Lade Inhalt...

Das Sklavensystem in Brasilien. Seine Entstehung, Rechtfertigung und Durchsetzung

Hausarbeit 2016 19 Seiten

Geschichte - Amerika

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Einführung des Sklavensystems
2.1 Die Ankunft der Portugiesen
2.2 Pernambucos Zuckerwirtschaft

3. Rechtfertigungen

4. Behandlung & Strafen

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Inhalt der vorliegenden Hausarbeit bezieht sich auf das Seminarthema „Die Sklavenhaltermonarchie in Brasilien (19. Jh.)“. Mein Anliegen ist es herauszufinden, wie die Sklaverei in Brasilien zu Stande kam und was sie im innersten zusammenhielt. Um diese Frage beantworten und die dahinter liegenden Vorgänge nachvollziehen zu können, möchte ich zu Beginn einen geschichtlichen Kontext erarbeiten. Dieser soll als Hintergrundwissen für das Verständnis jener Motive und Rechtfertigungen, nach denen ich suche, dienen. Demnach werde ich auf die zeitgeistlichen Strömungen und ökonomischen Entwicklungen in Verbindung mit Europa im 16. Jh. eingehen. Ich stelle mir die Frage, warum ein System, aufgebaut auf einem Rassenkonzept, über mehrere Jahrhunderte andauern konnte und warum dessen Abschaffung nicht von jetzt auf gleich zu realisieren war. Denn erst nach und nach wurde die Sklaverei von religiösen Akteuren, Philosophen,

Humanisten und zu guter Letzt von Politikern der Prüfung unterzogen, bis sie schließlich abgeschafft wurde. Mein Hauptziel in dieser Arbeit besteht darin, die geistige Haltung zur Sklaverei in Brasilien und die Rechtfertigungen jener Machtstruktur gemäß der damaligen Zeit nachvollziehen zu können. Wie wir sehen werden, steht das wirtschaftliche Konstrukt mit der Sklaverei in direkter Verbindung, sodass ich jenes zu skizzieren anstrebe. In Anbetracht der Rechtfertigung der Sklaverei aus damaliger Sicht, möchte ich einen Schritt weiter gehen und die praktischen Methoden zur Durchsetzung einer derart menschenunwürdigen Institution aufdecken. Die Antworten auf meine Fragen werden abschließend im Fazit zusammengefasst.

2. Zur Einführung des Sklavensystems

2.1 Die Ankunft der Portugiesen

Im fünfzehnten Jahrhundert waren die Portugiesen mit ihrer Übersee-Expansion entlang der Westküste Afrikas beschäftigt. Dabei suchten sie südwärts über den Atlantik bis hin zum indischen Ozean geeignete Handelsrouten nach Asien (Bergad 2007, S. 1). Obwohl die Portugiesen zu jener Zeit nur wenig Interesse daran hatten, weiter in das Landesinnere des afrikanischen Kontinents vorzudringen, errichteten sie entlang der Westküste Handelsstützpunkte für ihre Produkte, die sog. feitorias (ebd., S. 1). Ziel war es, an diesen Orten Handel mit asiatischen Gewürzen wie Nelken, Pfeffer und Zucker aber auch mit Gold, Elfenbein und Sklaven zu betreiben (ebd., S. 2). Mit dem Abdriften der Routen weiter westwärts von der afrikanischen Küste wurden die Inseln Madeira, die Azoren, Kap Verde und São Tomé entdeckt[T1] . Diese eigneten sich gut für die Besiedelung und den auf Sklavenarbeit basierenden Anbau von Zuckerrohr (ebd., S. 2). Es war Pedro Alvares Cabral, der im Jahre 1500 mit seiner Flotte auf dem Weg nach Asien am weitesten in den Westen stach und im Nordosten Brasiliens, ganz in der Nähe der heutigen Stadt Porto Seguro, auf Land stieß (ebd., S. 2).

