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Neuere Befunde entwicklungsorientierter Forschungen zur Entwicklung der Delinquenz junger Menschen

Seminararbeit 2004 32 Seiten

Jura - Strafprozessrecht, Kriminologie, Strafvollzug

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung

2 Entwicklung und aggressives Verhalten

3 Entwicklung und Delinquenz
3.1 Jugenddelinquente und persistent Delinquente
3.2 Erklärungsmodell von Moffitt
3.3 Risikofaktoren der Jugenddelinquenz
3.4 Informationsverarbeitungsdefizit
3.5 Ergänzende Aspekte zu den Risikofaktoren
3.5.1 Schulisches Klima und Aggression
3.5.2 Soziale Kompetenz, Substanzgebrauch und Delinquenz .
3.5.3 Zu den Motiven jugendlichen Gewaltverhaltens
3.6 Schutzfaktoren gegen Jugenddelinquenz

4 Befragung von Richterinnen und Richtern
4.1 Methode
4.2 Rücklauf
4.3 Ergebnisse
4.4 Diskussion

A Anschreiben und Fragebogen

B Schriftliche Kommentare der Befragten

Zusammenfassung

Jugenddelinquenz ist, bei einer ansonsten gesunden Entwicklung des Jugend- lichen, ein diskontinuierliches Phänomen, das einen Anpassungsversuch an die Erwachsenenwelt darstellt. Davon muß die persistente Delinquenz unterschieden werden, die in der Regel früher beginnt und mit Störungen des Jugendlichen ein- hergeht.

Es werden zunächst die entwicklungstheoretischen Befunde zur Entwicklung von Aggression referiert, da diese mit jenen für Delinquenz überwiegend iden- tisch sind. Anschließend wird die Entwicklung von Jugenddelinquenz am Modell von Moffit erklärt, der von einem Autonomiestreben Jugendlicher ausgeht, das auf die Diskrepanz zwischen biologischer und psycho-sozialer Reife bei Jugend- lichen zurüchgeführt wird.

Die Risikofaktoren für Delinquenz werden vorgestellt, wobei auf das Defizit der Verarbeitung sozialer Informationen bei (persistent) delinquenten Jugendli- chen besonders eingegangen wird. Auch andere Teilaspekte der Risikofaktoren werden erörtert. Schließlich werden auch Schutzfaktoren gegen delinquentes Ver- halten besprochen.

Abschließend wird eine vom Autor im Rahmen der vorliegenden Arbeit durchgeführte Befragung hessischer Richterinnen und Richter zur geschätzten Häufigkeit von Risikofaktoren für Jugenddelinquenz vorgestellt und die Ergebnisse diskutiert. Dabei zeigen sich Übereinstimmungen zwischen den theoretischen Erörterungen und den Angaben der Befragten.

Dankeschön!

In der vorliegenden Seminararbeit wurde der Versuch unternommen, ein inter- essantes Thema kriminologischer Forschung durch eine neugierige Felduntersu- chungen miniaturenoch interessanter für die Seminarteilnehmer zu machen. ÜberErfolg oder Mißerfolg haben allerdings die Adressaten zu entscheiden.

Wie auch immer das Urteil ausfällt, ich möchte den 19 Richterinnen und Richtern an hessischen Amtsgerichten für ihre Teilnahme an diesem Vorhaben danken.

1 Einführung

Betrachtet man die Verteilung aller Tatverdächtigen Deutschen über die Alters- gruppen hinweg, so fällt ein steiler Anstieg der Tatverdächtigenzahl um die Pu- bertät herum auf, gefolgt von einem stetigen allmählichen Absinken dieser Zahl ab dem frühen Erwachsenenalter (Abbildung 1). Diese altersspezifische Vertei- lung gilt als empirisch gesichert und scheint universelle Bedeutung zu haben (Kaiser, 1997).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Tatverdächtigenbelastung der Deutschen bei Straftaten insgesamt. Die Tatverdächtigenbelastungszahl an der Abszisse ist bezogen auf je 100.000 Einwohner derselben Altersgruppe. Quelle: PKS 2002.

