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Determinanten der Arbeitslosigkeit: Eine empirische Analyse der Lohn- und Tarifpolitik in der sächsischen Metall- und Elektroindustrie und chemischen Industrie zwischen 1998 und 2003

Diplomarbeit 2005 156 Seiten

BWL - Wirtschaftspolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

TABELLENVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG
1.1 HINTERGRUND UND ZIELSETZUNG
1.2 AUFBAU UND THEMENABGRENZUNG

2. DETERMINANTEN DER ARBEITSLOSIGKEIT
2.1 DER SÄCHSISCHE ARBEITSMARKT: EINE EMPIRISCHE ANALYSE
2.1.1 Bestimmung und Entwicklung des sächsischen Arbeitsangebots
2.1.2 Bestimmung und Entwicklung der sächsischen Arbeitsnachfrage
2.1.3 Ungleichgewicht auf dem sächsischen Arbeitsmarkt: Arbeitslosigkeit
2.2 ERGEBNIS DER ANALYSE: STRUKTURELLE ARBEITSLOSIGKEIT
2.3 THEORETISCHER ANSATZ ZUR ERKLÄRUNG STRUKTURELLER ARBEITSLOSIGKEIT
2.3.1 Arbeitsmarkt und Tarifautonomie
2.3.2 Bestimmungsfaktoren der Arbeitskräftenachfrage
2.3.3 Reallohnstarrheiten als Ursache struktureller Arbeitslosigkeit
2.4 ZWISCHENFAZIT: DIE GESAMTWIRTSCHAFTLICHE VERANTWORTUNG DER TARIFVERTRAGSPARTEIEN

3. ELEMENTE EINER BESCHÄFTIGUNGSFÖRDERNDEN LOHN- UND TARIFPOLITIK
3.1 MODERATE LOHNPOLITIK
3.2 DIFFERENZIERUNG DER LOHN- BZW. TARIFSTRUKTUR
3.3 FLEXIBILISIERUNG DER LOHN- BZW. TARIFSTRUKTUR
3.4 ARBEITSZEITFLEXIBILISIERUNG
3.5 VERSTETIGUNG DER LOHN- UND TARIFPOLITIK

4. EMPIRISCHE ANALYSE DER LOHN- UND TARIFPOLITIK IN DER METALL- UND ELEKTROINDUSTRIE UND CHEMISCHEN INDUSTRIE IN SACHSEN
4.1 ANALYSE DES LOHN- UND TARIFPOLITISCHEN KURSES
4.1.1 Moderate Lohnpolitik
4.1.2 Differenzierung der Lohn- bzw. Tarifstruktur
4.1.3 Flexibilisierung der Lohn- bzw. Tarifstruktur
4.1.4 Arbeitszeitflexibilisierung
4.1.5 Verstetigung der Lohn- und Tarifpolitik
4.2 ANALYSE DER FOLGEN DES EINGESCHLAGENEN LOHN- UND TARIFPOLITISCHEN KURSES
4.2.1 Positive und negative Lohndrift
4.2.2 Tarifbindung und Organisationsgrad

5. AUS DER ANALYSE ABGELEITETE HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN AN DIE TARIFVERTRAGSPARTEIEN
5.1 DER CHEMISCHEN INDUSTRIE IN SACHSEN
5.2 DER METALL- UND ELEKTROINDUSTRIE IN SACHSEN

6. FAZIT UND AUSBLICK

METHODISCHER ANHANG

LITERATUR- UND QUELLENVERZEICHNIS

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 2.1 : Arbeitskräfteangebot in Sachsen

Abbildung 2.2 : Entwicklung der Erwerbstätigen nach Altersgruppen

Abbildung 2.3 : Entwicklung der 20- bis 35-jährigen Erwerbslosen

Abbildung 2.4 : Wanderungsverhalten in Sachsen

Abbildung 2.5 : Saldo aus Zu- und Fortzügen (-) nach Altersgruppen

Abbildung 2.6 : Auspendlerüberschuss nach Altersgruppen

Abbildung 2.7 : Auspendlerüberschuss nach Qualifikationen und Altersgruppen

Abbildung 2.8 : Entwicklung der Erwerbslosen nach Altersgruppen

Abbildung 2.9 : Erwerbsquoten im intra- und internationalen Vergleich

Abbildung 2.10: Erwerbstätigkeit und sozialversicherungspflichtige Beschäftigung in Sachsen

Abbildung 2.11: Entwicklung der 20- bis 35-jährigen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten nach der Qualifikation

Abbildung 2.12: Entwicklung der Erwerbs- und Beschäftigtenquoten

Abbildung 2.13: Der sächsische Arbeitsmarkt 2003

Abbildung 2.14: Entwicklung der Arbeitslosenquoten im intranationalen Vergleich

Abbildung 2.15: Entwicklung der Arbeitslosenquoten nach Geschlecht

Abbildung 2.16: Arbeitslosenquoten nach Qualifikationen

Abbildung 2.17: Entwicklung der Arbeitslosenzahlen von 1970 bis 2003

Abbildung 2.18: Regelung von Löhnen und Arbeitsbedingungen

Abbildung 2.19: Die Arbeitskräftenachfrage der Unternehmung

Abbildung 2.20: Das Lohnsetzungsverhalten der Tarifvertragsparteien

Abbildung 3.1 : Gliederung der Arbeitskosten

Abbildung 4.1 : Entwicklung der lohnpolitisch entscheidungsrelevanten Parameter in der chemischen Industrie in Sachsen von 1998 bis 2003

Abbildung 4.2 : Entwicklung der lohnpolitisch entscheidungsrelevanten Parameter in der Metall- und Elektroindustrie in Sachsen von 1998 bis 2003

Abbildung 4.3 : Sektorale Lohndifferenzierung in Sachsen zwischen 1998 und 2003

Abbildung 4.4 : Regionale Lohndifferenzierung in der chemischen Industrie zwischen 1998 und 2003

Abbildung 4.5 : Regionale Lohndifferenzierung in der Metall- und Elektroindustrie zwischen 1998 und 2003

Abbildung 4.6 : Wochenarbeitszeiten im intra- und internationalen Vergleich Alexander Haase V des Jahres 2002

Abbildung 6.1 : Arbeitskosten im intra- und internationalen Vergleich des Jahres 2003

Tabellenverzeichnis

Tabelle 2.1 : Vor- und Nachteile des Flächentarifvertrages

Tabelle 4.1 : Grunddaten in der chemischen Industrie in Sachsen

Tabelle 4.2 : Zwischenergebnisse in der chemischen Industrie in Sachsen

Tabelle 4.3 : Lohnpolitischer Verteilungsspielraum in der chemischen Industrie in Sachsen von 1998 bis 2003

Tabelle 4.4 : Grunddaten in der Metall- und Elektroindustrie in Sachsen

Tabelle 4.5 : Zwischenergebnisse in der Metall- und Elektroindustrie in Sachsen

Tabelle 4.6 : Lohnpolitischer Verteilungsspielraum in der Metall- und Elektroindustrie in Sachsen von 1998 bis 2003

Tabelle 4.7 : Entwicklung der qualifikatorischen Lohndifferenzierung zwischen 1998 und 2003

Tabelle 4.8 : Entgelt-Öffnungsklauseln ohne Zustimmungsvorbehalt der Tarifparteien

Tabelle 4.9 : Entgelt-Öffnungsklauseln mit Zustimmungsvorbehalt der Tarifparteien

Tabelle 4.10: Entgelt-Einstiegsklauseln

Tabelle 4.11: Arbeitszeit-Öffnungsklauseln ohne Zustimmungsvorbehalt der Tarifparteien

Tabelle 4.12: Arbeitszeit-Öffnungsklauseln mit Zustimmungsvorbehalt der Tarifparteien...

Tabelle 4.13: Entwicklung der Lohndrift zwischen 1998 und 2003

Tabelle 4.14: Entwicklung der Tarifbindung in der chemischen Industrie in Sachsen zwischen 1998 und 2003

Tabelle 4.15: Entwicklung der Tarifbindung in der Metall- und Elektroindustrie in Sachsen zwischen 1998 und 2003

1. Einleitung

1.1 Hintergrund und Zielsetzung

Die Vereinigung Deutschlands - ohne Zweifel ein historischer Glücksfall - liegt mittlerweile mehr als vierzehn Jahre zurück.1 Im ehemaligen Gebiet der DDR ist an die Stelle der zentralen Verwaltungs- und Planwirtschaft die soziale Marktwirtschaft getreten. Seitdem haben sich Wohlstand und Lebensqualität der Bürgerinnen und Bürger in Ostdeutschland objektiv erhöht, die Aufbauleistungen sind unübersehbar.

Trotz der Erfolge ist die wirtschaftliche Entwicklung in den neuen Bundesländern weiterhin als völlig unbefriedigend zu beurteilen. Gemessen an den ökonomischen Zielen, die im § 1 des Gesetzes zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft vom 08. Juni 1967 festgeschrieben sind, ist besonders eines dieser Stabilitätsziele auf gravierende Weise verfehlt worden: Die Erreichung eines hohen Beschäftigungsstandes.2 In der dramatischen Entwicklung der Arbeitslosigkeit, insbesondere in den neuen Bundesländern, lässt sich der wirtschaftspolitische Handlungsbedarf am deutlichsten erkennen: Die Arbeitslosenquote, die die relative Unterauslastung des Angebots an Arbeitskräften zeigt, erreichte im Januar 2005 in Ostdeutschland saisonbereinigt 22,4 Prozent (im Vergleich zum Vorjahresmonat +1,6 Prozent). Damit ist sie nach wie vor mehr als doppelt so hoch wie in Westdeutschland, die um 1,2 Prozent auf 11,1 Prozent angestiegen ist. Für das gesamte Bundesgebiet resultierte daraus eine Arbeitslosenquote von 13,5 Prozent, ein Zuwachs um 1,3 Prozentpunkte gegenüber dem Januar 2004.3 Damit waren zum ersten Mal seit Gründung der Bundesrepublik über fünf Millionen Menschen ohne Determinanten der Arbeitslosigkeit: Eine empirische Analyse der Lohn- und Tarifpolitik zwischen 1998 und 2003 Arbeit (5.037.142 Personen).4 Allerdings handelt es sich hierbei lediglich um die bei der Bundesagentur für Arbeit registrierten Arbeitslosen. Würde man zu diesen offiziellen Zahlen noch den Teil der verdeckten Arbeitslosigkeit hinzurechnen, käme man auf über sechs Millionen Arbeitslose.5

Diese Situation macht deutlich, dass das vorhandene Potential der Ressource „Arbeitskraft“ in großem Maße ungenutzt bleibt. Impulse zur Bekämpfung der Unterbeschäftigung scheinen nicht oder nicht ausreichend gesetzt worden bzw. nicht oder nur teilweise wirksam geworden zu sein.

