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Intelligenztests und ihre Berechtigung im Schulalltag

Essay 2016 5 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Intelligenztests und ihre Berechtigung im Schulalltag

Es gibt verschiedene Definitionsansätze für Intelligenz, da sich die Wissenschaftler diesbezüglich noch immer uneinig sind. Von dem Psychologen Edwin Boring stammt die knappe Definition „Intelligenz ist, was ein Intelligenztest misst.“ (Pontes, 2014). Diese Erklärung erscheint auf den ersten Blick nicht sehr aussagekräftig und ähnelt einer Zirkeldefinition. Allerdings zählt sie seitens der Forscher zu den anerkanntesten Definitionen, da man sie operationalisieren kann, indem ein spezieller Intelligenztest genannt wird. Intelligenz kann somit kaum losgelöst von Intelligenztests betrachtet werden. In diesem Essay werden deshalb verschiedene Arten von Intelligenztests vorgestellt und miteinander verglichen, um so Rückschlüsse auf eine Eignung im Schulalltag zu ziehen. Außerdem wird erörtert inwiefern der Einsatz von Intelligenztest als Diagnoseinstrument in der Schule überhaupt angebracht oder empfehlenswert ist. Aktuell haben Intelligenztests an Schulen keinen hohen Stellenwert. Zumeist werden sie eingesetzt um einen Verdacht auf einen extremen IQ-Wert zu untermauern. Ansonsten werden Intelligenztests im Schulalltag zwar in einigen Klassen durchgeführt, jedoch sind diese nicht obligatorisch und haben meistens keinerlei Auswirkungen. Es sei denn, es wird ein auffälliger IQ-Wert ermittelt.

In der Forschung herrscht nicht nur Uneinigkeit bezüglich der Definition von Intelligenz, sondern auch hinsichtlich der Ausprägung. Auch heute gibt es noch Forscher, die die Ansicht vertreten Intelligenz sei erblich bedingt. Laut Velden gibt es dafür allerdings keinen molekularbiologischen Nachweis. Die Aussagen der existierenden Studien zu diesem Thema variieren stark, demnach reich das Ausmaß der Erblichkeit von Intelligenz von zehn bis zu neunzig Prozent. Die Mehrheit der Forscher vertritt wohl aber die Ansicht, dass Intelligenz vor allem das Ergebnis der Sozialisation des Individuums ist.

Der Begriff der Heterogenität ist in der Pädagogik seit jeher fest verankert, allerdings gewinnt er in diesen Jahren immer mehr an Bedeutung. Die Zusammensetzung der Schülerinnen und Schüler einer Klassen- und Jahrgangsstufe wird zunehmend vielfältiger. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Das Konzept der Inklusion wird in Deutschland zunehmend umgesetzt, somit lernen vermehrt Kinder mit und ohne sonderpädagogischen Förderungsbedarf innerhalb einer Klassengemeinschaft. Des Weiteren führt die aktuell steigende Anzahl von zugewanderten Kindern zu einer ausgeprägten sprachlichen und kulturellen Heterogenität. Auch wenn die Heterogenität der Schülerschaft jetzt zunimmt, so war sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausschlaggebend für die Entwicklung des ersten Intelligenztests. Diesen publizierten Alfred Binet und sein ehemaliger wissenschaftlicher Mitarbeiter, Théodore Simon, im Jahr 1905. Es waren die starken Leistungsunterschiede der Schülerinnen und Schüler, und die trotzdem statt findende undifferenzierte Pflichtbeschulung, die Binet, dazu veranlassten einen Intelligenztest zu entwickeln. Mit diesem wollte er die kognitive Leistungsstärke der Schülerinnen und Schüler einschätzen und setzte sich nachfolgend für einen differenzierten Unterricht ein. Auf Anraten von Binet und Simon wurden 1909 Klassen kreiert, die auf das Unterrichten Lernbehinderter Kinder spezialisiert waren.

