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Resilienz. Resultat biologischer Prädispositionen oder Resultat von Sozialisationsprozessen?

Facharbeit (Schule) 2015 27 Seiten

Psychologie - Allgemeine Psychologie

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1 Aktualität
1.2 Anlass und Ziel
1.3 Methodisches Vorgehen

2. Was heißt Resilienz?
2.1 Begriffsklärung
2.2 Charakteristika des Resilienzkonzepts
2.3 Erscheinungsformen und Forschung

3. Das Risiko- und Schutzfaktorenkonzept
3.1 Das Risikofaktorenkonzept
3.1.1 Risikoerhöhende Faktoren
3.1.2 Spezifische Wirkmechanismen
3.2 Das Schutzfaktorenkonzept
3.2.1 Risikomildernde Faktoren
3.2.2 Spezifische Wirkmechanismen
3.3 Rahmenmodell von Resilienz

4. Biologische Korrelate von Resilienz
4.1 Neurobiologie
4.2 Genetik
4.3 Epigenetik

5. Fallbeispiel

6. Fazit

7. Exkurs: Wie kann ich Resilienz ausprägen?
7.1 Coping-Strategien
7.2 Die sieben Säulen von Resilienz

8. Literaturverzeichnis
8.1 Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Aktualität

„Seit einigen Jahrzehnten unterliegt unsere Gesellschaft einem Transformationsprozess hin zur Postmoderne, der mit zahlreichen kontextuellen, strukturellen und familialen Veränderungen sowie einer zunehmenden sozialen Komplexität verbunden ist.“ (Wustmann 2004, 14). Während Familien in den 1960er Jahren noch klar strukturierte Lebenspläne und Tagesabläufe besaßen, hat man heutzutage in persönlichen, familiären sowie beruflichen Angelegenheiten zahlreiche neue Herausforderungen und steht vor etlichen Wahlmöglichkeiten und -zwängen. Trotz großen Wohlstands, geringer körperlicher Belastungen und immer besser werdender Technik fühlen sich die meisten Menschen ständig unter Druck gesetzt. Die sogenannte “Risikogesellschaft“ unterliegt einerseits einem Individualisierungsprozess durch die Lockerung von sozialen und kulturellen Bedingungen, der durchaus positiv ist, andererseits kann sich der Mensch immer weniger an traditionellen Mustern orientieren und ist gezwungen, seine eigene Biographie zu inszenieren sowie andauernd riskante Entscheidungen treffen zu müssen. Diese Neustrukturierung in allen Lebensbereichen sowie der Verlust an Klarheit kann Angst und Unbehagen erzeugen und überfordert insbesondere die Bewältigungskapazität von Kindern. Hohe gesellschaftliche Erwartungen, Leistungsdruck, veränderte Wertvorstellungen, Zukunftsängste aufgrund mangelnder Arbeitsplätze und stetig wachsende Armut wirken sich zunehmend negativ auf die Entwicklung Heranwachsender aus. Die Krankmeldungen infolge psychischer Leiden sind höher denn je. Durch diese Belastungen konzentrierten sich Politiker und Wissenschaftler in der Vergangenheit fast ausschließlich auf die Frage, wie Defizite behandelt werden können. Seit den 1990er Jahren zeichnet sich jedoch ein Perspektivenwechsel ab: Das neue Konzept nennt sich Resilienz und bietet viele neue Möglichkeiten, um Kinder und Erwachsene sowohl präventiv als auch kurativ zu fördern und zu unterstützen. Es wird nicht mehr nur nach Ursachen für die Entstehung psychischer Störungen oder Verhaltensauffälligkeiten gesucht, sondern es wird versucht, neben Risikofaktoren auch Schutzfaktoren zu identifizieren, die für die Entwicklung und den Erhalt seelischer und körperlicher Gesundheit maßgeblich verantwortlich sind. (vgl. Berndt 2013, 10; Kipker 2008, 13 ff.).