Aufgrund dieser Entwicklungen und den damit verbundenen ökonomischen, aber vor allem auch sozialen und gesellschaftlichen Auswirkungen ist es dringend geboten, dem Problem der Arbeitslosigkeit Herr zu werden. Die auffallend hohen Stimmenzuwächse links- und rechtsextremer Parteien bei den letzten Landtagswahlen vom 19.09.2004 in Brandenburg (Stimmenanteil von 34,1 Prozent) und Sachsen (Stimmenanteil von 32,8 Prozent) sind alarmierend und ein Zeichen für die Unzufriedenheit der ostdeutschen Bevölkerung, die vor allem aus der desolaten Lage auf dem Arbeitsmarkt resultiert.6 Schnelles und zielgerichtetes Handeln ist gefragt, bevor das Pulverfass explodiert.

Wenn auch zur Bekämpfung der hohen Unterbeschäftigung ein ganzes in sich stimmiges Bündel an Maßnahmen verschiedener Politikfelder wie z.B. der Sozialpolitik erforderlich ist, so spielt doch der Bereich der Lohn- und Tarifpolitik eine ganz entscheidende Rolle. Die zentrale Bedeutung dieses Politikbereiches für den Beschäftigungsstand lässt sich bereits ansatzweise daran ablesen, wie häufig und kontrovers dieser öffentlich, wissenschaftlich und politisch diskutiert wurde und wird. So bestimmte im Jahr 2003 die Forderung der Gewerkschaft IG Metall, die 35-Stunden-Woche in der ostdeutschen Metall- und Elektroindustrie durchzusetzen, wochenlang die Schlagzeilen und Gemüter. Der in diesem Zusammenhang durchgeführte Arbeitskampf wurde schließlich abgebrochen und blieb ohne Ergebnis.7 Ein weiteres Ereignis aus dem November letzten Jahres waren die Tarifverhandlungen zwischen der IG Metall und der Volkswagen AG. Während die Determinanten der Arbeitslosigkeit: Eine empirische Analyse der Lohn- und Tarifpolitik zwischen 1998 und 2003 Gewerkschaft für Lohnerhöhungen eintrat, forderte VW flexiblere Arbeitszeiten und einen gewinnabhängigen Anteil am Gesamteinkommen von 30 Prozent. Die gegensätzlichen Interessen wurden schließlich durch einen Kompromiss einvernehmlich zusammengeführt.8 Beispiele dieser Art könnten endlos fortgeschrieben werden.

Das Ziel dieser Arbeit besteht darin, den gesamtwirtschaftlichen Verantwortungsbereich der Tarifvertragsparteien - der Gewerkschaften und Arbeitgeber(-vereinigungen) - für einen hohen Beschäftigungsstand abzustecken. Aufgrund dessen wird auf die Rolle des Staates und seiner Aufgabe, die gesetzlichen Rahmenbedingungen zum Abbau der Arbeitslosigkeit zu schaffen, lediglich am Rande eingegangen. Im Fokus der Betrachtung steht der Handlungsspielraum, der den Tarifvertragsparteien zur Verfügung steht. Im Zuge dieser Arbeit soll deutlich werden, dass diese im Besonderen ihren Beitrag für mehr Beschäftigung zu leisten haben.

Aus diesem Grund soll eine lohn- und tarifpolitische Strategie definiert werden, die schließlich als Maßstab herangezogen wird, um die Lohn- und Tarifpolitik auf den Prüfstand zu stellen. Im Rahmen einer empirischen Analyse sollen die lohn- und tarifpolitischen Entwicklungen und Entscheidungen auf ihre Tragfähigkeit und Wirksamkeit hin untersucht werden. Diesbezüglich ist die Frage zu beantworten, ob und inwieweit die Tarifvertragsparteien ihren Beitrag geleistet haben, um den Abbau der Arbeitslosigkeit nachhaltig voranzutreiben.

Letztlich sollen daraus ableitend Handlungsempfehlungen an die Tarifvertragsparteien gerichtet werden, die aus Sicht des Verfassers notwendig sind, der beschäftigungspolitischen Aufgabe gerecht zu werden.

1.2 Aufbau und Themenabgrenzung

Zunächst soll der Zusammenhang zwischen dem Beschäftigungsstand und der Lohn- und Tarifpolitik dargestellt werden. Dazu ist zu Beginn eine Bestandaufnahme erforderlich. Möchte man den Patienten „Arbeitsmarkt“ zur Gesundung verhelfen, ist es notwendig, nicht bei den Symptomen, sondern bei den Ursachen der Krankheit anzusetzen. Nur wenn diese bekannt sind, können wirksame Maßnahmen ergriffen werden, um die Therapie zum Erfolg zu bringen.

Determinanten der Arbeitslosigkeit: Eine empirische Analyse der Lohn- und Tarifpolitik zwischen 1998 und 2003 Deshalb befasst sich das zweite Kapitel mit einer empirischen Analyse des sächsischen Arbeitsmarktes.9 In einem ersten Schritt wird auf die Bestimmungsgründe sowohl der Angebots- als auch der Nachfrageseite eingegangen, um im zweiten Schritt schließlich beide Seiten zusammenzuführen. Im Anschluss daran werden das Ausmaß der Arbeitslosigkeit, ihre Struktur und die wichtigsten Charakteristika als Ergebnis festgehalten, wobei der Blick insbesondere auf die am stärksten betroffenen Problemgruppen gerichtet wird.

Im weiteren Verlauf wird schließlich der Versuch unternommen, die analysierte Arbeitslosigkeit und deren wichtigste Ausprägungen theoretisch zu erklären. Damit soll es gelingen, die Brücke zwischen der Arbeitslosigkeit und der Lohn- und Tarifpolitik zu schlagen. Hierbei steht vor allem die Frage nach den Ursachen der anfangs analysierten Arbeitslosigkeit im Fokus. Das Kapitel endet mit dem Herausstellen der Bedeutung der Lohnund Tarifpolitik und des Verhaltens ihrer Akteure für den Beschäftigungsstand, und damit für die Entwicklung der gesamten Volkswirtschaft.

Im dritten Kapitel wird auf den bisherigen Überlegungen aufgebaut und eine lohn- und tarifpolitische Strategie definiert, die geeignet ist, beschäftigungsfördernde Impulse zu setzen. Den unterschiedlichen politischen aber auch wissenschaftlichen Positionen und Ansichten soll hierbei möglichst Rechnung getragen werden. Letztendlich soll der Rahmen und der Maßstab für die dann folgende empirische Analyse der Lohn- und Tarifpolitik abgesteckt werden.

Diese Analyse, die Inhalt des vierten Kapitels ist, beschränkt sich auf die Wirtschaftszweige der Metall- und Elektroindustrie und der chemischen Industrie in Sachsen und umfasst den Zeitraum von 1998 bis 2003. Diese Eingrenzungen haben mehrere Gründe: Die regionale Eingrenzung ist erforderlich, um die Lohn- und Tarifpolitik adäquat untersuchen zu können. Dieser Aspekt wird im weiteren Verlauf der Arbeit deutlich. Dass die Wahl auf Sachsen fiel, hat zudem bestimmte Gründe. Zum einen sind die ostdeutschen Bundesländer und eben auch Sachsen besonders stark von Arbeitslosigkeit betroffen. Erfolgversprechende Maßnahmen, die - basierend auf einer empirischen Untersuchung - positive Impulse auf dem Arbeitsmarkt setzen können, werden dort dringender benötigt als anderswo. Sachsen ist auch deshalb so interessant, weil es unter den ostdeutschen Bundesländern die längste Grenze zum benachbarten Ausland aufweist.10 Durch die EU-Osterweiterung mit den neuen Mitgliedsstaaten Polen und der Tschechischen Republik ergeben sich deshalb gerade für Sachsen neue Chancen, aber auch neue Risiken. Die sich dadurch neu ergebenden Rahmenbedingungen könnten den Arbeitsmarkt zusätzlich belasten und sind deshalb in die Überlegungen mit einzubeziehen.

Die Metall- und Elektroindustrie und die chemische Industrie, für die die Analyse durchgeführt werden soll, spielen im Besonderen in Sachsen eine enorm wichtige Rolle, da sie die tragenden Wirtschaftssäulen markieren.11

Die darüber hinaus erfolgte sektorale Eingrenzung ist analog zur regionalen darauf zurückzuführen, dass eine derartige differenzierte Betrachtungsweise Voraussetzung ist, um die Lohn- und Tarifpolitik untersuchen und schließlich beurteilen zu können. Beide Wirtschaftszweige wurden - wie bereits angeführt - deshalb ausgewählt, weil sie zum einen zu den Schlüsselindustrien in Sachsen gehören.12 Zum anderen ist hier die Verfügbarkeit und Bezugsmöglichkeit von relevanten Daten am stärksten ausgeprägt. Darüber hinaus war die Tiefe der Analyseebene der im Zuge dieser Diplomarbeit durchgeführten Untersuchung Pilotprojekt und besonderer Reiz zugleich.13 Zudem beschränkt sich die Analyse auf den Zeitraum von 1998 bis 2003. Die Zeit nach der Wiedervereinigung war in den neuen Bundesländern durch wirtschaftliche und politische Umbrüche geprägt. Auswirkungen und Einflüsse auf die Lohn- und Tarifpolitik, die Anfang der neunziger Jahre u.a. auch auf politische Entscheidungen der damaligen Bundesregierung zurückzuführen sind, sollen nicht Bestandteil dieser Arbeit sein.14 Darüber hinaus gab es seit 1998 keinen Regierungswechsel mehr. Der Zeitraum wurde auch deshalb gewählt, weil die mathematischen Berechnungen, die zur Analyse der Lohn- und Tarifpolitik notwendig sind, eine möglichst genaue Beurteilung erst ab 1998 ermöglichen. Diese Eingrenzungen gelten sowohl für die Untersuchung der Entwicklung des lohn- und tarifpolitischen Kurses, den die Tarifvertragsparteien eingeschlagen haben, als auch für die Untersuchung der sich daraus ergebenden Folgen.

Schlussfolgernd werden den verantwortlichen Akteuren im fünften Kapitel schließlich Handlungsempfehlungen nahe gelegt, die diese im Sinne eines Beitrages für mehr Beschäftigung umsetzen sollten.

Den Abschluss dieser Arbeit bildet das sechste Kapitel. Neben einer persönlichen Einschätzung wird an dieser Stelle auch auf die Rolle des Staates und seiner Möglichkeit, die gesetzlichen Rahmenbedingungen bezüglich des Arbeitsmarktes optimal zu gestalten, eingegangen. Dabei sollen jene Handlungsfelder aufgezeigt werden, die in unmittelbarem Zusammenhang zur Politik der Tarifvertragsparteien zu sehen sind. Darüber hinaus soll die Bedeutung der Lohn- und Tarifpolitik vor dem Hintergrund der erweiterten Europäischen Union umrissen werden. Ein kurzes Eingehen auf die Ergebnisse der Tarifrunde 2004 rundet die Arbeit ab.

