Lade Inhalt...

Was ist Absicht? Ein Blick über den Zaun zu G.M.E. Anscombe

Essay 2017 14 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

1. ,Absicht‘ in der Philosophie; G.M.E. Anscombes Verdienst; eigener, sprachgrammatischer Ansatz

2. Absichten für die Zukunft
2.1 Syntax
2.2 Semantik

3. Absichtliches Handeln
3.1 Syntax
3.2 Die verflixte „Warum-Frage“
3.3 Mein ,Hör auf!‘-Vorschlag

4. Absicht beim Handeln – Spezifizierung des ,Hör auf!-Befehls‘

5. Ergebnis – Was ist Absicht?
5.1 Absichtliches Handeln
5.2 Äußerungen über Absicht
5.3 Absicht durch Unterlassen?

Literaturverzeichnis

1. ,Absicht‘ in der Philosophie; G.M.E. Anscombes Verdienst; eigener, sprachgrammatischer Ansatz

Der Begriff ,Absicht‘ spielt seit der Antike eine bedeutende Rolle in der Tugendphilosophie. Aristoteles verwendet dafür in der Nikomachischen Ethik die Wörter „Ziel“[1] beziehungsweise „willentlich“[2]. Thomas von Aquin widmet dem Thema „Absicht“ besondere fünf Artikel[3] und versteht „Absicht“ als eine „Bewegung des Willens“[4].

Es ist das Verdienst von Gertrude Elizabeth Margaret Anscombe, den Begriff ,Absicht‘ erstmals vor allem mit sprachphilosophischen Überlegungen detailliert untersucht zu haben[5]. Um diese Untersuchung geht es in der vorliegenden Arbeit. Allerdings werde ich keine klassische, kritische Rezension zu Anscombes Werk verfassen. Vielmehr will ich mich dem Begriff ,Absicht‘ auf eigene, sprachphilosophische Weise nähern und dabei immer wieder den Blick über den Zaun zu Anscombes Thesen und Argumente werfen.

Gerne festhalten will ich an ihrer Unterscheidung zwischen

- Absichten für die Zukunft[6] („intentions for the future“)[7]
- Absichtliches Handeln6 („intentional action“)7
- Absicht beim Handeln6 („intention in acting“)7

Im Gegensatz zu ihr werde ich andere – womöglich weniger schwierige (?) - Erklärungen dieser verschiedenen Aspekte von Absicht vorschlagen. Dabei beabsichtige ich, noch mehr als Anscombe sprachgrammatisch vorzugehen. Dabei wird es vorkommen, dass ich im Laufe der Argumentationen Sprachbeispiele verwende, die nicht einem deutschen, wohlgeformten Satz genügen. Ich kennzeichne sie mit ,*)‘. Beispielsätze, die zwar wohlgeformt sind, die ein Muttersprachler des Deutschen aber gleichwohl nicht verwenden würde, versehe ich mit ,?)‘.

Im Ergebnis wird sich meine Methode, mit syntaktischen und semantischen Argumenten zu arbeiten, als äußerst hilfreich zur Erhellung des tugendethischen Schlüsselbegriffs ,Absicht‘ erweisen.

2. Absichten für die Zukunft

2.1 Syntax

Das Verb ,beabsichtigen‘ und seine nominalisierte Form ,Absicht haben‘ verlangen eine bestimmte Syntax. Anhand der folgenden Beispielssätze untersuche ich die notwendigen Attribute der Satzglieder, damit aus ihnen ein wohlgeformter Satz gebildet werden kann.

(1) Ich beabsichtige einen Banküberfall.
(2) Ich habe die Absicht, eine Bank zu überfallen.
(3) Ich beabsichtige, eine Bank zu überfallen.
(4) ?) Ich beabsichtige, dass ich eine Bank überfallen werde.

Dabei liegt diesen Sätzen eine gemeinsame „Tiefenstruktur“[8] zugrunde, sodass es genügt, diese zu analysieren. Sie kommt am besten in (4) zum Ausdruck, sodass mit seiner Analyse auch (1), (2) und (3) analysiert sind.

