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Diagnose von Lernprozessen und Beurteilungsproblematik im Biologieunterricht

Skript 2004 21 Seiten

Didaktik - Biologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Beurteilungsproblematik

2. Wie entwickelten sich Zeugnisse und Zensuren im Laufe der Geschichte?

3. Welche Funktionen können Noten und Zeugnisse erfüllen?

4. Welche Grundlagen/Anforderungen müssen der Beurteilung zugrunde liegen?

5. Welche Beurteilungsfehler können LehrerInnen unterlaufen?

6. Welche Formen der Leistungsmessung sind im Biologieunterricht möglich?
6.1 Welches sind die am häufigsten verwandten mündlichen Leistungsmessungen im BU?
6.1.1 Gibt es neuere mündliche Leistungsmessungen?
6.2 Welche Formen schriftlicher Leistungsmessung gibt es?
6.2.1 Was sind informelle Tests?
6.2.2 Welche Möglichkeiten zur Auswertung informeller Tests gibt es?
6.2.3 Welche weiteren Formen zur schriftlichen Leistungsmessung gibt es?
6.3 Welche Formen praktischer Leistungsmessung sind im Biologieunterricht möglich?

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Leistungsmessung ist eine der differenziertesten Aufgaben eines Lehrers; daher gibt es eine dringende Notwendigkeit, diesen Prozess gut zu verstehen“ (Collette & Chiapetta 1994 zit. n. K.-H. Berck 1999)

Der Erziehungs- und Bildungsauftrag der Schule fordert neben der Vermittlung von Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten auch deren Feststellung zur Kontrolle des Lernfortschrittes als auch zum Leistungsnachweis. Demzufolge ist mit der Berufsrolle von Lehrern die unabweisbare Pflicht zur Messung und Bewertung von Schülerleistungen verbunden, wodurch somit Lernerfolgskontrollen bzw. Leistungsmessungen und deren Bewertungen wichtige Bestandteile schulischer Prozesse sind und darüber hinaus die gesamte Interaktion zwischen Lehrern und Schülern durchdringen. Der Lehrer entscheidet mit der Bewertung von Schulleistungen über Schullaufbahn und weitere Lebenschancen eines Menschen. „Nur wenn Lehrer eine Menge über Leistungsmessung wissen, können sie auch der häufigen „Einrede“ anderer Gruppen begegnen“ (K.-H. Berck 1999, S. 104)

2. Zur Geschichte von Prüfungen, Zeugnissen und Zensuren

Periodische Leistungsbeurteilungen und Prüfungen gehörten nicht schon immer und nicht überall zur Schule. Die Entwicklung der Geschichte der Zeugnisse hat ihre Vorläufer im 16. Jahrhundert in der höheren Schule in Form von Benefizienzeugnisse. Dadurch wurde dem Empfänger testiert, dass er hinsichtlich seiner charakterlichen Eigenschaften und seiner Leistung fähig sei, ein Stipendium zu erhalten. Gleichzusetzen ist dieses Zeugnis demnach mit einem Empfehlungsschreiben für bedürftige Schüler. Für Kinder aus wohlhabenden Familien war ein solches Zeugnis nicht nötig, da ihnen alle Türen zu einer höheren Bildung offen standen.

Im 16. und 17. Jahrhundert wurde das Prüfungs- und Beurteilungswesen an jesuitischen Schulen perfektioniert. An staatlichen Schulen etablierte es sich erst im 18. und 19. Jahrhundert. Dabei schwankten die Zeugnisse zwischen freien Formulierungen und Schematismen, die mit unseren heutigen Noten vergleichbar sind (W. Sacher 2001, S. 7).

Die Einführung von Zensuren für das höhere Schulwesen erreichte mit der Einführung des Abiturientenexamens (1812) eine neue Stufe. Das Bestehen dieser Abschlussprüfung für das Gymnasium war von da an eine Zulassungsbedingung für einen Universitätsabschluss. Bis dahin besuchte man das Gymnasium, solange man sich Gewinn davon versprach, und wechselte zur Universität über, wenn es einem sinnvoll erschien. Auch von dieser ging man häufig ohne förmliches Examen ab (ebd.).