1.2 Anlass und Ziel

Durch verschiedene Ereignisse in meinem Freundes- und Bekanntenkreis sowie in den Medien stelle ich mir seit langem die Frage, warum manche Personen, die eine scheinbar solide und problemlose Kindheit in einem wohlbehüteten Elternhaus führten, psychische Störungen entwickeln, während andere Personen, denen schreckliche Dinge widerfahren sind, ohne jegliche psychische Beeinträchtigungen leben können. Besonders ergriffen hat mich der Fall von Natascha Kampusch, einer Frau, die im Alter von zehn Jahren entführt wurde und 3096 Tage in einem Kellerverlies gefangen gehalten, misshandelt, gedemütigt und unterdrückt wurde.

Als ihr nach achteinhalb Jahren die Flucht gelingt, erwartet die Gesellschaft eine hilflose, sich sozial isolierende Person, die unfähig sein wird, ein geregeltes Leben zu führen. Doch Natascha Kampusch tritt bereits zwei Wochen später als reflektierte, gefasste und in sich ruhende Frau im Fernsehen auf, redet über sich, ihre Flucht, dem Verhältnis zu ihrem Peiniger und über Zukunftspläne. Ihr Auftritt ist so beeindruckend und stark, dass Fachleute hinterher an der Glaubwürdigkeit ihrer Geschichte zweifeln. Wie kann es also sein, dass sich eine Frau, der nach ihrer langjährigen Geiselnahme sogar Hass und Aggression entgegen schlagen , zu einer kompetenten, hilfsbereiten (und nicht hilfsbedürftigen) Person entwickelt? Ich möchte herausfinden, welche Faktoren Einfluss auf diese Charakterstärke und Widerstandskraft gegenüber solch schrecklichen Umständen nehmen und ob es sich dabei ausschließlich um die Umwelt, die den Menschen modelliert, handelt, oder ob biologische Faktoren ebenso eine Rolle spielen. Mein Ziel ist es, mir erklären zu können, weshalb manche meiner Freunde trotz guter Bedingungen in ihrer Kindheit unter psychischen Beeinträchtigungen leiden und sich andere wiederum nach schwerwiegenden Geschehnissen zu lebenslustigen, eigenständigen Personen entwickelt haben. Deshalb lautet meine zentrale Fragestellung: „Resilienz - Resultat biologischer Prädispositionen oder Resultat von Sozialisationsprozessen?“. Ich vermute, dass biologische Faktoren einen erheblichen Einfluss auf die Resilienz eines Menschen haben müssen, da ich mir nur so die Entwicklung mancher Personen erklären kann.

1.3 Methodisches Vorgehen

Um eine Antwort auf meine Frage zu finden, gehe ich folgendermaßen vor: Zuerst möchte ich grundlegende Informationen zum Resilienzkonzept geben, den Begriff klären, die Charakteristika nennen und etwas zu den Erscheinungsformen und den Zielen in der Forschung sagen. Anschließend komme ich zu dem zentralen Konzept der Resilienzforschung, welches sich mit den Ursachen von Resilienz beschäftigt, dem Risiko- und Schutzfaktorenkonzept. Ich beginne mit der Begriffsklärung von Risikofaktoren, ihrer Differenzierung und gebe daraufhin eine übersichtliche Zusammenfassung aller risikoerhöhenden Faktoren. Zuletzt gehe ich auf die Wirkmechanismen von Risikofaktoren, also auf das Zustandekommen bestimmter psychischer Störungen, ein. Das Schutzfaktorenkonzept werde ich genauso bearbeiten: Allgemeine Informationen, nachfolgend eine Übersicht der risikomildernden Faktoren und zuletzt die Wirkmechanismen. Daraufhin möchte ich spezifischer auf die biologischen Korrelate von Resilienz eingehen, die durch neurobiologische, genetische und epigenetische Ursachen zustandekommen. Um das Resilienzkonzept bzw. das Zusammenspiel von Risiko- und Schutzfaktoren zu veranschaulichen, werde ich ein Fallbeispiel konstruieren. Anschließend folgt das Fazit, in dem ich meine Gesamtergebnisse zusammenfasse und bewerte, sowie auf die These und die zentrale Fragestellung eingehe. Zum Schluss werde ich noch einen kleinen Exkurs in die Resilienzförderung geben und mich mit der Frage beschäftigen, wie man Resilienz ausprägen kann.