- Subjekt des Hauptsatzes

Das Subjekt des Hauptsatzes muss entweder ein Mensch oder ein,höheres‘ Tier sein. ,Niedere‘ Tiere, Pflanzen und Sachen als Subjekte liefern nicht wohlgeformte Sätze:

(5) *) Eine Qualle beabsichtigt, dass…

(6) *) Das Buch beabsichtigt, dass…

Substitute für Personen sind dagegen geeignete Subjekte:

(7) Der Vatikan beabsichtigt, dass...

Aus diesen syntaktischen Beispielen lässt sich schließen, dass das Verb ,beabsichtigen‘ ein handlungsfähiges Subjekt, mithin ein taugliches Agens verlangt.

- Das Verb ,beabsichtigen‘ des Hauptsatzes

Es verlangt notwendig ein direktes Objekt - sei es ein Akkusativobjekt (1) oder eine Objektphrase (2,3,4). Ohne ein solches Objekt ergibt sich ein grammatisch falscher Satz, weil unvollständig:

(8) *) Ich beabsichtige.

- Das Akkusativobjekt beziehungsweise die Objektphrase

In der Tiefenstruktur bedeuten ,einen Banküberfall‘ in (1) dasselbe wie die Objektphrasen ,eine Bank zu überfallen‘ in (2,3) und ,dass ich eine Bank überfallen werde‘ in (4). Daraus folgt, dass auch in (1), (2) und (3) das Subjekt im Nebensatz von (4) mitverstanden wird. Deshalb gilt verallgemeinert:

(9) X beabsichtigt, dass X handeln wird.

Keinen wohlgeformten Satz ergibt jede Konstruktion, in der die Subjekte des Hauptsatzes und der Objektphrase nicht identisch sind:

(10) *) Ich beabsichtige, dass der Professor mich lobt.

Deshalb hat Anscombe Unrecht, wenn sie in ihrem Beispielsatz

„Die Schwester fährt Sie nun in den Operationssaal“[9]

fälschlicherweise meint, der Arzt drücke hiermit unter anderem eine Absicht darüber aus, was geschehen werde. Denn ,beabsichtigen‘ kann man nur eigene Handlungen - nicht fremde. Dadurch unterscheidet sich nämlich ,beabsichtigen‘ von ,wünschen‘. Die Syntax von ,wünschen‘ lautet:

(11) X wünscht, dass Y handelt. (wobei X ≠ Y)

Nicht wohlgeformt sind deshalb Sätze wie

(12) *) Ich wünsche, dass ich eine Bank überfalle.

Das leuchtet zunächst nicht unmittelbar ein, weil folgende Sätze selbstverständlich als wohlgeformt gelten:

(13) Ich wünsche eine gute Note.

(14) Ich wünsche, dass ich die Prüfung bestehe.

(15) Ich wünsche ein schmackhaftes Menü.

Bei genauerem Hinsehen fällt allerdings der Unterschied dieser letztgenannten Beispiele im Vergleich zu (12) auf: Ihre Objektphrasen drücken keine tatsächlichen Handlungen von mir aus. Es gibt entweder gar keinen Agenten (13) oder er ist jeweils ein anderer als ich selbst (14, 15): So wünsche ich in (13), dass der Dozent mir eine gute Note gibt – er handelt[10] nicht ich. Selbst in (14) geht es nicht um mein eigenes aktives Tun, das ich mir wünsche; denn ,bestehen‘ drückt überhaupt kein Handeln aus, sondern bedeutet die Veränderung des Zustands der Ungewissheit über den Erfolg einer Prüfung hin zur Gewissheit über diesen Erfolg. Auch in (15) wünsche ich kein eigenes Tun sondern allenfalls das des Kochs. Meine Rolle in dieser Objektphrase ist nicht die eines Agenten sondern die eines Profiteurs vom guten Menü.

Es bleibt also bei der Syntax von ,beabsichtigen‘ laut (9) und von ,wünschen‘ laut (11).

