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Trainingswissenschaftliche Darstellung der Fußball-Jugendarbeit der Boca Juniors (Argentinien)

Examensarbeit 2003 153 Seiten

Sport - Bewegungs- und Trainingslehre

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Allgemeine trainingswissenschaftliche Grundlagen des Jugendtrainings im Fußball
2.1 Faktoren der sportlichen Leistungsfähigkeit des jugendlichen Fußballers
2.2 Verbesserung der sportlichen Leistungsfähigkeit des jugendlichen Fußballers durch Training
2.2.1 Prinzipien des sportlichen Trainings
2.2.1.1 Prinzipien der Belastung zur Auslösung von
2.2.1.2 Anpassungseffekten
2.2.1.3 Prinzipien der Zyklisierung zur Sicherung der Anpassung
2.2.1.4 Prinzipien der Spezialisierung zur Spezifizierung des Trainings
2.2.1.5 Prinzipien der Proportionalisierung
2.2.2 Periodisierung des sportlichen Trainings
2.2.2.1 Modell der regelmäßigen Belastungsgestaltung
2.2.2.2 Modell der akzentuierten Belastungsgestaltung
2.2.2.3 Modell der konzentrierten Belastungsgestaltung
2.2.3 Der langfristige Trainingsaufbau des Fußballjugendtrainings
2.2.4 Sportbiologische Grundlagen zur Verbesserung der sportlichen Leistungsfähigkeit von jugendlichen Fußballern im Alter von 17/18 Jahren

3 Allgemeine Rahmenbedingungen der Jugendarbeit der Boca Juniors
3.1 Allgemeine Struktur der Nachwuchsförderung und des Jugendligasystems in Argentinien
3.2 Trainingszeiten und –bedingungen
3.3 Medizinische Betreuung
3.4 Psychologische Betreuung
3.5 Unterbringung und soziale bzw. pädagogische Betreuung

4 Das Training der konditionellen Fähigkeiten
4.1 Ausdauer und Ausdauertraining des Jugendfußballspielers
4.1.1 Begriffsbestimmung
4.1.2 Arten der Ausdauer
4.1.3 Bedeutung der Ausdauer für die sportliche Leistungsfähigkeit des jugendlichen Fußballspielers
4.1.4 Trainingswissenschaftliche, sportbiologische und sportmedizinische Grundlagen des Ausdauertrainings von 17/18jährigen Fußballspielern
4.1.4.1 Muskelfaser und –zelle
4.1.4.1.1 Muskelfaserzusammensetzung
4.1.4.1.2 Energiebereitstellung in der Muskelzelle
4.1.4.1.3 Metabolische Enzymaktivität
4.1.4.1.4 Hormonelle Regulationsmechanismen
4.1.4.2 Herz-Kreislauf-System
4.1.4.2.1 Gefäßversorgung
4.1.4.2.2 Blut
4.1.4.2.3 Herz
4.1.4.3 Immunsystem
4.1.4.4 Parameter zur Beurteilung der aeroben Ausdauerleistungsfähigkeit von jugendlichen Fußballern
4.1.4.4.1 Maximale Sauerstoffaufnahme (VO2max)
4.1.4.4.2 Anaerobe Schwelle
4.1.4.5 Methoden des Ausdauertrainings im Fußball
4.1.5 Das Ausdauertraining der U18/U19-Junioren der Boca Juniors
4.1.5.1 Training der Ausdauer durch die Entwicklung ihrer funktionellen Teilbereiche
4.1.5.1.1 Training des aeroben regenerativen Bereichs
4.1.5.1.2 Training des aeroben Basisbereichs
4.1.5.1.3 Training des mittleren aeroben Bereichs
4.1.5.1.4 Training des hohen aeroben Bereichs
4.1.5.1.5 Training des anaeroben Toleranzbereichs
4.1.5.2 Training der Ausdauer durch Drills
4.1.5.3 Training der Ausdauer durch angewandte Spielformen
4.1.5.3.1 Parteiballspiele
4.1.5.3.2 Tschechenrolle
4.1.5.3.3 Fußball
4.1.5.4 Periodisierung des Ausdauertrainings
4.1.5.4.1 Ausdauertraining im Verlauf eines Jahrestrainingszyklus
4.1.5.4.2 Ausdauertraining innerhalb einer Trainingseinheit
4.1.5.5 Verwendung von Ausdauertests und -kontrollformen zur
4.1.5.6 Leistungsdiagnostik, Trainingsplanung und –steuerung
4.2 Kraft und Krafttraining des Jugendfußballspielers
4.2.1 Begriffsbestimmung
4.2.2 Arten der Kraft
4.2.3 Bedeutung der Kraft für die sportliche Leistungsfähigkeit des jugendlichen Fußballspielers
4.2.4 Trainingswissenschaftliche, sportbiologische und sportmedizinische Grundlagen des Krafttrainings von 17/18jährigen Fußballspielern
4.2.4.1 Energiebereitstellung in der Muskelzelle
4.2.4.2 Muskelfaserhypertrophie und -hyperplasie
4.2.4.3 Intramuskuläre Koordination
4.2.4.4 Intermuskuläre Koordination
4.2.4.5 Methoden des Krafttrainings im Fußball
4.2.5 Das Krafttraining der U18/U19-Junioren der Boca Juniors
4.2.5.1 Kraftausdauertraining
4.2.5.1.1 Allgemeine Kräftigung der Rumpfmuskulatur
4.2.5.1.2 Allgemeine Kräftigung der am Becken angreifenden Muskulatur
4.2.5.1.3 Kraftausdauertraining der unteren Extremitäten
4.2.5.2 Schnellkraftausdauertraining
4.2.5.2.1 Sprungserien im Sand
4.2.5.2.2 Sprungserien auf Treppen
4.2.5.2.3 Sprungserien am Platz mit Zusatzgewicht (Sandsack)
4.2.5.3 Maximalkrafttraining
4.2.5.3.1 Maximalkrafttraining über die Muskelquerschnittszunahme
4.2.5.3.2 (Hypertrophie)
4.2.5.3.2.1 Partnertragen
4.2.5.3.2.2 Tiefe Kniebeugen
4.2.5.3.2.3 Umsetzen aus Kniehöhe
4.2.5.3.2.4 Stoßen aus der Schulterhalte
4.2.5.3.2.5 Reißen aus Kniehöhe
4.2.5.3.2.6 Bankdrücken
4.2.5.3.3 Maximalkrafttraining über die Verbesserung der intramuskulären Koordination
4.2.5.3.4 Maximalkrafttraining über die Verbesserung der intermuskulären Koordination
4.2.5.4 Schnellkrafttraining
4.2.5.4.1 Hochsprünge in Form von „Counter-Movement-Jumps“
4.2.5.4.2 Nichtplyometrische Sprungformen über Hindernisse
4.2.5.4.3 Kleine Plyometrie
4.2.5.4.4 Mittlere Plyometrie
4.2.5.4.5 Große Plyometrie
4.2.5.5 Periodisierung des Krafttrainings
4.2.5.5.1 Krafttraining im Verlauf eines Jahrestrainingszyklus
4.2.5.5.2 Krafttraining innerhalb einer Trainingseinheit
4.2.5.6 Verwendung von Krafttests und -kontrollformen zur
4.2.5.7 Leistungsdiagnostik, Trainingsplanung und –steuerung
4.3 Schnelligkeit und Schnelligkeitstraining des Jugendfußballspielers
4.3.1 Begriffsbestimmung
4.3.2 Arten der Schnelligkeit
4.3.3 Bedeutung der Schnelligkeit und ihrer Teilfähigkeiten für die sportliche Leistungsfähigkeit des jugendlichen Fußballspielers
4.3.4 Trainingswissenschaftliche, sportbiologische und sportmedizinische Grundlagen des Schnelligkeitstrainings von 17/18jährigen Fußballspielern
4.3.4.1 Muskulatur
4.3.4.1.1 Art der Muskulatur
4.3.4.1.2 Kraft der Muskulatur
4.3.4.1.3 Energiebereitstellung in der Muskulatur
4.3.4.2 Zentrales und peripheres Nervensystem
4.3.4.3 Sonstige Einflussfaktoren
4.3.4.4 Methoden des Schnelligkeitstrainings im Fußball
4.3.5 Das Schnelligkeitstraining der U18/U19-Junioren der Boca Juniors
4.3.5.1 Allgemeine Koordinationsschulung durch
4.3.5.2 Laufkoordinationsschulung
4.3.5.3 Training der Antrittsschnelligkeit bzw. des
4.3.5.4 Beschleunigungsvermögens
4.3.5.5 Training des Reaktionsvermögens in Verbindung mit der
4.3.5.6 Antritts-, Aktions- bzw. Handlungsschnelligkeit
4.3.5.7 Schnelligkeitsspezifisches Krafttraining
4.3.5.8 Spielintegriertes Schnelligkeitstraining
4.3.5.9 Periodisierung des Schnelligkeitstrainings
4.3.5.9.1 Schnelligkeitstraining im Verlauf eines Jahrestrainingszyklus
4.3.5.9.2 Schnelligkeitstraining innerhalb einer Trainingseinheit
4.3.5.10 Verwendung von Schnelligkeitstests und -kontrollformen zur Leistungsdiagnostik, Trainingsplanung und -steuerung
4.4 Beweglichkeit und Beweglichkeitstraining des Jugendfußballspielers
4.4.1 Begriffsbestimmung
4.4.2 Arten der Beweglichkeit
4.4.3 Bedeutung der Beweglichkeit für die sportliche Leistungsfähigkeit des jugendlichen Fußballspieler
4.4.4 Trainingswissenschaftliche, sportbiologische und sportmedizinische Grundlagen des Beweglichkeitstrainings von 17/18jährigen Fußballspielern
4.4.4.1 Gelenkstruktur
4.4.4.2 Muskelmasse
4.4.4.3 Muskeltonus
4.4.4.4 Reflexmechanismen in der Muskulatur
4.4.4.5 Muskeldehnungsfähigkeit
4.4.4.6 Dehnungsfähigkeit der Sehnen, Bänder, Gelenkkapseln und der Haut
4.4.4.7 Alter
4.4.4.8 Muskuläre Ermüdung
4.4.4.9 Arbeitsamplitude
4.4.4.10 Methoden des Beweglichkeitstrainings im Fußball
4.4.5 Das Beweglichkeitstraining der U18/U19-Junioren der Boca Juniors
4.4.5.1 Statisches Beweglichkeitstraining („Stretching“)
4.4.5.1.1 Zähes Dehnen
4.4.5.1.2 Anspannungs-Entspannungs-Dehnen
4.4.5.1.3 („Contract-Relax-Methode“)
4.4.5.1.4 Anspannungs-Entspannungs-Dehnen bei gleichzeitiger
4.4.5.1.5 Kontraktion des Antagonisten
4.4.5.2 Aktiv-Dynamisches Beweglichkeitstraining („Ballistics“)
4.4.5.3 Periodisierung des Beweglichkeitstrainings
4.4.5.3.1 Beweglichkeitstraining im Verlauf eines Jahrestrainingszyklus
4.4.5.3.2 Beweglichkeitstraining innerhalb einer Trainingseinheit
4.4.5.4 Verwendung von Beweglichkeitstests und –kontrollformen zur Leistungsdiagnostik, Trainingsplanung und –steuerung