Kaiser (ebd.) spricht von einem sozialen ”Schonraum“,indemsichKinder und Jugendliche befänden. Die gesellschaftliche Toleranz gegenüber Fehlverhal- ten sei bis zum Erwachsenenalter relativ groß. Ab dem Eintritt ins Erwachse- nenalter lasse diese Toleranz jedoch schnell nach. Demnach könnte der rapide Anstieg der Tatverdächtigenzahl bis zum frühen Erwachsenenalter mit einer ge- sellschaftlich akzeptierten ”Narrenfreiheit“Jugendlichererklärtwerden,dievon diesen ausgeschöpft wird. Ab dem Erwachsenenalter erhöht sich der Druck, das Erwachsenenstrafrecht kommt zur Anwendung und eine Hemmung des delinquenten Verhaltens durch Abschreckung setzt ein, sodaß die Tatverdächtigenzahl mit dem Alter sinkt.

Andererseits, so Kaiser (ebd.), spreche die Verteilung auch für einenmaturing out effect, also eine Verringerung des delinquenten Verhaltens durch Reifungsprozesse. Diese Erklärung spricht für entwicklungspsychologische Vorgänge, die mit Delinquenz in Verbindung stehen könnten.

In der Tat fällt auf, daß die Mädchen das Maximum ihrer Tatverdächtigenbelastung deutlich früher (14-16 Jahre) erreichen als die Jungen (18-21 Jahre). Dies entspricht der früheren Reifung der Mädchen in anderen Bereichen der körperlichen und psychischen Entwicklung, so treten Mädchen z.B. früher in die Geschlechtsreife ein als Jungen (Oerter & Dreher, 1998). Daß gerade die Geschlechtsreife eine Rolle in neueren Theorien zur Erklärung der Delinquenz Jugendlicher spielt, wird in Abschnitt 3.2 erörtert.

In den folgenden Abschnitten wird es um die Darstellung von Faktoren ge- hen, die nach neueren Erkenntnissen einen Einfluß auf die Entwicklung delin- quenten Verhaltens bereits vorgeburtlich, in der Kindheit und im Jugendalter haben können.

2 Entwicklung und aggressives Verhalten

Die entwicklungspsychologische Forschung konnte zeigen, daß Aggression das stabilste Sozialverhalten des Menschen ist (Petermann, 1998). Das soll heißen, daß Menschen, die aggressives Verhalten zu einem bestimmten Zeitpunkt an den Tag legen, mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem späteren Zeitpunkt in ihrer Entwicklung ebenfalls aggressives Verhalten zeigen. Mit Aggression meint man ein Verhalten, das darauf ausgerichtet ist, eine andere Person direkt oder indirekt zu schädigen (Petermann, ebd.). Es zeigt sich also, daß aggressives Ver- halten in einem direkten Zusammenhang mit Delinquenz steht. Die Risikofakto- ren für delinquentes Verhalten sind daher oft dieselben wie jene für aggressives Verhalten, weshalb die Entstehungsbedingungen für Aggression an dieser Stelle relativ ausführlich besprochen werden sollen.

Die Psyche des Menschen ist ein komplexes System in einer komplexen Um- welt und die Interaktionen zwischen Psyche und Umwelt sind folglich nicht minder komplex. Es gibt also nichtdieUrsache für Aggression oder Delinquenz, vielmehr handelt es sich um ein multikausales Geschehen, in dem einzelne Fak- toren in ihrer Summierung oder Potenzierung zu dem Fehlverhalten führen. Daß auch gewisse protektive Faktoren (Schutzfaktoren) gegen die Entwicklung von Delinquenz immunisieren können, soll in Abschnitt 3.6 besprochen werden.

