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Wer denkt wirklich kreativ? Kinder oder Erwachsene?

Essay 2016 5 Seiten

Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie

Leseprobe

Wer denkt wirklich kreativ – Kinder oder Erwachsene?

Kreativität und kreatives Denken sind Aspekte, die in unserer heutigen Gesellschaft verstärkt gefordert sind. Jedoch passiert es häufig, dass die wirkliche Kreativität eher den Kindern zugeschrieben wird als den Erwachsenen. In diesem Essay wird deshalb erörtert, wer tatsächlich kreativer ist. Im Vorhinein werden allerdings ein theoretischer Exkurs zu dem Kreativitätsbegriff von Jean Piaget, sowie ein Exkurs zum Berliner Weisheitsbegriff gegeben, um anschließend beurteilen zu können, ob Kreativität und Weisheit einander ausschließen.

Jean Piaget lebte von 1896 bis 1980 und war ein Vorreiter auf dem Gebiet der psychologischen Forschungen an Kindern. Dafür wandte er anfangs die klinische Methode an, in welcher er Kinder von vier bis acht Jahren zu ihrem Weltbild befragte. Später, nachdem er bereits spielerische und explorative Experimente zur Kreativität an seinen eigenen Kindern durchführte, begann er Experimente mit fremden Kindern zwischen vier und zwölf Jahren durchzuführen. Der Fokus der Experimente lag darauf zu erfassen, wie Kinder naturwissenschaftliche Konzepte begreifen. Diese Methode seiner Forschung ist als kritische Methode bekannt. Mithilfe der klinischen Methode kam Piaget zur Erkenntnis, dass Kinder die Denkform deskindlichen Egozentrismusaufweisen, das bedeutet, dass sie nicht in der Lage sind zwischen sich und der Umwelt zu differenzieren, und somit auch noch keinen Perspektivenwechsel vollziehen können. Die übergeordnete Denkform des kindlichen Egozentrismus setzt sich zusammen aus dem kindlichen Realismus, dem kindlichen Animismus und dem kindlichen Artifizialismus. Letztlich brachte er mithilfe seiner Forschungen zum Ausdruck, wie sehr sich das kindliche Denken vom erwachsenen Denken unterscheidet, da es vorurteilsfrei ist und keinen Normen unterliegt.

Mit der kritischen Methode begann Piaget daraufhin, den Zusammenhang zwischen Denken und Handeln der Kinder genauer zu untersuchen. Laut Piaget liegt der Ursprung des Denkens im Handeln, so nehmen die Kinder in der ersten Phase ihres Lebens, der sogenannten sensomotorischen Phase, die Umwelt ausschließlich über den Tastsinn wahr. Schließlich sind es diese ertasteten Objekte, die sie im Alter von zirka eineinhalb Jahren benennen wollen und die sie suchen wollen, wenn sie versteckt sind. Laut Piaget löst sich das Denken im Alter zunehmend von den Handlungen, bis es im Erwachsenenalter schließlich völlig losgelöst, also abstrakt ist. Im Zuge dessen wird die Denkweise des Menschen zwar differenzierter, aber auch angepasster.

Durch seine Studien prägte Piaget den Begriff des adaptiven beziehungsweise genetischen Strukturalismus oder Konstruktivismus. Piagets Theorie dazu besagt, dass das gedankliche Abbilden von Handlungsmustern, durch die gegensätzlichen Prozesse Assimilation und Akkommodation beeinflusst. Genauer beschreibt er die Genese eines kognitiven Schemas wie folgt: Nachdem das Handlungsmuster in Bezug auf ein Subjekt erfasst wurde, wird, wenn das Kind ein ähnliches Subjekt sieht, das Handlungsmuster übertragen, also assimiliert. Da eine Assimilation nicht immer den gewünschten Erfolg bringt, muss das Kind gegebenenfalls seine Handlung anpassen, also akkommodieren. Durch diese Wechselwirkung unterliegt das gedankliche Schema einem ständigen Abgleich und einer andauernden Veränderung, welches im Zusammenspiel zu einer Weiterentwicklung führt. Die sogenannte Adaptation dient folglich der kreativen Anpassung des Individuums an seine Umwelt.

