Lade Inhalt...

Themenzentrierte Interaktion. Eine Bildungstheorie im Sinne der kategorialen Bildung von Wolfgang Klafki?

Hausarbeit 2017 17 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Fragestellung und Forschungslage

2. Die „Themenzentrierte Interaktion“ (TZI)
2.1 Überblick über das System der TZI
2.2 Das Vierfaktorensystem der TZI

3. Wolfgang Klafkis Konzept der kategorialen Bildung

4. Die „Themenzentrierte Interaktion“ - eine Bildungstheorie im Sinne Klafkis?
4.1 Pädagogische Grundlagen der „Themenzentrierten Interaktion“
4.2 Allgemeine Merkmale der „Themenzentrierten Interaktion“ in der Perspektive Klafkis
4.3 Der Umgang mit dem „Globe“ als Bildungsaufgabe im Sinne Klafkis

5. Fazit und Ausblick auf die Praxis

Literaturverzeichnis

1. Fragestellung und Forschungslage

Bei der „Themenzentrierten Interaktion“ handelt es sich um ein in den 1950er Jahren entwickeltes Konzept, das die Bereiche Arbeit in Gruppen und individuelle Entwicklungssteuerung auf der Grundlage einer definierten Gruppe von Axiomen und Postulaten zusammenführen und damit soziales Lernen ermöglichen will. Das Konzept wurde maßgeblich von der US-amerikanischen Psychologin Ruth Cohn entwickelt und fand auch im Prozess seiner weiteren Ausgestaltung hauptsächlich das Interesse von Psychologen, Therapeuten und Psychoanalytikern.

Daher mag die im Titel dieser Arbeit formulierte Frage, ob es sich bei der „Themenzentrierten Interaktion“ um eine Bildungstheorie - genauer: um eine Bildungstheorie im Sinne der „kategorialen Bildung“ von Wolfgang Klafki - handelt, zunächst erstaunen. Tatsächlich werden die beiden im Titel angesprochenen Bereiche - Lernpsychologie und Bildungstheorie - traditionell von zwei unterschiedlichen Disziplinen behandelt, nämlich der pädagogischen Psychologie und der (allgemeinen) Pädagogik. Es zeigt sich aber bei genauerem Hinsehen, dass das System der „Themenzentrierten Interaktion“ durchaus auf wesentlich pädagogischen Prämissen beruht, die implizit auch die Ausgestaltung des Systems der „Themenzentrierten Interaktion“ und die praktische Arbeit mit diesem gruppenpädagogischen Instrument bestimmen. Im Wesentlichen geht es dabei um den Faktor „Globe“, der im System der „Themenzentrierten Interaktion“ das Umfeld der Gruppe sowohl als bedingenden als auch als bedingten Parameter bezeichnet. Dass das Verhältnis zum Faktor „Globe“ ganz entscheidend als ein pädagogisches bezeichnet werden muss, soll in der folgenden Arbeit exemplarisch untersucht werden.

Dazu wird zunächst ein allgemeiner Überblick über das System der „Themenzentrierten Interaktion“ gegeben (Kapitel 2.1) und spezieller auf das hier maßgebliche Vierfaktorenmodell eingegangen (Kapitel 2.2). Dann wird eine in diesem Zusammenhang geeignete neuere Bildungstheorie, nämlich das Konzept der „kategorialen Bildung“ von Wolfgang Klafki näher dargestellt (Kapitel 3). Im nächsten Schritt werden dann die beiden Aspekte „Themenzentrierte Interaktion“ und „kategoriale Bildung“ zusammengeführt, indem nach einer Betrachtung ihrer pädagogischen Grundlagen (Kapitel 4.1) die Frage beantwortet wird, ob es sich bei der „Themenzentrierten Interaktion“ um eine Bildungstheorie im Sinne Wolfgang Klafkis handelt (Kapitel 4.2), insbesondere unter dem Aspekt des „Globe“ (Kapitel 4.3).

Abschließend soll dann kurz erörtert werden, welche praktischen Konsequenzen sich unter Umständen aus den dargestellten Zusammenhängen ergeben.

2. Die „Themenzentrierte Interaktion“ (TZI)

2.1 Überblick über das System der TZI

Seit der Entwicklung der „Themenzentrierten Interaktion“ durch Ruth Cohn hat es unterschiedliche Versuche gegeben das Konzept theoretisch und systematisch einheitlich zusammenzufassen. In dem hier dargestellten Zusammenhang können diese Versuche1 einer unterschiedlichen Hierarchisierung der relevanten Strukturelemente nicht im Detail nachgezeichnet werden. Wichtig für das Grundverständnis der „Themenzentrierten Interaktion“ ist jedoch eine genaue Definition dieser Strukturelemente selbst.