An der Entstehung von Aggression sind insbesondere Faktoren beteiligt, die sich auf die Eltern des aggressiven Kindes und ihr Erziehungsverhalten beziehen, ferner Eigenschaften und Erkrankungen des Kindes selbst, sowie Probleme im sozialen Umfeld des Kindes. Es muß beachtet werden, daß einige dieser Faktoren nicht nur Ursache, sondern auch Folge des aggressiven Verhaltens sein können, sodaß sie einencirculus viciosusetablieren, der das aggressive Verhalten aufrecht erhält und verstärkt. Abbildung 2 zeigt schematisch die Interaktionen zwischen den nachfolgend besprochenen Faktoren.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Zusammenhang zwischen aggressives Verhalten bedingenden Faktoren (vgl. Petermann, 1998)

Das Verhalten derElternspielt initial eine wichtige Rolle. Eltern, die selbst aggressives, antisoziales oder delinquentes Verhalten an den Tag legen, erhöhen das Risiko für aggressiven Nachwuchs. Hierbei kristallisiert sich insbesondere ei- ne antisoziale Persönlichkeitsstruktur des Vaters als Risikofaktor heraus (Peter- mann, 1998). Auch eine besondere Empfänglichkeit für Streß seitens der Eltern oder Unstimmigkeiten in der Ehe gelten als Risikofaktoren. Man kann sich vor- stellen, daß Eltern mit einer niedrigen Toleranzschwelle für Alltagsbelastungen (Streß) zusammen mit einer bevorzugt aggressiven Reaktionsweise, einerseits ein aggressives häusliches Klima mit aggressivem Interaktionsstil schaffen, an- dererseits wenig alternative Reaktionsweisen vorleben. In Familien aggressiver Jugendlicher scheint es vor allem weniger Wärme und Unterstützung, dafür mehr Aggression und Streit zu geben (Lösel und Bliesener, 2003).

Auch dasErziehungsverhaltender Eltern kann aggressives Verhalten des Kindes fördern. Hier gilt die allgemeine Regel, daß ein extremer Erziehungsstil, egal in welcher Richtung, immer riskant ist. So konnte sowohl ein sehr strenger als auch ein sehr vernachlässigender Erziehungsstil als Risikofaktor identifiziert werden (Petermann, 1998). In letzterem Fall interessieren sich die Eltern nicht für die Belange, Aktivitäten, Probleme oder das Umfeld ihrer Kinder. Sie zeigen kein konsequentes Erziehungsverhalten und gehen schließlich, oft aus Hilflosig- keit, mit übertriebener Härte vor, denn das Kind wird als ”schwierig“empfun- den, man weiß nicht, wie man mit ihm umgehen soll.

Wenn auch geringeren, so können doch auchprä- und perinatale Faktoren einen Einfluß auf die Entwicklung aggressiven Verhaltens haben. Ein junges Al- ter der Mutter ( ”Kinder,dieKinderbekommen“),einegeringeVitalitätdes Kindes in der ersten Minutepost partum, sowie eine lange Austreibungspha- se beim Geburtsvorgang, Fehl- und Unterernärung der Mutter in der Schwan- gerschaft, toxische Umwelteinflüsse und eine Unterversorgung des Gehirns mit Sauerstoff konnten mit späterem aggressiven Verhalten in Verbindung gebracht werden (Petermann, 1998; Bliesener, 2003). Hier kann von einer hirnorganischen Schädigung ausgegangen werden, die sich u.a. in einer Störung des Sozialverhal- tens manifestiert.

Dies streift auch den Bereich derpsychischen Begleiterkrankungen, von denen insbesondere die Hyperaktivität mit Aggression in Verbindung gebracht wird. Die Erscheinungsformen von Hyperaktivität und aggressivem Verhalten zeigen viele Gemeinsamkeiten. Aber auch Depressionen sind in der Lage aggressives Verhalten zu verstärken1 (Petermann, 1998).

