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Homosexualität im Jugendalter

Studienarbeit 2005 39 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhalt:

2.1 Coming-Out
2.2 Erläuterung
2.3 Fünf-Phasen-Modell nach Coleman
2.3.1 Prä-Coming-Out
2.3.2 Coming-Out
2.3.3 Explorative Phase
2.3.4 Eingehen erster Beziehungen
2.3.5 Integrationsphase
2.3.6 Kritik am Modell
2.4 Sozialpädagogisch betreute Coming-Out Gruppen
2.4.1 Ein sozialpädagogisches Feld
2.4.2 Gruppendynamische Methoden
2.4.2.1 Fragebogen meiner Person
2.4.2.2 Psychodrama
2.4.3 Die Gruppenanleiterin / der Gruppenanleiter
2.4.3.1 Funktionen
2.4.3.2 Modell nach Carl R. Rogers
2.4.3.3 Modell nach Ruth Cohn

3. Homosexualität und Schule
3.1 Aufklärung in NRW – SchLAu
3.1.1 Exkurs: Zweifelhafte Geschlechterrollen

4. Sexualpädagogische Mädchenarbeit

5. Konzeptionelle Leitlinien für schwul-lesbische Bildungsarbeit nach Kugler

6. Forderungen an PädagogInnen

Liebe achtet sexuelles Leben
Sie begegnet der Verachtung
Durch ihre eigene kraft
Sie hebt Homosexualität heraus
Aus dem dunklen Tabuschatten
Sprachlos unterdrückter Entfremdung
Und macht aus Homo- und Hertossexuellen
Einheitlich geachtete wesen
Mit der göttlichen Gabe
In ihrer geschlechtlichen Vereinigung
Die verschenkte liebe veredeln

Liebe achtet sexuelles leben
Sie schafft das Schöne in Natur und Werk
Sie nährt den Eifer und die Sorge
Für jemand anders da zu sein
Wie für sich selbst bis zum Lebensende
Sie schafft Nähe im körperlichen Ausdruck
Und beglückt durch unverhoffte Eindrücke
Belebt die eingefahrene Phantasie
Und verbindet sich trennende Pole
Über abgrundtiefe Schluchten hinweg
Liebe kennt nur EIN sexuelles Leben

(Jürgen Mey)

2.1 Coming-Out

„In der Entwicklung von Homosexuellen gibt es eine Gemeinsamkeit, die nahezu alle teilen, nämlich nicht der gesellschaftlichen Norm zu entsprechen.“ (Lühr, 1999)

2.2 Erläuterung

Das Coming-Out nimmt in der Regel einige Jahre in Anspruch und reicht vom ersten Entdecken gleichgeschlechtlicher Phantasien und Gefühle bis zur endgültigen Akzeptanz und dem bewussten Leben als lesbische Frau, bzw. schwuler Mann. Dieser prozesshafte Vorgang weist bei Homosexuellen viele Gemeinsamkeiten in der Kindheit, Jugend und im Erwachsenenalter aus. Bei allen Gemeinsamkeiten gibt es differierende soziokulturelle und sozialpsychologische Erfahrungen, die das „Herauskommen“ erleichtern oder erschweren und in Einzelfällen auch ein Leben lang verhindern. Ein das Schwulsein akzeptierendes soziales Umfeld (aufgeschlossene Freunde, loyale Familie, Großstadt, etc) machen das Coming-Out leichter. Ein homophobes Elternhaus oder eine Kleinstadt machen es schwieriger. Jedoch ist ein „positives Coming-Out“ (im Sinne von Selbstbestimmung und Selbstakzeptanz) durchaus auch in einer ländlichen Region (durch z.B. ein positives soziales Umfeld) möglich. (Vgl. Lühr, 1999)

2.3 Das Fünf-Phasen-Modell nach Coleman

Coleman unterteilt das Coming-Out in seiner Studie „Developmental stages of the process. Journal of Homosexuality 7, 1982:31-43) in folgende Phasen:

- Prä-Coming-Out
- Eigentliche Coming-Out
- Explorative Phase
- Eingehen erster Beziehungen
- Integrationsphase