Einen scheinbaren Gegensatz zu Piagets Forschungen zur Kreativitätsentwicklung bei Kindern bildet die Weisheitsforschung. Dieser Zweig der Forschung ist jünger als die üblichen Bereiche der Intelligenzforschung, denn lange Zeit bildeten Kinder und Jugendliche die Zielgruppen. Nach Ende des zweiten Weltkriegs rückte der Fokus der Intelligenzforschung zunehmend zu der Erforschung der Intelligenzentwicklung bei Erwachsenen. Letztlich setzt sich die Weisheitsforschung aus der Intelligenzforschung, der Gerontologie und der Life-Span-Psychology, der sogenannten Lebenslaufforschung, zusammen. Paul Baltes war führend in der Weisheitsforschung und definierte den Term Weisheit als das höchste „Wissen und die höchste Urteilsfähigkeit in der fundamentalen Pragmatik des Lebens“ (Staudinger/ Baltes 1996, S.59). Im Rahmen des Berliner Weisheitsparadigmas, dem auch Paul Baltes angehörte, wurden empirische Studien durchgeführt, um die Weisheit der Menschen zu untersuchen und einzuschätzen. Hierfür wurden offene Fragen gestellt, die von der Testperson anschließend beantwortet werden sollten.

Diese Antwort wurde dann nach den sogenanntenFünf Berliner Kriterien für Weisheitausgewertet. Die beiden Basiskriterien sindFaktenwissen in grundlegenden Fragen des Lebensund Strategiewissen in grundlegenden Fragen des Lebens.Das Faktenwissen bezieht sich vor allem auf die menschliche, gesellschaftliche und soziale Natur, schließt aber „spezifischeres Wissen über bestimmte Lebensereignisse und deren mögliche Konstellation und Dynamik“ mit ein (Staudinger/ Baltes 1996, S.62). Das zweite Basiskriterium umfasstHeuristiken über den Umgang mit Lebensfragen,damit sind beispielsweise Priorisierungen von Lebenszielen oder Prozesse des Ratgebens gemeint. Zusätzlich zu den beiden Basiskriterien gibt es drei Metakriterien, die überwiegend aus der Persönlichkeitsforschung und der Lifespan-Psychology abgeleitet wurden. Eines dieser Metakriterien ist derLifespan-Kontextualismus. Mithilfe dieses Kriteriums wird beurteilt, ob eine Person in der Lage ist, die Mitmenschen und Ereignisse im Lebenskontext, also nicht isoliert, zu betrachten. Hierbei dürfen also die Umstände, in die das Leben eines Individuums eingebettet ist, nicht außer Acht gelassen werden. Ein weiteres Metakriterium ist derWerte-Pluralismus. Dieser beschreibt die Fähigkeit, eine Person innerhalb ihres Wertesystems zu betrachten, und sie somit nicht nach dem eigenen Wertesystem zu beurteilen. Letztlich gibt es das KriteriumErkennen von Ungewissheit und Umgang damit. Das Leben bringt immer eine Ungewissheit mit sich, auch wenn die Zukunft manchmal vorhersehbar scheint. Anhand dieses Kriteriums wird geprüft, inwiefern eine Person Strategien zum Umgang mit dieser Unsicherheit entwickelt hat, und wie effektiv diese sind.

Nachdem nun die verschiedenen Aspekte der Weisheit erklärt wurden, stellt sich die Frage, inwiefern Weisheit und Kreativität zusammenhängen. Im Wirtschaftslexikon ist Kreativität als „die Fähigkeit eines Individuums oder einer Gruppe, in phantasievoller oder gestaltender Weise zu handeln“ (Springer Gabler Verlag, Stichwort: Kreativität), definiert. Die beschriebenen Basis- und Metamerkmale der Weisheit verdeutlichen, dass ein Erwachsener aufgrund seines Alters und seiner Entwicklung über mehr Lebenswissen und Lebenserfahrung verfügt. Somit ist eine Gegenüberstellung der beiden Aussagen, dass einerseits nur ein Kind wirklich kreativ denkt und andererseits nur ein Erwachsener wirklich kreativ denkt, berechtigt. Wer denkt nun also wirklich kreativer?