- Consecutio temporum

Anscombe stellt fest,

„…dass jene Geisteszustände, die Absichten sind, immer mit der Zukunft zu tun haben…“[11]

Syntaktisch lässt sich das genauer fassen: Die Objektphrase muss wie in (4) auf jeden Fall in der Tiefenstruktur im Tempus des Futurs stehen. Deshalb sind Objektphrasen mit präsentischer oder gar imperfektischer Verbform nicht wohlgeformt:

(16) *) Ich beabsichtige, dass ich jetzt gerade eine Bank überfalle.

(17) *) Ich beabsichtige, dass ich gestern eine Bank überfiel.

Mit diesen rein syntaktischen Mitteln lässt sich freilich die Unterscheidung zwischen reinen Vorhersagen und Absichten, die Anscombe zutreffend als sehr schwierig identifiziert hat, nicht in den Griff bekommen. Dazu muss man semantische Überlegungen anstellen.

2.2 Semantik

Den semantischen Inhalt von ,Absichten‘ werde ich nicht – wie in der Sprachwissenschaft üblich – nur durch Paraphrasen mit anderen bedeutungsgleichen oder doch zumindest bedeutungsähnlichen Wörtern zu erfassen versuchen. Bei dieser Methode läuft man nämlich Gefahr, das Definiendum durch andere ebenso wenig bekannte Wörter zu umschreiben. Das könnte zu einem infiniten Regress führen, ohne dass man irgendwann dem Definiendum wirklich auf den Grund kommt. Stattdessen werde ich mit Hilfe von Grafiken die sprachliche Bedeutungsfindung von ,Absicht‘ bildlich unterstützen.

,Absicht‘ ist ein Geisteszustand, der einen kognitiven und einen voluntativen Aspekt hat:

- Kognitiver Aspekt

Vorstellung jetzt à Zeit à Handlung morgen

- Voluntativer Aspekt

Antrieb, Wille, Drang, Verlangen

Neben diesen bildlichen Darstellungen kommt man der eigentlichen Bedeutung von ,Absicht‘ näher, wenn man sie von anderen ähnlichen Begriffen abgrenzt.

- Absicht versus Motiv

Anscombe beschäftigt sich sehr ausführlich mit der Unterscheidung von Absicht und Motiv[12]. Ihre Untersuchungen sind freilich so detailliert, dass es schwierig ist, den Überblick über die Argumentation zu behalten. Ich denke, leichter verständlich sind formalsprachliche Überlegungen und eine bildliche Darstellung.

Sprachlich verwendet das Deutsche bei Motiven eine andere Präposition als bei ,Absichten‘. Zur Erläuterung benütze ich Anscombes Beispiele „Rache“, „Dankbarkeit“, „Liebe“ und „Neugier“[13], die alle – soweit als Motiv gebraucht - die Präposition ,aus‘ verlangen:

(18) Aus Rache (Dankbarkeit, Liebe, Neugier) tue ich das und das[14].

,Aus‘ ist in diesem Zusammenhang eine kausale Präposition[15], die in Verbindung mit ,Absicht‘ keinen wohlgeformten Satz ergibt:

(19) *) Aus Absicht tue ich das und das.[16]

Deshalb können Motive, nicht aber Absichten, mit einer kausalen (= ursächlichen) Präposition verwendet werden. Motive haben trotz dieses Unterschieds zu Absichten jedoch mit diesen gemein, dass sie sich ebenfalls auf Zukünftiges beziehen. Dieses ,Zukünftige‘ erschöpft sich genau betrachtet, allerdings nicht in einer Handlung, sondern zielt auf die Veränderung eines zukünftigen Zustands hin[17]:

Das Motiv Geldgier etwa bezieht sich nicht in erster Linie auf einen Banküberfall, sondern auf dessen Ergebnis – nämlich die Metamorphose vom armen Schlucker zum reichen Bonzen.

