und sein Pendant auf marokkanischer Seite, der Felsen von Abyla, als „Heraklessäulen“, mit deren Errichtung Herkules die „Straße von Gibraltar“ begründet haben soll. Auch unter den nachfolgenden Karthagern und Römern – sie kannten „The Rock“ unter der Bezeichnung „Mons Calpe“ – blieb Gibraltar selbst zivilisatorisch unerschlossen. Römische Siedlungsreste konnten allerdings nahe der heutigen Stadt Algeciras auf der anderen Seite der Bucht ausgemacht werden. Bis ins siebte Jahrhundert schließlich gehörte Gibraltar zum „Reich von Toledo“ der Westgoten.

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VON ANFANG AN DABEI: Gibraltars selbstbewusster Willkommensgruß an der Rollbahn.

Für die modernen Gibraltarianer freilich beginnt die „eigentliche“ Geschichte ihres Felsens allerdings erst im April 711[9] mit der Landung maurischer Truppen auf dem Isthmus. Von da an bis heute lässt sie sich, einem Vorschlag E.F.E. Ryans folgend, in die Phasen „Moorish Occupation“, „Spanish Occupation“ und „British Occupation“ einteilen. Dieser Gliederung möchten wir uns gerne anschließen, da sie nicht zuletzt auch den außerordentlichen Stellenwert der Militärgeschichte auf Gibraltar widerspiegelt.

3.2 Moorish Occupation

Unter der Führung von Tariq-ibn-Zayad wurde „The Rock“ im Jahr 711 zum Ankerpunkt der maurischen Invasion Spaniens. Die gotische Armee konnte der 12000 Mann starken Truppe am Isthmus und dem nahen Algeciras nicht standhalten, und bereits nach wenigen Monaten war ein Großteil Spaniens in muslimischer Hand. Zugleich erhielt der Felsen seinen neuen Namen, „Gibel Tariq“ („Tariqsberg“), aus dem über Lautverschiebungen später „Gibraltar“ wurde[10].

Zunächst blieb der Felsen unbewohnt. Im Jahr 1160 gründete der marokkanische Sultan Abd-al-Munim dann die spätere Stadt von Gibraltar und errichtete eine Burg („Moorish Castle“). Am Westhang mit Blick über die Meerenge gelegen, diente sie den Mauren als hervorragende Observations- und Kommunikationsstation.

Die Siedlung geriet rund eineinhalb Jahrhunderte später, im Jahr 1309, erstmals ins Visier spanischer Kreuzzügler – womit Gibraltar auch die erste seiner bis heute 14 Belagerungen erfuhr; nach einem Monat mussten die Mauren kapitulieren. Der spanische König Ferdinand IV. bevölkerte den Felsen daraufhin, in Ermangelung freiwilliger Siedler und Militärs, mit Strafgefangenen, die als Gegenleistung für ihre Bereitschaft, Gibraltar zu verteidigen, begnadigt wurden. Und tatsächlich trat der erste Verteidigungsfall bereits sechs Jahre später mit dem „second siege“ durch die Mauren ein; der Angriff schlug erst einmal fehl, doch im Jahr 1333 geriet der Felsen nach erneuter Belagerung wieder unter arabische Herrschaft. In der Folgezeit kam es zu weiteren „sieges“, diesmal nicht nur durch die Spanier, sondern auch durch rivalisierende maurische Herrscher. Am 20. August 1462 schließlich fand die maurische Ära mit der achten Belagerung endgültig ihr Ende – und ging nahtlos in eine knapp 250 Jahre währende „Spanish Occupation“ über.

Abb. 1: Gibraltars stürmische Jahrhunderte – Übersicht über die „Sieges“.