Dieser erste Intelligenztest umfasste verschiedene Schwierigkeitsstufen, die, laut Binet, zuvor empirisch getestet wurden und somit als Maßstäbe für das entsprechende Alter des Kindes gesetzt werden konnten. Ein markantes Merkmal des Tests von Binet und Simon waren die detaillierten Instruktionen um die Testführungen zu standardisieren. Die Normierung und Standardisierung dieses ersten Intelligenztests sind auch heute noch in den wissenschaftlichen Gütekriterien für Messungen in Medizin, Psychologie und Pädagogik verankert (Objektivität, Reliabilität und Validität). Diese Gütekriterien sind natürlich auch von den nachfolgend vorgestellten Intelligenztests erfüllt. Ebenfalls werden heute noch der Begriff des Intelligenzquotienten (IQ), sowie die dazugehörige Formel (Intelligenzquotient = Intelligenzalter : Lebensalter), verwendet. Rückt man von den Formalien des Tests ab, so fällt auf, dass er auch inhaltlich breit aufgestellt war. Es waren sowohl Aufgaben zu quantitativen Vergleichen und Sprachleistungen, als auch zu Sinneswahrnehmungen und motorischer Koordination enthalten.

Mittlerweile gibt es eine Vielzahl verschiedener Formate von Intelligenztests. Diese unterscheiden sich teilweise sehr stark, da, wie bereits angesprochen, auch die Aufassungen von Intelligenz sehr verschieden sind. So gibt es beispielsweise die Intelligenztheorie nach Raymond Cattell, welcher die Intelligenz in fluide und kristalline Intelligenz unterteilte. Erstere umfasst die geistige Flexibilität und Kreativität, letztere meint das erlernte Wissen. Entsprechend dieser Intelligenztheorie ist der häufig eingesetzte Culture Fair Test 20-R konzipiert. Dieser stammte im Original von Cattell selbst und wurde 1949 publiziert. Die deutsche Version wurde von Rudolf Weiß entwickelt und 1978 publiziert. Im Jahr 2006 erschien eine überarbeitete Fassung.

Eine andere Variante eines Intelligenztests verkörpert der Intelligenz-Struktur-Test 2000-R (IST). Dieser wurde von Dr. Rudolf Amthauer konzipiert und 1953 publiziert, im Jahr 2000 erschien eine überarbeitete Version. Amthauer bezieht sich mit diesem Test auf die Mehrfaktorentheorie, genauer gesagt auf die Theorie der sieben Primärfähigkeiten von L.L.Thurstone. Für jede dieser Primärfähigkeiten (Zahlenverständnis, Sprachverständnis, Wortflüssigkeit, Schlussfolgerungsfähigkeit, räumliches Denken und Auffassungs-geschwindigkeit) gab es konkrete Aufgabenblöcke, die in der Gesamtheit den IST 2000-R bildeten.

Vergleicht man CFT 20-R und den IST 2000-R, dann fällt auf, dass sie bereits durch die unterschiedliche theoretische Fundierung und den sich daraus ergebenen Aufgabenfokus konträr zueinander sind. Die Teilaufgaben des CFT 20-R sind thematisch homogen und ähnlich schwer. Im Gegensatz dazu sind die Teilaufgaben des IST 2000-R thematisch heterogen und fallen, je nach dem wo die individuellen Stärken der Testperson liegen, unterschiedlich schwer. Außerdem nimmt der IST 2000-R mehr Zeit in Anspruch als der CFT 20-R. Dies könnte auf das größere Aufgabenspektrum zurückzuführen sein, welches der IST 2000-R abdeckt.

Grundsätzlich sind Intelligenztests der Ein- oder Mehrfaktorentheorie zugeordnet, somit können die beiden angeführten Intelligenztests als Exempel dienen. Jedoch gibt es meiner Meinung nach, keinen Test, der eindeutig besser für die Durchführung in der Schule geeignet wäre. Bereits im Namen des CFT 20-R ist verankert, dass dieser den Anspruch hat allen Kulturen gegenüber fair zu sein. Es wird ausschließlich die fluide Intelligenz getestet, demnach entfallen sämtliche Aufgaben, die aktiv das Sprachverständnis oder anderes Erlerntes testen. Auch die Instruktionen sind knapp und somit schneller zu übersetzen, als die des IST 2000-R. Liegt der Fokus also darauf, eine Klasse zu testen, die insbesondere kulturelle und sprachliche Heterogenität aufweist, dann ist womöglich der CFT 20-R besser geeignet. Ist es eine Klasse, die sprachlich eher homogen ist und dafür heterogen bezüglich der Lernvoraussetzungen ist, dann wäre wahrscheinlich der IST 2000-R besser geeignet. Dieser weist aufgrund der Mehrfaktorentheorie ein größeres Aufgabenspektrum auf. Handelt man also im Interesse der Schülerinnen und Schüler bestünde da wohl am ehesten die Chance eventuelle Nachteile auszugleichen.