Laut Coleman sollen möglichst alle Phasen erfolgreich durchlaufen werden, um ein “positives Coming-Out” zu schaffen. Jedoch müssen nicht alle Phasen in der vorgestellten Reihenfolge geschehen, die Phasen können nebeneinander oder in diversen Reihenfolgen geschehen. Die Phasenabfolge entspricht im Großen und Ganzen auch der Entwicklung, wie sie bei heterosexuellen Menschen zu beobachten ist. Ich möchte kurz auf die verschiedenen Phasen eingehen:

2.3.1 Die Prä-Coming-Out-Phase

Diese Phase ist die Zeit von der Geburt eines Menschen bis zu dem bestimmten Zeitpunkt, an dem der Mensch sein „Anderssein“ wahrnimmt. Eltern reagieren in dieser Phase häufig verunsichert, ängstlich und vorurteilsbeladen auf die homosexuelle Neigung ihrer Tochter, bzw. ihres Sohnes. Nicht selten versuchen Eltern das „Anderssein“ ihres Kindes zu verdrängen oder zu verharmlosen, die Gefühle ihrer selbst und die des Kindes nicht ernst zu nehmen und richtig einzuschätzen. Mütter neigen bei schwulen Söhnen dazu, einen vermeintlichen Fehler zu suchen, bpsw. in der Erziehung („zu lasch erzogen“, „verweichlicht“), die Väter dagegen distanzieren sich von ihrem Sohn und machen nicht selten der Mutter Vorwürfe den Sohn „falsch erzogen“ zu haben. Ihre eigene Verantwortung dem Kind gegenüber gerät leider meist aus dem Blick. Die Väter sollen nach Coleman – bewusst oder unbewusst – sich von ihren Söhnen distanzieren, da sie befürchten, dass sich ihre Söhne zu eng an sie binden und das der Sohn in einem für sie nicht akzeptablen Maß „anders“ ist.

Meiner Meinung nach entsteht die Distanz (sie muss nicht zwangsläufig entstehen) dadurch, dass der (schwule) Sohn eine massive Bedrohung für die eigene Rollenidentität der Väter darstellt.

Es könnte sehr viel Leid, Schuldgefühle und Energieverlust vermieden werden, wenn Eltern die abweichende sexuelle Orientierung nicht als Bedrohung, Belastung, bemitleidenswert oder gar als „Mangel“ ansähen, sondern als eine weitere, zwar von den gesellschaftlichen Normen abweichende, aber durchaus positive Lebensform akzeptieren.

Rolf Winiarski rät jungen Homosexuellen vor diesem Schritt in seinem Buch „Coming Out total“ (Gmünder 1995) :„Überleg dir, ob du dir schon sicher genug bist, um dich den möglichen Kommentaren und Gefühlsausbrüchen deiner Eltern auseinanderzusetzen!“ Dieser Rat verdeutlicht stark die Schwierigkeit und Ambivalenz auf die eigenen Eltern zuzugehen.

Eine ablehnende Haltung vom sozialen Umfeld, besonders der Familie, kann in der Prä-Coming-Out-Phase zu einer negativen Persönlichkeitsentwicklung führen, die selbstbestimmtes, selbstbewusstes und soziales Handeln erschwert oder gar unterbindet. Es kann sogar passieren, dass ausschließlich negativ geprägte Bilder der Homosexualität (durch das soziale Umfeld) in das eigene „Ich“ übernommen werden. Durch die verinnerlichte Entwertung der eigenen Person kann eine positive Persönlichkeitsentwicklung sehr erschwert bis unmöglich gemacht werden. Das kann dazu führen, dass eine lesbische Frau, ein schwuler Mann, sehr spät ein gutes Selbstwertgefühl entwickeln kann und – teilweise gar nicht – die Homosexualität eingestehen kann.

2.3.2 Das eigentliche Coming-Out

Auf die langsame Herausbildung einer sexuellen Identität, unter anderem durch homoerotische Phantasien sowie durch erste gleichgeschlechtliche Erfahrungen, folgt im Modell Colemans die Phase des eigentlichen Coming-Outs. In dieser akzeptiert der schwule Jugendliche oder junge Mann weitestgehend seine Homosexualität nach innen und außen, das heißt auch gegenüber der heterosexuellen Öffentlichkeit.