Es ist schwer den genauen Zeitpunkt zu bestimmen, an dem damit begonnen wurde, die afrikanischen Sklaven nach Brasilien zu transportieren. Es ist jedoch bekannt, dass schon ein Jahrhundert vor der Entdeckung Brasiliens, Afrikaner systematisch nach Portugal importiert wurden, sodass Cabral mit großer Wahrscheinlichkeit einige von ihnen nach Brasilien brachte (Santos 1985, S. 30). Da die Portugiesen zu Beginn des sechzehnten Jahrhunderts hauptsächlich an den kommerziellen Abhandlungen in Afrika und Asien interessiert waren, schenkten sie der Besiedlung des neuentdeckten Landes sehr wenig Aufmerksamkeit (Bergad 2007, S. 2). Doch brasilianisches Farbholz rief auf Grund seiner pupurfarbenen Eigenschaft lukrative Geschäfte mit Textilzentren wie Amsterdam ins Leben (ebd. S. 2). Erst im Zuge der Kolonisierung wurde in Brasilien damit begonnen, Pflanzen in großem Maßstab zu kultivieren und anzubauen, um die europäischen Märkte zu versorgen (ebd., S. 17). Auf Grund der Wichtigkeit der wirtschaftlichen Expansion Portugals bestand ein Hauptziel darin, die Kosten für die Produktion der begehrten Kolonialwaren so gering wie nur möglich zu halten (Santos 1985, S. 17). Es entstanden die ersten Betriebe zur Gewinnung von Zucker, die in der brasilianischen Wirtschaft für eine lange Zeit die wichtigste Rolle spielen sollten.

Die treibende Kraft hinter dem Ackerbau dieser Monokultur und der parallel dazu existierenden Subsistenzwirtschaft zur Lebensversorgung in der neuen Welt, war die Zwangsarbeit (ebd., S. 17). Die indigene Bevölkerung war, wie es in einem so großen geographischen Gebiet zu erwarten war, kulturell und sprachlich sehr vielfältig und hatte kein Herrschaftszentrum, wie es etwa bei den Azteken in Mexiko oder bei den Inkas in Peru der Fall war (Bergad 2007, S. 2). Daher lag es den Portugiesen nahe die Pflanzungsarbeit von den Eingeborenen ausführen zu lassen, die sich jedoch aufgrund ihrer nomadischen Eigenschaften, dafür als untauglich erweisen sollten. Sie liebten die Freiheit und verkannten in einer Arbeit, die weder dem Stamm noch den Göttern diente, den Lebenssinn. Der Bestand der indigenen Bevölkerung sank im Zuge ihrer Versklavung drastisch. Zum einen, weil die Europäer Krankheiten einschleppten, gegen die die Eingeborenen nicht resistent waren und zum anderen aufgrund ihrer außerordentlich schlechten Behandlung, die u.a. als Folge des niedrigen Preises für den Erwerb eines Indios zustande kam. Die Indios erkannten allmählich die tödliche Gefahr in Bezug auf das Zusammenleben mit den Europäern und zogen sich immer weiter in den Busch zurück, weshalb die Portugiesen anfingen auf Sklaven afrikanischer Herkunft zurückzugreifen. Diese waren im Vergleich zu den Eingeborenen robuster und einfacher an die landwirtschaftliche Arbeitsweise anzupassen (vgl. Santos 1985, S. 18 f.).

2.2 Pernambucos Zuckerwirtschaft

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts, nachdem Cabral offiziell Besitz von Brasilien ergriffen hatte, fing Portugal an Expeditionen nach Amerika zu entsenden. Die Expeditionen von 1501 und 1503 dienten ausschließlich dem Forschungszweck, während man sie im Jahre 1516, 1521 und 1526 zum Schutz der brasilianischen Küste einsetzte. Erst die Expedition von 1530 war der Kolonisierung vorbehalten (Santos 1985, S. 30). Doch welche Verbindung besteht zwischen der Kolonisierung und den massenhaft nach Brasilien verschleppten Sklaven? Warum und wo hat sich die Sklaverei in Brasilien manifestiert?