Kinder sind zumeist freier im Denken, da sie den Rahmen in dem Erwachsene denken, oftmals noch gar nicht kennen oder gar erfassen können. Stellt man einem Kind und einem Erwachsenen dieselbe Aufgabe, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind noch nie eine ähnliche Aufgabe bearbeitet hat, sehr hoch. Das ist auf das Alter des Kindes und die damit einhergehende Lebenserfahrung zurückzuführen. Ein Erwachsener hat mehr Lebenserfahrung, weshalb die Wahrscheinlichkeit, dass er vor eine komplett neue und unbekannte Aufgabe gestellt wird, gering ist. Erwägt man solch einen direkten Vergleich zwischen Kindern und Erwachsenen, sind es wahrscheinlich die Kinder, die phantasievoll versuchen die Aufgabe zu lösen, da sie auf keine Heuristiken zur Lösungsfindung zurückgreifen können. Bei den Erwachsenen ist das Gegenteil der Fall. Aufgrund der Tatsache, dass sie bereits mit Lösungsstrategien zu ähnlichen Problemen vertraut sind, können sie diese abwandeln und zielgerichtet einsetzen. Erwachsene arbeiten in der Regel also lösungsorientierter. Die Optimierung eines Lösungsweges beinhaltet oftmals allerdings auch kreatives Denken und Handeln. Vielmehr ist man mit höherem Alter in der Lage, dieses kreative Denken gezielter einzusetzen, da man Vorwissen aus verschiedenen Lebensbereichen verknüpfen kann.

Im Gegensatz zu Erwachsenen haben Kinder die Chance bei ihren Versuchen einer Lösungsfindung auf eine völlig neue Variante zu stoßen, die selbst den Erwachsenen überrascht. Der Grund dafür ist, dass Kinder ihre Umwelt anders wahrnehmen. Mit zunehmenden Lebensalter, sind die die Dinge, die sich in unserer Umgebung befinden klar definiert. Sie haben meist eine eindeutige Funktion. So sieht ein Erwachsener beispielsweise ein Portemonnaie einzig als eine Aufbewahrungstasche für Geld und Ausweisdokumente. Für ein Kind, was dem Portemonnaie noch keine eindeutige Funktion zugewiesen hat, ist das Portemonnaie wesentlich vielseitiger einsetzbar. In diesem Sinne, ist ihre Umwelt nicht so belastet und sie sind freier in ihrer Lösungsfindung. Man könnte widersprechen und meinen, dass auch Erwachsene eine freie, kindliche Lösungsfindung vollziehen können, indem sie sich bewusst dafür entscheiden, die Dinge in ihrer Umwelt frei von jeglicher Primärfunktion zu sehen. Allerdings glaube ich, dass die Umsetzung einer solchen Entscheidung in der Realität kaum möglich ist, denn das Erlernte und Erfahrene kann nur schwer aus dem Unterbewusstsein eines Erwachsenen verdrängt werden. Versucht man dann, sich die ganze Zeit auf diesen Verdrängungsmechanismus zu konzentrieren, so verliert man wohl auch dabei den Blick für das Phantasievolle.

Somit sind sowohl Kinder als auch Erwachsene in der Lage wirklich kreativ zu sein. Je nach dem, was für einen selbst Kreativität bedeutet. Kinder können unbelastet und phantasievoll kreativ sein. Erwachsene können im Gegenzug kombinierend und lösungsorientiert kreativ sein. Allerdings hat die Kreativität der Erwachsenen oftmals einen größeren gesellschaftlichen Wirkungsradius. Kreative Ideen, beispielsweise Storylines für Bücher oder kreative Konzepte für Star-Up-Unternehmen, können leichter, beziehungsweise überhaupt, in die Tat umgesetzt werden.

Kreativität kann somit in allen Altersstufen ausgelebt werden und mit höherem Alter gezielter eingesetzt werden. Schlussendlich darf die pure, ungehemmte Kreativität der Kinder, wie Piaget sie untersucht hat, nicht an Stellenwert verlieren. Es ist nach wie vor wichtig, dass Kinder den nötigen Freiraum bekommen ihre Kreativität auszuleben und nicht, wie der aktuelle Trend es aufzeigt, immer zeitiger, mit gesellschaftlichen Konventionen konfrontiert werden.

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Details

Seiten
5
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668636637
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v388884
Institution / Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,3
Schlagworte
Piaget Kreativität Weisheitsforschung

Autor

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