Das Kind selbst, das z.B. mehreren der bisher genannten Faktoren ausge- setzt ist und daher kaum Gelegenheit hat, soziale Fertigkeiten auszubilden, kann sich kaum selber vor eigenem aggressivem Verhalten schützen. Es kennt kei- ne alternativen Interaktionsstile zum aggressiven Verhalten aus dem familiären Umfeld oder ist aufgrund psychischer Begleiterkrankungen oder hirnorganischer Schäden recht impulsgesteuert und möglicherweise intelligenzgemindert. Hinzu kommt eine gestörte soziale Informationsverarbeitung, bei der uneindeutige Si- tuationen eher als feindselig mißinterpretiert werden, worauf eine aggressive Re- aktion mit dem Argument der Verteidigung ( ”Notwehr“)folgt(Bliesener,2003; Lösel & Bliesener,2003; Petermann,1998). Auf diese Neigung zur Fehlinterpre- tation sozialer Information wird in Abschnitt3.4etwas ausführlicher einzugehen sein.

Aggressive Kinder habenProbleme mit Gleichaltrigen. Diese Probleme wie- derum schüren die Aggression des Kindes, es spürt Ablehnung, Ausgrenzung, es kann keine stabilen Freundschaften aufbauen (Petermann, 1998), was wiederum die Aggression verstärkt. Dies bringtProbleme in der Schulemit sich. Die Lei- stungen sind schlechter als die nicht aggressiver Mitschüler (Lösel & Bliesener, 2003), die Zukunftsperspektive negativ, also schwänzt man die Schule öfter. Eine Gruppe, in der man Anschluß findet und akzeptiert wird, ist jene deraggressiven Gleichaltrigen, eine Gruppe von Kindern, die ähnliche Probleme haben. Diese ”Cliquen“(Lösel&Bliesener,2003)verhindernweiterdasErlernenprosozialen Verhaltens und führen nicht selten in die Delinquenz.

Abbildung3zeigt das Beispiel eines ungünstigen Entwicklungsverlaufs nach Petermann (1998). Wir finden hier die meisten bereits erörterten Riskofaktoren wieder.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung3: Beispiel eines ungünstigen Entwicklungsverlaufs (vgl. Petermann, 1998)

Es ist zu erkennen, und dies ist das aus der Graphik zu ziehende Fazit, daß aggressives Verhalten im mittleren Kindesalter ein Risikofaktor für Delin- quenz ist. Nun mag man sich fragen, warum ein eizelner Risikofaktor in die- ser Breite besprochen wird. Im folgenden Abschnitt werden wir sehen, daß die Risikofaktoren für Delinquenz zu einem großen Teil mit denen für aggressives Verhalten identisch sind. Die Delinquenz ist also nicht selten eine Folge des ag- gressiven Verhaltens, das wiederum durch Risikofaktoren bedingt ist. Zu sagen, prä- und perinatale Störungen seien Risikofaktoren für Jugenddelinquenz ist selbstverständlich nicht falsch, es sollte aber klar sein, daß das von ihnen ausge- hende Risiko über aggressives Verhalten vermittelt wird. Oder anders: Führen diese Faktoren nicht zu aggressivem Verhalten, führen sie wahrscheinlich auch nicht zu Delinquenz.

Grundsätzlich ist zu beachten, daß das Vorhandensein von Risikofaktoren nicht automatisch zur Ausprägung aggressiven Verhaltens führt. Auch ein ex- emplarischer ungünstiger Verlauf, wie in Abbildung 3 skizziert, muß nicht in die- ser Reihenfolge oder in allen Stufen durchlaufen werden. Wie eingangs erwähnt, ist die Delinquenzentwicklung ein komplexes Geschehen mit sehr individuellen Verläufen.