2. Determinanten der Arbeitslosigkeit

Ökonomisch gesehen bedeutet eine hohe Unterbeschäftigung nichts anderes als die Verschwendung der Ressource „Arbeitskraft“, die brach liegend ihren Beitrag zur Wertschöpfung und damit zum Wohlstand nicht leistet. Damit wird auch deutlich, dass alle Bevölkerungsgruppen von ihr betroffen sind: Zum einen die Arbeitslosen, die keine Beschäftigung haben und mehrheitlich unter dieser Situation leiden, was zu Unzufriedenheit und gesellschaftlichen bzw. sozialen Spannungen führt. Zum anderen diejenigen, die einen Arbeitsplatz haben, von ihrem Einkommen jedoch vermehrt in die Sozialkassen einzahlen müssen, damit die Beschäftigungslosen eine Mindestsicherung durch Transferzahlungen erhalten können.

Deshalb sind sich Politik und Wissenschaft darüber einig, dass das vorrangige wirtschaftsaber auch gesellschaftspolitische Ziel die Schaffung von Arbeitsplätzen ist und bleiben muss.15 Die Meinungen und Vorschläge zur Verbesserung der Lage auf dem Arbeitsmarkt gehen jedoch zum Teil weit auseinander.

Aus diesem Grund soll analytisch an das Problem herangegangen und der Markt, auf dem Angebot und Nachfrage des Produktionsfaktors „Arbeit“ zusammentreffen, näher untersucht werden. Auf diese Weise soll es gelingen, die wichtigsten Ausprägungen und Merkmale der Arbeitslosigkeit festzustellen. Auf dieser Grundlage aufbauend können schließlich ursachengerechte Maßnahmen aufgestellt werden, die die beschäftigungsfördernden Impulse wirksam setzen können.

2.1 Der sächsische Arbeitsmarkt: Eine empirische Analyse

2.1.1 Bestimmung und Entwicklung des sächsischen Arbeitsangebots

Das Arbeitskräfteangebot wird zum einen von der Erwerbsneigung, also dem Wunsch, einer Arbeit nachzugehen, und zum anderen von der Größe und Struktur der Bevölkerung bestimmt.16

Die Erwerbsneigung ist an der Zahl der Erwerbspersonen, d.h. der Summe aus erwerbstätigen und erwerbslosen Menschen, ablesbar.17 Das Erwerbspersonenpotential18, das dem absoluten Angebot an Arbeitskräften entspricht, ist in Sachsen seit der Wiedervereinigung rückläufig.

Ursache für diese Entwicklung ist die Zahl der Erwerbstätigen, die von 1991 bis 2003 um 480.500 Personen gesunken ist. Im gleichen Zeitraum lässt sich bei den Erwerbslosen dagegen nur ein Zuwachs von ca. 190.000 Personen nachweisen (Abbildung 2.1).

Abbildung 2.1: Arbeitskräfteangebot in Sachsen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quellen: StaLa Sachsen (2004c), eigene Berechnungen

Der Grund für den Rückgang des Erwerbstätigenpotentials lag allerdings nicht in einsetzenden Vorruhestandsregelungen, denn das Ausscheiden der über 50-Jährigen aus dem Erwerbsleben betraf zwischen 1991 und 2003 nur 85.100 Personen. Zugleich nahm die Zahl der Erwerbslosen derselben Altersgruppe um 82.200 zu, so dass dieser Personenkreis für die in Abbildung 2.1 dargestellte Entwicklung nicht verantwortlich ist.19 Der Rückgang des Arbeitskräfteangebots geht zum größten Teil auf das Konto der jungen Menschen. Seit 1991 ist die Zahl der Erwerbstätigen zwischen 15 und 35 Jahren um knapp 326.000 Personen zurückgegangen. Das entspricht ca. 68 Prozent der gesamten Abnahme des Erwerbstätigenpotentials. Auch die jeweiligen prozentualen Veränderungen zum Vorjahr machen deutlich, dass vor allem die jungen Erwerbstätigen der Altersgruppe 20 - 35 davon betroffen waren.20 Bis auf das Jahr 1999 lagen die Veränderungsraten stets im negativen Bereich (Abbildung 2.2).

Abbildung 2.2: Entwicklung der Erwerbstätigen nach Altersgruppen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quellen: StaLa Sachsen (2004c), eigene Berechnungen

Sinkt die Zahl der Erwerbstätigen z.B. aufgrund von Arbeitsplatzabbau, müsste die Zahl der Erwerbslosen unter der Voraussetzung einer gleichmäßig wachsenden Bevölkerungsentwicklung und eines geschlossenen Arbeitsmarktes in annähernd derselben Höhe steigen. Diese Vermutung lässt sich jedoch nicht bestätigen.

Von 1991 bis 2003 ist die Zahl der 20- bis 35-jährigen Erwerbstätigen um 288.000 zurückgegangen, während das Erwerbslosenniveau in dieser Altersklasse nur um 13.600 gestiegen ist. Diese Entwicklung ist im folgenden Schaubild durch die entsprechenden Veränderungsraten visualisiert.

Abbildung 2.3: Entwicklung der 20- bis 35-jährigen Erwerbslosen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quellen: StaLa Sachsen (2004c), eigene Berechnungen

Es ist erkennbar, dass die tatsächliche Erwerbslosenentwicklung zum Teil deutlich von derjenigen abweicht, die sich einstellen müsste, wenn sie spiegelbildlich zur Erwerbstätigen- entwicklung verlaufen würde. Letzteres ist aber nicht der Fall. Der Verlauf der IST- Erwerbslosenentwicklung unterhalb des SOLL-Niveaus bedeutet, dass die meisten unter 35- Jährigen, die nicht mehr zur Gruppe der Erwerbstätigen gehören, auch nicht als Erwerbslose erfasst werden. Sie stehen also dem sächsischen Arbeitsmarkt nicht mehr zur Verfügung.

Aus diesem Sachverhalt resultiert der Arbeitskräfterückgang: Das Verschwinden der unter 35-Jährigen vom sächsischen Arbeitsmarkt. Hierfür lassen sich drei Gründe anführen.

Erstens ist seit der Wende eine große Zahl von Menschen aus Ostdeutschland und damit auch aus Sachsen abgewandert. Dabei kann das Wanderungsverhalten seit der Wiedervereinigung in drei Phasen gegliedert werden. In der ersten Phase - zu Beginn der neunziger Jahre - war eine starke Abwanderungsdynamik in das frühere Bundesgebiet festzustellen. Nach diesen anfänglichen Reaktionen der Sachsen auf die durch die Wiedervereinigung ausgelösten Arbeitsplatzverluste normalisierten sich die Fortzüge.

In den Jahren 1993 bis 1997 konnten sogar Wanderungsgewinne erzielt werden. Seit 1998 hat sich das Blatt gewendet. Allein zwischen 1998 und 2001 verließen etwa 320.000 Personen Sachsen, während nur 260.000 Menschen zuwanderten (Abbildung 2.4).21 Insbesondere die Fortzüge in das frühere Bundesgebiet haben wieder zugenommen, wobei Bayern und Baden-Württemberg die wichtigsten Zielländer darstellen.22

Abbildung 2.4: Wanderungsverhalten in Sachsen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quellen: http://www.statistik.sachsen.de (2004), eigene Berechnungen

Insgesamt verlor Sachsen in den Jahren 1990 bis 2003 aufgrund der Fortzüge vor allem nach Westdeutschland 1.162.606 Einwohner, während Zuzüge von 933.001 Personen zu zählen waren. Damit belief sich der Saldo, d.h. der Überschuss an Fortzügen, auf 229.605 Personen. Auffällig dabei ist, dass über zwei Drittel aller Wanderungsverluste der vergangenen Jahre die Altersgruppe der 15- bis 35-Jährigen betreffen.

Abbildung 2.5: Saldo aus Zu- und Fortzügen (-) nach Altersgruppen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quellen: StaLa Sachsen (2004d), eigene Berechnungen

Dieses Ergebnis ist in Abbildung 2.5 visualisiert. Dabei ist der Anteil des Überschusses an Fortzügen junger Menschen in den letzten Jahren größer geworden. Im Jahre 2003 waren die 15- bis 35-Jährigen mit über 78 Prozent an den Wanderungsverlusten beteiligt. Ein Jahr zuvor waren es noch 65 Prozent.

Eine weitere wichtige Erkenntnis gewinnt man, wenn man die Fortgezogenen in Bildungsbzw. Qualifikationsgruppen einteilt.23

97 Prozent der Fortgezogenen verfügten über einen Schulabschluss. Darunter lag der Anteil derjenigen mit Fachhochschulreife oder Hochschulreife bei 37 Prozent. 47 Prozent konnten einen Realschulabschluss nachweisen, während lediglich 12 Prozent über den Hauptschulabschluss verfügten. Insbesondere die jungen Menschen im Alter zwischen 21 und 35 Jahren hatten einen überdurchschnittlich hohen Schulbildungsabschluss und wiesen mit fast 44 Prozent eine absolvierte Fachhochschulreife oder Hochschulreife auf. Der Anteil der erwachsenen Bevölkerung in Sachsen, die über einen solchen Schulabschluss verfügen, beträgt jedoch nur 18 Prozent, während der Anteil der fortgezogenen Erwachsenen mit einer derartigen Schulbildung an allen fortgezogenen Erwachsenen mit 19 Prozent höher liegt. Bei denen, die einen Hauptschulabschluss nachweisen konnten, liegt der Anteil bei den Fortgezogenen nur bei 12 Prozent, bei der sächsischen Bevölkerung hingegen im Durchschnitt bei 33 Prozent (2001).

Auch das berufliche Ausbildungsniveau der Fortgezogenen lag über dem Durchschnitt der sächsischen Bevölkerung. Über 85 Prozent der abgewanderten Sachsen besaßen einen beruflichen Ausbildungsabschluss, 53 Prozent hatten eine Lehrausbildung oder eine Berufsfachschule absolviert, 20 Prozent eine Fachhochschule, Hochschule oder Promotion. Die Hälfte der Fortgezogenen war erwerbstätig. Diese Tatsache hat neben den noch anschließend zu erläuternden Ursachen dazu geführt, dass die Erwerbstätigenzahlen und damit auch das Arbeitskräfteangebot gesunken sind. Nur 16 Prozent der Abgewanderten waren dagegen arbeitslos, und 30 Prozent galten als Nichterwerbspersonen.

Zu den Abwanderungsmotiven lässt sich sagen, dass 40 Prozent wegen Arbeitsaufnahme oder Fortsetzung einer Tätigkeit am Zielort fortgezogen sind. An zweiter Stelle rangierten die Ehenachzüge mit 15 Prozent, gefolgt vom Wunsch nach besseren Verdienstmöglichkeiten mit 12 Prozent der Befragten.24 Der Beginn einer Ausbildung oder die Aufnahme eines Studiums wurde in 9 Prozent, bei den jungen Sachsen sogar in 37 Prozent, der Fälle als Hauptmotiv angegeben.