Zum einen definiert Cohn in ihrem Werk „Von der Psychoanalyse zur Themenzentrierten Interaktion“ eine Trias bestimmter Axiome, d. h. unveränderlicher Ausgangspunkte ihres Systems.2 Für sie bilden „Autonomie“, „Ehrfurcht“ und „Grenzerweiterung“ die Basis für die Arbeit mit Gruppen.3 Daraus leitet sie zwei Postulate ab, nämlich das „Störungspostulat“ - die Forderung nach der Anerkennung von Störungen als Indikatoren für psychische Realitäten bzw. tatsächliche seelische Zustände - und das „Chairperson-Postulat“ - die Aufforderung an das jeweilige Subjekt, in den jeweiligen Gruppensituationen Verantwortung für sich und andere zu übernehmen und Entscheidungen innerhalb der vorgegebenen Grenzen bewusst zu treffen.

Cohn knüpft die angesprochenen Axiome und Postulate an ein bestimmtes Strukturmodell (Vier-Faktoren-Modell; s. u. Kapitel 2.2), das die Komponenten Ich, Wir, Es und Globe umfasst. Ziel der Gruppeninteraktion ist es, diese drei Komponenten in einer Dynamischen Balance zu halten, was grundsätzlich auf der Hypothese von der gleichen Wichtigkeit beruht. Der gruppeninterne Kommunikationsprozess wird nach Cohn seitens der Leitung durch das Setzen eines Themas und durch die Vorgabe einer Struktur beeinflusst und durch Beachtung von Hilfsregeln gesteuert.

Aus dieser Übersicht über die wesentlichen Strukturelemente der „Themenzentrierten Interaktion“ geht hervor, dass Cohn sowohl die Übernahme einer bestimmten Haltung als auch die Beachtung einer spezifischen Verhaltenspraxis bzw. Methode voraussetzt, wenn die Interaktion zu den gewünschten Zielen führen soll. Die verschiedenen Versuche, eine graphische Umsetzung der Strukturelemente und ihres wechselseitigen Verhältnisses zu schaffen, zeigen, dass in der Rezeption des Systems auch unterschiedliche Auffassungen über die Frage entstanden, ob es sich hierbei um ein Modell für lebendiges Lernen, um eine Methode für die Leitung von Gruppen oder um ein gruppenpädagogisches Konzept handelt.4 Unabhängig davon, ob man eher den deskriptiven (Modell) oder den präskriptiven Aspekt (Methode bzw. Konzept) in den Vordergrund rückt, gehen doch alle Versuche einer Systematisierung von ähnlichen bildungstheoretischen Prämissen aus, wie unten anhand des Faktors „Globe“ noch gezeigt werden soll.

2.2 Das Vierfaktorensystem der TZI

Die „Themenzentrierte Interaktion“ geht davon aus, dass gruppeninterne Interaktionen von vier Faktoren bestimmt werden. Diese sind das „Ich“, das „Wir“, das „Es“ und den „Globe“.5 Diese vier Faktoren sind nicht isoliert voneinander zu betrachten, sondern wirken als System zusammen. Dabei werden die einzelnen Personen („Ich“) sowohl in ihrer Individualität als auch in ihrem Miteinander (Wir“) erfasst, wobei jede Gruppe durch das Vorhandensein eines gemeinsamen Zieles („Es“) definiert wird. Die Gruppe agiert jedoch nicht ohne Zusammenhang mit der sie umgebenden (gesellschaftlichen, ökonomischen, politischen ...) Umwelt, sondern ist auf diese Umwelt in vielfältiger Art und Weise bezogen („Globe“).

Die Relevanz des Vier-Faktoren-Modells beschreibt Hermann Kügler folgendermaßen:

„Das Vier-Faktoren-Modell ist einerseits dafür geeignet, Situationen zu deuten und zu verstehen und hilft andererseits, Handlungsstrategien und - visionen zu entwickeln. Mit dem Vier-Faktoren-Modell der TZI kann zugleich sachlich und lebendig gearbeitet werden. Es dient sowohl zum Planen und Leiten von Prozessen als auch zur Diagnose und Analyse von Situationen. Es ist damit nicht auf das Leiten von Gruppen begrenzt. Dass alle vier Faktoren gleich wichtig sind, bedeutet aber nicht, dass sie in jeder Arbeitseinheit mit gleichen Zeit- und Kräfteanteilen vorkommen müssen. Die Aufgabe des TZI-Leiters beziehungsweise der Leiterin ist vielmehr, dynamisch zu balancieren zwischen Ich, Wir und Es (→ Dynamische Balance).“6

Bei den Versuchen, die vier Elemente des Modells graphisch darzustellen, geht man zumeist so vor, dass man ein Dreieck in einen Kreis einpasst. Dabei versinnbildlichen die Ecken des Dreiecks die Aspekte „Ich“, „Wir“ und „Es“, während der sie umschließende Kreis den „Globe“ versinnbildlicht.7