Letztendlich stellt sich trotzdem die generelle Frage inwiefern es überhaupt sinnvoll ist, im Unterrichtsgeschehen einen Intelligenztest durchzuführen. Binet entwickelte einen solchen Test um die unterschiedlichen Leistungsniveaus zu diagnostizieren. Auf seine und Simons Empfehlung hin, wurden schließlich homogenere Klassen gegründet, insbesondere für Schülerinnen und Schüler mit besonderem Förderungsbedarf. Momentan wird diese Entscheidung überdacht und deutlich heterogenere Inklusionsklassen entstehen. Doch gerade dann ist die Differenzierung wichtiger denn je. Allerdings findet sie nun innerhalb des Klassenzimmers statt, die sogenannte Binnendifferenzierung. Somit ist es für die Lehrkraft eine Grundvoraussetzung die verschiedenen Lernvoraussetzungen zu diagnostizieren, und den Unterricht danach entsprechend anzupassen. Wichtig ist allerdings, dass diese Diagnostik auf keinen Fall lediglich auf dem Ergebnis eines Intelligenztests aufbaut. Vertritt man die Ansicht, dass die Intelligenz nur in geringem Maße erblich bedingt ist, so heißt es im Umkehrschluss, dass sich auch die Ausprägung der Intelligenz im Verlauf des Lebens ändern kann. Aus diesem Grund wäre es, falls man einen Intelligenztest als Diagnoseinstrument zu Rate zieht, ratsam, einen ähnlichen Test in regelmäßigen Abständen zu wiederholen. Jedoch bürgt auch die mehrmalige Durchführung ähnlicher Tests ein Risiko, da sich somit ein Lerneffekt einstellen könnte. Insofern ist es wichtig, dass man gegebenenfalls Test auswählt, die zwar auf derselben Theorie basieren, deren Aufgaben aber trotzdem verschieden konzipiert sind. Letztendlich muss die Aussagekraft eines Intelligenztest immer unter Vorbehalt betrachtet werden. Wie bereits erwähnt, könnte das Ergebnis durch vorheriges Üben positiv verfälscht sein. Durch Druckaufbau und das Ambiente einer Prüfungssituation könnte das Ergebnis negativer verfälscht sein.

Die angeführten Gründe sprechen meinerseits gegen eine obligatorische Durchführung von Intelligenztests im Unterricht. Keinesfalls sollten sie als Hauptdiagnosemittel dienen, da sie nicht aussagekräftig genug sind. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass viele Schülerinnen und Schüler im pubertären Alter den Drang verspüren, Intelligenztests zu machen. Schließlich ist es eine Phase, die von Unstetigkeit geprägt ist, und Testergebnisse erscheinen dann verlässlich und solide. Wird dieser Wunsch seitens der Schülerinnen und Schüler geäußert, kann man dem natürlich nachkommen. Allerdings gilt es darauf zu achten, dass keine Schülerinnen und Schüler aufgrund ihrer Testergebnisse diskriminiert werden.

Intelligenztests werden bis dato vor allem als Diagnoseinstrument eingesetzt, wenn ein auffälliger Intelligenzquotient vermutet wird. Laut L.Terman besitzen, je nachdem wo man die Grenzen zur Hoch – oder Tiefbegabung zieht, nur zirka fünf Prozent der Menschen einen Wert, der entweder kleiner oder gleich 70, oder größer oder gleich 130 ist. Insofern spielen Intelligenztests in der alltäglichen Diagnostik keine übergeordnete Rolle. Vielmehr sollte die Lehrkraft über einen längeren Zeitraum die einzelnen Intelligenzkomponenten der Schülerinnen und Schüler beobachten, ohne diese durch eine Momentaufnahme in Form eines Tests und ein Ergebnis in Form einer zwei- oder dreistelligen Zahl zu labeln.

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Details

Seiten
5
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668629790
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v388882
Institution / Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,3
Schlagworte
intelligenztests berechtigung schulalltag

Autor

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