5 Das Training der koordinativen Fähigkeiten
5.1 Allgemeine Grundlagen
5.2 Das Training der koordinativen Fähigkeiten der U18/U19-Junioren der Boca Juniors

6 Das Training der sportlichen Technik
6.1 Allgemeine Grundlagen
6.2 Das Techniktraining der U18/U19-Junioren der Boca Juniors

7 Das Training der sportlichen Taktik
7.1 Allgemeine Grundlagen
7.2 Das Taktiktraining der U18/U19-Junioren der Boca Juniors

8 Komplexe Gesamtperiodisierung der verschiedenen Leistungskomponenten

9 Psychische Einflussfaktoren auf die Leistungsfähigkeit der jugendlichen Fußballer

10 Soziale Einflussfaktoren auf die Leistungsfähigkeit der jugendlichen Fußballer

11 Zusammenfassung

12 Literaturdiskussion

13 Literaturverzeichnis

14 Anhang
14.1 Video-CD
14.2 Danksagung
14.3 Eidesstattliche Erklärung

1 Einleitung

Der argentinische Profifußballspieler ist das vielleicht qualitativ hochwertigste „Exportprodukt“, das dieses von Wirtschaftskrisen gebeutelte Land zu bieten hat. „Importeur“ Nummer eins sind die finanzkräftigen Klubs der großen europäischen Ligen in Spanien, Italien, England und gerade in letzter Zeit auch vermehrt in Deutschland.

Die fußballerische Elite Argentiniens spielt nahezu ausnahmslos in Europa. So bestand die Nationalmannschaft Argentiniens bei der Weltmeisterschaft 2002 in Japan und Südkorea bis auf eine einzige Ausnahme aus „Europalegionären“.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Anzahl der in europäischen Ländern spielenden argentinischen Profifußballer (Banco de datas de futbol argentino 2003).

Wie in Tabelle 1 zu sehen ist, spielen 318 argentinische Profifußballer in Europa. Allein in Spanien könnten die Argentinier zehn komplette Fußballmannschaften stellen. Auch in Deutschland verdienen immerhin 13 argentinische Profis ihr Geld.

Spieler wie Saviola oder Aimar zeigen, dass argentinische Talente schon in sehr jungen Jahren den Schritt nach Spanien in die wohl stärkste Liga der Welt erfolgreich schaffen und dort in kürzester Zeit sogar zu absoluten Leistungsträgern avancieren können.

Diese Spieler bringen trotz ihrer jungen Jahre schon Erfahrung aus mehreren Spielzeiten in der ersten argentinischen Liga mit. Aufgrund der wirtschaftlichen Situation der Vereine dort bleibt diesen nichts anderes übrig als verstärkt auf gute Nachwuchsarbeit zu setzen und junge Spieler aus der eigenen Jugend früh in den Profikader zu integrieren. 54,4% der Profispieler in der ersten argentinischen Liga verdienen in dem Verein ihr Geld, in dem sie auch in der Jugend schon gespielt haben (vgl. Ole 2003, 16 ff.). Für die Vereine bedeutet dies, dass sie im Schnitt über die Hälfte des Kaders aus der eigenen Jugend rekrutieren. Im Fall des Klubs Velez Sarsfield stammen sogar 23 von 25 Lizenzspielern aus der eigenen Nachwuchsarbeit (vgl. Ole 2003, 92 f.).

Debüts von Jugendspielern mit 17 oder gar 16 Jahren in der ersten Liga sind in Argentinien keine Seltenheit. In den Kadern der Mannschaften der ersten argentinischen Liga befanden sich in der Rückrunde der Saison 02/03 im Schnitt 1,7 Jugendspieler - das heißt Spieler vom Jahrgang 1984 oder jünger - die für die A-Junioren-Meisterschaft noch spielberechtigt wären (vgl. Ole 2003, 14 ff.). In Deutschland lag dieser Wert zum Vergleich bei 0,56 Jugendspielern pro Bundesligamannschaft (vgl. Sport1 2003).

Das vielfach in den deutschen Medien diskutierte Problem, dass ausländische Profis jungen deutschen Talenten die Plätze in den Bundesligamannschaften wegnehmen, und damit deren Entwicklungsmöglichkeiten einschränken, ist nicht von der Hand zu weisen. Die erste argentinische Liga hat eine Ausländerquote von 6,5% (vgl. Ole 2003, 14 ff.), während in der Bundesliga mehr Ausländer (52,89%) als Deutsche spielen (vgl. Fußballdaten 2003).

Das weltweit führende Niveau des argentinischen Nachwuchsfußballs wird durch die Erfolge der U-21-Nationalmannschaft in den letzten Jahren verdeutlicht. Die argentinische Auswahl gewann drei der letzten vier U-21-Weltmeisterschaften (2001, 1997, 1995) und ebenfalls drei der letzten vier U-21-Südamerikameisterschaften (2003, 1999, 1997). Die jungen argentinischen Spieler scheinen in ihrer fußballerischen Entwicklung wesentlich weiter zu sein als gleichaltrige Jugendliche in anderen Ländern.

Als Beispiel argentinischer Nachwuchsarbeit wird der weltbekannte Klub Boca Juniors herangezogen und dessen Jugendarbeit im Bereich der U18/U19-Junioren ausführlich vorgestellt und trainingswissenschaftlich diskutiert. Der Autor der Zulassungsarbeit hospitierte zu diesem Zweck von Anfang September 2002 bis Ende März 2003 beim Konditionstrainer Eduardo Espona der entsprechenden Altersklassen von Boca. Der Verein ist innerhalb Argentiniens bekannt für seine gute Nachwuchsarbeit, was sich auch durch den Gewinn des Challenger Cups in den letzten beiden Jahren (2001, 2002) widerspiegelt. Diese Trophäe wird vom Argentinischen Fußballverband AFA an den Klub vergeben, dessen Jugendmannschaften sämtlicher Altersklassen in der Summe die meisten Punkte in den verschiedenen ersten argentinischen Jugendligen sammeln konnten. Damit kann diese Wertung als Maßstab für die altersübergreifende Jugendarbeit der Vereine gesehen werden.

Zu Beginn der Arbeit sollen zunächst einmal recht knapp die Faktoren der sportlichen Leistungsfähigkeit des jugendlichen Fußballers definiert und allgemeine trainingswissenschaftliche, sportbiologische und altersspezifische Grundlagen zur Verbesserung derselben gelegt werden. Anschließend werden die allgemeinen Rahmenbedingungen der Nachwuchsarbeit von Boca vorgestellt, die auf dem Weg zum Erreichen des langfristigen und übergeordneten Ziels anzutreffen sind. Dies ist die Ausbildung möglichst vieler Jugendspieler, die den Erfordernissen des eigenen Profikaders gerecht werden und in diesen möglichst reibungslos eingegliedert werden können.

Jeder konditionellen Fähigkeit und deren Training ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Es wird jeweils ein allgemeiner Teil vorangestellt, in dem die wichtigsten verwendeten Begriffe definiert, die Bedeutung der jeweiligen konditionellen Fähigkeit für die Leistungsfähigkeit des jugendlichen Fußballers herausgestellt und fähigkeitsspezifisch altersspezifische, trainingswissenschaftliche, sportbiologische und sportmedizinische Grundlagen gelegt werden. Anschließend wird das Training der jeweiligen Fähigkeit bei den U18-/U19-Junioren der Boca Juniors unter Berücksichtigung der verschiedenen verwendeten Trainingsinhalte und –methoden sowie deren Periodisierung vorgestellt und diskutiert.

Aufgrund des begrenzten Darstellungsvolumens wird auf das Training der koordinativen, technischen und taktischen Fähigkeiten bei weitem nicht in der Ausführlichkeit eingegangen, wie dies bei den konditionellen Fähigkeiten der Fall war.

Die verschiedenen Komponenten des Trainings (Ausdauer, Kraft, etc.) werden in der Folge zu einer komplexen Gesamtperiodisierung der Leistungskomponenten in Bezug auf den Jahrestrainingszyklus zusammengefügt.

Abschließend werden psychische und soziale Faktoren beleuchtet, die Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit der jugendlichen Fußballer haben können.

Auf eine Vorstellung und Diskussion des speziellen Torwarttrainings wird in der Arbeit verzichtet, da die jugendlichen Torhüter am normalen gesamtmannschaftlichen Konditionstraining teilnehmen, auf dem das Hauptaugenmerk der Arbeit liegt.

2 Allgemeine trainingswissenschaftliche Grundlagen des Jugendtrainings im Fußball

2.1 Faktoren der sportlichen Leistungsfähigkeit des jugendlichen Fußballers

„Die sportliche Leistungsfähigkeit stellt den Ausprägungsgrad einer bestimmten sportmotorischen Leistung dar und wird aufgrund ihres komplexen Bedingungsgefüges von einer Vielzahl spezifischer Faktoren bestimmt“ (Weineck 1997, 21). Aus Abbildung 1 (S. 11) gehen die zahlreichen Komponenten hervor, welche die spezielle Leistungsfähigkeit des jugendlichen Fußballers beeinflussen.

Im Bereich der konstitutionellen und gesundheitlichen Faktoren ist im Jugendalter insbesondere auf entwicklungsbedingte Unterschiede zu achten.

Bei den Eigenschaften und Komponenten, welche die psychischen und sozialen Fähigkeiten beeinflussen, wie z.B. die Persönlichkeitsstruktur, kann bei Jugendlichen durch erzieherische Maßnahmen noch deutlich mehr verändert und erreicht werden als bei Erwachsenen. Allerdings ist dies bei postpubertären Fußballern im Alter von 17/18 Jahren bereits deutlich schwieriger als bei jüngeren Spielern.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.2 Verbesserung der sportlichen Leistungsfähigkeit des jugendlichen Fußballers durch Training

Nach Martin/Carl/Lehnertz (1993, 16) ist sportliches Training „ein komplexer Handlungsprozess, der auf die planmäßige Entwicklung bestimmter sportlicher Leistungszustände und deren Präsentation in sportlichen Bewährungssituationen, speziell im sportlichen Wettkampf, ausgerichtet ist“.

