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Charles de Gaulles Einfluss auf die europäische Integration

Hausarbeit 2005 22 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Europäische Union

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Zur Person: Charles de Gaulle
2.1. Vita
2.2. Führungsstil

3. Europapolitik von Charles de Gaulle
3.1. Erste Gedanken über ein geeintes Europa
3.2. Geeintes Europa: Ja, aber
3.2.1. Fouchet-Pläne
3.3. Deutschland: Ja bitte
3.4. England: Nein danke
3.5. Politik des leeren Stuhls
3.6. „Europa vom Atlantik bis zum Ural“

4. Fazit

5. Quellenverzeichnis

Literatur

Zeitung + Internet

1. Einleitung

Wir fahren mit dem Auto nach Österreich und an der Grenze wartet kein Zöllner mehr. In der Pizzeria am Gardasee bezahlen wir unsere Spaghetti in Euro. Das Wechseln von D-Mark in Lire ist längst Vergangenheit. Überall in Europa – sei es im jeweiligen Landesparlament oder unter den Bewohnern – wird über eine Verfassung für alle Mitgliedsstaaten der Union abgestimmt, die grundlegende Ziele wie Frieden und Wohlergehen für alle festschreibt.

Das vereinigte Europa ohne Grenzen, ohne Geldwechsel ist für uns längst Alltag geworden. Und bald gehören wahrscheinlich auch gemeinsame Grundgesetze dazu. Doch der Weg bis dorthin war weit. Nach dem Zweiten Weltkrieg lagen große Teile Europas in Schutt und Asche, an Vereinigung war noch lange nicht zu denken. Ein paar der wichtigsten Schritte zu unserem heutigen Europa wurden mit Sicherheit in den 60er Jahren gemacht, als Charles de Gaulle Präsident in Frankreich war. Seine europäischen Gedanken, seine Ziele für und mit Europa sollen in dieser Arbeit analysiert werden.

Der erste Abschnitt handelt von der Person de Gaulle, seiner Herkunft, seinem Werdegang, seinen Einstellungen und schließlich auch von seinem Führungsstil. Der zweite Abschnitt beleuchtet die verschiedenen Kapitel der Europapolitik von de Gaulle, von ihren Anfängen in den 40er Jahren bis zur gescheiterten Entspannungspolitik in Osteuropa. Am Ende findet sich noch eine persönliche Einschätzung de Gaullescher Europapolitik.

2. Zur Person: Charles de Gaulle

Um zu verstehen, warum und wie Charles de Gaulle (europapolitisch) gehandelt hat, müssen wir uns erst einmal ein Bild von seiner Person machen: Wie ist er, der heute noch überall „General“ genannt wird, aufgewachsen? Wie ist er in Frankreich zu jener Figur des Widerstands geworden und wie zum Retter der Nation? Mit diesen Fragen beschäftigt sich der erste Teil dieses Kapitels. Der zweite Abschnitt befasst sich mit dem Führungsstil Charles de Gaulles, der schon in seiner Zeit beim Militär keinen Widerspruch duldete und seiner Dickköpfigkeit, die manchen Kompromiss auf europäischer Bühne verhinderte.

2.1. Vita

Charles de Gaulle wächst nach seiner Geburt 1890 in Lille in einem gebildeten, katholischen, moralisch konservativen, aber sozial fortschrittlichen Elternhaus auf[1]. Sein Vater ist Philosophielehrer, in der Familie seiner Mutter gibt es mehrere Universitätsdozenten[2]. Die Familie distanziert sich während der Dreyfus-Affäre von konservativen, nationalistischen Kreisen und sympathisiert mit Alfred Dreyfus, der aus antisemitischen Gründen verurteilt wurde. Charles de Gaulle entscheidet sich für eine Karriere beim Militär, wird 1913 Leutnant und kämpft im 1. Weltkrieg in Deutschland, wo er in Gefangenschaft gerät. Er versucht fünfmal aus seinem Gefängnis in Ingolstadt zu fliehen und scheitert jedes Mal[3].