Die Portugiesen, darunter ein Forscher und Sklavenhändler namens Antão Gonçalves, begannen im Dienste Portugals damit, einige Schwarze in Afrika regelrecht einzufangen, um sie dem König vorzuführen. Dabei soll der Seefahrer und Gefährte Nuno Tristão 1441 Gonçalves den Ratschlag erteilt haben „viel mehr mitzunehmen, da über die Kenntnis hinaus, die der König von ihnen nehmen könnte, auch Nutzen aus ihrer Dienstbarkeit und Unterwerfung zu ziehen sei“ (ebd., S. 30). So gelangten schon bereits ab dem Jahre 1445 durch Raubzüge an der gesamten afrikanischen Küste etwa 700 bis 800 Sklaven jährlich nach Portugal (ebd., S. 30 f.). Für den Erwerb der Sklaven verwendete man Textilstoffe, Teppiche, Weizen, Salz, Uniformröcke, aber auch Pferde, die gegen peças, also „Stücke“ eingetauscht werden konnten (ebd., S. 31[T2] ). Dieses Wort wurde zu einem Synonym für die Sklaven, welches verdeutlicht, dass man sie als reine Gegenstände wahrnahm. Mit der Expedition von 1530 unter Martin Afonso de Souza fing in Brasilien der Import von Sklaven im größeren Stil an und die Portugiesen setzten sich ab diesem Zeitpunkt ernsthafter mit der Kolonisierung Brasiliens auseinander (ebd., S. 31). Doch bevor dieser in Angriff genommen wurde, stieg der Bedarf an Sklaven in Portugal an. Zum einen herrschte im Lande ein Bevölkerungsmangel, der aus dem Unabhängigkeitskrieg gegen Spanien und den häufigen Hunger- und Pestzeiten resultierte und zum anderen konnten die Portugiesen aus dem Verkauf der Sklaven in die spanischen Kolonien viel größere Gewinne erzielen, als in den brasilianischen Kolonien, sodass vor der Periode der Kolonisierung kein wirkliches Interesse daran bestand, den Sklavenhandel auf Brasilien zu erweitern (ebd., S. 22). Da der Zucker jedoch in Europa immer mehr nachgefragt wurde und die Fähigkeit dazu bestand ihn auf den Inseln der Westküste Afrikas zu produzieren, war man bestrebt, die weiße Konsumware auch in der neuen Welt anzubauen und zu verarbeiten (ebd. 32). Man kann daraus schlussfolgern, dass vor allem durch die Zuckerexpansion ein Wirtschaftszweig entstand, der die Kolonisierung Brasiliens förderte. Insofern steht auch der Import afrikanischer Sklaven mit der Kolonisierung in direktem Zusammenhang.

Die [T3] Zuckerproduktion wurde allmählich auch seitens des Königshauses unterstützt. Die Regentin Da. Catarina veranlasste am 29. März 1559 Steuernachlässe für Besitzer funktionierender Produktionsanlagen beim Erwerb von Sklaven aus Guinea und von der Insel São Tomé (ebd., S. 32 f.). Die Sklaven erwarb sie eigenständig, woraufhin die Zuckermühlenbesitzer auf ihr Geheiß bis zu 120 „Stück“ (Sklaven) für ein Drittel der sonst anstehenden Gebühren erstehen konnten (ebd., S. 22). Der Nachschub an Arbeitskräften sollte gesichert sein, sodass in einem bestimmten Zeitraum eine bestimmte Anzahl von Sklaven ins Land einfinden musste. Die Konzession vom 12. Februar 1682 sah vor, dass innerhalb von zwanzig Jahren 500 Schwarze importiert werden mussten. Die aus vielen Teilen Westafrikas stammenden Sklaven, später auch aus Mozambik, Süd- und Zentralafrika, wurden hauptsächlich nach Pernambuco und Bahia gebracht (ebd., S. 33). Da der Rohrzuckeranbau ein Hauptziel zur Zeit der Kolonisierung Brasiliens war, war die Nähe Pernambucos zu den europäischen Märkten von größtem Vorteil. Zudem sorgte hier eine ideale Bodenbeschaffenheit für optimale Bedingungen für die Anpflanzung (ebd., S. 75). Nachdem der Bodenreichtum dieser Region einst in Form von Brasilholz für die Farbgewinnung entdeckt worden war, war Duarte Coelho der Mann, der ab dem Jahre 1535 die eigentliche Kolonisierung Pernambucos vorantrieb. Denn zu diesem Zeitpunkt erhielt er die Provinz von der portugiesischen Krone als eine der fünfzehn Erblehen (Capitanias Hereditárias), zu denen ich später noch kommen werde. Da das Brasilholz ausschließlich dem Königshaus vorbehalten war, konzentrierte sich Duarte auf die Produktion von Zuckerrohr und gründete daraufhin fünf Zuckermühlen, zudem die Städte Igaraçu und Olinda (ebd., S. 75) . Die brasilianische Küste wurde nach und nach abgetastet und das Landesinnere durch gelegentliche Expeditionen erforscht, doch ohne die Aussicht auf Gold oder eine nennenswerte Zivilisation zu stoßen. Es dauerte noch einige Zeit bis sich die sog. bandeiras aus der Region São Paulo bei ihrer Durchforstung durch das Landesinnere vom Gegenteil überzeugen sollten (Bergad 2007, S. 5). 1532 errichteten die Portugiesen im Süden die erste offizielle Siedlung namens São Vicente, die zukünftige Stadt São Paulo (Bergad 2007, S. 2 f.) In der Bucht von Guanabara (die heutige Stadt Rio de Janeiro) hatten sich einst französische Händler niedergelassen, um sich dem Markt für Brasilholz anzuschließen[T4] und siedelten sich ab 1555 im großen Maßstab an, sodass sich die Portugiesen in den 1560er Jahren dazu veranlasst, sahen sie von dort zu vertreiben. Trotz der Vertreibung aus Rio[T5] de Janeiro hielten die Franzosen im Norden Brasiliens, in Maranhão, bis ins siebzehnte Jahrhundert ihre Präsenz aufrecht und gründeten dort die Stadt São Luis (vgl. ebd., S. 3).