Die jungen Arbeitslosen bis 25 Jahre, die Sachsen verlassen haben, suchten vor allem in den westdeutschen Bundesländern bessere Perspektiven sowie Arbeitsplatz- und Ausbildungsmöglichkeiten. Rund 62 Prozent unter den Fortgezogenen könnten sich vorstellen, nach Sachsen zurückzukehren. Bei den unter 30-Jährigen sind es knapp 75 Prozent. Hier nimmt der Anteil mit steigendem Alter ab. Die wichtigste Voraussetzung für eine Rückkehr nach Sachsen ist für jeden Zweiten ein Arbeitsplatz.

Zweitens ist der Saldo der Ein- und Auspendler seit der Wiedervereinigung stets negativ.25 Im Jahr 1992 übertraf die Zahl der Auspendler die der Einpendler um knapp 44.000 Personen.26 Dieser Saldo erhöhte sich bis zum Jahr 2003 auf ca. 53.300 Menschen. Und auch hier ist die Altersgruppe der unter 35-Jährigen stark vertreten. Während der letzten Dekade ist der Auspendlerüberschuss in absoluten Zahlen um über 20 Prozent angestiegen. An dieser Entwicklung waren vor allem die unter 35-Jährigen beteiligt, nämlich jedes Jahr durchschnittlich mit 56 Prozent.

Seit dem Jahr 2000 zeichnet sich zwar ein etwas rückläufiger Trend ab. Allerdings muss man an dieser Stelle zu bedenken geben, dass hier nur die Pendlerbeziehungen zwischen Sachsen und dem früheren Bundesgebiet (ohne Berlin) berücksichtigt sind (Abbildung 2.6). Würde man die Pendler von und nach Berlin und vor allem diejenigen, die ins benachbarte Ausland pendeln, mit einbeziehen, ist davon auszugehen, dass der Auspendlerüberschuss noch mehr ins Gewicht fallen würde.

Abbildung 2.6: Auspendlerüberschuss nach Altersgruppen1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 zwischen Sachsen und altem Bundesgebiet (ohne Berlin)

Quellen: BA-Regionaldirektion (IAB) Sachsen (2004), eigene Berechnungen

Zwar ging die Zahl der 15- bis 35-jährigen Pendler deshalb etwas zurück, weil diese Personengruppe in starkem Maße, wie bereits dargestellt, den Wohnort ausserhalb von Sachsen wählt. Dennoch bilden sie immer noch den größten Anteil am Auspendlerüberschuss.

An den Pendlerbeziehungen sind - genau wie bei den Wanderungsbewegungen - in erster Linie sowohl die jungen als auch gleichzeitig die ausgebildeten und besser qualifizierten Menschen beteiligt.

Der Anteil des Auspendlerüberschusses mit abgeschlossener Berufsausbildung am gesamten Auspendlerüberschuss beträgt seit 1992 jährlich durchschnittlich 77 Prozent. Damit pendeln überwiegend qualifizierte Personen von Sachsen in die westdeutschen Bundesländer. Die Altersgruppe, die daran den größten Anteil hat, sind wieder die unter 35- Jährigen (Abbildung 2.7).

Abbildung 2.7: Auspendlerüberschuss nach Qualifikationen und Altersgruppen1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 zwischen Sachsen und altem Bundesgebiet (ohne Berlin), BA hier: Berufsausbildung Quellen: BA-Regionaldirektion (IAB) Sachsen (2004), eigene Berechnungen

Das ist erstaunlich, bedenkt man die hohen Abwanderungsquoten der unter 35-Jährigen und die Tatsache, dass Sachsen, wie noch zu erläutern sein wird, unter einem anhaltenden Nachwuchsmangel leidet. Trotz allem sind bei den Pendlerbewegungen wie auch bei den Abwanderungen insbesondere junge, qualifizierte Menschen beteiligt. Diese tragen also überwiegend dazu bei, dass das Arbeitskräfteangebot in Sachsen kontinuierlich abnimmt.

Dieser Prozess wird durch die demografische Entwicklung zusätzlich verstärkt, weil es sich drittens in Sachsen eben nicht um eine gleichmäßig wachsende, sondern seit der Wiedervereinigung um eine stets sinkende Bevölkerung handelt.

Zum einen ist das die logische Konsequenz der bereits dargestellten Abwanderungen. Diese haben zu etwa 40 Prozent dazu beigetragen, dass die Bevölkerung Sachsens seit 1990 jährlich um durchschnittlich 0,9 Prozent geschrumpft ist. In Summe entspricht dies einer Größenordnung von ca. 230.000 Menschen.27

Zum anderen jedoch sind die übrigen 60 Prozent allein auf natürliche Verluste zurückzuführen. Zwar stieg die Zahl der Lebendgeborenen im Jahr 2003 im Vergleich zum Vorjahr um 1,8 Prozent, während sich bei den Sterbefällen eine Veränderung von 1,1 Prozent ergab. Diese Veränderungsraten beruhen jedoch auf deutlich unterschiedlichen Ausgangsniveaus, so dass in absoluten Zahlen fast 20.000 Menschen mehr starben als geboren wurden. Die Zahl der Neugeborenen sinkt stetig, so dass immer weniger junge Menschen nachrücken können. Diese demografische Entwicklung in Sachsen schlägt sich bisher vor allem in der Altersgruppe der unter 35-Jährigen nieder. Seit 1990 übersteigen die Sterbefälle kontinuierlich die Geburtenraten. Während der letzten 14 Jahre wurden in Sachsen 422.840 Lebendgeborene statistisch erfasst. Im gleichen Zeitraum sind jedoch 783.289 Menschen gestorben. Dieses Defizit von ungefähr 360.000 Menschen entspricht den 60 Prozent, die dafür verantwortlich sind, dass die Bevölkerung im betrachteten Zeitraum von 4,9 Millionen auf 4,3 Millionen Menschen geschrumpft ist. Der dramatische Rückgang der Geburtenzahlen hat zur Folge, dass selbst die sinkende Zahl der Gestorbenen nicht mehr ausgeglichen werden kann.

Um den Bevölkerungsbestand zumindest zu halten, müssten im Durchschnitt 2,1 Kinder je Frau geboren werden. Tatsächlich kommen in Sachsen jedoch durchschnittlich lediglich etwa 1,2 Kinder je Frau zur Welt.28

Diejenigen, die im erwerbsfähigen Alter sind, jedoch in keinem Beschäftigungsverhältnis stehen und trotzdem in Sachsen bleiben, tauchen dort als Erwerbslose wieder in der Statistik auf. Die Erwerbslosenzahlen sind seit der Wiedervereinigung gestiegen, wobei auch hier die Entwicklung der unteren Altersgruppe ins Auge fällt. Seit 1999 ist der Erwerbslosenanteil der 20- bis 35-Jährigen an der Bevölkerung derselben Altersklasse von 14 auf 17 Prozent gewachsen. Des Weiteren stieg die Quote der 35- bis 50-jährigen Erwerbslosen im gleichen Zeitraum von 15 auf 18 Prozent an (Abbildung 2.8).

Nur in der höheren Altersgruppe sank der Anteil der Erwerbslosen um 3 auf 15 Prozent an der entsprechenden Bevölkerung. Allerdings ist an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass der illustrierte Erwerbslosenrückgang der über 50-Jährigen zum Teil darauf zurückgeführt werden kann, dass deren Bevölkerungsanteil gestiegen ist.

Abbildung 2.8: Entwicklung der Erwerbslosen nach Altersgruppen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quellen: StaLa Sachsen (2004c), eigene Berechnungen

Setzt man nun beide Bestimmungsgrößen für das Arbeitsangebot - Erwerbspersonen und Bevölkerung - in Beziehung, erhält man die Erwerbsquoten. Sie können je nach Vergleichsmerkmal (z.B. Regionen, Qualifikationen, Alter etc.) sehr unterschiedlich ausfallen. Unter anderem lässt sich mittels eines intra- und internationalen Vergleichs der Erwerbsquoten aufzeigen, wie hoch das sächsische Erwerbspersonenpotential trotz des Arbeitskräfterückgangs ist (Abbildung 2.9).

Abbildung 2.9: Erwerbsquoten im intra- und internationalen Vergleich1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Anteil der Erwerbspersonen an der Bevölkerung zwischen 15 und 65 Jahren, die Angaben für die Europäische Union umfassen die der 15 Länder

Quellen: Bundesagentur für Arbeit (2004) S. 27 und 29, StaLa Sachsen (2004c), eigene Berechnungen

Unter Berücksichtigung des hohen Potentials an Arbeitskräften fällt der Rückgang der Erwerbspersonen - besser der Erwerbstätigen - nicht so stark ins Gewicht wie man zunächst hätte annehmen können. Darüber hinaus wäre eine doch zu spürende Entlastung auf dem Arbeitsmarkt rein quantitativer Natur. Wie bereits dargestellt wurde, würde es sich bei einer derartigen Entlastung in erster Linie um eine qualitative handeln. Denn in der großen Mehrheit verlassen vor allem junge und qualifizierte Menschen den sächsischen Arbeitsmarkt, weil sie insbesondere in Westdeutschland bessere Perspektiven sehen. All dies verstärkt den ohnehin schon biologisch bedingten Alterungsprozess.

Damit geht ein Humankapitalverlust einher, der eine mögliche Ansiedlung von Firmen und die Erhaltung und Erweiterung von Kapazitäten bestehender Unternehmen erschwert, wenn nicht gar verhindert. Durch die Alterung der Betriebe und einen fehlenden Nachwuchs an qualifizierten Fachkräften könnte deren Wettbewerbsfähigkeit in Gefahr geraten. Dennoch: Die schrumpfende Zahl der Erwerbspersonen müsste, wenn auch geringfügig, dazu führen, dass durch ein sinkendes Angebot an Arbeitskräften eine gewisse Entlastung auf dem sächsischen Arbeitsmarkt zu spüren ist. Ob das der Fall ist, soll im Folgenden analysiert werden. Dazu untersucht der folgende Abschnitt die dem Arbeitsangebot entgegenstehende Seite der Arbeitsnachfrage.

2.1.2 Bestimmung und Entwicklung der sächsischen Arbeitsnachfrage

Die Arbeitskräftenachfrage wird durch die Summe der nicht realisierten Nachfrage (unbesetzte Stellen) und der realisierten Nachfrage (besetzte Stellen) bestimmt. Bei der Ermittlung des gesamten Nachfragepotentials besteht der Schwachpunkt darin, dass nicht alle der noch zu besetzenden Stellen dem Arbeitsamt gemeldet werden. Diese können daher auch nicht berücksichtigt werden.