Nach dem Krieg heiratet er und arbeitet als Lehrer an einer Offiziersschule. In den 20er und 30er Jahren klettert er die Karriereleiter rasch empor, zeichnet sich bei Auslandseinsätzen in Polen und Deutschland aus, wird Generalsekretär des Nationalen Verteidigungsrates, Kommandeur einer Panzerdivision und 1940 schließlich zum jüngsten General der französischen Armee[4]. In der Anfangsphase des Zweiten Weltkrieges hält er sich in London auf, um mit Winston Churchill zu verhandeln. Die französische Regierung hat sich derweil entschlossen, den Waffenstillstand zu verlangen und arbeitet bald auch mit dem Deutschen Reich zusammen[5]. De Gaulle bleibt in London und fordert die Franzosen über den englischen Radiosender BBC auf, an der Seite der Alliierten weiterzukämpfen: „Was auch immer geschehen mag, die Flamme des französischen Widerstands darf und wird nicht verlöschen.“[6] Deswegen wird er in Abwesenheit in seiner Heimat zum Tode verurteilt.

De Gaulle wartet in sicherer Entfernung auf seine Chance, bildet eine Gegenregierung mit Sympathisanten und macht sich bereits Gedanken über die Zukunft Europas, die im dritten Kapitel näher betrachtet wird. 1943 erkennt ihn die Widerstandsbewegung in Frankreich als „Chef aller kämpfenden Gruppen“[7] an, 1944 kehrt er in seine Heimat zurück, übernimmt die Staatsgewalt und wird Ende 1945 zum Ministerpräsidenten gewählt. Er hadert aber mit der Verfassung, die ihm das Regieren erschwert und hält „die Stellung des Präsidenten für zu schwach“[8]. Nur zwei Monate nach seiner Wahl tritt er Anfang 1946 zurück, handelt nur noch als politischer Einzelgänger und „Mahner der Nation“[9], indem er vor allem die Außenpolitik der IV. Republik verurteilt.

Zwölf Jahre dauert es, ehe Frankreich wieder nach de Gaulle ruft. Die Probleme im französischen Kolonialstaat Algerien wachsen der Regierung über den Kopf. Die dortige Armee verweigert Paris den Gehorsam[10]. „Die Hoffnung der Algerienfranzosen ruhte auf General de Gaulle, von dem man wusste, dass er mit den führenden Militärs in Algerien und in Frankreich in Verbindung stand und ihr Vertrauen genoss.“[11] De Gaulle ist bereit zu helfen, verlangt aber weit reichende Vollmachten, die es ihm ermöglichen Präsident René Coty abzusetzen und die Regierung wieder zu übernehmen. De Gaulle ruft die V. Republik aus, die die Rechte des Parlaments erheblich beschneidet, dafür seine Position stärkt[12]. In den folgenden elf Jahren seiner Amtszeit (1965 wird er wiedergewählt) steht die Europapolitik ganz oben auf der Agenda de Gaulles. Die Maiunruhen im Jahre 1968 – angezettelt von Studenten – leiten schließlich den Abgang von de Gaulle ein[13]. Er verliert mehr und mehr an Autorität und tritt im Anschluss an eine eigentlich unwichtige Abstimmung, die er mit der Vertrauensfrage verbindet und verliert, im April 1969 zurück[14]. Im folgenden Jahr stirbt Charles de Gaulle auf seinem Landsitz in Lothringen. In seinem letzten Willen hat er festgelegt, dass an seiner Beerdigung weder Minister noch Politiker teilnehmen dürfen.[15]

2.2. Führungsstil

De Gaulle ist ein geschickter Taktiker. Er versucht ständig präsent zu sein: „Kein gegenwärtiger Staatsmann spricht so viel wie er, keinen hört man häufiger, keinem applaudiert man mehr als ihm.“[16] Wie nützlich dabei die Medien sind, hat de Gaulle früh erkannt. „Vor allem erlaubt ihm das phantastische Mittel des Fernsehens den Einbruch in das Heim seiner Bürger.“[17] Dies bringt ihm zwar Bewunderung in Frankreich. Im Ausland hingegen kommen die Auftritte de Gaulles und seine medialen Botschaften weniger gut an: „[…] – im Grunde empfand die deutsche Öffentlichkeit de Gaulle, wie es die ‚Süddeutsche Zeitung’ später formulierte, immer als ‚sperrige Größe’“.[18] Auch deshalb, weil er mit eiserner Hand regiert: Wenn seine Botschaften über den Bildschirm flimmern, macht er auch immer deutlich, dass er von seinen Landsleuten absolute Gefolgschaftstreue fordert und im Prinzip keinen Widerspruch duldet. Er stellt dies so geschickt an, dass er bei Volksbefragungen, die er regelmäßig ins Leben ruft, nur Zuspruch erntet. „Von denen, die ihm zu Diensten sind, verlangt er keinen ausdrücklichen Treueid, aber er stößt alle jene hinaus in die Finsternis, die sich gegen ihn gestellt und dadurch als Verräter an Frankreich zu gelten haben.“[19] Schon als General hat de Gaulle so viele gleichrangige Militärs ins Gefängnis werfen lassen, wie keiner vor ihm.