Für das niedere Schulwesen zeichnete sich ein anderes Bild ab. Obwohl die Einführung der Teilnahme am Unterricht seit dem 18. Jahrhundert für alle Schüler vorgesehen war, entsprach dies nicht der Realität. Das niedere Schulwesen zeichnete sich durch eine Vermittlung von Minimalkenntnissen und ,,die Sozialisation der Schüler zu frommen und ordentlichen, autoritätsgläubigen und kaiser- und königstreuen Untertanen" aus. Die Zensuren hatten dort eine andere Funktion. Sie dienten vornehmlich als Kontrolle des Schulbesuchs.

Während auf dem Land weiterhin ein- bis zweiklassige Schulen bestanden, vollzog sich ihm städtischen Schulwesen allmählich eine tief greifende Veränderung. Dort wurden zum Ende des vorigen Jahrhunderts nach Geschlecht und Klassenstufen ausdifferenziert. Diese Differenzierung hatte zur Folge, dass nun auch im niederen Schulwesen Versetzung und Zensuren zunehmend an Bedeutung gewannen (W. Dohse 1989, S. 55).

Die Durchsetzung der allgemeinen Schulpflicht Ende des 18. / Anfang des 19.Jahrhunderts in den deutschen Ländern war eng verbunden mit der Ausfertigung von Entlassungszeugnissen, aus welchen die ordnungsgemäße Erfüllung der Schulpflicht hervorging. Ohne diesen durfte niemand als Dienstbote oder Lehrling beschäftigt werden, ein Haus kaufen oder heiraten (W. Sacher 2001, S. 8)

Die Reichsschulkonferenz von 1920, die die gemeinsame Grundschule für Schülerinnen und Schüler beschloss, gab der Diskussion um Zensuren in der Volkschule erneuten Anstoß. Den ersten vier Jahren der Grundschule wurde hier eine große Bedeutung zugeschrieben. Der Grundstein für die Selektion nach vier Grundschuljahren war gelegt und das ,,Urteil der LehrerInnen beim Übergang in weiterführende Schulen wurde in Zensuren ausgedrückt". Ohne Zeugnis müsste jedes Mal wieder neu festgestellt werden, ob jemand für eine Sache geeignet ist, oder nicht.

Dieser kurze Einblick in die geschichtliche Entwicklung zeigt sehr deutlich, dass Zeugnisse stets der Auslese und Sozialisation dienten.

3. Funktionen von Noten und Zeugnissen

Zu den ursprünglichen Funktionen der Selektion gesellten sich im Laufe der Geschichte eine ganze Reihe weiterer Funktionen. Dazu findet man in der Literatur ganz unterschiedliche Angaben. Die wichtigsten Erwartungen die an die Schülerbeurteilung geknüpft sind, sollen hier zusammenfassend dargestellt werden.

Rückmeldefunktion

Zeugnisse und Noten geben den Schülern Rückmeldung über ihren jeweils individuellen Kenntnisstand. Sie erhalten Informationen in welcher Art und Weise sie einen bestimmten Leistungsstand erreicht haben und wo noch Defizite herrschen und können daraus Konsequenzen für ihr eigenes zukünftiges Lernverhalten ableiten.

Allerdings wird diese Funktion durch die übliche Notengebung nur unvollkommen erfüllt, denn die Noten geben ein viel zu pauschales Bild. Den Schülern ist meist nicht bewusst, dass die Noten einen Vergleich zur restlichen Lerngruppe darstellen. Die wird ihnen erst bei einem Schulwechsel klar, wen sich die Noten verbessern oder verschlechtern. Die Rückmeldefunktion kommt nur wirklich dann zum Tragen, wenn sie durch Hinweise auf den individuellen Lernfortschritt ergänzt werden. Dabei wird di Leistung des Schülers zu seinen vorherigen Leistungen in Beziehung gesetzt. Dabei sollten de Schüler besonders auf Stärken und Schwächen aufmerksam gemacht werden (Eschenhagen/Kattmann/Rodi 1998).