Meist sind sich Jugendliche sehr unsicher, wem man sich zunächst „öffnen“ soll. Dabei spielt es eine entscheidende Rolle, wie offen, vertrauensvoll und akzeptierend die Beziehung zu den Eltern / einem Elternteil in der Kindheit und Pubertät war. Ein Jugendlicher oder junger erwachsener, der in einer toleranten Atmosphäre aufwuchs, in der auch Widerspruch und abweichendes Sozialverhalten zugelassen wurden, wird vielleicht zunächst mit seinen Eltern über seine Homosexualität sprechen. Bei weniger belastungsfähigen Eltern-Kind-Beziehungen wird für diese erste, in der Regel schwierige Gespräch auch eine verständnisvolle Freundin oder ein verständnisvoller Freund ausgewählt. Diese ersten Gespräche sind für den weiteren Verlauf des Coming-Out sehr bedeutend, da gerade sie es sind, die Mut für die weitere Auseinandersetzung mit der eigenen Homosexualität geben. Es zeigt sich oft, dass Eltern nicht nur überrascht, sondern häufig auch verletzt, vorurteilsvoll oder einfach hilflos reagieren. Grundsätzlich sollten Eltern gesprächsbereit sein, ihrem Kind zuhören können und ihr oder ihm gegenüber unmissverständlich ihre Zuneigung, Liebe und Unterstützung zum Ausdruck bringen.

Eine sehr wichtige Unterstützung sind in dieser Phase mitunter professionelle Hilfsangebote, wie Beratungsstellen, Coming-Out-Gruppen, etc.

Besonders zu erwähnen ist hier das fehlen der „Peer-group“ für den betreffenden Jugendlichen. Auch wenn er einer funktionierenden Gruppe (Clique) angehört, wird es ihm schwer fallen, gleichgeschlechtliche Erfahrungen zu machen und darüber zu reden. Jede heterosexuellen Frau und heterosexuelle Mann ist relativ leicht die Möglichkeit gegeben, ihm Freundeskreis über die eigene Sexualität zu reden. Spielerisch werden Grenzen ausgetestet und reflektiert. Dem Homosexuellen fällt es durch Befürchtungen der Diskriminierung oder Im-Mittelpunkt-stehen sehr schwer, oder es ist gar unmöglich, über die eigene Sexualität, bzw. Homosexualität zu reden. Nicht zuletzt aus diesen Gründen ist der Kontakt mit anderen schwulen Männern, lesbischen Frauen, so wichtig.

2.3.3 Die Phase des Ausprobierens (explorative Phase)

In dieser Phase geht es um den Versuch, vielfältige Erfahrungen des schwulen Lebens, des lesbischen Lebens zu machen, die die Identität stärken. Junge Schwule entdecken die Variationsbreite schwuler Männer, schwuler Verhaltensweisen und schwuler Lebensentwürfe. Gerade diese Erfahrungen helfen, traditionelle Bilder und heterosexuelle Klischeevorstellungen vom schwulen Mann, die der junge Schwule im Laufe der Sozialisation verinnerlicht hat, allmählich aufzulösen und durch positive Bilder zu ersetzen. Leider wird der Begriff „explorativ“ oft allein auf das sexuelle „Ausprobieren“ bezogen. Das ist nicht nur einseitig, sondern trägt entscheidend zur Verfestigung von Vorurteilen bei, nach denen schule Männer sexuell hyperaktiv und tendenziell bindungsunfähig wären.

Die für die junge Lesbe / den jungen schwulen wichtigen positiven Identifikationspersonen fehlen oder sind nur in sehr geringem Maße vorhanden. Durch die immer noch nicht gesellschaftliche Akzeptanz fällt es sehr vielen homosexuellen Menschen der öffentlichen Gesellschaft schwer, sich zu outen und als positives Vorbild für homosexuelle Jugendliche zu agieren. Zwar gibt es in jeder Fernsehserie einen „Vorzeigeschwulen“ oder die „elegante Lesbe“, ganze Kinofilme widmen sich den Klischees und Vorurteilen der homosexuellen Szene, aber einen reflektierten und nachahmenswerten Lebensentwurf der glaubwürdig ein „positives Coming-Out“ vorausging, ist nicht zu finden.