De Gaulle verkörpert als Staatsmann einen eiskalten Manager, der heuert und feuert, wie es ihm gefällt. Er gibt sich herrisch und stolz, weil er begriffen hat, dass nur der als Führer respektiert wird, der über allen steht und dies auch immer wieder deutlich macht.[20] De Gaulle hat weder Freunde noch Berater, niemand ist ihm verpflichtet. Den Platz ganz oben, das ist es, was er immer wollte und das er eisern verteidigt. Dank seiner Charakterstärke sei er prädestiniert für diesen Job, davon ist er überzeugt. Charakter heißt für de Gaulle: „Rückhalt des Geistes, Werkzeug der Tat, Voraussetzung für Bewegung.“[21] Politische Führungskräfte in aller Welt bekommen immer wieder zu spüren, wie ausdauernd und hartnäckig, aber auch dickköpfig der französische Präsident ist. Dabei wird ihm auch eine überdurchschnittlich hohe Intelligenz bescheinigt, „[…] die sich wie die Einsteins in einer vierdimensionalen Welt zu bewegen scheint […]“[22]. Gleichzeitig ist de Gaulle aber mindestens so gerissen wie intelligent. Die List wird als eine seiner Hauptwaffen beschrieben, um seine Positionen durchzusetzen. Darüber hinaus beherrscht er auch die Kunst der Verschleierung, gibt immer nur ein bisschen von dem preis, was er vorhat. „Auf welche Weise er sein Ziel zu erreichen gedenkt, das enthüllt er nie.“[23]

[...]


[1] Vgl.: Wikipedia-Lexikon in: http://de.wikipedia.org/wiki/Charles_de_Gaulle#Herkunft_und_Bildung (2005)

[2] Vgl.: Weisenfeld (1966), Seite 159

[3] Vgl.: Murcier (1965), Seite 141

[4] Vgl.: Deutsches Historisches Museum Berlin in: http://www. dhm.de/lemo/html/biografien/GaulleCharlesDe/ (2205)

[5] Vgl.: Weisenfeld (1966), Seite 160

[6] Rogge (2005)

[7] Weisenfeld (1966), Seite 160

[8] Institut für empirische Sozial- und Kommunikationsforschung (Neuss) in: http://www.nrw2000.de/koepfe/degaulle.htm (2005)

[9] Weisenfeld (1966), Seite 161

[10] Vgl.: Weisenfeld (1966), Seite 161

[11] Kraus (1970), Seite 7

[12] Vgl.: Deutsches Historisches Museum Berlin in: http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/GaulleCharlesDe/ (2205)

[13] Vgl.: Woyke (1987), Seite 51

[14] Institut für empirische Sozial- und Kommunikationsforschung (Neuss) in: http://www.nrw2000.de/koepfe/degaulle.htm (2005)

[15] Wikipedia-Lexikon in: http://de.wikipedia.org/wiki/Charles_de_Gaulle

[16] Murcier (1965), Seite 8

[17] Murcier (1965), Seite 12

[18] Noack (1991), Seite 85

[19] Murcier (1965), Seite 11

[20] Vgl.: Murcier (1965), Seite 12

[21] Murcier (1965), Seite 13

[22] Murcier (1965), Seite 14

[23] Murcier (1965), Seite 15

Details

Seiten
22
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638379403
ISBN (Buch)
9783638863650
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v39048
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,3
Schlagworte
Charles Gaulles Einfluss Integration

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