Anreizfunktion

Mit der Rückmeldung eng verknüpft ist die Anreizfunktion. Durch Noten können Schüler in ihren Lernbemühungen bestätigt oder zu größeren Anstrengungen angeregt werden. Dazu sollte die Bewertung einer schlechten Leitung in jedem Falle auch Elemente der Ermutigung erhalten.

Noten können somit eine extrinsische Motivationsfunktion haben. Sie sind von außen gesetzte Anreize, gute Noten zu erhalten oder schlechte zu vermeiden (ebd.).

Berichtsfunktion

Noten und Zeugnisse dienen als Bericht für Eltern und informieren über den Kenntnisstand der Schüler. In der Regel müssen sie (die Eltern) die Kenntnisnahme mit einer Unterschrift bestätigen (ebd.). Zeugnisse und Noten geben aber auch Arbeitgebern oder weiterführenden Schulen Auskunft über einen zu erwartenden Lernstand bzw. Lernfortschritt. Außerdem dienen sie als ,,gesellschaftliche und wirtschaftliche Planungsdaten", die Auskunft über ein zur Verfügung stehendes Nachwuchspotential geben (Sacher 2001).

Disziplinierungsfunktion

Die Rückmeldungen, welche die Schüler über ihre Leistungen erhalten haben oft auch einen disziplinierenden Effekt. Dabei kann die Disziplinierungsfunktion sowohl positiv als auch negativ sein. Dies wird deutlich, wenn man an die gängige Methode von Eltern und Verwandten denkt, die gute Zensuren bzw. Zeugnisse belohnen und schlechte Leistungen nicht honorieren oder sogar bestrafen. Sacher (2001) führt dazu aus, dass Rückmeldungen über Leistungen auf Schülerinnen auch einen als positiv zu bewertenden Disziplinierungseffekt im Sinne von einer realistischeren Selbsteinschätzung und einer vermehrten Anstrengungsbereitschaft haben können, weist aber auch auf die Gefahr des Missbrauchs der Disziplinierungsfunktion hin, etwa wenn es um gezieltes Vorgehen gegen einzelne Schüler geht.

Selektion

Obwohl allgemein bekannt ist, das man nur vorsichtige Prognosen aufgrund des gegenwärtigen Leistungsstandes des Schülers über spätere Leistungen machen kann, stellt das Zeugnis stellt die Verteilerstelle für die weiteren schulischen oder beruflichen Möglichkeiten eines Schülers dar. Dabei kommt dem Zeugnis eine Selektionsfunktion zu, die Lebensschicksale beeinflussen und steuern kann. Diese Auslesefunktion stellt demnach auch eine Belastung des pädagogischen Auftrages der Schule dar. Sacher (2001) spricht an dieser Stelle auch von einer ,,Stigmatisierung der Abgewiesenen" und weist auf die Gefahr für die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder und Jugendlichen

Kontrollfunktion

Prüfungen, Zeugnisse und Noten dienen auch der Kontrolle der Lehrer, Lehrpläne, Schulen, Schularten und Schulsysteme. Die einzelnen Schulen werden durch die Zensuren kontrolliert, so dass es auffällt, wenn sie weit unter dem Landesdurchschnitt bzw. weit darüber liegt. In solchen Fällen kommt es zu einer genauen Untersuchung (Sacher 2001, S. 13).

Berechtigungsfunktion

Zeugnisse stellen den formalen Nachweis für das Durchlaufen einer bestimmten Schullaufbahn dar. Sie sind Berechtigung für den Übergang in eine andere Institution (weiterführende Schule oder Ausbildung). Durch ihren formalen Charakter erübrigt sich die weitere inhaltliche Überprüfung des Kenntnisstands des jeweiligen Zeugnisinhabers (ebd.).

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Details

Seiten
21
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638382069
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v39444
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Didaktik der Biologie
Note
Schlagworte
Diagnose Lernprozessen Beurteilungsproblematik Biologieunterricht

Autor

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