2. Was heißt Resilienz?

2.1 Begriffsklärung

Der Begriff Resilienz leitet sich vom lateinischen “resiliere“ ab und bedeutet “zurückspringen“ oder “nicht anhaften/abprallen“. Im Englischen gibt es den Begriff “resilience“, welcher mit “Spannkraft“, “Elastizität“, “Unverwüstbarkeit“ und “Widerstandsfähigkeit“ übersetzt werden kann. Resilienz im Allgemeinen bedeutet also, wie tolerant ein System gegenüber Störungen ist und wie gut es mit Veränderungen umgehen kann. Der Begriff lässt sich vielseitig einsetzen: Ein anschauliches Beispiel hierfür wäre ein bestimmter Stoff, wie z. B. Eisen, und dessen Fähigkeit, nach Verformung durch Druck- oder Zugeinwirkung wieder in seine alte Form zurückzukehren (vgl. Kipker 2008, 21). Resilienz hat mittlerweile auch im Fachbereich der Psychologie einen hohen Stellenwert erlangt. Eine offizielle Definition gibt es nicht, aber allgemein anerkannt in Deutschland ist die Begriffsbestimmung von Corinna Wustmann (2004), welche Resilienz als eine „ psychische Widerstandsfähigkeit gegenüber biologischen, psychologischen und psychosozialen Entwicklungsrisiken “ (S. 18) definiert. Gemeint ist also, häufig primär bei Kindern, die Fähigkeit eines Individuums, erfolgreich mit belastenden Lebensituationen und negativen Folgen von Stress umgehen zu können, ohne “daran zu zerbrechen“. Das assoziierte Bild ist das “Stehaufmännchen“, das sich aus jeder möglichen Lebenslage wieder aufrichten kann, um in sein altes Gleichgewicht zurückzukehren (vgl. Kére Wellensiek/Galuska 2014, 21). Resilienz tritt nur dann auf, wenn ein Mensch eine “Risikosituation“ erfolgreich bewältigt hat. Eine positive Entwicklung bedeutet also nicht, dass ein Kind resilient ist. Nur wenn das Kind eine besondere Bewältigungsleistung erbracht hat und sich nach massiver Beeinträchtigung im Vergleich zu anderen Kindern, welche einer gleich hohen Risikobelastung ausgesetzt waren, positiv entwickelt, kann man von Resilienz sprechen. Somit ist der Begriff immer an zwei Bedingungen geknüpft: Zum einen muss eine Risikosituation bestehen und zum anderen muss eine erfolgreiche Bewältigung dieser belastenden Lebensumstände aufgrund vorhandender Fähigkeiten des Individuums eintreten (vgl. Wustmann 2004, 18). Eine Definition, die diese Bedingungen impliziert, entwickelten Masten et. al. (1990, zitiert nach Opp/Fingerle/Freytag, 1999) und bezeichnen Resilienz als einen „Prozeß, die Fähigkeit oder das Ergebnis erfolgreicher Adaption angesichts herausfordernder oder bedrohender Umstände im Sinne inneren Wohlbefindens und/oder effektiver Austauschbeziehungen mit der Umwelt“ (S. 16). Das negative Gegenstück der Resilienz ist die “Vulnerabilität“, welche “Verwundbarkeit“, “Verletzbarkeit“ und “Empfindlichkeit“ bedeutet. Vulnerable Personen werden besonders leicht emotional verwundet und entwickeln eher psychische Störungen (vgl. Wustmann 2004, 22).

2.2 Charakteristika des Resilienzkonzepts

Die Fähigkeit der Resilienz besteht nicht darin, wie zu Beginn der Forschung angenommen, dass ein Individuum absolut unverwundbar ist. Das Konstrukt Resilienz wird heute folgendermaßen charakterisiert:

- Resilienz ist ein dynamischer Anpassungs- und Entwicklungsprozess, der sich in einem Interaktionsprozess zwischen Individuum und Umwelt entwickelt und somit kein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal darstellt.
- Resilienz ist eine variable Gr öß e, die über die Zeit und Situationen hinweg variieren kann und somit keine immerwährende Unverwundbarkeit verspricht.
- Resilienz ist situationsspezifisch und multidimensional und nicht universell, da Personen in einigen Bereichen enorme Kompetenzen aufzeigen können, während sie in anderen Probleme und unzureichende Anpassung aufweisen (vgl. Fröhlich-Gildhoff/Rönnau- Böse 2014, 10 f.).