Aus sportbiologischer bzw. leistungsphysiologischer Sicht ist Training ganz allgemein als ein ständiger Anpassungseffekt an Belastung zu verstehen. Dabei sind Trainingsreize als Störung der Homöostase, also des biochemischen Gleichgewichts, die Ursache für adaptative Veränderungen der beanspruchten Systeme. „Die Entwicklung des Adaptationsniveaus (Trainingszustandes) erfolgt bei Trainingsbeginn sehr rasch und wird dann immer langsamer und schwieriger“ (Weineck 1997, 77). Als Ursache dieses Kurvenverlaufs wird der Grad der Veränderung bei der Homöostasestörung genannt, der durch die Verbesserung des Trainingszustandes immer geringer ausfällt.

2.2.1 Prinzipien des sportlichen Trainings

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Allgemeine Belastungsprinzipien des sportl. Trainings (nach Weineck 1997, 29).

In der Folge werden die aus Abbildung 2 hervorgehenden Prinzipien nach Weineck (1997, 28 ff.) kurz charakterisiert:

2.2.1.1 Prinzipien der Belastung zur Auslösung von
2.2.1.2 Anpassungseffekten

„Das Prinzip des trainingswirksamen Reizes beinhaltet die Notwendigkeit, dass der Belastungsreiz eine bestimmte Schwelle überschreiten muss, damit ein Leistungszuwachs erzielt werden kann“.

„Das Prinzip der individualisierten Belastung beinhaltet die Forderung nach Trainingsreizen, die der psychophysischen Belastbarkeit, der individuellen Akzeptanz und den speziellen Bedürfnissen der jeweiligen Sportler entsprechen“.

Nach dem Prinzip der ansteigenden Belastung „müssen die Anforderungen an den Sportler bezüglich der konditionellen, koordinativen, sporttechnischen, taktischen, intellektuellen und willensmäßigen Vorbereitung systematisch gesteigert werden“.

Das Prinzip der richtigen Belastungsfolge ist v. a. in Trainingseinheiten wichtig, in denen mehrere Leistungskomponenten geschult werden:

Am Anfang der Trainingseinheit stehen Übungen, deren Effektivität einen erholten psychophysischen Zustand erfordern (z.B. Koordinations-, Schnelligkeits- und Kraftübungen). Es folgen Übungen, deren Effektivität auf einer unvollständigen Pausengestaltung beruht (z.B. Schnelligkeits- und Kraftausdauerübungen). Am Ende stehen Übungen, die der Schulung der Ausdauer dienen.

Mit dem Prinzip der variierenden Belastung wird versucht, „durch ungewohnte Belastungsmodalitäten weitere Homöostasestörungen mit nachfolgenden Adaptationsvorgängen im Organismus des Sportlers auszulösen“.

Beim Prinzip der wechselnden Belastung geht es um die optimale und so ökonomisch wie mögliche Entwicklung der einzelnen leistungsrelevanten motorischen Eigenschaften. Dazu bedarf es der Kenntnis der unterschiedlichen Regenerationsdauer je nach Belastungsart. Der richtige Wechsel von Belastungen verschiedener Akzentuierung ermöglicht demnach ein Mehr an Umfang und Intensität im Training.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Phasen der Veränderung der Leistungsfähigkeit nach einem Belastungsreiz: 1 = Phase der Abnahme der sportl. Leistungsfähigkeit; 2 = Phase des Wiederanstiegs der sportl. Leistungsfähigkeit; 3 = Phase der Superkompensation bzw. der erhöhten sportl. Leistungsfähigkeit (nach Weineck 1997, 33).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Verbesserung der sportlichen Leistungsfähigkeit durch optimal gesetzte Trainingsreize (nach Weineck 1997, 33).

Das Prinzip der optimalen Relation von Belastung und Erholung zeigt die Voraussetzung für eine Leistungssteigerung: Wiederholte belastungsbedingte Erschöpfungserscheinungen führen in der Erholungsphase zu einer Anhebung des Leistungspotenzials. Belastung und Erholung müssen demnach also als Einheit geplant werden. Die Abbildungen 3-6 demonstrieren die Funktionsweise dieses Prinzips eingehend.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Effekt der „summierten Wirksamkeit“ (nach Weineck 1997, 34).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: Abnahme der sportl. Leistungsfähigkeit durch zu schnell aufeinander folgende Belastungen (nach Weineck, 1997 34).

2.2.1.3 Prinzipien der Zyklisierung zur Sicherung der Anpassung

Kontinuierliche Belastungen - im Sinne einer regelmäßigen Trainingsfolge nach dem Prinzip der kontinuierlichen Belastung - „führen zu einem fortlaufenden Anstieg der sportlichen Leistungsfähigkeit bis zum Erreichen der individuellen, genetisch festgelegten Leistungsgrenze“. Wird die Kontinuität jedoch unterbrochen, kommt es zu einem Abfall der Leistungsfähigkeit.

Das Prinzip der periodisierten Belastung beinhaltet die Tatsache, dass der „Wechsel zwischen Belastung und Entlastung, zwischen Umfangserhöhung und Intensitätserniedrigung etc. einem periodischen Wandel unterzogen werden muss“. Dadurch wird ermöglicht, zum richtigen Zeitpunkt (wichtiger Wettkampf) die optimale Form zu erreichen, ohne dabei das Prinzip der kontinuierlichen Belastung außer Acht zu lassen.

Beim Prinzip der periodisierten Regeneration wird versucht, die bei jahrelang im Hochleistungsbereich trainierenden Spitzenathleten eintretende Stagnation durch eine längere Wettkampfpause (6-12 Monate) in Verbindung mit regenerativen Maßnahmen und dem „Wiederauftanken“ der psychophysischen Reserven zu überwinden.

2.2.1.4 Prinzipien der Spezialisierung zur Spezifizierung des Trainings

Nach dem Prinzip der Altersgemäßheit geplante Trainingsbelastungen müssen auf das biologische Alter der jungen Sportler ausgerichtet sein, um das vorliegende Leistungspotenzial unter Berücksichtigung der „sensiblen Phasen“ zeitgerecht auszuschöpfen.

Das Prinzip der zielgerichteten Belastung schlägt sich in einer zunehmend spezifischeren Auswahl der eingesetzten Trainingsmethoden und –inhalte nieder. Im langfristigen Trainingsprozess äußert sich dies in einer zunehmenden Übereinstimmung der Übungen mit der Bewegungs- und Belastungsstruktur der Zielsportart.

2.2.1.5 Prinzipien der Proportionalisierung

Nach dem Prinzip der optimalen Relation von allgemeiner und spezieller Ausbildung verändern sich die Anteile der allgemeinen und speziellen Methoden und Inhalte des Trainings im Sinne einer zunehmenden Spezialisierung. „Das Allgemeine hat stets dem Speziellen vorauszugehen“.

Das Prinzip der optimalen Relation der Entwicklung der Leistungskomponenten beinhaltet das voneinander abhängige und aufeinander bezogene Training z.B. von Kondition, Technik und Taktik. Da sich die verschiedenen Leistungskomponenten wechselwirkend bedingen oder in extremen Ausprägungen sogar diametral gegenüberstehen (z.B. Schnelligkeit und Ausdauer), ist dies die schwierigste und wissenschaftlich am wenigsten geklärte Forderung.

2.2.2 Periodisierung des sportlichen Trainings

Nach Martin/Carl/Lehnertz (1993, 247) ist Periodisierung „die Festlegung einer Folge von Perioden, deren inhaltliche, belastungsmäßige und zyklische Gestaltung die Herausbildung der optimalen sportlichen Form für einen bestimmten Zeitraum innerhalb des Periodenzyklus ansteuert“.

Ein Fußballer kann sich im Verlaufe eines langjährigen Trainingsprozesses nicht ununterbrochen „in Form“ befinden. Nach Harre (1986, 98) verläuft die Entwicklung der sportlichen Form (bzw. der sportlichen Leistungsfähigkeit) phasenförmig in Phasen der Aneignung, der relativen Stabilisierung und des zeitweiligen Verlusts. Deshalb unterwirft man den Trainingsprozess - nach dem Prinzip der periodisierten Belastung - Gesetzen der Lenkung und Entwicklung der sportlichen Form durch eine zyklisch sich wiederholende Periodisierung. Diese besteht aus kleinen, mittleren und großen Zyklen. Ziel, Inhalt und trainingsmethodischer Aufbau des jeweils größeren Zyklus sind immer für Ziel, Inhalt und Aufbau des kleineren Zyklus bestimmend (Schnabel/Harre/Borde 1994, 417). Es handelt sich dabei um Mikro- (meistens einwöchige Zyklen), Meso- (3-6wöchige Zyklen) und Makrozyklen (meist Halbjahres- oder Jahreszyklen).

Die vielfältigen Aufgaben des Fußballtrainings lassen sich nicht alle gleichzeitig lösen. Nach dem Prinzip der wechselnden Belastung und den Prinzipien der Proportionalisierung ist eine systematische Reihung der Trainingsschwerpunkte notwendig. Diese schlägt sich in Struktur und Inhalt der verschiedenen Trainingszyklen nieder. Außerdem muss nach dem Prinzip der optimalen Relation von Belastung und Erholung in kleinen, mittleren und großen zeitlichen Dimensionen des Trainings ständig ein optimales Belastungs-Erholungs-Verhältnis aufrechterhalten werden um die Adaptationsmöglichkeiten voll ausschöpfen zu können. Deshalb verläuft nach Matwejew (1978, 93 f.) die Trainingsbelastung wellenförmig in kleinen (kennzeichnen die Belastungsdynamik in den Mikrozyklen), mittleren (entsprechen den Mesozyklen) und großen Wellen (Makrozyklen).

Nach Navarro/Pascual/Garcia-Verdugo (2001, 32) kann man Periodisierungsmodelle mit regelmäßiger, akzentuierter und konzentrierter Belastungsgestaltung unterscheiden.

2.2.2.1 Modell der regelmäßigen Belastungsgestaltung

Das Modell der regelmäßigen Belastungsgestaltung basiert auf der klassischen Periodisierung nach Matwejew (1978, 93 ff.). Es handelt sich um eine regelmäßig geordnete Verteilung der Belastungen - orientiert an der Charakterisierung der jeweiligen Mikro- bzw. Mesozyklen und der Perioden (Vorbereitungs-, Wettkampf- und Übergangsperiode) - in die der Makrozyklus unterteilt ist.

Die Entwicklung der sportlichen Form in der Vorbereitungsperiode lässt sich nochmals in zwei Etappen unterteilen: In der ersten - allgemein vorbereitenden - Etappe sollen vor allem durch ansteigenden Belastungsumfang bei noch relativ niedriger Intensität die allgemeinen konditionellen Voraussetzungen und technischen Grundlagen für höhere sportliche Leistungen geschaffen werden. Der Anteil allgemeiner Übungen ist in dieser Etappe größer und der Umfang wettkampfspezifischer Belastungen geringer als in anderen Etappen der Vorbereitungs- und Wettkampfperiode (Harre 1986, 100). In der zweiten - speziell vorbereitenden - Etappe, welche unmittelbar in die Wettkampfperiode übergeht, „überwiegen die spezifischen Mittel unter Verringerung des Umfangs und Erhöhung der Intensität“ (Weineck 1997, 61).