3 Entwicklung und Delinquenz

Wie bereits in Abschnitt 1 festgestellt, variiert die Delinquenz in Art und Häufig- keit mit dem Alter. Aus Abschnitt 2 wissen wir, daß es weder eine einheitliche Entwicklung zur Delinquenz, noch eine einheitliche Täterpersönlichkeit gibt, daß es sich vielmehr um ein multifaktoriell bedingtes Geschehen handelt (Lösel und Bliesener, 2003). Zudem zeigt die Forschung, daß die Vorhersage einer un- auffälligen Entwicklung bei Fehlen antisozialer Verhaltensweisen zuverlässiger ist als die Vorhersage einer Delinquenzentwicklung (Oerter, 1998). Ein Grund dafür könnte sein, daß die Gesamtgruppe der delinquenten Jugendlichen Unter- gruppen unterschiedlicher Delinquenzverläufe beherbergt, die für die Prognostik differenziert betrachtet werden müssen.

3.1 Jugenddelinquente und persistent Delinquente

In der Tat schlägt Moffitt (1993, zit. nach Oerter, 1998) zwei Täterkategorien delinquenter Jugendlicher vor. Wir wollen, seinem Vorschlag folgend, nachfolgend vonpersistent DelinquentenundJugenddelinquentensprechen.

Bei den persistent Delinquenten handelt es sich um Kinder, die bereits sehr früh in ihrer Entwicklung Auffälligkeiten zeigen. Sie sind früh ungehorsam, un- verträglich und in den ersten Schuljahren fallen sie durch Aggressivität auf. In den mittleren Schuljahren folgen kleine Delikte wie Diebstähle, mit 16 und später Einbrüche oder Fahrzeugdiebstähle, noch später Raubüberfälle und als Familienväter üben sie Gewalt in der Familie aus. Dieser Verlauf, der etwas klischeehaft anmutet, soll lediglich als Beispiel dienen. Es soll verdeutlichen, daß sich Delinquenz bei den persistent Delinquenten alsstabile Eigenschaftma- nifestiert, die sich in ihrer Form nur aufgrund der wechselnden Gelegenheiten ändert. Diese Gruppe, die drei bis sieben Prozent der Täter ausmacht, beginnt früh eine langjährige, wenn nicht lebenslange Delinquenzkarriere.

Von diesen zu unterscheiden sind die Jugenddelinquenten. Hier setzt das delinquente Verhalten erst in der Adoleszenz, nicht schon in der Kindheit ein. Dieses Verhalten wird im frühen Erwachsenenalter wieder aufgegeben. Daraus ergibt sich, daß eine Delinquenz als Erwachsener besser durch antisoziales Ver- halten mit zehn Jahren vorhergesagt wird, als durch antisoziales Verhalten mit 15 bis 17 Jahren (Oerter, 1998). Jugenddelinquenz ist also eindiskontinuierliches Phänomen. Sie ist so häufig, daß sie heute alsnormales Entwicklungsphänomen und nicht als Entwicklungspathologie interpretiert wird (Oerter, ebd.). Es zeigt sich, daß circa ein Drittel aller Menschen bis zu ihrem 21. Lebensjahr in Konflikt mit dem Gesetz geraten. Jugenddelinquenz kann als ”Anpassungsversucheiner ansonsten intellektuell und sozial normalen Teilpopulation an eine spezifische Situation“ (Oerter, 1998 , S. 1029 ) verstanden werden.

Dies gilt nicht für die persistent Delinquenten. Bei ihnen herrscht meist ei- ne antisoziale Einstellung vor. Auch ein unterdurchnittlicher Intelligenzquotient von im Mittel17Punkten (Hirschi & Hindelang, 1977, zit. nach Oerter, 1998 ) bzw.4bis5Punkten (Lösel & Bliesener,2003) unter dem Durchschnitt der Gleichaltrigen konnte festgestellt werden. Während bei Jugenddelinquenten ei- ne Harmonisierung zwischen ihren persönlichen Zielen und den herrschenden kulturellen Normvorgaben im frühen Erwachsenenalter zu verzeichnen ist, liegt bei den persistent Delinquenten eine früh entwickelte Störung vor, die zu ei- ner langen Delinquenzkarriere führt, in deren Verlauf sie für circa30% aller Straftaten verantwortlich sind.