2.3 Erscheinungsformen und Forschung

Resilienz zeigt sich in drei Erscheinungsformen, die in der Resilienzforschung genauer betrachtet werden:

- Der positiven, gesunden Entwicklung trotz andauerndem, hohen Risikostatus (wie chronischer Armut, psychischer Erkrankungen oder Drogenmissbrauch der Eltern, Aufwachsen in problematischem Milieu)
- Der beständigen Kompetenz unter akuten Stressbedingungen (wie Trennung der Eltern, Bewältigung von Übergängen, z. B. vom Kindergarten in die Schule)
- Der positiven bzw. schnellen Erholung von traumatischen Ereignissen (wie sexuellem Missbrauch, Verlust naher Bezugspersonen, Kriegserlebnissen) (vgl. Wustmann 2004, 19)

Somit geht es bei der Resilienzforschung nicht darum, Risikofaktoren, die die kindliche Entwicklung beeinträchtigen könnten, festzustellen und auch nicht um „die reine Abwesenheit psychischer Störungen“, sondern vor allem um „den Erwerb bzw. Erhalt altersangemessener Fähigkeiten und Kompetenzen“ und die „erfolgreiche Bewältigung von altersspezifischen Entwicklungsaufgaben“. Resilienz kann folglich als die „Bewältigungskompetenz“ des Menschen verstanden werden (Wustmann 2004, 20 ff.). Das Ziel der Resilienzforschung ist, ein besseres Verständnis darüber zu erlangen, welche Faktoren psychische Gesundheit und Stabilität bei Kindern erhalten und fördern, die Entwicklungsrisiken ausgesetzt sind. Menschen werden als „aktive Mitgestalter ihres Lebens“ angesehen und sollen „durch soziale Unterstützung und Hilfestellungen“ in der Lage sein, erfolgreich mit gegebenen Situationen umgehen zu können.

Die Resilienzforschung ist also „ressourcen- und nicht defizitorientiert ausgerichtet“ (Fröhlich- Gildhoff/Rönnau-Böse 2014, 12).

3. Das Risiko- und das Schutzfaktorenkonzept

Lange Zeit wurden ausschließlich Studien zu den Risikoeinflüssen für die Entwicklung eines Menschen durchgeführt. Im Zentrum von Forschung und Wissenschaft standen Defizite und Schwierigkeiten. Aufgrund verschiedener Forschungserkenntnisse, z. B. der Kauai-Studie, bei der die als Pionierin der Resilienzforschung geltende Amerikanerin Emmy Werner den gesamten Geburtsjahrgang 1955 der hawaiianischen Insel Kauai über 40 Jahre lang begleitete, entstand ein Paradigmenwechsel. Dort wurden etwa ein Drittel der Kinder als Risikokinder eingestuft, da sie in chronische Armut hineingeboren wurden, geburtsbedingten Komplikationen ausgesetzt waren oder in Familien aufwuchsen, die durch elterliche Psychopathologie und dauerhafte Disharmonie belastet waren. Bei wiederum 30 Prozent der Kinder dieser Risikogruppe konnte sie trotz dieser widrigen Lebensumstände eine positive Entwicklung zu kompetenten, fürsorglichen und selbstbewussten Erwachsenen feststellen im Gegensatz zu den anderen zwei Dritteln, welche bereits im Alter von zehn Jahren schwere Verhaltensauffälligkeiten zeigten und sich auch im späteren Leben nicht etablieren konnten. Infolge dieser und anderer Studien und einer daraus resultierenden salutogenetischen Sichtweise, also der Frage, welche Faktoren zur Entstehung und Erhaltung von Gesundheit führen, entstand eine neue Perspektive, die den Fokus auf die Ressourcen und Schutzfaktoren eines Menschen legte und zur Grundlage der Resilienzforschung wurde. Das Risikofaktorenkonzept, welches nach Bedingungen für eine fehlangepasste Entwicklung sucht, soll dem Schutzfaktorenkonzept, das entgegenwirkende risikomildernde, resilienzfördernde Bedingungen enthält, gegenübergestellt werden (vgl. Fröhlich-Gildhoff/Rönnau-Böse 2014, 20). „Bei den Risiko- und Schutzfaktoren handelt es sich [demzufolge] um destabilisierende bzw. stabilisierende Faktoren, die die negativen Effekte ungünstiger Lebensumstände und traumatischer Erlebnisse modifizieren“ (Fooken/Zinnecker 2009, S. 17).