Anscombe ist bei ihrem Beispiel mit dem ermordeten Bruder nicht genau genug, wenn sie über die Rache behauptet:

„…es ist eher so, dass Rache darin besteht, dass ich ihn umbringe.“ [18]

Vielmehr verlangt die Rache für den ermordeten Bruder nämlich gerade nicht die Tathandlung des ,Umbringens‘ sondern deren Ergebnis. Der Rache wäre auch schon dann Genüge getan, wenn der Mörder des Bruders durch einen Autounfall ums Leben käme.

Und umgekehrt bleibt das Motiv zur Tötung des Mörders erhalten, wenn die Handlung des gezielten Schießens zwar stattgefunden hat, der Schuss den Mörder aber verfehlte. Der Rächer hat dann zwar gehandelt, doch sein Motiv besteht nach wie vor. Das liegt daran, dass Motive als Ziel einen Zustand (Zweck) anstreben und sich nicht mit bloßem Handeln zufrieden geben. Das ist der feine Unterschied zur Absicht; letztere erstrebt schon aufgrund ihrer Syntax immer unmittelbar ein Handeln oder Tun.

[...]


[1] Aristoteles: Nikomachische Ethik Buch I, 1; 1094 a / 9 Buch III, 2; 1110 b / 95.

[2] Aristoteles: Nikomachische Ethik Buch III, 2; 1110 b / 95.

[3] Thomas von Aquin: Summe der Theologie. Herausgegeben von Ceslaus Maria Schneider. Regensburg 1886-1892. Erster Teil des Zweiten Hauptteils, Kapitel 12, Artikel 1 bis 5.

[4] Thomas von Aquin: ibidem. Artikel 1, b).

[5] Siehe Anscombe, Gertrude Elizabeth Margaret: Intention. Cambridge, Massachusetts;
London, England 2000.

[6] Hier und im Folgenden: eigene Übersetzung aus dem englischen Original.

[7] Anscombe: ibidem. Seite iii (§1 des Inhaltsverzeichnisses).

[8] In Anlehnung an Chomsky, Noam: Studies on Semantics in Generative Grammar. The Hague, Paris, New York 1980. Seiten 62 ff.

[9] Anscombe: ibidem. Seite 3.

[10] Insofern ist Anscombes Beispiel „Ich werde durch diese Prüfung fallen.“ (ibidem. Seite 2) schlecht gewählt. Diese Prophezeihung unterscheidet sich nämlich schon dadurch von einer Absicht, dass sie keine Handlung von mir vorhersagt.

[11] Anscombe: ibidem. Seite 2.

[12] Anscombe: ibidem. Seiten 18 ff.

[13] Anscombe: ibidem. Seite 20.

[14] Bei Kant findet sich die Formulierung: „…nicht aus Neigung, sondern aus Pflicht, und da hat sein Verhalten allererst den eigentlichen moralischen Wert.“ (Hervorhebungen durch mich) in Kant, Immanuel: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Herausgegeben von J. H. von Kirchmann. Berlin 1870. Seite 17.

[15] Hauschild, Alke: PONS Praxis-Grammatik|Deutsch als Fremdsprache. Stuttgart 2017. Seite 159.

[16] Dieser Satz ist umgangssprachlich akzeptabel, bedeutet dann aber , ich tue etwas absichtlich‘.

[17] Ähnlich – jedoch nicht so eindeutig – Anscombe: ibidem. Seiten 18 und 19.

[18] Anscombe: ibidem. Seite 20.

Details

Seiten
14
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668632561
ISBN (Buch)
9783668632578
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v386684
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg – Philosophy
Note
1,3
Schlagworte
Gertrude Elizabeth Margaret Anscombe Intention Absicht absichtlich unwillkürlich Motiv Wunsch Prophezeiung Aussagen über Zukunft Tugendtheorie Handlungstheorie Warum Warum-Frage Wozu Syntax Semantik Pragmatik Sprachphilosophie analytische Philosophie

Autor

Zurück

Titel: Was ist Absicht? Ein Blick über den Zaun zu G.M.E. Anscombe