Die realisierte Arbeitsnachfrage, wird gemessen an der Zahl der Beschäftigten bzw. Erwerbstätigen. Aus dem vorigen Abschnitt ist bereits bekannt, dass diese Zahl in Sachsen gesunken ist. Als Ursache für diese Entwicklung wurde das Verschwinden vor allem der jungen und qualifizierten Menschen vom sächsischen Arbeitsmarkt durch den demografischen Trend und das Pendler- und Abwanderungsverhalten festgehalten. An dieser Stelle lohnt es sich, die Gruppe der Erwerbstätigen weiter aufzugliedern. Denn neben den Selbständigen, Beamten, Soldaten und geringfügig/sozialversicherungsfrei Beschäftigten sind vor allem die sozialversicherungspflichtig Beschäftigten von Bedeutung.

Fast ausschließlich sie werden von den Unternehmen nachgefragt und machen den größten Teil der Erwerbstätigen aus.

Abbildung 2.10 macht deutlich, dass der Rückgang der Erwerbstätigkeit in erster Linie nicht angebots- sondern nachfragebedingt verursacht ist. Die Arbeitskräftenachfrage seitens der Unternehmen hat abgenommen, so dass die Zahl der Beschäftigungsplätze in den vergangenen Jahren gesunken ist. Im Jahr 2003 nahmen die Erwerbstätigenzahlen im Vergleich zum Vorjahr um 0,9 Prozent (16.900) ab.

Ausschlaggebend waren in diesem Zeitraum allein die sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit einer Veränderungsrate von -2,7 Prozent (39.127). Diese Entwicklung wurde ausschließlich von den jungen Menschen getragen. Denn in der Altersgruppe der 20- bis 35-Jährigen nahm die Beschäftigung von 1993 bis 2003 um jährlich durchschnittlich 3,3 Prozent ab.

Abbildung 2.10: Erwerbstätigkeit und sozialversicherungspflichtige Beschäftigung in Sachsen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quellen: BA-Regionaldirektion (IAB) Sachsen (2004), StaLa Sachsen (2004c), eigene Berechnungen

Bei den 50- bis 65-Jährigen hingegen war ein Zuwachs von jeweils 1,4 Prozent zu verzeichnen. Die Altersgruppe der 35- bis 50-Jährigen fällt dabei nicht ins Gewicht. Damit finden vor allem junge Menschen keine Beschäftigungsmöglichkeiten mehr, die aus diesem Grund ihre Perspektiven ausserhalb der sächsischen Landesgrenze sehen.

Die Entwicklung der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in qualifikatorischer Sicht zeigt, dass die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung jener in der Altersgruppe der 20- bis 35-Jährigen drastisch abgenommen hat, die über eine abgeschlossene Berufsausbildung verfügten (Abbildung 2.11). Die Beschäftigungsmöglichkeiten sind hier seit 1995 im Durchschnitt jährlich um 4,1 Prozent gesunken. Daraus resultieren die verstärkten Abwanderungen. Es bleiben diejenigen, die über keine abgeschlossene Berufsausbildung verfügen. Die Zahl derer, die zu den nicht qualifizierten sozialversicherungspflichtig Beschäftigten gehören, ist relativ konstant geblieben.

Abbildung 2.11: Entwicklung der 20- bis 35-jährigen sozialversicherungs- pflichtig Beschäftigten nach der Qualifikation

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quellen: BA-Regionaldirektion (IAB) Sachsen (2004), eigene Berechnungen

Bezieht man nun noch die nicht realisierte Arbeitsnachfrage mit in die Betrachtung ein, und zwar den Teil der offenen Stellen, die den Arbeitsämtern gemeldet worden sind, ist ein ähnliches Bild festzustellen. Der Bestand an offenen Stellen ist in Sachsen ebenso rückläufig. Im Jahr 2003 konnte ein jahresdurchschnittlicher Bestand von 17.063 offenen Stellen festgestellt werden. Dies entspricht dem niedrigsten Stand seit 1997.29

Der Rückgang des Stellenbestandes beruht auf erheblich weniger Stellenzugängen. So verzeichneten die Arbeitsämter im Jahr 1997 noch 244.149 Stellenmeldungen, im Jahr 2003 waren es nur noch 165.998. Das bedeutet, dass die Stellenzugänge seit 1997 jährlich durchschnittlich um 8,6 Prozent zurückgegangen sind.

Über das Volumen des Teils der nicht realisierten Arbeitsnachfrage, der aus den offenen, aber nicht gemeldeten Stellen besteht, konnten leider keine Daten zusammengestellt werden.30

Festzuhalten ist, dass nicht nur das Arbeitsangebot sondern auch die Arbeitsnachfrage gesunken ist.

Diese Aussage lässt sich unterstreichen, wenn man die Entwicklungen des gesamtwirtschaftlichen Arbeitsangebotsniveaus und des (realisierten) Arbeitsnachfrageniveaus mit der Bevölkerungsentwicklung in Beziehung setzt und beide, Erwerbs- und Beschäftigtenquote, miteinander vergleicht (Abbildung 2.12).

Abbildung 2.12: Entwicklung der Erwerbs- und Beschäftigtenquoten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quellen: StaLa Sachsen (2004c), eigene Berechnungen

Zum einen wird deutlich, dass trotz der rückläufigen Erwerbsquote von 81,1 Prozent im Jahr 1991 auf 76,6 Prozent im Jahr 2003 das Angebotsniveau stets höher war als das Nachfrageniveau nach Arbeit. Denn die Beschäftigtenquote ist im selben Zeitraum von 73 Prozent um mehr als das doppelte auf 61,4 Prozent gesunken. Damit hat sich die Differenz zwischen Angebot und Nachfrage in knapp 12 Jahren sogar um 7,1 Prozentpunkte auf 15,2 Prozent vergrößert. Dieses Ergebnis würde sich selbst dann nicht spürbar ändern, wenn man die nicht realisierte Nachfrage mit einbezieht. Die Beschäftigungsmöglichkeiten reichen bei weitem nicht aus, um für eine auch nur annähernde Befriedigung der Arbeitskraftanbieter zu sorgen. Das Ungleichgewicht auf dem sächsischen Arbeitsmarkt ist aufgrund der stark rückläufigen Arbeitsnachfrage sogar deutlich größer geworden.

Zum anderen lässt sich wiederholt feststellen, dass diese Entwicklung vor allem von den jüngeren Menschen getragen wird. Denn sowohl die Erwerbsquote als auch die Beschäftigtenquote der 15- bis 35-Jährigen ist überdurchschnittlich um jeweils über 14 Prozent gesunken. Die Gründe hierfür sind bereits bekannt. Auch in dieser Altersgruppe hat sich die Differenz zwischen Erwerbs- und Beschäftigtenquote, wenn auch nur geringfügig, um 0,4 Prozentpunkte auf 11,4 Prozent vergrößert.

Das Ungleichgewicht auf dem sächsischen Arbeitsmarkt hat ein verheerendes Ausmaß angenommen. Die Folge ist Arbeitslosigkeit.

Der Zusammenhang ist in Abbildung 2.13 visualisiert, in dem beide Seiten, Arbeitskräftenachfrage und -angebot, einander gegenübergestellt werden.

Abbildung 2.13: Der sächsische Arbeitsmarkt 2003

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Stille Reserve (Stille Reserve + Arbeitslose = Erwerbslose) in Tausend

2 offene, bei den Arbeitsämtern gemeldete, Stellen

Quellen: StaLa Sachsen (2004c), BA-Regionaldirektion Sachsen (2004), http://www.sachsen.de (2004), eigene Berechnungen

An dieser Stelle ist darauf hinzuweisen, dass die nicht erwerbstätigen Personen, die Erwerbslosen, auf der Angebotsseite noch einmal untergliedert werden. Zum einen gehören dieser Gruppe diejenigen an, die zur Stillen Reserve gerechnet werden und zum anderen diejenigen, die unter den Begriff „Arbeitslose“ fallen.31 Bei der Stillen Reserve handelt es sich um Personen, die Arbeit suchen, ohne bei den Arbeitsämtern als Arbeitslose registriert zu sein. Zum Teil handelt es sich bei der Stillen Reserve um beschäftigungslose Personen, die in arbeitsmarkt- oder sozialpolitischen Maßnahmen der Bundesanstalt für Arbeit stecken (Stille Reserve in Maßnahmen). Dazu gehören Personen, die auf unterschiedlichste Art und Weise gefördert werden, wie z.B. durch berufliche Weiterbildung, Vorruhestandsregelungen oder Sprachkurse. Zur Berechnung des quantitativen Ausmaßes lassen sich Angaben aus Geschäftsstatistiken gewinnen. Zieht man von der Stillen Reserve insgesamt diese Stille Reserve in Maßnahmen ab, gelangt man zur Stillen Reserve i.e.S. Insbesondere dieser Teil lässt sich nicht genau quantifizieren, da es sich hierbei z.B. um Studenten und Hausfrauen handelt, über die nur grobe Schätzwerte existieren.

Im weiteren Verlauf der Arbeit spielt die Stille Reserve jedoch keine tragende Rolle, da zum einen die Masse der Erwerbslosen aus der Gruppe der Arbeitslosen besteht und zum anderen, weil der erste Arbeitsmarkt der relevante ist.

Bisher wurden sowohl die Arbeitsangebots- als auch die Arbeitsnachfrageseite bestimmt und die wichtigsten Entwicklungen auf dem sächsischen Arbeitsmarkt dargestellt. Deshalb sollen nun im folgenden Abschnitt beide Seiten zusammengeführt werden, um die Aufmerksamkeit auf den in Abbildung 2.13 visualisierten Angebotsüberhang zu lenken.

2.1.3 Ungleichgewicht auf dem sächsischen Arbeitsmarkt: Arbeitslosigkeit

In den beiden letzten Abschnitten wurde u.a. aufgezeigt, dass die Nachfrage nach Arbeit in weit größerem Maße zurückging, als das beim Arbeitsangebot der Fall war. Der daraus resultierende Angebotsüberhang entspricht dem, was allgemein hin als Arbeitslosigkeit bezeichnet wird. Diese wird mit Hilfe der Arbeitslosenquote, die die relative Unterauslastung des Kräfteangebots anzeigt, gemessen. Dazu werden die registrierten Arbeitslosen zu den Erwerbspersonen in Beziehung gesetzt. Die Unterbeschäftigung in Form Stiller Reserve wird demnach also nicht berücksichtigt.32

Die Arbeitslosenquote, hier als der Anteil der registrierten Arbeitslosen an allen abhängigen zivilen Erwerbspersonen berechnet, lag im Jahr 2003 in Sachsen bei 19,4 Prozent. Würde man hingegen die registrierten Arbeitslosen zu den zivilen Erwerbspersonen in Beziehung setzen (also zuzüglich der Selbständigen und Mithelfenden) erhält man eine Arbeitslosenquote für Sachsen von 17,9 Prozent (2003). Es spielt jedoch keine besondere Rolle, welche der beiden Berechnungsmethoden man zu Grunde legt. Denn in beiden Fällen stieg die Arbeitslosenquote gegenüber dem Vorjahr um 0,1 Prozent auf das jeweils höchste Niveau, das Sachsen seit der Wiedervereinigung zu verzeichnen hat.33

Aufgrund der stark rückläufigen Arbeitsnachfrage und nur schwacher „Entlastung“ beim Arbeitsangebot hat sich die Arbeitsmarktbilanz in Sachsen immer weiter verschlechtert. Zwar steht Sachsen im Vergleich zu den anderen ostdeutschen Bundesländern noch relativ gut da, denn die Arbeitslosenquote lag überwiegend unter dem ostdeutschen Durchschnitt. Aber schon bei Hinzunahme der alten Bundesländer - im intranationalen Vergleich - ist erkennbar, wie kritisch die Situation auf dem Arbeitsmarkt in Sachsen ist (Abbildung 2.14).