3.1 Das Risikofaktorenkonzept

Im Mittelpunkt des Risikofaktorenkonzepts stehen Faktoren und Lebensbedingungen, die die kindliche Entwicklung gefährden, beeinträchtigen und zu seelischen Störungen und Erkrankungen führen können. Als Risikofaktoren werden also „krankheitsbegünstigende und entwicklungshemmende Merkmale definiert, von denen potentiell eine Gefährdung der gesunden Entwicklung des Kindes ausgeht“ (Holtmann/Schmidt 2004, zitiert aus Fröhlich- Gildhoff/Rönnau-Böse 2014, 20). Das Risikofaktorenkonzept ist als Wahrscheinlichkeitskonzept und nicht als Kausalitätskonzept zu verstehen: Die Wahrscheinlichkeit, eine Störung zu entwickeln, ist in einer Risikogruppe im Vergleich zu einer unbelasteten Gruppe erhöht, jedoch nicht determiniert. Unter den risikoerhöhenden Bedingungen lassen sich die kindbezogenen Vulnerabilitätsfaktoren, die sich auf biologische oder psychologische Merkmale des Kindes beziehen, sowie die Risikofaktoren bzw. Stressoren, die in der psychosozialen Umwelt eines Kindes entstehen, also entweder in der Familie oder im weiteren sozialen Umfeld, unterscheiden. Kindbezogene Faktoren sind strukturelle Faktoren, die sich nicht verändern lassen und sich auf Defizite, Defekte oder Schwächen des Kindes beziehen. Man unterscheidet primäre Vulnerabilitätsfaktoren, die das Kind von Geburt aufweist, von sekundären Vulnerabilitätsfaktoren, welche das Kind in der Auseinandersetzung mit seiner Umwelt erwirbt. Stressoren hingegen sind variable Faktoren, die durch Interventionen verändert werden können. Variable Faktoren, die sich nur zu bestimmten Zeitpunkten auswirken und zu einer unmittelbaren Veränderung führen, werden diskrete Faktoren genannt (wie z. B. kritische Lebensereignisse), andere, die den gesamten Entwicklungsverlauf beeinflussen können und über die Zeit in ihrem Ausmaß und in ihrer Auswirkung variieren können, werden kontinuierliche Faktoren genannt. Darüber hinaus sind proximale Faktoren von distalen Faktoren zu unterscheiden: Bei distalen Faktoren handelt es sich um grobe Kategorien, die sich nicht direkt auf das Kind auswirken, wie zum Beispiel ein niedriger sozioökonomischer Status der Familie, und somit nicht zur Erklärung der genauen Verknüpfung mit psychischen Störungen herangezogen werden können, da sie sich nicht direkt, sondern eher indirekt über Mediatoren wie Eltern-Kind-Interaktionen oder über das Verhalten der Mutter auf das Kind auswirken. Proximale Faktoren wirken sich direkt auf das Kind aus und stellen somit näher umschriebene Faktoren wie zum Beispiel ein strafender Erziehungsstil oder Streitigkeiten mit den Eltern dar. So kann es möglich sein, dass ein Kind, welches in einer Risikoumgebung lebt (distaler Faktor) durch den proximalen Faktor, das familiäre Umfeld, geschützt ist (vgl. Petermann/Niebank/Scheithauer 2000, 66 ff.; Wustmann 2004, 36 ff.).