Die Aufgabe der Wettkampfperiode besteht darin, über die hohen Belastungen der verschiedenen Wettkämpfe (Spieltage) die individuelle Höchstform zu entwickeln und zu stabilisieren. Der Trainingsumfang verringert sich, Intensität und Spezifität des Trainings steigen an. Im Fußball prägt die lange Saison von wöchentlichen Spieltagen, durch den sich daraus ergebenden hohen Erholungsbedarf, vor allem den Aufbau der Mikrozyklen in der langen Wettkampfphase.

In der Übergangsperiode kommt es durch das Absinken von Trainingsintensität und –umfang zu einer aktiven Erholung und einem vorübergehenden Verlust der sportlichen Form. Es werden fast ausschließlich allgemeine Trainingsinhalte eingesetzt. Nach Harre (1986, 104) ist die psychophysische Regeneration Voraussetzung dafür, in der neuen Vorbereitungsphase zu einem höheren Belastungsumfang übergehen zu können.

Jeder Mesozyklus ist in diesem Modell in verschiedene Mikrozyklen unterteilt, deren Belastungsdynamik sich, vom letzten abgesehen, von Mikrozyklus zu Mikrozyklus steigert. Damit kommt es zu einer zunehmenden „Aufstockung“ der Ermüdung, was zunächst einen wirkungsvollen Reiz zur maximalen Mobilisation der beteiligten Funktionssysteme darstellt, aber auch einen so genannten Wiederherstellungsmikrozyklus erforderlich macht, in dem die Belastungsanforderungen zeitweilig reduziert werden (vgl. Schnabel/Harre/Borde 1994, 423). Dieser stellt immer die letzte Woche des Mesozyklus dar und soll ein Übertraining verhindern. Die wellenförmige Belastungsdynamik innerhalb eines vierwöchigen Mesozyklus ist also durch die Reihenfolge der verschiedenen Mikrozyklen (Anpassungs-, Belastungs-, Hochbelastungs- und Wiederherstellungsmikrozyklus) und deren unterschiedlicher Belastungsstruktur gegeben.

Im Modell der regelmäßigen Belastungsgestaltung führen Umfang und Intensität durch ihre betont allmähliche Steigerung zu einem sehr großamplitudigen Wellenverlauf. Deshalb ist es gerade für das Jugendtraining besonders gut geeignet, in dem der langfristige Aufbau der sportlichen Leistungsfähigkeit im Vordergrund steht.

2.2.2.2 Modell der akzentuierten Belastungsgestaltung

Bei der akzentuierten Belastungsgestaltung wird die Belastungsdynamik innerhalb der Hauptkomponenten des Trainings (Ausdauer, Kraft, etc.) intensiver gestaltet, auf einen kürzeren Zeitraum begrenzt und die Inhalte bzw. Methoden einer strengen methodischen Ordnung unterzogen. Leistungssteigerung entsteht durch sukzessive Adaptation an Belastungen unterschiedlicher Orientierung. In drei makrozyklischen Phasen kommt es nach Navarro/Pascual/Garcia-Verdugo (2001, 40) in angegebener Reihenfolge zu einer Akzentuierung auf Trainingsinhalte und –methoden, welche

1. die Basisvoraussetzungen für sportliche Leistung verbessern.
2. die spezifischen Voraussetzungen für sportliche Leistung verbessern.
3. die komplexe Wettkampfleistung verbessern.

Die Phasen, in denen bestimmte Belastungen akzentuiert werden, dürfen weder zu kurz noch zu lang sein. Ersteres würde die Adaptationsmöglichkeiten limitieren, während Letzteres die Gefahr einer Überbelastung bestimmter Anpassungssysteme, mit negativen Auswirkungen auf die Entwicklung der Leistungsfähigkeit, birgt.

Da das Modell der akzentuierten Belastungsgestaltung keine Superkompensation in Bezug auf Mesozyklen generiert, es also keine Wiederherstellungswoche gibt, ist es besonders wichtig, die Wiederherstellungszeiten der einzelnen Funktionssysteme sowie der globalen psychophysischen Reserven zu kennen und einzuhalten. Nur mit Hilfe der Kenntnis über den Heterochronismus der Wiederherstellungsprozesse kann eine optimale Belastungsstruktur im Mikrozyklus erreicht werden, die eine mikrozyklusinterne Superkompensation beinhaltet (vgl. Schnabel/Harre/Borde 1994, 420).

Aufgrund der akzentuierten und intensiven Belastungsdynamik ist das Modell nicht für den Anfänger-, Kinder- bzw. frühen Jugendbereich geeignet. Da jugendliche Fußballer mit 17/18 Jahren nach mehreren Jahren regelmäßigen leistungsorientierten Trainings aber bereits ein relativ hohes Leistungsniveau erreicht haben, würden durch eine allmähliche und umfangsbetonte Belastungsgestaltung bei ihnen eventuell nur noch begrenzt Adaptationsreaktionen provoziert werden. Gegen Ende der Adoleszenz sind die Jugendlichen psychophysisch bereits ausreichend belastungsfähig, um die akzentuierten Trainingsreize gut tolerieren zu können. Um die jugendlichen Fußballer auf die konzentrierten Belastungen (siehe unten) vorzubereiten, welche im Profibereich auf sie zukommen, ist das Modell der akzentuierten Belastungsgestaltung v. a. für die U19-Junioren eine ideale Lösung, da es den Übergang zwischen regelmäßiger und konzentrierter Belastungsgestaltung darstellt.

2.2.2.3 Modell der konzentrierten Belastungsgestaltung

Das Modell der konzentrierten Belastungsgestaltung basiert auf zwei fundamentalen Punkten (vgl. Navarro/Pascual/Garcia-Verdugo 2001, 64):

1. Die Konzentration der Trainingsbelastungen orientiert sich an wenigen konkreten kurz- und mittelfristigen Zielen.
2. Diese Ziele werden nacheinander in bestimmten speziellen Trainingsblöcken oder Mesozyklen realisiert.

Es kommt also zu einer noch größeren Konzentration von Volumen und Intensität ausgewählter Belastungen in einem noch kürzeren Zeitraum. Nach einem vorübergehenden Absinken der funktionellen Indizes des Fußballers aufgrund der starken Belastungskonzentration führt eine verzögerte Superkompensation gegen Ende des Makrozyklus zu einer wesentlichen Steigerung der sportlichen Leistungsfähigkeit.

Jeder Makrozyklus besteht nach Navarro/Pascual/Garcia-Verdugo (2001, 64) aus drei Typen von Mesozyklen bzw. Trainingsblöcken. Im Ansammlungszyklus soll das technisch-motorische Potenzial erhöht werden. Im Transformationszyklus geht es um die Transformation dieses Potenzials innerhalb einer spezifischeren Vorbereitung. Und im Realisationszyklus wird versucht, die bestmögliche Leistungsverbesserung im Rahmen des verfügbaren Vorbereitungsniveaus zu erreichen. In Anlehnung an die Anfangsbuchstaben der Mesozyklusnamen wird von ATR gesprochen.

Die den Adaptationsprozess einleitenden notwendigen Homöostasestörungen können bei Hochleistungssportlern nur noch über stark konzentrierte Belastungen hinreichend erzeugt werden. Die Belastungsdynamik im regelmäßigen oder akzentuierten Modell generiert für Fußballer mit höchstem Leistungsniveau einfach nicht die notwendigen Adaptationseffekte. Da es im Profifußball durch den ständigen Erfolgszwang außerdem gar nicht die Zeit für eine parallele langfristige Entwicklung vieler verschiedener Trainingsziele gibt, wird auf das Modell der konzentrierten Belastungsgestaltung zurückgegriffen. Dort beschränkt sich die Trainingsarbeit auf wenige Ziele, die durch die intensive Arbeit an ihnen schneller erreicht werden können. Außerdem ist das ATR-System wesentlich flexibler als ein großer Jahreszyklus, der - einmal aufgestellt - nur noch schwer verändert werden kann.

2.2.3 Der langfristige Trainingsaufbau des Fußballjugendtrainings

Das Training im Kinder- und Jugendbereich kann weder inhaltlich, methodisch noch hinsichtlich seiner Systematik als „reduziertes Erwachsenentraining“ angesehen werden (Martin et al. 1999, 181). Langfristige Perspektiven stehen mehr im Vordergrund und Ziele, Inhalte sowie Methoden unterscheiden sich nach Weineck (1997, 100) in vielfacher Hinsicht gegenüber denen von Erwachsenen, da sich wachstums- und entwicklungsspezifische Besonderheiten ergeben.

Nach Brüggemann (1999, 37 f.) erfolgt die Ausbildung des jungen Fußballers in verschiedenen aufeinander aufbauenden Ausbildungsstufen:

1. Basisausbildung (ca. 5.-8. Lebensjahr): Zeit zur Gewöhnung durch Tätigkeit
2. Grundlagentraining (ca. 8.-12. Lebensjahr): Zeit der situationsspezifischen Normierung durch Trainingsmaßnahmen
3. Aufbautraining I und II (ca. 12.-16. Lebensjahr): Zeit der Erweiterung und Vervollkommnung
4. Leistungstraining (ca. ab 17. Lebensjahr): Zeit der konditionellen Ausprägung und Stabilisierung

Da die Entwicklungsprozesse von Kindern und Jugendlichen altersmäßig individuell unterschiedlich verlaufen, sind die Altersangaben lediglich als Orientierung anzusehen.

Mit der endgültigen Ausprägung aller konditionellen, koordinativen und geistig-psychischen Fähigkeiten können im Training der U18/U19-Junioren die Inhalte und Methoden mit einigen Einschränkungen bereits weitgehend den Charakter des Hochleistungstrainings von Erwachsenen annehmen (vgl. Brüggemann 1999, 56).

2.2.4 Sportbiologische Grundlagen zur Verbesserung der sportlichen Leistungsfähigkeit von jugendlichen Fußballern im Alter von 17/18 Jahren

Nach dem Modell der Entwicklungsstufen von Asmus (1991, 168; in Martin et al. 1999, 38) befinden sich die Jugendlichen mit 17/18 Jahren in der zweiten puberalen Phase (Adoleszenz), welche bei Jungen mit 14/15 Jahren beginnt und bis zum Alter von 18/19 Jahren andauert. Sie bildet, als Phase der körperlichen Ausreifung, den Abschluss der Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen und ist durch eine Abnahme aller Wachstums- und Entwicklungsparameter gekennzeichnet. Allerdings ist zu beachten, dass sich das Wachstum des Knochengerüsts und des Muskel-Band-Apparates nicht selten noch bis in das zweite Lebensjahrzehnt fortsetzt, weshalb erst dann von einer vollständigen Verknorpelung und Verfestigung des Knochenbaus gesprochen werden kann (Brüggemann 1999, 21).