Abbildung 2.14: Entwicklung der Arbeitslosenquoten im intranationalen Vergleich1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Arbeitslose an allen abhängigen zivilen Erwerbspersonen

Quellen: http://www.pub.arbeitsamt.de (2004), http://www.sachsen.de (2004), eigene Berechnungen

Die Arbeitslosigkeit ist während der letzten Jahre in Sachsen zwar etwas schwächer angestiegen als in Westdeutschland. Dies liegt jedoch ausschließlich am höheren Ausgangsniveau in Sachsen. Darüber hinaus beruht die stärker gestiegene Arbeitslosigkeit im früheren Bundesgebiet auf den in Abschnitt 2.1.1 beschriebenen Abwanderungen der ostdeutschen (auch der Sachsen) in den Westen. Somit kann mit einiger Vorsicht die Schlussfolgerung gezogen werden, dass die Abwanderungen nach Westdeutschland den Arbeitsmarkt dort zusätzlich belasten.34 Im Ergebnis ist die durchschnittliche jährliche Arbeitslosenquote in Sachsen seit 1999 dennoch mehr als doppelt so hoch wie die Westdeutschlands. Diese dramatische Entwicklung in Sachsen, wie die (sogar noch schlechtere) im gesamten neuen Bundesgebiet, trägt einen Großteil dazu bei, dass Deutschland insgesamt in Europa das Schlusslicht bildet. Im November 2003 wurde in Deutschland eine Arbeitslosenquote von 9,3 Prozent erreicht, während die der EU-15 lediglich bei 8,0 Prozent lag. Zu diesem Zeitpunkt schnitten nur die Franzosen (9,5 Prozent) und die Spanier (11,3 Prozent) schlechter ab.35

Ebenso ist der Abbildung 2.14 zu entnehmen, dass die Entwicklung der Arbeitslosigkeit in Sachsen kaum Schwankungen unterworfen, sondern nach wie vor relativ stetig und kontinuierlich gestiegen, ist. Für die ökonomische aber auch gesellschaftliche Situation ist es bezeichnend, wenn - wie in Sachsen - ein Fünftel aller abhängigen zivilen Erwerbspersonen bzw. zehn Prozent der sächsischen Bevölkerung arbeitslos ist.

Werden zudem noch die nicht registrierten Arbeitslosen (Stille Reserve) mit berücksichtigt, fällt das Ergebnis noch bedrückender aus.

Dieses „zusätzliche“ Arbeitsangebot steht bei der Besetzung offener Stellen in Konkurrenz zu den Arbeitslosen.

Die Stille Reserve, die sich aus den Erwerbslosen rekrutiert und aus der Differenz zwischen den Erwerbspersonen und der Summe aus Erwerbstätigen und registrierten Arbeitslosen besteht, weist seit dem Jahr 2000 ebenfalls eine steigende Tendenz auf. Nach den Berechnungen des Landesarbeitsamtes Sachsen lag deshalb das absolute Arbeitslosenniveau im April 2002 um 91.100 Personen höher als die registrierte Arbeitslosigkeit von 412.900 Personen. Bei Berücksichtigung der Stillen Reserve würde sich die in Abbildung 2.14 dargestellte Arbeitslosenquote des Jahres 2002 von 19,3 Prozent auf etwa 24 Prozent erhöhen.36

Auffallend ist auch, dass bestimmte Personengruppen - wie die der Frauen - besonders stark von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Dies ist zurückzuführen auf die aus der DDRVergangenheit resultierende höhere Erwerbsneigung der ostdeutschen und in überdurchschnittlichem Ausmaß der sächsischen Frauen. Der Anteil der Frauen an den registrierten Arbeitslosen ist deshalb dort überdurchschnittlich hoch und auf dem Arbeitsmarkt stärker spürbar als dies für das frühere Bundesgebiet gilt.

Diese arbeitsangebotsbedingte Belastung kommt noch stärker in Sachsen zum Tragen. Denn dort lag die jährliche Arbeitslosenquote der Frauen seit 1991 durchschnittlich sogar um 0,7 Prozentpunkte über der Ostdeutschlands.

Die Arbeitslosenquote der Frauen in Sachsen ist zwar seit 1997 etwas gesunken, seit 2000 stagniert sie jedoch auf einem Niveau von 19,8 Prozent.37 Die starke Erwerbsneigung der Frauen hat dazu beigetragen, dass die statistisch erfasste Arbeitslosenquote nach wie vor auf hohem Niveau liegt.

Vom Anstieg der Arbeitslosigkeit waren allerdings ausschließlich die Männer in Sachsen betroffen. Deren Arbeitslosenquote erhöhte sich ganz im ostdeutschen Trend von 6,9 Prozent im Jahr 1991 auf 19,0 Prozent im Jahr 2003. Der in Abbildung 2.15 visualisierte Annäherungsprozess zwischen den Arbeitslosenquoten der Männer und denen der Frauen ist also allein auf den Anstieg arbeitsloser Männer zurückzuführen.

Abbildung 2.15: Entwicklung der Arbeitslosenquoten nach Geschlecht1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Arbeitslose in Prozent an allen abhängigen zivilen Erwerbspersonen

Quellen: http://www.pub.arbeitsamt.de (2004), http://www.sachsen.de (2004), eigene Berechnungen

Eine Untersuchung der Altersstruktur der Arbeitslosen unterstreicht, dass die Jugendlichen in Sachsen trotz des Ausweichens insbesondere junger Menschen auf andere Arbeitsmärkte besonders stark von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Dies belegen die Zahlen der Arbeitsmarktstatistik der Regionaldirektion Sachsen. Zwar ist die Arbeitslosenquote der unter 20-Jährigen seit 1995 rückläufig, was eben auf das Verschwinden der Jugendlichen vom sächsischen Arbeitsmarkt und vor allem auf die demografische Entwicklung zurückzuführen ist. Dennoch wurde im Jahr 2003 mit einer Arbeitslosenquote von 5,9 Prozent das Niveau des Jahres 1994 erreicht. Bei den Jugendlichen zwischen 20 und 25 Jahren kommt schließlich das Ausmaß an Unterbeschäftigung besonders deutlich zum Ausdruck. Während der Anteil der Arbeitslosen an allen abhängigen zivilen Erwerbspersonen dieser Altersgruppe im Jahr 1994 noch bei 14,5 Prozent lag, wies die Statistik im Jahr 2003 eine Quote von 19 Prozent aus.38

Werden die jungen Arbeitslosen unter der Altersgruppe der 15-bis 30-jährigen zusammengefasst, so ist für das Jahr 2003 ein Anteil am gesamten Arbeitslosenbestand von 19,5 Prozent festzustellen. Damit war die Altersgruppe der unter 30-Jährigen mit etwa einem Fünftel an allen Arbeitslosen vertreten. Diese Entwicklung hat sich seit 1998 (19,1 Prozent) sogar noch verschärft.39 Die Daten belegen auch, dass eine Entlastung des Arbeitsmarktes aufgrund der in Abschnitt 2.1.1 dargestellten demografischen Entwicklung, den Abwanderungen und Pendlerbeziehungen, insbesondere dieser Altersgruppe, nicht eingetreten ist. Im Gegenteil: Obwohl in Sachsen immer weniger Jugendliche dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen und daher immer weniger in Gefahr geraten könnten, arbeitslos zu werden, stieg die Jugendarbeitslosigkeit weiter an.

Ein weiteres gravierendes Problem des sächsischen Arbeitsmarktes stellt die Dauer der Arbeitslosigkeit dar. Der Anteil der Langzeitarbeitslosen an allen Arbeitslosen ist zwischen 1992 und 2003 von 22,7 auf 42 Prozent angestiegen.40 Knapp die Hälfte aller Arbeitslosen in Sachsen ist somit länger als ein Jahr arbeitslos. Innerhalb der Gruppe der registrierten Langzeitarbeitslosen lag der Anteil derer, die sogar zwei und mehr Jahre ohne Beschäftigung sind, im Jahr 2003 bei 54 Prozent. Im Jahr 1992 waren es noch 18,1 Prozent. Besonders betroffen sind neben den Frauen vor allem ältere Arbeitslose. Die über 50- Jährigen stellten im Jahr 2003 35,3 Prozent aller Langzeitarbeitslosen.41

Damit wird zum einen deutlich, dass gerade ältere Menschen verstärkt Schwierigkeiten haben, über den Arbeitsmarkt eine Beschäftigungsstelle zu finden. Zum anderen wird an dieser Stelle ersichtlich, dass Menschen, die einmal in Arbeitslosigkeit geraten sind, immer schwieriger aus dieser Situation heraus kommen.

Kann man auch erwarten, dass eine etwaige Entlastung des sächsischen Arbeitsmarktes dadurch eintreten wird, dass viele ältere Arbeitslose bald nicht mehr im erwerbsfähigen Alter sind und daher auch nicht mehr als Arbeitslose registriert werden, ist es eben lediglich eine scheinbare Entlastung. Denn diese auf die Statistik positiv wirkende Entwicklung ändert nichts an der Tatsache, dass zum einen junge und qualifizierte Arbeitskräfte fehlen und zum anderen Beschäftigung weiterhin abgebaut wird.

Neben den Langzeitarbeitslosen sind die so genannten Geringqualifizierten besonders stark von Beschäftigungslosigkeit betroffen.42 Anzumerken ist, dass die Arbeitslosigkeit der Geringqualifizierten eng mit der der Jugendlichen verzahnt ist. Da überwiegend junge Menschen ohne Schulabschluss bzw. ohne Berufsausbildung in Sachsen verbleiben, wirkt sich dies nicht nur auf die Jugendarbeitslosigkeit sondern auch auf die Arbeitslosigkeit der geringqualifizierten Personen aus.

Der Anteil der geringqualifizierten Arbeitslosen an allen geringqualifizierten Erwerbspersonen (ausser Schüler, Studenten und Auszubildende) lag im Jahr 2003 in Sachsen knapp über 54 Prozent (Abbildung 2.16).