Da zur explorativen Phase natürlich auch die tatsächliche Sexualität gehört, möchte ich sehr kurz auf die Problematik der HIV-Infektionen eingehen. Nach der schändlichen Propaganda in den 80er Jahren, es sei eine „Schwulenseuche“ ausgebrochen (die im übrigem nicht zu einer großen Beunruhigung der heterosexuellen Gesellschaft führte, sondern erst nachdem heterosexuelle weiße Amerikaner, bzw. Westeuropäer erkrankten) wird gesellschaftlich die Erkrankung mit dem HI-Virus und der Homosexualität eng zueinander gebracht. Dies hat für Jugendliche im Coming-Out verheerende Folgen: Nicht selten werden Gedankenketten wie „Sex, Infektion, AIDS, Tod“ produziert und verinnerlicht. Daher ist es sehr wichtig, in der explorativen Phase als sozialpädagogischer Berater/in zunächst positive Lebensentwürfe, Verhaltensweisen (s.o.) zu verfestigen. Durch eine Ausbildung einer positiven Identität wird es in der Regel dazu führen, mit sich „selbst“bewusster und verantwortlicher umzugehen. Erst das erlernen eigenverantwortlicher und selbstbestimmten Verhaltens wird dazu führen können, auch für die Partnerin, den Partner Verantwortung zu übernehmen; damit wäre zugleich die beste Grundlage für eine wirkungsvolle Präventionsarbeit im HIV/AIDS-Bereich geschaffen.

2.3.4 Das Eingehen erster Beziehungen

Nach Coleman bilden sich in der vierten Phase ganzheitliche Beziehungen heraus, die seelische wie auch körperliche Aspekte umfassen. Die Beziehung der Partner/in findet in der Regel nicht mehr verdeckt statt, sondern wird öffentlich gemacht. Zeichnete sich die explorative Phase durch eher flüchtige Kontakte aus, werden nun die Beziehungen verbindlicher und erstrecken sich über einen längeren Zeitraum. Tendenziell finden die Partner/innen in dieser Phase langsam ihren Standpunkt in dem Spannungsfeld zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung, Nähe und Distanz, Hingabe und Selbstabgrenzung. Die PartnerInnen treten in einen Reifeprozess ein, der ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl entstehen lässt, das hilft auch bei Krisen. Eine Beziehung leben – das heißt nicht nur Sex haben, sondern auch den Alltag mit all seinen Belastungen gemeinsam zu tragen, sich zu trösten, zu stützen, sich zu streiten, Rücksicht nehmen und zu lernen, sich konstruktiv auseinander zu setzen.

Ich möchte allerdings darauf hinweisen, dass schwule oder lesbische Beziehungen nicht in einem luftleeren Raum stattfinden. Nach wie vor müssen sich Lesben und Schwule in der Öffentlichkeit Pöbeleien, latenter sowie offener brutaler Gewalt und massiven Diskriminierungen aussetzen. Dies führt mitunter dazu, dass die persönliche soziale und emotionale Entfaltung stark eingeschränkt wird. (vgl. Lühr 1999)

2.3.5 Die Integrationsphase

Nach dem von Coleman entwickelten Phasenmodell folgt zuletzt die Phase der dauerhaften Paarbeziehung, die von beiden PartnerInnen ein hohes Maß an Verantwortung, Vertrauen und Toleranz erfordert.

Die meisten Hetero- wie Homosexuellen streben eine dauerhafte Paarbeziehung an (Kinsey, A.C; Pomeroy, W.B.; Martin, C.E.: Sexual Behavior in the Human Male. Philadelphia 1984). Oft können Homosexuelle ihre Partnerschaften heute ungezwungener in der Öffentlichkeit ausleben, als dies früher möglich war. Jugendliche reagieren jedoch besonders sensibel auf vielfältige Formen der Diskriminierung, z.B. in der Familie, Kirchen, Arbeitsstelle. Gerade Diskriminierungen aus genanntem Umfeld erschweren das Coming-Out in dieser Phase unnötig. Als Beispiele seien hier nur die diskriminierende „Homo-Ehe“, da in keiner Weise die Rechte der Einzelnen gestärkt wurden oder aber das Nicht-Recht auf Adoption, bzw. Zugang zur Samenbank für Lesben, genannt.

Das gemeinsame Ziel muss lauten, dass egal welche sexuellen Präferenzen Frau oder Mann hat, gleichberechtigt und selbstbestimmt zusammenleben.

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Details

Seiten
39
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638382243
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v39469
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Angewandte Sozialwissenschaften
Note
1,4
Schlagworte
Homosexualität Jugendalter Methodik

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