3.2 Erklärungsmodell von Moffitt

Laut Oerter (1998), haben die soziologischen Theorien zur Erklärung der De- linquenz den Nachteil, daß sie erst in der Adoleszenz ansetzen. Sie übersehen dabei die lebenslang persistente, in der Kindheit beginnende Delinquenz. Zu- dem seien diese Theorien zwar in der Lage, den Eintritt in die Delinquenz und deren Stabilisierung zu erklären (z.B.labeling approach), nicht jedoch das Ab- legen des delinquenten Verhaltens im frühen Erwachsenenalter, wie es bei der Jugenddelinquenz der Fall ist. Demnach implizierten soziologische Theorien eine Stabilität der Delinquenz, wenn sie einmal eingesetzt habe.

So berechtigt die Kritik von Oerter auch sein mag, soziologische Theorien erklären allerdings Phänomene, die von der nachfolgend vorgestellten Entwick- lungstheorie von Moffitt, nicht erklärt werden können. An dieser Stelle soll zwar nur letztere vorgestellt werden, da sie für das hier bearbeitete Thema relevant ist, dies soll jedoch die Gültigkeit soziologischer Theorien nichta prioriin Frage stellen. Der Verzicht auf die Darstellung soziologischer Theorien an dieser Stelle begründet sich also einzig aus der thematischen Vorgabe dieser Seminararbeit. Die in dieser Arbeit vielbeschworene Komplexität der Delinquenzentwicklung soll Hinweis genug sein, daß hier nicht die Ansicht vertreten wird, eine theoreti- sche Perspektive alleine sei in der Lage, Delinquenzentwicklung hinreichend zu erklären.

Moffitt (1993, zit. nach Oerter, 1998) stellt zunächst fest, daß die biologische Reife der Menschen heute deutlich früher erreicht wird, als in der Vergangen- heit. Oerter und Dreher (1998, S. 336) präsentieren eine Graphik nach Tanner (1962), die ein sukzessives Absinken des Menarchealters von 1840 bis 1960 in den Ländern Norwegen, Finnland, Deutschland, Schweden, Holland, Dänemark, Großbritanien und den USA zeigt. Dieser Abbildung zufolge sank das Menar- chealter in Deutschland von circa 16,5 Jahren im Jahre 1860 auf circa 13,5 Jahre im Jahre 1940. Danach endet die Erhebung in Deutschland.

Weiter konstatiert Moffitt (ebd.), daß parallel zu dieser Entwicklung eine stetige Verlängerung des Ausbildungsweges stattgefunden habe. Die heutige Ar- beitswelt wird immer komplexer, immer spezieller, sodaß die Anforderungen an zukünftige Arbeitnehmer steigen. Sie sollen immer qualifizierter und spezialisier- ter sein. Die Konsequenz ist eine längere Zeitspanne vom Eintritt in die Schule bis zum Verlassen der letzten zu durchlaufenden Bildungsinstitution. Abbildung 4 stellt diesen Sachverhalt schematisch dar.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Problem der Diskrepanz zwischen biologischer und psychischer Reife

Das synchrone Erreichen eines biologischen und psycho-sozialen Reifestatus führt dazu, daß es zu keiner Diskrepanz zwischen dem biologischen Faktum der Reife einerseits und der gesellschaftlichen Akzeptanz als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft andererseits kommt. So mag es in früheren Zeiten gewesen sein, in denen Kinder sehr früh in die Arbeiswelt integriert wurden, sei es zu Hause oder in der Landwirtschaft, sie verrichteten wichtige Aufgaben, die existenziellen Charakter für die Familie hatten. Die Übernahme von derartiger Verantwortung und der Eintritt der Geschlechtreife lagen zeitlich nicht weit auseinander. Will man es auf eine simplifizierende Formel bringen, so könnte man sagen, daß, wer biologisch reifwarauch als erwachsengalt, mit allen Vor- und Nachteilen die das so mit sich bringt.