Abgesehen von einem deutlichen Niveauunterschied gestaltet sich das Bild qualifikationsspezifischer Arbeitslosenquoten in Sachsen ähnlich wie in Gesamtdeutschland. Im Jahr 2003 waren die Geringqualifizierten mit einer Arbeitslosenquote von 32,3 Prozent weit vor denen mit Berufsabschluss (9,9 Prozent) und den Akademikern (4,6 Prozent).43 An der hohen Arbeitslosenquote der Gruppe der Geringqualifizierten ist abzulesen, dass sich die beruflichen Perspektiven und Möglichkeiten, in Beschäftigung zu kommen, mit abnehmender Qualifikation verschlechtern.

Abbildung 2.16: Arbeitslosenquoten nach Qualifikationen1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Arbeitslose in Prozent aller zivilen Erwerbspersonen (Erwerbstätige und Arbeitslose) gleicher Qualifikation; Erwerbstätige ohne Berufsabschluss, die noch eine Bildungseinrichtung besuchen (z. B. Schüler, Auszubildende und Studenten), wurden nicht berücksichtigt.

Quellen: BA-Regionaldirektion Sachsen (2004b), StaLa Sachsen (2004e), eigene Berechnungen

Dieser Befund darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass in Sachsen selbst höher- bzw. hochqualifizierte Menschen stärker als bisher von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Der Anteil der Arbeitslosen mit Fachhochschul- bzw. Hochschulabschluss an allen Arbeitslosen ist in den letzten Jahren gestiegen. Betroffen sind hiervon überwiegend ältere Absolventen, die - wie bereits weiter oben aufgeführt wurde - immer größere Probleme haben, wieder in den Arbeitsmarkt integriert zu werden. Aber selbst bei den 15- bis 30-jährigen Hochschulabsolventen ist die Arbeitslosenquote von 2,1 Prozent im Jahr 1998 auf 3,2 Prozent im Jahr 2003 angestiegen.44 Die Chancen auf einen Arbeitsplatz haben sich demnach auch bei den höher qualifizierten Menschen verringert, die aus genau diesem Grund über die Landesgrenzen pendeln bzw. abwandern.

2.2 Ergebnis der Analyse: Strukturelle Arbeitslosigkeit

Die Analyse des sächsischen Arbeitsmarktes hat deutlich gemacht, wie groß das Potential ungenutzter Ressourcen ist. Trotz des sinkenden Arbeitsangebots ist der sächsische Arbeitsmarkt durch die stark rückläufige Arbeitsnachfrage der Unternehmen seit vielen Jahren im Ungleichgewicht. Die Arbeitslosigkeit in Sachsen verharrt auf hohem Niveau und ist im Zeitablauf kontinuierlich gestiegen.

Darüber hinaus sind bestimmte Personengruppen besonders stark von Arbeitslosigkeit betroffen. Erstens fällt darunter die Gruppe der Langzeitarbeitslosen. Immer mehr Menschen verbleiben länger als ein, ja sogar zwei Jahre, in Beschäftigungslosigkeit. Vor allem ältere Menschen, die aufgrund ihrer geringeren Mobilität und sonstiger Lebensumstände nicht auf andere Arbeitsmärkte ausweichen können, sind hiervon betroffen. Darüber hinaus sinkt mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit der Humankapitalwert. Hinzu kommen mit der Zeit Resignation und Demotivation. Aufgrund der Tatsache, dass in Sachsen generell Arbeitsplätze abgebaut werden und sich dadurch die Stimmung im Land weiter verschlechtert, zieht Arbeitslosigkeit weitere, vor allem dauerhafte, Arbeitslosigkeit nach sich. Zweitens haben die in Sachsen verbleibenden Jugendlichen immer weniger eine Chance, auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt Fuß zu fassen. Die hohe Jugendarbeitslosigkeit ist eng verknüpft mit der Gruppe der niedrigqualifizierten Menschen.

Denn drittens finden Personen ohne Berufs- bzw. Schulbildung in immer größer werdender Zahl keine Beschäftigung. Zwar sind auch die qualifiziert ausgebildeten Menschen betroffen, die trotz ihres Humankapitals kaum noch Beschäftigungsmöglichkeiten finden. Diese schätzen ihre beruflichen Perspektiven in anderen Regionen als positiver ein. Das hat vor allem in den letzten Jahren verstärkt zu Abwanderungen insbesondere des jungen Fachkräftepotentials geführt. Zurück bleiben diejenigen ohne Qualifikation bzw. ohne Berufs- oder Schulabschluss. Mehr als die Hälfte der geringqualifizierten Menschen sind ohne Arbeit.

Diese Ergebnisse zeigen die Struktur der Arbeitslosigkeit auf und lassen Rückschlüsse auf mögliche Ursachen vermuten. Dabei ist es nicht einfach, wenn gar unmöglich, die Bestimmungsgründe der Unterbeschäftigung genau zu definieren und diese empirisch zu beweisen. Das liegt daran, dass unterschiedliche Arbeitslosigkeitstypen gleichzeitig vorhanden sein können, die ihrerseits durch verschiedene Faktoren determiniert werden.45 Prinzipiell entsteht Arbeitslosigkeit durch Störungen im Wirtschaftsablauf. Was bedeutet das aber im Detail und für den Fall Sachsen?

In diesem Zusammenhang ist es erforderlich, die Arbeitslosigkeit differenziert zu betrachten und in vier grundsätzlich unterschiedliche Arten einzuteilen:46

- Friktionelle Arbeitslosigkeit
- Saisonale Arbeitslosigkeit
- Konjunkturelle Arbeitslosigkeit
- Strukturelle Arbeitslosigkeit

Schon allein die Tatsache, dass Arbeitsplatzsuchende Zeit benötigen, um die zu ihrer Qualifikation und zu ihren Präferenzen passende Arbeit zu finden, führt zu Arbeitslosigkeit. Des Weiteren benötigen auch Unternehmen eine gewisse Zeit, für eine freie Stelle den geeigneten Kandidaten zu finden. Auf der permanenten Suche nach besseren Beschäftigungsverhältnissen werden regelmäßig Kündigungen ausgesprochen oder Unternehmen gehen in Konkurs. Dies erklärt die unvermeidliche Existenz kurzfristiger Arbeitslosigkeit, die als friktionelle Arbeitslosigkeit bezeichnet wird.47 Das Bestehen von friktioneller Arbeitslosigkeit ist daran erkennbar, dass offene Stellen bei gleichzeitiger Arbeitslosigkeit existieren. Zur Reduktion dieser kann der Staat in Form der Bundesagentur für Arbeit versuchen, die Arbeitsvermittlung und die Informationssysteme zu verbessern. Da friktionelle Arbeitslosigkeit meist von kurzer Dauer und geringem Umfang ist, stellt sie kein beschäftigungspolitisches Problem dar. Vielmehr ist sie die notwendige Voraussetzung, um eine optimale Allokation der Arbeitnehmer zu ermöglichen.48

Darüber hinaus gibt es die saisonale Arbeitslosigkeit, die auf die im Jahresverlauf ungleichmäßigen Produktionsentwicklungen zurückzuführen ist. Sie entsteht durch jahreszeitbedingte Schwankungen natürlicher oder ökonomischer Nachfrage- und Angebotsbedingungen in einzelnen Sektoren der Volkswirtschaft wie der Tourismusbranche oder des Baugewerbes aufgrund von Witterungsbedingungen. Diese Arbeitslosigkeit kann zwar durch gezielte Hilfen wie das Schlechtwettergeld in der Bauwirtschaft verringert werden, von der gesamtwirtschaftlichen Situation auf dem Arbeitsmarkt ist sie jedoch weitgehend unabhängig.49

Ebenso können gesamtwirtschaftliche Produktionsschwankungen zu höherer bzw. sinkender Beschäftigung führen. In Zeiten der Rezession führt ein allgemeiner Produktionsrückgang zu rückläufiger Beschäftigung, in Zeiten des Booms ist das Gegenteil der Fall. Diese in Abhängigkeit der Konjunkturphasen auftretende Unterbeschäftigung wird als konjunkturelle Arbeitslosigkeit bezeichnet. Sie ist tendenziell mittelfristiger Natur, da sie in Abhängigkeit der Konjunkturzyklen verläuft.

Die vierte und letzte Art der Arbeitslosigkeit, die an dieser Stelle erläutert werden soll, wird als strukturelle Arbeitslosigkeit bezeichnet. Unter diesem Begriff werden unterschiedlichste Typen von Arbeitslosigkeit zusammengefasst. Strukturelle Arbeitslosigkeit entsteht prinzipiell aufgrund von Differenzen zwischen Arbeitsnachfrage und -angebot. Diese Differenzen werden darin begründet, dass die Anforderungsprofile der Unternehmen und die Merkmalsprofile der Arbeitslosen nicht mehr zusammenpassen, und zwar in qualifikatorischer, sektoraler oder regionaler Hinsicht. Dieser Mismatch wird in der Regel durch einen Strukturwandel ausgelöst, wenn nämlich z.B. aufgrund des technischen Fortschritts oder aufgrund des zunehmenden internationalen Wettbewerbs geringqualifizierte Arbeitskräfte von den Unternehmen nicht mehr nachgefragt werden (qualifikatorischer Strukturwandel). Der Trend zur Wissens- bzw. Informationsgesellschaft begünstigt Arbeitsplätze im Dienstleistungsgewerbe. Gleichzeitig haben die Beschäftigungsmöglichkeiten in Sektoren wie der Landwirtschaft in den letzten Jahren abgenommen (sektoraler Strukturwandel). Mobilitätshemmnisse führen dazu, dass aufgrund regionaler Verwerfungen sich Angebot und Nachfrage nicht mehr entsprechen (regionaler Strukturwandel). Implizite Annahme zur Entstehung struktureller Arbeitslosigkeit ist die Existenz von Lohnträgheiten.50 Das bedeutet, dass sich der Lohn, der den Preis für Arbeit darstellt, den geschilderten Veränderungen und Entwicklungen nur langsam oder gar nicht anpassen kann.51 Die Folge ist das Phänomen der strukturellen Arbeitslosigkeit, das sich in einer relativ hohen Dauer bemerkbar macht (Langzeitarbeitslosigkeit) und auch für die Persistenz von Arbeitslosigkeit verantwortlich gemacht wird.52

Diese verschiedenen Typen der Arbeitslosigkeit können gleichzeitig auftreten, weshalb die Abgrenzung und Ursachenermittlung von Arbeitslosigkeit problematisch ist. Darüber hinaus existieren die dargestellten Arten häufig nicht getrennt voneinander sondern es bestehen Wechselwirkungen, die nicht berücksichtigt werden können.

Nichts desto trotz sprechen die Ergebnisse der Analyse des sächsischen Arbeitsmarktes dafür, dass es sich bei dem Arbeitsmarktproblem in Sachsen in erster Linie um eine strukturelle Arbeitslosigkeit handelt.