3.1.1 Risikoerhöhende Faktoren

Eine übersichtliche Gliederung der risikoerhöhenden Faktoren ist bei Wustmann (2004, 38-39) zu finden:

Primäre Vulnerabilitätsfaktoren

- prä-, peri- und postnatale Faktoren (z. B. Alkohol- sowie Tabak-Konsum während der Schwangerschaft, Frühgeburt, Geburtskomplikationen, niedriges Geburtsgewicht, Ernährungsdefizite, Erkrankungen des Säuglings)
- neuropsychologische Defizite (Disfunktion des Verhaltens und Erlebens; z. B. Autismus, Tourette-Syndrom)
- psychophysiologische Faktoren (z. B. sehr niedriges Aktivitätsniveau, Borderline)
- genetische Faktoren (z. B. Chromosomenanomalien, Länge der Serotonintransporter)
- chronische Erkrankungen (z. B. Asthma, Neurodermitis, Krebs, schwere Herzfehler, hirnorganische Schädigungen)
- schwierige Temperamentsmerkmale (antisoziales Verhalten, unzugänglich, leicht reizbar, laut), frühes impulsives Verhalten, hohe Ablenkbarkeit
- geringe kognitive Fähigkeiten: niedriger Intelligenzquotient, Defizite in der Wahrnehmung und sozial-kognitiven Informationsverarbeitung

Sekundäre Vulnerabilitätsfaktoren

- unsichere Bindungsorganisation (Überbegriff für ambivalente, vermeidende und desorganisiert gebundende Bindungstypen)
- geringe Fähigkeiten zur Selbstregulation von Anspannung und Entspannung

Risikofaktoren bzw. Stressoren

- niedriger sozioökonmomischer Status, chronische Armut
- aversives Wohnumfeld (Wohngegenden mit hohem Kriminalitätsanteil)
- chronische familiäre Disharmonie
- kritisch gespannte Partnerschaft bzw. Trennung und Scheidung der Eltern
- Alkohol-/Drogenmissbrauch der Eltern
- psychische Störungen oder Erkrankungen eines bzw. beider Elternteile (z. B. Depressionen, Schizophrenie)
- kriminelles oder dissoziales Verhalten der Eltern
- Obdachlosigkeit
- niedriges Bildungsniveau der Eltern
- Abwesenheit eines Elternteils/alleinerziehender Elternteil
- Erziehungsdefizite/ungünstige Erziehungspraktiken der Eltern (z. B. inkonsistentes Erziehungsverhalten, Uneinigkeit der Eltern in Erziehungsmethoden, körperliche Strafen, zu geringes Beaufsichtigungsverhalten, Desinteresse/Gleichgültigkeit gegenüber dem Kind, mangelnde Feinfühligkeit und Responsivität)
- sehr junge Elternschaft (vor dem 18. Lebensjahr)
- unerwünschte Schwangerschaft
- häufige Umzüge, Schulwechsel
- Migrationshintergrund in Verbindung mit niedrigem sozioökonmomischen Status
- soziale Isolation der Familie
- Verlust eines Geschwisters oder engen Freundes
- Geschwister mit einer Behinderung, Lern- oder Verhaltensstörung
- mehr als vier Geschwister
- beengte Wohnverhältnisse
- Mobbing/Ablehnung durch Gleichaltrige
- außerfamiliäre Unterbringung
- „Unterforderung/Verwöhnung (ausbleibende Förderung der Fähigkeiten führt zu Hilflosigkeit/Unfähigkeit und schnell eintretender Demotivation bei ausbleibendem Erfolg, hohes Anspruchsverhalten)“ (Wunsch 2013, S. 99 ff.)