Heute nun, wo der Eintritt in die Geschlechtreife immer früher, die Entlas- sung ins Erwachsenenleben jedoch immer später geschieht, tritt die Diskrepanz zwischen biologisch faktischer Reife und dem Fehlen gesellschaftlicher ”Voll- wertigkeit“ extrem zutage. Ein Mädchen, das mit13Jahren ihre Menarche hat, kann in unserer Gesellschaft unmöglich das Leben einer erwachsenen Frau führen, schon allein aus rechtlichen Gründen. Aber auch die psycholgische Reife ist nicht erreicht, um in dieser komplexen Welt bestehen zu können.

In diesem (langen) Zeitraum, in dem sich Jugendliche biologisch bereits reif fühlen aber dennoch nicht die Rechte der Erwachsenen haben, empfinden sie ein Bedürfnis nach Autonomie, von der sie aber ahnen, daß sie ein Privileg der Erwachsenen ist. Sie dürfen noch keine Entscheidungen über kostspielige An- schaffungen treffen, dürfen oder können noch keiner Erwerbsarbeit nachgehen, befinden sich noch in der Ausbildung, ihre sexuellen Beziehungen werden be- obachtet oder reglementiert, sie haben keinen Zugang zu legalen Drogen und Pornographie und dürfen nur eingeschränkt am motorisierten Straßenverkehr teilnehmen. Alles, was die Welt der Erwachsenen so spannend zu machen scheint, bleibt ihnen verwehrt, obwohl sie doch biologisch ”fertig“sind.

In diesem Spannungsverhältnis entwickelt sich nun Jugenddelinquenz. Wie weiter oben erwähnt, ist sie als Anpassungsprozeß normaler Jugendlicher zu verstehen. Die Anpassung erfolgt an die Erwachsenenwelt. Die Auotonomiebe- strebungen führen zu Regelverletzungen, es wird Alkohol konsumiert, es werden Autofahrten ohne Führerschein gewagt, man verschafft sich Zugang zu jugend- gefährdenden Schriften, man stiehlt etwas, das man sich (noch) nicht leisten kann im Laden, etc. Mit zunehmendem Alter verliert dieses delinquente Verhal- ten aber seine Funktion. Je älter man wird, desto mehr Autonomie wird dem Individuum durch die Gesellschaft zugestanden. Eine illegale Form der Autono- mie wird überflüssig. Was als Jugendlicher noch ”cool“ist,weilmansichetwas traut, wird zunehmend sinnfrei. Schließlich wird das delinquente Verhalten aufgegeben, man hat das frühe Erwachsenenalter erreicht und nun hat man andere Probleme als das, autonom zu werden, denn das ist man ja nun.

Bei den persistent Delinquenten kommt es zu einer sukzessiven Einengung der Möglichkeiten einer Veränderung. Einerseits fehlt das prosoziale Verhaltensrepertoire, das nicht erlernt wurde. Andererseits führt das delinquente Verhalten selbst irgendwann zu einer Einengung des Handlungsspielraums.

[...]


1 Auf die psychopathologischen Einzelheiten dieser Erkrankungen kann hier leider nicht eingegangen werden.

Details

Seiten
32
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638381840
Dateigröße
922 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v39413
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
15 Punkte (gut)
Schlagworte
Neuere Befunde Forschungen Entwicklung Delinquenz Menschen Aktuelle Aspekte Kinder- Jugenddelinquenz

Autor

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Titel: Neuere Befunde entwicklungsorientierter Forschungen zur Entwicklung der Delinquenz junger Menschen