Bei männlichen Jugendlichen ist aufgrund der vermehrten Testosteronausschüttung in der zweiten puberalen Phase eine ausgeprägte Zunahme an Muskelmasse zu beobachten. Der Muskelanteil steigt nach Israel/Buhl (1980, 33; in Weineck 1997, 110) in der Pubertät von 27 auf 40%. Parallel dazu bewirkt der Testosteronanstieg eine Enzyminduktion, die unter anderem zu einer Verbesserung der anaeroben Arbeitsfähigkeit des Muskels führt (Weineck 1997, 110). Die Belastbarkeit des passiven Bewegungsapparats erhöht sich (Harre 1986, 53) genauso wie die psychische Ausgeglichenheit, welche im Wesentlichen auf eine Stabilisierung der hormonellen Regulation zurückzuführen ist (Weineck 1998, 276). In Verbindung mit dem komplexen Einfluss von Schule, Familie und Gesellschaft führt dies nach Weineck (1997, 117) zu einer akzentuierten Persönlichkeitsformung und vermehrten Sozialintegration.

Die Harmonisierung der Körperproportionen, die gesteigerte Kraftzunahme, die stabilisierte Psyche und erhöhte Intellektualität schaffen optimale Bedingungen für Forschritte in der sportlichen Leistungsfähigkeit und lassen so die Adoleszenz zum „zweiten goldenen Lernalter“ werden (Weineck 1998, 276). Die dem Erwachsenen ähnlich hohe psychophysische Belastbarkeit, gepaart mit der noch hohen Plastizität des Zentralnervensystems, erlauben die Absolvierung eines umfangreichen und intensiven Trainingspensums. So beginnt das Höchstleistungsalter in den Sportspielen und speziell auch im Fußball bereits gegen Ende der Adoleszenz (vgl. Harre 1986, 25). Insbesondere bei Juniorenmannschaften von Erstligavereinen, die ihre Jugendlichen auf eine Profifußballkarriere vorbereiten, werden Trainingsmethoden und –inhalte aus dem Erwachsenentraining in dieser Phase mehr und mehr übernommen. Die Jugendmannschaften von Boca sind beispielsweise eine Auswahl der besten und belastungsfähigsten Fußballjungen des jeweiligen Jahrgangs. Deshalb können und müssen die Maßstäbe der Trainingsanforderungen auch dementsprechend hoch gesetzt werden.

Die Adoleszenz ist also aufgrund ihrer entwicklungsbedingten Besonderheiten ideal für die Perfektionierung der fußballspezifischen Techniken und den Erwerb der fußballspezifischen Kondition geeignet.

3 Allgemeine Rahmenbedingungen der Jugendarbeit der Boca Juniors

Bevor das Training der U18/U19-Junioren von Boca auf trainingswissenschaftlicher Basis in allen Einzelheiten besprochen wird, ist es notwendig die Rahmenbedingungen zu kennen, in welche die Fußball-Jugendarbeit in Argentinien im Allgemeinen, und bei Boca im Speziellen, eingebettet ist. Diese sollen nun im folgenden Kapitel vorgestellt werden.

3.1 Allgemeine Struktur der Nachwuchsförderung und des Jugendligasystems in Argentinien

Die verschiedenen Jugend- und Seniorenmannschaften der argentinischen Fußballvereine sind wie in Tabelle 2 (S. 21) strukturiert bzw. eingeteilt.

Vor dem 14. Lebensjahr geschieht die Nachwuchsförderung außerhalb der Vereine in so genannten Fußballschulen. Dort wird in weitestgehend spielerischer Form ein- bis dreimal pro Woche „trainiert“. Regelmäßige Wettkämpfe sind in Form von Kinderfußballligen organisiert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Vergleichende Darstellung der Struktur der Jugend- und Seniorenkategorien eines argentinischen und deutschen Erstligavereins. Eine „2. Division“ existiert nicht.

Innerhalb der Vereine durchläuft ein Jugendlicher die verschiedenen Jahrgangskategorien, bevor er spätestens nach der 4.Division den Sprung in den Profikader geschafft haben muss. Es ist für sehr talentierte Spieler nicht ungewöhnlich, schon aus der 5. oder in Ausnahmefällen auch schon aus der 6.Division in den Profikader berufen zu werden.

Da es keine Amateurmannschaften (2. Mannschaft) gibt, die in einer niedrigeren Liga spielen wie in Deutschland, sind die Profikader in Argentinien zumeist wesentlich größer als hierzulande. Allerdings beinhaltet dieser Kader auch die so genannte Reservemannschaft (3.Division), die in einer, außerhalb der normalen Ligastruktur organisierten, Reserverunde spielt. Die Spiele dieser Runde werden immer als Vorspiel zur Erstligabegegnung im Stadion ausgetragen und erfreuen sich sowohl beim auf das Hauptspiel wartenden Publikum, als auch bei jungen Profispielern, die die Möglichkeit haben sich zu empfehlen bzw. zu präsentieren, großer Beliebtheit.

Für jeden Jahrgang gibt es eine 1.(Jugend-)Liga, in der jeweils die entsprechende Division der Erstligavereine spielt. Steigt die 1.Mannschaft eines Vereins aus der 1. argentinischen Liga ab, so auch sämtliche Kategorien ihrer Jugend. Für den Aufstieg gilt dasselbe.

Die Spieltage der Jugendligen finden, bis auf wenige Ausnahmen, samstags statt. Es spielen immer die 4.-6.Division nacheinander bei Verein A und die 7.-9.Division zeitgleich bei Verein B. Alle Jugendkategorien zweier Vereine spielen also am selben Spieltag gegeneinander. Kommt es gegen Ende der Saison aufgrund von Spieltagausfällen (z.B. wegen starkem Regen) zu Terminnot, so werden auch zusätzlich mittwochs Jugendspieltage ausgetragen.

Die Saison beginnt normalerweise Anfang März und endet Mitte Dezember. Zwischen Hin- und Rückrunde liegt eine Übergangsperiode von etwa vier Wochen (Juli/August), in der aber im Wesentlichen durchtrainiert wird. Die Vorbereitung für die neue Saison beginnt sechs Wochen vor Saisonbeginn, also Ende Januar.

Problematisch für die Trainingsplanung ist die schlechte Organisation der Jugendligen durch den Argentinischen Fußballverband AFA. Es kommt häufig zu kurzfristigen Spielplanänderungen, Spielabsagen oder –verlegungen. Vier Wochen vor Saisonbeginn stand beispielsweise der Termin des ersten Spieltags noch nicht fest. Für die Saison 2003 will die AFA einen neuen Spielmodus einführen. Nach der Hinrunde sollen nur noch die besten Mannschaften eine Meisterschaftsrunde untereinander ausspielen. Allerdings steht bei der Hälfte der Hinrunde immer noch nicht fest wie viele Mannschaften sich dafür qualifizieren und wie oft diese dann untereinander noch einmal gegeneinander spielen. So weiß man nicht genau, bis wann die Saison dauert, ob es eine Pause zwischen Hin- und Meisterschaftsrunde gibt, usw.. Für argentinische Verhältnisse sind das zwar mehr oder weniger „normale“ Zustände, die allerdings eine solide mittel- oder langfristige Trainingsplanung unmöglich machen.

3.2 Trainingszeiten und –bedingungen

Alle Jugendmannschaften trainieren während der Saison täglich (Mo.-Fr.) einmal. Die Kategorien 7-9 trainieren nachmittags und gehen vormittags in die Schule. Bei den älteren Kategorien (4-6) findet die Schule am späten Nachmittag bzw. Abend und das Training vormittags statt. Dadurch wird eine leichtere Eingliederung der Jugendlichen in den Profikader ermöglicht, da dieser auch vormittags und am frühen Nachmittag trainiert. Außerdem besteht bei einem Schulbeginn um ca. 18 Uhr auch für die älteren Jugendmannschaften die Möglichkeit, zwei Trainingseinheiten täglich durchzuführen. Diese wird in der Vorbereitungsperiode ab und an in Anspruch genommen. Der niedrige Stellenwert der Schulbildung der Fußballtalente wird durch die totale Ausrichtung des Tagesablaufs auf den Sport eindrucksvoll deutlich.

Die 5. und 6. Division der Boca Juniors (siehe Bild 1, S. 23), die zum Zwecke dieser Arbeit zwischen September 2002 und März 2003 begleitet wurde, trainieren im konditionellen Bereich immer zusammen mit dem Konditionstrainer (Eduardo Espona) und auch sonst parallel auf demselben Trainingsgelände. Während der Saison beginnt das Training Mo.-Fr. um 9.30h. Trainingsende ist je nach Tag und Trainingspensum zwischen 11.30 und 12.30h. Samstags ist Spieltag, sonntags ist frei. In der Vorbereitungsphase wird Mo.-Sa. etwa zu denselben Zeiten trainiert. Der Trainingsplan ist auf eine Trainingseinheit am Tag ausgelegt, aber da dieser durch diverse Vorbereitungsturniere oftmals nicht erfüllt werden kann, werden die gegebenenfalls versäumten Inhalte durch zusätzliche Nachmittags- und/oder längere Vormittagseinheiten kompensiert. So kam es beispielsweise nach einer längeren Reise (12.-22.01.03) der 5.Division in die Vereinigten Arabischen Emirate anlässlich eines internationalen Einladungsturniers zu einer intensiven Trainingsphase der Saisonvorbereitung mit zwei Trainingseinheiten täglich.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild 1: 5. (weiße T-Shirts) und 6. Division (blaue T-Shirts) der Boca Juniors im Jahr 2003 mit Konditionstrainer Eduardo Espona (7. von links stehend).

Da das vereinseigene Trainingsgelände nicht ausreicht, trainieren die U18/U19-Junioren in einem angemieteten Trainingszentrum außerhalb der Stadt, zu dem die Spieler jeden Tag mit dem Bus ca. 30-40 Minuten hin und dieselbe Zeit zurückgefahren werden. In diesem Trainingszentrum stehen fünf große Rasenplätze, zwei Kleinfeld-Rasenplätze, ein Hartplatz, ein gut ausgestatteter Kraftraum und eine provisorische Turnhalle mit Steinfußboden zur Verfügung.