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3.3 „Spanish Occupation“

Seine neuen Besatzer bescherten Gibraltar bald auch neue Spannungen. Der Fels fiel erst einmal an den Hof des kastilischen Königs Heinrich IV. und traf den Regenten zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt: Spanien befand sich gerade inmitten seines blutigen Vereinigungsprozesses; neben Aragonien war allem voran Heinrichs eigenes Königreich innenpolitisch zerrüttet und durch einen Bürgerkrieg geschwächt. Diese Situation nutzte vor Ort der Herzog von Medina Sidonia, der bereits im Jahr 1462 Kastilien den Felsen erst nach einem Mächte-Tauziehen freigegeben hatte, zu einem Vorstoß aus, der im Jahr 1465 in die „Neunte Belagerung“ mündete. Nach 15 Monaten ging er siegreich aus dem Duell hervor. Im Jahr 1479 bekräftigten König Ferdinand II und Königin Isabella I, mit deren Trauung Spanien schließlich zu einem Reich vereint worden war, dann seinen Anspruch auf Gibraltar, wobei dieses Versprechen nur zum Tod des Herzogs gültig bleiben sollte. Danach reklamierte Isabella den Felsen wieder für das Königreich und überschrieb ihn ihrem Sohn. Ihr Todesjahr, 1504, nutzte der nunmehr dritte Herzog von Medina Sidonia für die Zehnte Belagerung, musste allerdings nach einigen Monaten nicht nur kapitulieren, sondern auch – erstmals in der Geschichte Gibraltars[11] – Reparationszahlungen leisten. Für ihren ungebrochenen Widerstand zeichnete Spanien die Gibraltarianer mit dem Titel „most loyal“ und einem Wappen aus, das bis heute die Flagge der Kolonie dominiert, und damit einmal mehr die zentrale Bedeutung der Militärgeschichte auf Gibraltar unterstreicht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Ausgezeichneter Widerstand: Gibraltars Flagge mit Ehrenwappen. Der Schlüssel symbolisiert den Felsen als „Key to the Mediterranean“. In der John Mackintosh Hall steht heute auch eine riesige Flagge aus „Lego“-Steinen – zum Unmut der Gibraltarianer hängt dort der Schlüssel allerdings falsch herum.

Im Jahr 1540 schließlich erregte ein Piratenfeldzug des türkischen Herrschers Cheireddin („Barbarossa“) Aufsehen: Seine Männer überraschten die Stadt mit einer Landung am nicht einsehbaren Europa Point im Süden des Felsens und machten rund 1000 Gefangene, die die spanische Flotte allerdings wieder befreien konnte. Kaiser Karl V. ließ nach dem Vorfall südlich der Stadt vom Hafen bis zum Gipfel den „Great Wall“ errichten, den sein Sohn Philipp II. noch verstärkte. Die Mauer musste sich jedoch nie wirklich beweisen: Gibraltar blieb bis zur „British Occupation“ von größeren Angriffen verschont, und die britische Flotte landete auf dem Isthmus – im Norden.

3.4 „British Occupation“

Die Übernahme Gibraltars durch Großbritannien wurzelt in Spanien selbst: Im Jahr 1700 starb Karl II, ohne seine Thronfolge gesichert zu haben, woraufhin zwischen den Bourbonen (samt ihrer Alliierten Frankreich und Spanien) und den Habsburgern (mit Österreich, England, Holland und dem Heiligen Römischen Reich) der „Spanische Erbfolgekrieg“ um den vakanten Stuhl entbrannte; in dessen Verlauf wuchs in England und Holland die Furcht, der Streitgegner Frankreich könne mit der Einnahme Gibraltars einen wichtigen Ankerpunkt gewinnen, um seine ohnehin mächtigen atlantischen und Mittelmeer-Flotten zu überragender Schlagkraft zu vereinen. Im Juli bzw. August 1704[12] schließlich landete der englische Admiral Sir George Rooke mit einer 1800-Mann starken britisch-holländischen Flotte auf dem Isthmus und nahm ein offenbar gänzlich überraschtes Gibraltar unter Beschuss („Elfte Belagerung“): Bereits nach drei Tagen war der Felsen in britischer Hand. Ein Großteil der damals 6000 spanischen Zivileinwohner floh; zurück blieben, neben einem urkundlich erwähnten Priester, vornehmlich genuesische und jüdische Einwanderer, die zu den Begründern von „today’s Gibraltarians and their identity“[13] wurden.

Noch im selben Jahr schlug Frankreich zurück und überzog Gibraltar mit einer rund 17.000 Mann starken Truppe, musste diese „Zwölfte Belagerung“ allerdings nach zwei Beinahe-Erfolgen sowie 10.000 Verwundeten und Gefallenen wieder abbrechen. Einen nur kurzzeitigen Waffenstillstand erwirkte im Jahr 1712 der Frieden von Utrecht, in dem Gibraltar vertraglich erstmals zu britischem Hoheitsgebiet wurde: Bereits im Jahr 1725[14] griff Spanien, nach fehlgeschlagenen diplomatischen Verhandlungen mit Großbritannien über einen möglichen Tausch Gibraltars gegen Florida, einmal mehr nach dem Felsen. Trotz zweijähriger Besetzung zeitigte dieser 13. „Siege“ jedoch keinen Erfolg.