Die im Vorfeld erwähnten Orte Pernambuco und São Vicente sind im Zusammenhang mit der künftigen Entwicklung der Sklavenfrage von herausragender Bedeutung. Anstatt einer direkten Kontrollübernahme der Kolonie nach spanischem Vorbild, entschied die portugiesische Krone die riesige Landfläche Brasiliens in fünfzehn Landstreifen (Capitanias Hereditárias) zu unterteilen und diese an die donatários zu vergeben. Dies waren auserwählte Männer[T6] , die jeweils über eine dieser Zonen verfügen sollten. Die Grenzen dieser fünfzehn Gebiete verliefen von Norden nach Süden allesamt parallel zum Äquator. Die Absicht der Krone war ihre Vorherrschaft in Brasilien durch Landwirtschaftsbetriebe sicherzustellen. Zudem musste ein Zehntel der gesamten Einnahmen an das Mutterland abgegeben werden (Bergad 2007, S. 3). Pernambuco und São Vicente waren die einzigen der capitanias, die auf Grund ihrer erfolgreichen Produktion den finanziellen Erwartungen gerecht wurden und somit einen Meilenstein für den nachfolgenden Sklavenimport verkörpern[T7] . Aufgrund des Misserfolgs der anderen Regionen, löste man das System der Zonen auf und ernannte 1549 Tomé de Sousa als ersten[T8] Gouverneur für die Verwaltung der gesamten Kolonie entlang der brasilianischen Küste (ebd., S. 3). Allerdings war die Kolonie zu jener Zeit keine geografische Einheit, sondern mehr ein Archipel zusammengesetzt aus mehreren Siedlungen. Zentren portugiesischer Verwaltung bildeten sich immer dort, wo die stärkste ökonomische Aktivität zu verzeichnen war (ebd., S. 4). In dem Sinne vollzog sich in Brasilien keine Conquista wie bei den Spaniern, da hier die Niederlassung verstärkt wirtschaftlicher Natur war. Große Zivilisationen mit vergleichbaren Goldvorkommnissen, wie zum Beispiel die der Inka oder Azteken, die Francisco Pizarro und Hernán Cortés im hispanoamerikanischen Raum zu unterjochen vermochten, blieben aus (ebd., S. 4). Zu der Zuckerproduktion in Pernambuco und São Vicente kamen noch die Bahias und Rio de Janeiros hinzu, sodass sich im Norden und im Süden insgesamt zwei große Produktionszentren entwickelten (ebd., S. 4).

Die Anzahl afrikanischer Zwangsarbeiter war zu Beginn des 16. Jh. marginal und die Zuckerwirtschaft hatte ihre Anfänge in der indigenen Sklaverei (ebd., S. 3). Da jedoch im Zuge des Kolonisationsprozesses der Bestand der Eingeborenen aufgrund von Misshandlung und Verfolgung dezimiert wurde, waren auf den Pflanzungen und in den Zuckersiedereien immer mehr Arbeitskräfte aus Afrika erforderlich (Santos 1985, S. 32). Doch an diese heranzukommen war für die Zuckermühlenbesitzer und sogar für die donatários bis zur staatlichen Förderung der Sklavenimporte nach Brasilien durch D. Catarina im Jahre 1559 mit großen Hindernissen verbunden, da der Verkauf von afrikanischen Sklaven an die spanischen Kolonien der portugiesischen Krone größere Einnahmen sicherte, sodass der König zur „Geduld“ aufrief (ebd., S. 22). Um an Sklaven zu kommen hatten die Portugiesen einst in Afrika die Dörfer überfallen, doch erstaunlicherweise gelang es ihnen im Laufe der Zeit diese Aufgabe den afrikanischen Häuptlingen selbst zu überlassen. Denn diese fingen ihre eigenen Stammesangehörigen ein, um sie gegen nützliche europäische Waren einzutauschen (ebd., S. 21).

Die Räume Pernambuco, Bahia, São Vicente und Rio de Janeiro entwickelten sich nun zu Populationszentren mit florierender Zuckerwirtschaft. Interessant ist, dass die wenigsten Menschen es sich leisten konnten, in solch einem Maßstab anzupflanzen, dass ihr Betrieb der Größe einer fazenda (Farm) gleichkommen könnte,

[...]

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Das Sklavensystem in Brasilien. Seine Entstehung, Rechtfertigung und Durchsetzung