Abbildung 1: Das vier-Faktoren-Modell der TZI Quelle: eigene Darstellung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Vorteile des Vier-Faktoren-Modells liegen auch darin, dass es eine differenzierte Analyse bei Schwierigkeiten und Problemen in der Interaktion innerhalb einer Gruppe ermöglicht. So ist es damit beispielsweise möglich, genauer zu benennen, wenn eine Gruppe kein einheitliches Ziel („Es“) verfolgt. Mithilfe des Faktors „Globe“ lässt sich deutlich machen, welche externen (gesellschaftlichen, sozialen, politischen etc.) Einflüsse wirksam werden, wenn gruppendynamische Prozesse ablaufen. Es deutet sich an dieser Stelle bereits an, dass die Frage nach dem durch die Gruppenmitglieder repräsentierten „Globe“ eng mit ihrer Bildung zusammenhängt, wobei „Bildung“ hier zwangsläufig in einem sehr weiten Sinn verstanden werden muss. Inwiefern die Frage nach dem „Globe“ also als Frage nach Bildung aufgefasst werden kann, soll in einem nächsten Schritt ausgehend von der Bildungstheorie Wolfgang Klafkis beschrieben werden.

3. Wolfgang Klafkis Konzept der kategorialen Bildung

Der Anspruch der Bildungstheorie geht in der Regel weit darüber hinaus, einen positiven Kanon von Bildungsinhalten zu formulieren, den das jeweilige Subjekt internalisiert haben muss, um als gebildet zu gelten. Bildung im Sinne der Bildungstheorie heißt insbesondere auch Bildung als Auseinandersetzung mit der Welt.8 Im Zuge dieser Auseinandersetzung wird dann auch die Bildung der Persönlichkeit gesehen, die nicht etwa als Neben-, sondern als ein weiteres Hauptresultat des Bildungsprozesses verstanden werden muss.

Diese Zusammenhänge hat Wolfgang Klafki schon in den 50er Jahren bei seiner Analyse der verschiedenen Bildungstheorien aufgedeckt.9

[...]


1 Vgl. den Überblick bei MINA SCHNEIDER-LANDOLF (2014): Handbuch Themenzentrierte Interaktion (TZI). Göttingen / Bristol: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 67-106.

2 Vgl. RUTH C. COHN (1975): Von der Psychoanalyse zur themenzentrierten Interaktion. Stuttgart: Klett-Cotta, S. 120.

3 Vgl. die Definitionen bei RUTH C. COHN (1975), S. 120: „Der Mensch ist eine psycho- biologische Einheit. Er ist auch Teil des Universums. Er ist darum autonom und interdependent. Autonomie (Eigenständigkeit) wächst mit dem Bewusstsein der Interdependenz (Allverbundenheit).“ (Autonomie); „Ehrfurcht gebührt allem Lebendigen und seinem Wachstum. Respekt vor dem Wachstum bedingt bewertende Entscheidungen. Das Humane ist wertvoll, Inhumanes ist wertbedrohend.“ (Wertschätzung) und „Freie Entscheidung geschieht innerhalb bedingender innerer und äußerer Grenzen. Erweiterung dieser Grenzen ist möglich.“ (Grenzerweiterung).

4 Vgl. MINA SCHNEIDER-LANDOLF, (2014), S. 68.

5 Vgl. zum Folgenden HERMANN KÜGLER (2014): Vier-Faktoren-Modell der TZI (Handbuch Themenzentrierte Interaktion), Göttingen / Bristol: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 107-114, bes. 107-108.

6 Vgl. HERMANN KÜGLER (2014), S. 107.

8 Vgl. die Definition von HELMUT REISER (2006): Psychoanalytisch-systemische Pädagogik. Erziehung auf der Grundlage der Themenzentrierten Interaktion. Stuttgart: Kohlhammer, S. 129, der in seiner Studie der Frage nachgeht, ob und wie die „Themenzentrierte Interaktion“ als Modell für erzieherisches Handeln nutzbar gemacht werden kann. Er bestimmt Bildungsarbeit - hier in Form von „Lehren“ durch den Erzieher - in folgender Weise: „Über diesen subjektiv geprägten interaktiven Vorgang hinaus verstehe ich an dieser Stelle unter dem Stichwort Lehren die Einführung des Kindes in das kulturelle Erbe und die Wissensbestände, die durch gesellschaftliche Definitionsprozesse als notwendiges Wissen für die Lebens- und Arbeitsfähigkeit vorgegeben sind.“

9 Vgl. die Dissertationsschrift von WOLFGANG KLAFKI (1957): Kategoriale Bildung: Zur bildungstheoretischen Deutung der modernen Didaktik. Weinheim / Berlin: Beltz. Klafki verstand seine Bildungstheorie als Grundlage für konkretes didaktisches Handeln im Unterrichtsgeschehen, wie er in der Einleitung zu seinem Beitrag „Die bildungstheoretische

Details

Seiten
17
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668611306
ISBN (Buch)
9783668611313
Dateigröße
610 KB
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Januar)
Schlagworte
themenzentrierte interaktion eine bildungstheorie sinne bildung wolfgang klafki
Zurück

Titel: Themenzentrierte Interaktion. Eine Bildungstheorie im Sinne der kategorialen Bildung von Wolfgang Klafki?