Die U18- und die U19-Juniorenmannschaften von Boca haben jede ihren eigenen Trainer (Teamchef). Diese sind berühmte ehemalige Spieler der 1.Mannschaft von Boca. Ernesto Mastrangelo coacht die 5.Division. Chino Benitez trainierte 2002 die 6.Division, für die seit 2003 Roberto Mouzo verantwortlich ist. Beide Divisionen teilen sich einen Konditionstrainer (Eduardo Espona), der im normalen Trainingsbetrieb für die Entwicklung der konditionellen Fähigkeiten zuständig ist. Er leitet damit den größten Teil des Trainingsprogramms. Der Hauptteil der Arbeit der Teamchefs liegt im technisch-taktischen Bereich. Allerdings übernimmt auch der Konditionstrainer häufig Trainingseinheiten wie z.B. Drills oder Spielformen, bei denen die technischen-taktischen Fähigkeiten genauso trainiert werden wie die konditionellen.

Die Trainingsplanung des Konditionstrainers Eduardo Espona wurde in der Saison 2002 nach dem Modell der regulären Belastungsfolge und 2003 nach dem Modell der akzentuierten Belastungsfolge erstellt. Daraus ergeben sich z. T. wesentliche Unterschiede in der Periodisierung der Trainingsinhalte und –methoden, welche im jeweiligen Kapitel über Periodisierung ausführlich erörtert werden. Es wird in der Folge, wenn es um Periodisierung geht, also immer zwischen den beiden Spielzeiten unterschieden.

3.3 Medizinische Betreuung

Die medizinische Betreuung für beide Divisionen zusammen wird von einem Arzt und einem Physiotherapeuten übernommen, die vor sowie während und nach dem Training anwesend sind und aufgesucht werden können. Verletzte Spieler werden während der Trainingszeit vom Physiotherapeuten therapiert. Dazu stehen neben den normalen physio- und trainingstherapeutischen Maßnahmen auch Geräte zur Ultraschall- und Elektrotherapie zur Verfügung. Angeschlagene Spieler, die am normalen Training teilnehmen können, werden vorher vom Arzt untersucht und evtl. vom Physiotherapeuten therapiert (Ultraschall- oder Elektrotherapie) oder getapet. Rekonvaleszente und angeschlagene Spieler, die nicht mehr mit dem Physiotherapeuten arbeiten, bilden eine extra Trainingsgruppe, die vom Konditionstrainer Anweisungen für das Training erhält. Nach und nach werden diese Spieler dann wieder in das Mannschaftstraining integriert.

Sind spezielle diagnostische Untersuchungsmaßnahmen (Röntgen o. ä.) notwendig, werden die Spieler an die vereinseigene Krankenstation im Stadion überwiesen. Bei Kernspintomographien oder notwendigen chirurgischen Eingriffen wird mit einer auf Sportmedizin spezialisierten privaten Arztpraxis zusammengearbeitet.

Arzt und Physiotherapeut führen eine Datenbank, in der folgende Daten zur Statistikerhebung der Verletzungen festgehalten werden: Art und Datum der Verletzung, Trainingsinhalt und Platzverhältnisse bei denen die Verletzung auftrat, vorgenommene Untersuchungen und Medikation, Genesungsverlauf. Man hofft, durch die Statistikerhebung Hinweise zu bekommen, wie im Training Verletzungsgefahren minimiert werden können.

3.4 Psychologische Betreuung

Allen Spielern steht auch eine psychologische Betreuung zur Verfügung. Die im Jugendhaus wohnenden Jugendlichen können die regelmäßig dort anwesende Psychologin in Anspruch nehmen. Für die anderen kommt die Psychologin einmal die Woche zum Training und kann dort konsultiert werden. Alle Spieler haben regelmäßig zumindest ein kurzes obligatorisches Gespräch mit der Psychologin. Spieler, bei denen von Seiten des Trainerstabs bzw. des Betreuungspersonals psychologische Probleme vermutet werden, können jederzeit zur Psychologin geschickt werden, welche dann wieder Rücksprache mit Trainern oder Betreuern hält.

3.5 Unterbringung und soziale bzw. pädagogische Betreuung

Die Mehrzahl der Spieler wohnt im Jugendhaus von Boca, das sich direkt neben dem vereinseigenen Trainingsgelände, der Geschäftsstelle und dem Stadion („La Bombonera“) im Stadtviertel „La Boca“ befindet. Dieser Komplex, in dem auch die Heimspiele der Jugendmannschaften ausgetragen werden, wird „Casa Amarilla“ (übersetzt: „Gelbes Haus“) genannt (siehe Bild 2).

Nur die aus Buenos Aires stammenden Jugendlichen wohnen normalerweise zu Hause bei ihrer Familie. Sollte diese allerdings in problematischen sozialen oder familiären Verhältnissen leben (z.B. in Armenvierteln) so besteht auch für sie die Möglichkeit, nach „Casa Amarilla“ zu ziehen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild 2: Heimspiel der 5. Division von Boca in „Casa Amarilla“. Im Hintergrund

„La Bombonera“.

In „Casa Amarilla“ gibt es 80 Wohnplätze in Doppelzimmern. Je zwei Doppelzimmer haben ein gemeinsames Bad mit Toilette. Die Jugendlichen werden dort vollständig betreut und verpflegt. Es gibt einen großen Speisesaal, Aufenthaltsräume und einen Fernsehraum. Für argentinische Verhältnisse ist das Jugendhaus geradezu luxuriös ausgestattet. Beim Speiseplan wird auf eine kohlenhydrat-, protein- und vitaminreiche Ernährung geachtet. Die Hausregeln sind relativ streng (keine Mädchenbesuche, Bettruhe, usw.) und auf deren Einhaltung wird viel Wert gelegt. Bei persönlichen Problemen können sich die Jugendlichen jederzeit an die anwesende Herbergsmutter oder Psychologin wenden. Auch die Trainer kümmern sich im Training intensiv um soziale oder persönliche Probleme der Spieler (z.B. Heimweh) und führen Einzel- oder Gruppengespräche.

Neben der möglichen Vollpension und Krankenversorgung erhalten die Jugendspieler keinerlei Verdienst oder Taschengeld vom Verein. Ein Gehalt bekommen die Spieler erst ab dem Zeitpunkt, in dem sie den Sprung in den Profikader geschafft haben, also entweder in der 1.Mannschaft oder der Reservemannschaft spielen. Allerdings ist einer armen Familie in Argentinien auch schon sehr geholfen, wenn sie ein Kind weniger versorgen muss. Außerdem ist es natürlich ein soziales Statussymbol, wenn das Kind in der Jugend von Boca spielen darf und eine hervorragende fußballerische Ausbildung erfährt, die ihm später vielleicht zu einem Profivertrag verhilft. Die nicht im Jugendhaus wohnenden Jugendlichen erhalten Fahrtgeld für die Anfahrt nach „Casa Amarilla“ um von dort mit dem Vereinsbus zum Training oder Spiel zu fahren, oder für die direkte Fahrt zum Trainingsgelände, wenn es für sie günstiger ist. Auch für die Jugendlichen aus anderen Landesteilen, die es sich nicht leisten können, alle paar Monate mal für ein Wochenende nach Hause zur Familie zu fahren, gibt es finanzielle Reiseunterstützung.

Kurzum, es fehlt den Jugendspielern von Boca im Prinzip an nichts. Für alles wird gesorgt. Allerdings ist die Situation aufgrund der großen wirtschaftlichen und kulturellen Unterschiede beider Länder nur schwer mit der von Jugendspielern deutscher Erstligisten zu vergleichen. Diese „verdienen“ neben einer Vollverpflegung im vereinseigenen Jugendgästehaus z. T. bereits Taschengelder von 500€ oder mehr im Monat.

4 Das Training der konditionellen Fähigkeiten

Der Konditionsbegriff soll hier in einer relativ engen Begriffsfassung verstanden werden, in der es zu einer Beschränkung der konditionellen Eigenschaften auf die physischen Faktoren Ausdauer, Kraft, Schnelligkeit und Beweglichkeit kommt (Weineck 1999, 15). Abbildung 7 gibt einen Überblick über die Komponenten der Kondition in diesem Konditionsverständnis.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 7: Komponenten der Kondition des jugendlichen Fußballers (nach Schmidtbleicher et al. 1989, 7; in Weineck 1999, 17).

4.1 Ausdauer und Ausdauertraining des Jugendfußballspielers

4.1.1 Begriffsbestimmung

Nach Weineck (1999, 23) wird unter Ausdauer im Allgemeinen die „psychophysische Ermüdungswiderstandsfähigkeit bei längeren Belastungen und die Fähigkeit zur raschen Wiederherstellung nach Belastung“ verstanden.

4.1.2 Arten der Ausdauer

Die Ausdauer tritt in einer Vielzahl von Erscheinungsformen auf. Sie wird je nach Betrachtungsweise in verschiedene Arten unterteilt (siehe Tabelle 3).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 3: Strukturierung der Ausdauerformen nach ausgewählten Kriterien (nach Grosser 1988, 94; Zintl 1994, 30; Weineck 1997, 141)

Für den Fußballer von Bedeutung ist entsprechend der Wettkampfbeanspruchung vor allem die allgemeine aerobe dynamische Ausdauer, auch Grundlagenausdauer genannt, und die spezielle fußballspezifische anaerobe Ausdauer, auch Sprintausdauer genannt (Weineck 1999, 23).

4.1.3 Bedeutung der Ausdauer für die sportliche Leistungsfähigkeit des jugendlichen Fußballspielers

Zur Erfassung der Ausdauerbelastung können Betrachtungen der Laufstrecken und Laufintensitäten des Fußballspielers während des Spiels herangezogen werden.

Zahlreiche Untersuchungen in den letzten dreißig Jahren ermittelten, je nach Ligazugehörigkeit, individuellem Leistungsniveau, taktischer Aufgabe und Spielposition, mittlere Gesamtlaufleistungen zwischen 9 und 12 km pro Spiel (Saltin 1973; Whitebread 1975; Reilly/Thomas 1976; Whiters et al. 1982; Ekblom 1986; Gerish et al. 1988; Van Gool et al. 1988; Ohashi et al. 1988; in Bangsbo 1993, 24). Winkler (1985, 24; in Weineck 1999, 25) ermittelte sogar Einzelleistungen von über 14 km pro Spiel und beziffert die Gesamtstrecke der im Sprint zurückgelegten Läufe zwischen 500 und 3000m.

Eine quantitative Betrachtung der Bewegungsleistungen während eines Spiels offenbarte, dass im Durchschnitt 83-88% der Spielzeit mit Gehen oder Traben, 7-11% mit zügigem Laufen oder Sprinten und 2-10% mit Stehen verbracht wird (Yamanaka et al. 1988, 33; Mayhew/Wenger 1985, 49; in Weineck 1999, 25).

In mehreren Studien wurde herausgefunden, dass Mittelfeldspieler im Durchschnitt sowohl eine längere Gesamtlaufstrecke im Spiel zurücklegen (Reilly/Thomas 1976; Withers et al. 1982; Ekblom 1986; in Bangsbo 1993, 32), als auch ein durchschnittlich intensiveres Laufpensum (höherer Anteil an zügigem Laufen und Sprints) zu absolvieren haben (Yamanaka et al. 1988, 338; in Weineck 1999, 27).