Da traumatische Erlebnisse besonders schwerwiegende Risikofaktoren darstellen, werden diese einzeln aufgeführt:

- Natur-, technische oder durch Menschen verursachte Katastrophen (wie Erdbeben, Vulkanausbruch, Flugzeugabsturz, Hochwasser, Schiffsunglück, Brände oder Atomreaktorunfall)
- Kriegs- und Terrorerlebnisse, politische Gewalt, Verfolgung, Vertreibung und Flucht
- Schwere (Verkehrs-)Unfälle
- Gewalttaten (direkte Gewalterfahrung, wie z. B. körperliche Misshandlung, sexueller Missbrauch, Vernachlässigung, Kindesentführung, Geiselnahme, Raubüberfall oder seelische Gewalt)
- Beobachtete Gewalterlebnisse (indirekte Gewalterfahrung, z. B. Beobachtung von Verletzung, Tötung, Folterung von nahen Bezugspersonen, Gewalt in den Medien)
- Diagnose einer lebensbedrohenden Krankheit und belastende medizinische Maßnahmen
- Tod oder schwere Erkrankung eines bzw. beider Elternteile

3.1.2 Spezifische Wirkmechanismen

Die Definition von Risikofaktoren impliziert, dass nicht jede Risikobelastung eine psychische Störung oder eine unangepasste Entwicklung determiniert, sondern nur, dass eine erhöhte Wahrscheinlichkeit dafür besteht. Ob ein Risikofaktor Folgen mit sich bringt, hängt von vielen weiteren Aspekten, den spezifischen Wirkmechanismen, ab. Im Entwicklungsverlauf von Menschen lassen sich Phasen erhöhter Vulnerabilität erkennen, in denen sie besonders anfällig für risikoerhöhende Faktoren sind. Typisch dafür sind sogenannte Transitionen, wie z. B. der Eintritt in die Kindergartenzeit oder die Pubertät. Da sich in diesen Entwicklungsübergängen bestehende Gewohnheiten und Beziehungen ändern, werden an das Individuum viele Entwicklungsanforderungen gleichzeitig gestellt, und die Wahrscheinlichkeit einer inadäquaten Entwicklung oder der Entstehung einer psychischen Störung erhöht sich, wenn in solchen Phasen zusätzlich risikoerhöhende Situationen auftreten. Risikobedingungen treten darüber hinaus selten isoliert in Erscheinung, sondern kumulieren, also häufen sich an. Man spricht von einer Kumulation der Belastungen. Somit sind Risikobedingungen als Indikatoren für ein Zusammentreffen verschiedener Risiken zu sehen. So haben Kinder, die in chronischer Armut aufwachsen, mit höherer Wahrscheinlichkeit arbeitslose, psychisch kranke, alkoholabhängige oder alleinerziehende Eltern und verfügen oftmals über mehr Gesundheitsgefährdungen durch schlechte Ernährung und Pflege sowie beengte Wohnverhältnisse. Mehrere, gemeinsam auftretende Risikofaktoren können sich demzufolge summieren oder gegenseitig verstärken. Mit zunehmender Risikobelastung steigt dann die zu erwartende Entwicklungsbeeinträchtigung an. Je mehr Risikofaktoren als negative Entwicklungsprädikatoren vorliegen, desto geringer ist die verbleibende Varianz für potenzielle Schutzmechanismen. Deshalb sind Kinder mit multipler Risikobelastung besonders entwicklungsgefährdet, da sich protektive Effekte am schwersten nachweisen lassen. Ein weiteres wichtiges Kriterium zur Abschätzung kindlicher Entwicklungsrisiken ist die Dauer bzw. Kontinuität der Belastung. Je nachdem, wie lang eine Person einer risikoerhöhenden Situation ausgesetzt ist, steigt die Wahrscheinlichkeit einer langfristigen Veränderung der Kompetenzen bzw. Bewältigungsmöglichkeiten und des biopsychosozialen Wohlbefindens. Langanhaltende und immer wiederkehrende negative Einflüsse können einen chronischen Charakter entwickeln und zu einer sogenannten Risikopersönlichkeit führen. Von weiterer Bedeutung ist die Abfolge im Auftreten risikoerhöhender Bedingungen. Risikoerhöhende Faktoren zu einem früheren Zeitpunkt in der Entwicklung eines Kindes steigern die Wahrscheinlichkeit für weitere risikoerhöhende Bedingungen zu späteren Zeitpunkten im Entwicklungsverlauf.

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Titel: Resilienz. Resultat biologischer Prädispositionen oder Resultat von Sozialisationsprozessen?