Einen letzten Versuch, Gibraltar zurückzugewinnen, unternahm Spanien schließlich mit dem „Great Siege“ während der Jahre 1779 und 1783, als Großbritanniens militärische Kapazitäten gänzlich im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gebunden schienen - doch hatte man bei diesen allzu guten Vorzeichen offenbar zweierlei gefährlich unterschätzt: Zum einen den zwischenzeitlich erfolgten weiteren Ausbau Gibraltars zur Festung mit diversen Ummauerungen (u.a. „The Line Wall“) und Kanonenstellungen wie etwa „Parson’s Lodge“, und zum anderen den mittlerweile erheblichen Grad des gibraltarianischen Zugehörigkeitsempfindens zu Großbritannien: Drei Jahre, sieben Monate, zwölf Tage und 200.000 Einschusslöcher später war der Felsen immer noch britisch – und das, obwohl Gibraltar dem spanisch-französischen Heer, das zeitweise über 60.000 Soldaten und 80 Kriegsschiffe verfügte, mit einer kaum 7.000 Mann umfassenden Garnison und sechs Schiffen gegenüberstand[15].

[...]


[1] Eine Ausnahme bildet hier sicherlich Spaniens Weigerung, Gibraltar als Mitglied der EU-Luftfahrtbehörde „Joint Aviation Association“ zu akzeptieren (Information von Mark Cooper). Gibraltar hat damit keinerlei Einfluss auf die technischen und Sicherheitsvorgaben der EU an die Flugzeughersteller, deren Produkte EU-Raum überfliegen – und dies bei einem Flughafen, der stadtnäher kaum sein könnte.

[2] vgl. auch die Tafelaufschrift vor dem Gebäude: „Until recently used as fortress headquarters, Line Wall House was once an officers’ mess. It was rebuilt from ruins after the Great Siege and again after a fire in 1833. Prince George of Cambridge lived here in 1838 and later the General officer commanding royal artillery”.

[3] Tabakprodukte und alkoholische Erzeugnisse unterliegen in Gibraltar keiner Steuerpflicht.

[4] Neben Briten auch Spanier, Italiener, Malteser und Portugiesen. Vgl. Central Intelligence Agency (Hg.)(2003), “The World Factbook”, Online-Recherche: http://www.cia.gov/cia/publications/factbook/geos/gi.html (Zugriff am 05.08.03)

[5] o.N., „Gibraltar belongs to the Gibraltarians“, in: o.N: Panorama daily, Gibraltar 24.04.2003. S.2

[6] Vor dem Hintergrund der vielen Grenzpendler und des daraus resultierenden Verkehrschaos’ stellte Gibraltar im Jahr 1925 sein Verkehrsnetz auf den Rechtsverkehr um (vgl. Ramsey, Winston G. (Hg.)(1978), „After the Battle – Number 21 – Gibraltar“, London. S.2)

[7] Tatsächlich ist die jüdische Gemeinde sehr präsent, bildet statistisch gesehen mit 2,3 % aller Gläubigen aber nur eine kleine Gruppe. Die meisten Gibraltarianer sind römisch-katholisch (77 %), gefolgt von Anglikanern, Moslems u.a. (je 7 %). (Vgl. CIA, Zugriff am 05.08.03)

[8] Terminus aus Ryan, E.F.E. (Hg.)(1999), Something about Gibraltar, Gibraltar: Charles G Trico Ltd., S.18.

[9] Über das genaue Datum herrscht offenbar keine einheitliche Meinung: Unsere Quellen nennen Daten zwischen dem 27. und 30. April.

[10] vgl. Ryan, E.F.E., S.6 und Ramsey, Winston G., S.1

[11] Zumindest in unseren Quellen gibt es keine Hinweise auf bereits frühere entrichtete Zahlungen dieser Art. Dies erscheint auch deshalb plausibel, weil selbst noch das „klassische Völkerrecht“ von 1648 keine Reparationen kannte. Vgl. Brockhaus AG, F.A. (Hg.)(2002), „Der Brockhaus in Text und Bild Edition 2002 – PC-Bibliothek 3.0“, Mannheim: Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG. Stichwort „Reparationen“.

[12] In Großbritannien gilt der 21. Juli als Angriffsdatum, in Spanien der 4. August.

[13] Mitschrift aus dem Dokumentationsfilm „The Gibraltar Story“, der den Besuch des Gibraltar Museum einleitet.

[14] Die Quellendaten differieren zwischen 1725 und 1727.

[15] Ryan, E.F.E, S.10.

Details

Seiten
45
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638376488
Dateigröße
2.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v38648
Institution / Hochschule
Universität Passau
Note
scheinrelevante Exkursion
Schlagworte
Verschlungene Pfade Militärgeschichte Gibraltar Spurensuche Exkursion

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Titel: Verschlungene Pfade: Militärgeschichte auf Gibraltar - eine Spurensuche