Messungen der Laktatkonzentration im Blut von Spielern aus der ersten und zweiten dänischen Liga während Meisterschaftsspielen ergaben durchschnittliche Werte von 4,1-6,6 mmol/l in der ersten und 2,4-4,0 mmol/l in der zweiten Halbzeit (Smith et al. 1993; Bangsbo 1992; in Bangsbo 1993, 43).

Die Bedeutung einer gut ausgebildeten Grundlagen- bzw. speziellen Ausdauer für die Leistungsfähigkeit des Fußballspielers kann der Tabelle 4 (S. 29) entnommen werden.

Eine optimal entwickelte Grundlagenausdauer ist nicht nur Grundvoraussetzung für eine hohe spielerische Leistungsfähigkeit auf dem Platz, sondern sie stellt auch „die Grundlage für ein qualitativ und quantitativ hohes Niveau des Trainings zur Entwicklung spezieller Fähigkeiten dar“ (Weineck 1999, 63).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 4: Auswirkungen gut ausgebildeter fußballrelevanter Ausdauerformen auf die Leistungsfähigkeit des Fußballspielers (nach Weineck 1999, 27 ff.).

4.1.4 Trainingswissenschaftliche, sportbiologische und sportmedizinische Grundlagen des Ausdauertrainings von 17/18jährigen Fußballspielern

Um die Wirkung der verschiedenen Trainingsmethoden und –inhalte besser verstehen und adäquater einsetzten zu können, ist es notwendig, über trainingswissenschaftliche, sportbiologische und sportmedizinische Grundlagen Bescheid zu wissen.

4.1.4.1 Muskelfaser und –zelle
4.1.4.1.1 Muskelfaserzusammensetzung

Bei Fußballern ist ein höherer Prozentsatz an schnellzuckenden Muskelfasern (durchschnittlich 60%) als in der Normalbevölkerung (40-50%) festzustellen (Lacour/Chatart 1984, 124; in Weineck 1999, 403).

Nach Zintl (1994, 69) kann es durch häufiges intensives Ausdauertraining zu einer metabolischen Differenzierung der FT-Fasern in Richtung der vorwiegend oxidativ arbeitenden FTa-Fasern kommen. Dies ist aber gerade bei jugendlichen Fußballspielern nicht wünschenswert, da es der Entwicklung eines für den Fußballer so wichtigen höheren Schnelligkeitspotenzials entgegenwirkt.

Generell ist zu beachten, dass es auf höherem Ausprägungsniveau zu einer gegenseitigen Beeinträchtigung der gegensätzlichen konditionellen Fähigkeiten Ausdauer und Schnelligkeit kommt und den Konsequenzen daraus in der Trainingsgestaltung Folge zu leisten ist.

4.1.4.1.2 Energiebereitstellung in der Muskelzelle

Auswirkungen regelmäßigen Ausdauertrainings auf die Energiebereitstellung in der Muskelzelle:

Erhöhung der Glykogenbestände in Muskulatur und Leber bis auf das Doppelte (Israel/Weber 1972, 55; Saltin 1973, 127; Currie et al. 1988, 271; Jacobs et al. 1982, 297; Israel 1988; McKenna et al. 1988, 91; in Weineck 1997, 149).

Erhöhung der intrazellulären Fettspeicher bis zum Dreifachen des Ausgangswertes (Schön 1978, 78; in Weineck 1999, 34).

Bei der Glykogenspeicherauffüllung nach Belastung muss, gerade wegen des bei Jugendlichen weit verbreiteten Fast-Food-Konsums, auf ausreichend kohlenhydratreiche Ernährung geachtet werden. Nur ein Kohlenhydratanteil von mindestens 65-70% der Kalorienaufnahme, dies entspricht etwa 600g pro Tag, garantiert eine vollständige Wiederauffüllung der Glykogenspeicher auch in intensiven Trainings- bzw. Wettkampfphasen (vgl. Weineck 1999, 42).

4.1.4.1.3 Metabolische Enzymaktivität

Regelmäßiges aerobes Ausdauertraining verbessert nach Weineck (1997, 152) die aerobe Enzymkapazität der beanspruchten Muskelgruppen dahingehend, dass die Zahl und die Aktivität der aeroben Enzyme erhöht wird und eine Zunahme und Vergrößerung der Mitochondrien zu beobachten ist. Dadurch werden die Erholungsfähigkeit des Spielers und seine Ermüdungsresistenz gesteigert.

Häufiges, intensives anaerobes Training steigert zwar die anaerobe Enzymkapazität, beeinträchtigt aber gleichzeitig die Leistungskapazität der Mitochondrien (Weineck 1999, 49) und darf somit im Fußballtraining nicht im Übermaß stattfinden. Dies gilt vor allem beim Training mit Kindern und Jugendlichen, die entwicklungsbedingt noch über eine verminderte anaerobe Enzymkapazität verfügen und deren Laktateliminierung und damit auch Erholungsfähigkeit nach anaeroben Belastungen gegenüber dem Erwachsenen noch verringert ist (vgl. Bormann/Pahlke/Peters 1981, 199; in Weineck 1999, 171).

4.1.4.1.4 Hormonelle Regulationsmechanismen

Durch regelmäßiges Ausdauertraining kommt es zu einer Hypertrophie der hormonproduzierenden Drüsen, dadurch zu einer Kapazitätsverbesserung und letztlich zu einer höheren Leistungsmobilisierungsfähigkeit ausdauertrainierter Personen (Weineck 1999, 50). Außerdem wird der Sympatikustonus verringert. Dies wird deutlich durch die Senkung und damit Ökonomisierung des Stresshormonspiegels (Adrenalin, Nonadrenalin) auf gleicher Belastungsstufe und einer Rechtsverschiebung des Hormonsteilanstiegs (erst bei höheren Belastungen).

Da 17/18-Jährige im Allgemeinen die Pubertät bereits hinter sich haben oder sich zumindest an deren Ende befinden, sind sie aus hormoneller und metabolischer Sicht dem Erwachsenen zwar schon sehr nahe, aber eben doch noch nicht ganz gleichzustellen. Keul (1982, 31; in Weineck 1998, 264) fand beispielsweise heraus, dass die Milchsäurebildung, als Indiz für die anaerobe Kapazität, erst zwischen dem 20. und dem 30. Lebensjahr ihr Maximum erreicht. Außerdem sollte auch auf die so genannten „Spätentwickler“ durch Belastungsdifferenzierung optimal eingegangen werden. Diese sind vor allem anaerob aufgrund ihrer noch nicht so ausgeprägten Azidosetoleranz noch nicht so stark belastbar wie „Normal-“ oder gar „Frühentwickler“ im selben kalendarischen Alter.

4.1.4.2 Herz-Kreislauf-System
4.1.4.2.1 Gefäßversorgung

Eine wesentliche Größe für die metabolische Leistungsfähigkeit des Muskels ist dessen Durchblutung. Bei den dafür zuständigen Kapillaren kommt es durch regelmäßiges aerobes Ausdauertraining zu positiven Anpassungserscheinungen. So konnte Schmidt (1978, 14; in Weineck 1997, 158) bei Ausdauertrainierten eine um 41,2% höhere Kapillardichte als bei Normalpersonen feststellen. Außerdem kommt es zu einer Vergrößerung des Kapillarquerschnitts und deren Austauschfläche (vgl. Zintl 1994, 59; Weineck 1997, 163). Die effektivste Methode zur Kapillarisierung ist nach Weineck (1999, 55) die extensive Dauermethode mit einer Mindestlaufzeit von etwa 30 Minuten.

Auch durch die ausdauertrainingsbedingte Optimierung der intramuskulären Blutverteilung, durch Gefäßengstellung in der nicht arbeitenden Muskulatur und Mehrdurchblutung der Arbeitsmuskulatur, wird die Sauerstoff- und Nährstoffversorgung der belasteten Muskeln verbessert.

4.1.4.2.2 Blut

Durch regelmäßiges Ausdauertraining kommt es nach Weineck (1999, 55) zu einer Blutvolumenzunahme von ca. 5 auf 6 Liter. Der Volumenanstieg hat zwei wesentliche leistungsrelevante Auswirkungen. Erstens erhöht die durch das Volumen angestiegene absolute Anzahl an roten Blutkörperchen die Sauerstofftransportkapazität des Blutes beträchtlich und zweitens nimmt die Pufferkapazität des Blutes zu, was sich positiv auf die Ermüdungswiderstandsfähigkeit bzw. Übersäuerungsresistenz der Spieler auswirkt.

4.1.4.2.3 Herz

„Durch Ausdauertraining kommt es bei entsprechender Intensität und ausreichendem Umfang zur Ausbildung eines „Sportherzens“ im Sinne einer Vergrößerung der Herzhöhlen (Dilatation) sowie einer Dickenzunahme (Hypertrophie) der Herzwände.“(Weineck 1997, 160)

So findet man bei Untrainierten Herzgewichte von 250-300g mit einem Volumen von etwa 600-800ml, während bei gut ausdauertrainierten Fußballern Werte von 350-500g bzw. 900-1300ml ermittelt wurden (Mellerowicz/Meller 1972, 16; Israel/Weber 1972, 55; Strauzenberg/Schwidtmann 1976, 497; Nöcker 1976, 109; in Weineck 1998, 88).

Die angesprochene Herzvergrößerung führt zu einer Ökonomisierung der Herzarbeit durch die Zunahme des Schlagvolumens und der damit verbundenen Abnahme der Herzfrequenz. In Ruhe beträgt die Herzfrequenz der Ausdauertrainierten etwa 40 Schläge/min (beim Untrainierten um 70) und das Schlagvolumen ca. 105ml (bei Untrainierten 60-70ml) (Weineck 1999, 57).

Bei Belastung steigt das Herzminutenvolumen bei trainierten Sportlern bis auf 30-40 l/min (bei Untrainierten um 20 l/min) (Mellerowicz/Meller 1972, 16; Strauzenberg/Schwidtmann 1976, 498; in Weineck 1997, 161) was sich in einer wesentlichen Erhöhung der maximalen Sauerstoffaufnahmekapazität widerspiegelt.

4.1.4.3 Immunsystem

Aerobes Ausdauertraining verbessert bei richtiger Dosierung die Abwehrlage des Organismus und stellt damit eine wichtige Basis für die körperliche Gesundheit dar. Diese wiederum ist für den jugendlichen Fußballer eine Grundvoraussetzung für kontinuierliches sportliches Training und damit für eine mögliche Leistungssteigerung.

Liesen et al. (1979; in Hollmann/Hettinger 2000, 409) konnten bereits nach 10- bis 12wöchigem Ausdauertraining signifikante Zunahmen der Ruhewerte für Immunglobine feststellen. Der verbesserte Immunstatus wirkt sich nach Weineck (1997, 164) in Form einer höheren Resistenz des Organismus gegenüber Infektionen und einer höheren Widerstandsfähigkeit gegenüber Wärme- und Kältereizen aus.

Allerdings muss beachtet werden, dass sich nach hohen sportlichen Belastungen das immunologische Abwehrpotenzial durch einen vorübergehenden Abfall der Immunglobine für 2-4 Tage vermindert (vgl. Badtke 1989, 199; Kindermann/Urheusen/Ricken 1989, 32; in Weineck 1999, 59). Auch durch eine vermehrte Ausschüttung von Hormonen (u. a. Kortisol, Adrenalin, Prolaktin) bei übermäßigem psychophysischen Stress, wie z.B. maximalen anaeroben Belastungen oder bitteren Niederlagen, wird das Immunsystem vorübergehend beeinträchtigt und damit die Infektionsanfälligkeit erhöht.

Im Jugendfußballtraining ist deshalb eine übermäßige Stressanhäufung, z.B. durch Straftraining nach Niederlagen oder ganz allgemein durch Überbelastung, zu vermeiden. Beginnende Infekte müssen frühzeitig erkannt werden und die betroffenen Spieler als Folge separat mit stark verminderter Belastung trainieren, oder ganz pausieren. In der Rekonvaleszenzzeit der im Jugendalter sehr häufigen akuten Infektionskrankheiten (z.B. Grippe, Angina, Nebenhöhlen-, Mandelentzündung, etc.) ist auf Ausdauerbelastungen unbedingt ganz zu verzichten, da die Gefahr einer begleitenden entzündlichen oder bakteriellen Erkrankung im Herzbereich besteht (Weineck 1998, 308).

4.1.4.4 Parameter zur Beurteilung der aeroben Ausdauerleistungsfähigkeit von jugendlichen Fußballern
4.1.4.4.1 Maximale Sauerstoffaufnahme (VO2max)

Unter der maximalen Sauerstoffaufnahme versteht man nach Wilmore/Costill (1999, 697) die „maximale Sauerstoffaufnahmekapazität des Körpers bei maximaler Anstrengung“. Sie repräsentiert die Leistungsfähigkeit der sauerstoffaufnehmenden, sauerstofftransportierenden und sauerstoffverwertenden Teilsysteme im Organismus (Atmung, Herz-Kreislauf-System und Muskelzelle) und gilt als das Bruttokriterium für die aerobe Ausdauer (Zintl 1994, 53). Abbildung 8 (S. 34) bietet einen sportartübergreifenden Vergleich.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 8: Ausdauerleistungsfähigkeit von Sportlern verschiedener Sportdisziplinen (die jeweils fünf leistungsfähigsten), ausgedrückt durch die maximale Sauerstoffaufnahmefähigkeit pro kg Körpergewicht (nach Hollmann/Hettinger 1980, 374; in Weineck 1997, 207).

Das VO2max wird in Absolut- und Relativwerten angegeben. Männer erreichen ihre absoluten maximalen Sauerstoffaufnahmewerte mit dem 18.-19. Lebensjahr (Hollmann 1990, 96), also etwa in dem für diese Arbeit interessanten Alter. Dies spricht für die außerordentlich hohe Leistungsfähigkeit des kardiopulmonalen Systems gegen Ende der Adoleszenz. Die auf das Körpergewicht bezogene relative maximale Sauerstoffaufnahme - sie ist zur Beurteilung der allgemeinen aeroben Ausdauerleistungsfähigkeit besser geeignet - liegt im Altersgang bei untrainierten männlichen Personen relativ konstant zwischen 45 und 55 ml/min×kg (Weineck 1997, 215 f.). Bei Elitefußballern wurden in mehreren Studien Werte von 56-69 ml/min×kg ermittelt (Reilly 1993; in Bangsbo 1993, 64).

Die Abbildungen 9 und 10 (S. 35) verdeutlichen die unterschiedliche Entwicklung der absoluten und relativen maximalen Sauerstoffaufnahme im Kinder- und Jugendalter.

Wie Abbildung 11 (S. 35) zeigt, vergrößert sich durch Ausdauertraining nicht nur die maximale Sauerstoffaufnahme, sondern vor allem wird die Fähigkeit des Organismus verbessert, die vorhandene Kapazität über einen längeren Zeitraum entsprechend auszunützen. Während die Trainierbarkeit des VO2max bei maximal 15-20% liegt, kann deren hohe prozentuale Ausnutzung bis zu 45% gesteigert werden (Gaisl 1979, 235; in Weineck 1997, 169).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 9 (oben): Relative maximale Sauerstoffaufnahme im Altersgang bei ausdauertrainierten Kindern und Jugendlichen (nach Daniels et al. 1978, 202; in Weineck 1999, 170).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 10 (links): Absolute maximale Sauerstoffaufnahme als Bruttokriterium der Ausdauerleistungsfähigkeit im Altersgang (10-18 Jahre) (nach Daniels et al. 1978, 201; in Weineck 1999, 169).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 11: Trainingsbedingte Veränderung der maximalen Sauerstoffaufnahme und deren Ausnutzbarkeit (nach Astrand/Rodahl 1970; in Hollmann/Hettinger 2000, 359).

4.1.4.4.2 Anaerobe Schwelle

Die so genannte „anaerobe Schwelle“ definiert die obere Grenze des Laktatgleichgewichts, bis zu der die aerobe Kapazität ausreicht, um den die Leistung beeinträchtigenden Milchsäureanstieg zu verhindern. Jenseits dieser Schwelle kommt

es dann zu einem Steilanstieg der Laktatkurve, da die Eliminierungskapazität des aeroben Systems aufgrund der zu hohen Belastungsintensität überschritten wird (Weineck 1997, 154).

Nicht zu verwechseln ist die „anaerobe“ mit der „aeroben Schwelle“, die nach Berg et al. (1990; in Villinger et al. 1991, 48) „jenen energetischen Zustand bezeichnet, bei dem eine optimale aerobe Energienutzung vorliegt“. Sie stellt die obere Grenze der rein aeroben Energiebereitstellung dar und liegt im Allgemeinen bei etwa 2 mmol Laktat pro Liter Blut (Zintl 1994, 63).

Die „anaerobe Schwelle“ wird entweder empirisch fundiert und mit hoher Allgemeingültigkeit auf eine Blutlaktatkonzentration von 4 mmol/l festgelegt oder individuell über den Punkt in der Laktatkurve ermittelt, an dem die kritische Steigung beginnt. Als das verlässlichste Kriterium für die aerobe Leistungsfähigkeit des Jugendfußballers gilt die Bestimmung der Beziehung zwischen fixer „anaerober Schwelle“ (4 mmol/l) und verschiedener anderer Leistungsparametern wie z.B. Laufgeschwindigkeit, Herzfrequenz, Prozentsatz des VO2max (siehe Tabellen 5 und 6). Je höher die Intensität ist, bei der die anaerobe Schwelle erreicht wird, desto höher ist die aerobe Ausdauer und damit das mittlere Spieltempo, das der Spieler über die gesamte Spielzeit aufrechterhalten kann (vgl. Schnabel/Kindermann/Schmitt 1981, 11; in Weineck 1999, 147).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 5: Werte für die anaerobe Schwelle ausgedrückt in Prozent der maximalen Sauerstoffaufnahme und in der dazugehörigen Herzfrequenz (nach Kindermann et al. 1978, 34; in Zintl 1994, 64).

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Tabelle 6: Richtzahlen für die Laufgeschwindigkeit an der anaeroben Schwelle zur Einschätzung der Ausdauerleistungsfähigkeit (nach Rost/Hollmann 1982, 124; in Weineck 1999, 151)

Intensives Ausdauertraining sollte nach Schmidt et al. (1984, 15; in Weineck 1999, 148) prinzipiell im Bereich der anaeroben Schwelle durchgeführt werden. Da es gerade im Jugendbereich - entwicklungsbedingt - wesentliche Unterschiede in der Ausdauerleistungsfähigkeit zwischen den einzelnen Spielern gibt, ist es zur Trainingssteuerung unbedingt notwendig, die individuellen Herzfrequenzen bzw. Laufgeschwindigkeiten zu kennen, die in diesem Bereich vorliegen.

Generell bleibt festzuhalten, dass das Ausdauertraining während der Pubertät im Allgemeinen, und speziell auch an deren Ende, maßgeblich über die spätere Ausdauerleistungsfähigkeit entscheidet. Wenn in dieser Zeit die funktionelle Anpassungsfähigkeit nicht ausreichend beansprucht wird, ist die optimale Entwicklung der Ausdauerleistungsfähigkeit später nicht mehr erreichbar, und die Leistungsfähigkeit des Fußballspielers bleibt damit limitiert.

Übermäßiges Training der Ausdauer gerade im Jugendbereich wirkt sich negativ auf die Entwicklungsfähigkeit der für den Fußballer so wichtigen Schnelligkeits- und Schnellkrafteigenschaften aus. Die Entwicklung der aeroben Kapazität über eine adäquate Grundlagenausdauer hinaus widerspricht dem Prinzip der optimalen Relation der Entwicklung der Leistungskomponenten und ist nicht sinnvoll. „Nicht eine maximal, sondern eine optimal entwickelte Ausdauerleistungsfähigkeit ist beim Fußballer anzustreben“ (Weineck 1999, 151). Der in Tabelle 6 markierte Optimalbereich für Fußballspieler entspricht, auf Herzfrequenz und Prozentsatz der VO2max bezogen, in etwa den Werten für „Trainierte“ in Tabelle 5.

Ehrich et al. (2002, 34) konnten bei U19-Junioren und Vertragsamateuren von Eintracht Frankfurt eine durchschnittliche Laufgeschwindigkeit an der anaeroben Schwelle von 3,8 bzw. 3,95 m/s feststellen. Dies bestätigt die Annahme, dass A-Junioren einerseits im Durchschnitt zwar über eine noch nicht ganz so gut entwickelte aerobe Kapazität wie Lizenzspieler im Seniorenbereich verfügen, aber andererseits durchaus schon vergleichbare Werte aufweisen können.

Da die Lunge und ihre funktionellen Parameter bei gesunden Menschen normalerweise nicht leistungsbegrenzend sind (Weineck 1998, 179), wurde auf die Erörterung der ausdauertrainingsbedingten Anpassungserscheinungen des Atmungssystems verzichtet.

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Details

Seiten
153
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638378765
ISBN (Buch)
9783638705806
Dateigröße
11.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v38961
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Institut für Sportwissenschaft und Sport
Note
1
Schlagworte
Trainingswissenschaftliche Darstellung Fußball-Jugendarbeit Boca Juniors

Autor

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Titel: Trainingswissenschaftliche Darstellung der Fußball-Jugendarbeit der Boca Juniors (Argentinien)