Erstens ist das daran zu erkennen, dass die Arbeitslosenzahlen eben nicht im Rhythmus der Konjunkturzyklen schwanken, sondern wiederkehrend auf hohem Niveau verharrten und danach stetig angestiegen sind.

Da die Arbeitslosigkeit in Ostdeutschland und damit auch in Sachsen erst seit 1990 gemessen wird, kann dieser Sachverhalt besser auf gesamtdeutscher Ebene visualisiert werden. In Abbildung 2.17 ist deshalb die Entwicklung der Arbeitslosenzahl des gesamten Bundesgebietes dargestellt. Um darüber hinaus auch aufzeigen zu können, dass die Arbeitslosigkeit in ihrem Kern nicht saisonal bedingt ist, wurde der Verlauf der saisonbereinigten Arbeitslosigkeit grafisch mit berücksichtigt.

Abbildung 2.17: Entwicklung der Arbeitslosenzahlen von 1970 bis 20031

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 um die Entwicklung der Arbeitslosenzahlen in Sachsen hier ebenso darstellen zu können, wurde die kleine Grafik rechts unten optisch vergrößert.

Quellen: http://www.sachsen.de (2004), Bundesagentur für Arbeit-IAB (2005), eigene Berechnungen

Es wird deutlich, dass die Arbeitslosenzahlen unbeeindruckt der konjunkturellen bzw. saisonalen Entwicklungen stetig angestiegen sind. In Boomphasen nahm die Arbeitslosigkeit zwar stets ab, das Niveau der Ausgangssituation wurde jedoch nicht mehr erreicht. Genau hier liegt das Hauptproblem: Trotz Phasen wirtschaftlichen Aufschwungs nahm die Arbeitslosigkeit zu, konjunkturelle Hochphasen waren nicht in der Lage, die Arbeitslosigkeit auf das ursprüngliche Niveau zu drücken.

In der Konsequenz nahm die treppenförmig dargestellte Sockelarbeitslosigkeit ständig zu, eine Beobachtung, die auf das Vorhandensein struktureller Arbeitslosigkeit schließen lässt.53 Die Abbildung 2.17 macht auch deutlich, dass es sich nicht um ein typisch ostdeutsches Problem handelt. Betrachtet man nämlich den Verlauf für das frühere Bundesgebiet, weist die Unterbeschäftigung einen ähnlichen Pfad auf, wenn auch auf niedrigerem Niveau. Da die Zeitreihe im Falle Sachsens nur über maximal 14 Jahre dargestellt werden kann, fallen die Stufen nicht ganz so prägnant aus wie jene, die sich bei gesamtdeutscher Betrachtung ergeben. Dennoch ist auch in Sachsen die Arbeitslosigkeit kontinuierlich angestiegen. Dieser Anstieg der Sockelarbeitslosigkeit bzw. die Persistenz der Unterbeschäftigung spricht für eine strukturell bedingte Arbeitslosigkeit.

Zweitens ist die Tatsache, dass bestimmte Personengruppen von dieser Entwicklung besonders betroffen sind, ebenso ein Zeichen für die Existenz struktureller Arbeitslosigkeit. Vor allem in der hohen Zahl Langzeitarbeitsloser und in dem großen Anteil niedrigqualifizierter Arbeitslosen zeigt sich das strukturell bedingte Problem der Unterbeschäftigung.54

So weist z.B. der hohe Anteil der niedrig Qualifizierten an den Arbeitslosen auf einen qualifikatorischen Strukturwandel hin. Der Arbeitsmarkt ist hier offensichtlich nicht in der Lage, den Menschen ohne Berufs- oder Schulausbildung eine Anstellung zu verschaffen. Die hohe Arbeitslosigkeit unter den gering Qualifizierten wird häufig als das Kernproblem auf dem Arbeitsmarkt bezeichnet.55

Die hohe Frauenarbeitslosigkeit beruht zwar immer noch zu einem Großteil auf einer höheren Erwerbsneigung, die als Erbe des vergangenen politischen und gesellschaftlichen Systems der DDR zu verstehen ist. Allerdings haben sich sowohl die Einstellungen und Ansichten der Frauen als auch die Bedingungen in der Weise geändert, dass Frauen vermehrt am Erwerbsleben teilnehmen wollen. Diesem mithin gesellschaftlich bedingten Wandel muss sich der Arbeitsmarkt stellen.

Alarmierend ist auch, dass die Langzeitarbeitslosigkeit, also die Dauer der Arbeitslosigkeit, stark zugenommen hat. Es gelingt immer weniger, Arbeitslose in Beschäftigung zu bringen. Im Gegensatz zur friktionellen, saisonalen und konjunkturellen Arbeitslosigkeit ist die hier dargestellte Unterbeschäftigung langfristiger Natur. Dies deutet ebenso auf eine strukturelle Arbeitslosigkeit hin.56

[...]


1 Vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (SVR) (2002) Tz. 339

2 Die anderen Stabilitäts- und Wachstumsziele sind die Stabilität des Preisniveaus im Rahmen der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank, ein stetiges und angemessenes Wirtschaftswachstum und ein aussenwirtschaftliches Gleichgewicht.

3 Vgl. http://www.pub.arbeitsamt.de (2005) Tabellenanhang. National und international existieren unterschiedliche statistische Definitionen von Arbeitslosigkeit. Die hier verwendete Arbeitslosenquote basiert auf dem Konzept der Bundesagentur für Arbeit (BA) und setzt den Anteil der (registrierten) Arbeitslosen in Beziehung zu den abhängigen zivilen Erwerbspersonen (sozialversicherungspflichtig und geringfügig Beschäftigte, Beamte und Arbeitslose). Daneben besteht die Möglichkeit, den Anteil der Arbeitslosen an allen zivilen Erwerbspersonen (abhängige zivile Erwerbstätige, Selbständige, mithelfende Familienangehörige und Arbeitslose) zu berechnen. Die letztgenannte Methode ist im Ausland gebräuchlicher und wird daher für internationale Vergleiche herangezogen. Vgl. http://www.pub.arbeitsamt.de (2005a). Die auf diese Weise ermittelten Arbeitslosenquoten betrugen im Januar 2005 für Ostdeutschland 20,5 Prozent, für Westdeutschland 9,9 Prozent und für Gesamtdeutschland 12,1 Prozent (vgl. http://pub.arbeitsamt.de (2005) Tabellenanhang). Um das hohe Maß der Unterbeschäftigung zu unterstreichen, wurden oben diejenigen Arbeitslosenquoten aufgeführt, die sich durch die erstgenannte Berechnungsmethode ergeben. Nach der Arbeitsmarktstatistik der BA ist derjenige arbeitslos, der vorübergehend nicht in einem Beschäftigungsverhältnis steht, eine versicherungspflichtige Beschäftigung sucht, den Vermittlungsbemühungen des Arbeitsmarktes zur Verfügung steht und sich beim Arbeitsamt persönlich arbeitslos gemeldet hat. Vgl. http://www.pub.arbeitsamt.de (2005b).

4 Das hohe Niveau kommt auch dadurch zustande, dass zu Beginn des Jahres 2005 die Erfassung der Arbeitslosigkeit einer Änderung unterworfen war. Die Zusammenlegung von Sozialhilfe und Arbeitslosenhilfe (Arbeitslosengeld II) hat bewirkt, dass bisher nicht als arbeitslos verbuchte Sozialhilfeempfänger ab sofort statistisch erfasst werden. Vgl. http://www.pub.arbeitsamt.de (2005) S. 3 und 6. Dies hat die Unterbeschäftigung in die Höhe schnellen lassen. Die nunmehr transparentere und realitätsnähere Erfassung der tatsächlichen Arbeitslosigkeit ist zu begrüßen (vgl. SVR (2004) Tz. 22).

5 Der SVR ist der Auffassung, dass es sich um 1,63 Millionen Menschen handelt, die verdeckt arbeitslos sind (vgl. SVR (2004) Tz. 235 und 244). Damit wären über sechs Millionen Personen ohne Beschäftigung. Andere Schätzungen gehen über dieses Maß hinaus und bewegen sich bei über sieben Millionen Arbeitslosen (vgl. Sinn (2003) S. 2).

6 Die Ergebnisse der Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen können unter http://www.das-parlament.de (2004) abgerufen werden.

7 Vgl. dazu u.a. http://www.igmetall.de (2003) und http://www.wams.de (2003). Häufig wurde geäußert, dass dieser Streik negative Konsequenzen für die neuen Bundesländer bedeute und die wirtschaftliche Entwicklung nachhaltig geschädigt werde (vgl. dazu u.a. http://www.bd-forecast.de (2003)).

8 Vgl. u.a. http://www.wams.de (2004a) und http://www.igmetall-nieder-sachsen-anhalt.de (2004)

9 Die Eingrenzung der Untersuchung des Arbeitsmarktes auf die Region Sachsen wird im übernächsten Abschnitt erläutert, der sich mit dem vierten Kapitel beschäftigt.

10 Die Grenze Sachsens zum benachbarten Ausland (Tschechische Republik und Polen) hat eine Länge von 566 km (vgl. StaLa Sachsen (2003) S. 26). Die Grenze Brandenburgs zu Polen ist 252 km lang (vgl. Landesbetrieb Brandenburg (2004) S. 19).

11 Da die Lohn- und Tarifpolitik in Sachsen untersucht und der Zusammenhang zwischen der Arbeitslosigkeit und dem genannten Politikbereich aufgezeigt werden soll, beschränkt sich die empirische Analyse des Arbeitsmarktes in Kapitel 2 auf Sachsen.

12 Vgl. http://www.sachsen.de (2005)

13 Die Analyse der Lohn- und Tarifpolitik beschränkt sich sowohl auf eine Region als auch auf eine bzw. zwei Branchen. Eine auf dieser tiefen Ebene durchgeführte Untersuchung ist, obwohl - wie sich noch herausstellen wird - durchaus sinnvoll und notwendig, bisher nicht bekannt. Die Gründe dafür mögen im Datenmangel und der schweren Zugänglichkeit relevanter statistischer Informationen liegen.

14 Die u.a. politischen Fehlentscheidungen, die insbesondere in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung getroffen wurden und sich vornehmlich in der ökonomischen Entwicklung bemerkbar gemacht haben, lassen sich sehr anschaulich bei Sinn/Sinn (1993) nachlesen. Dort wird vor allem eindrucksvoll auf die die Lohn- und Tarifpolitik betreffenden Weichenstellungen eingegangen.

15 Bei Amtsantritt der Bundesregierung im Jahr 1998 hat diese sich die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit zum obersten Ziel gesetzt (vgl. SVR (1998) Tz. 422). Dieses wirtschaftspolitische Ziel steht nach wie vor an der Spitze der Agenda der Bundesregierung (vgl. BMWA (2005) S. 10). Auch die Wissenschaft ist der Auffassung, dass der Abbau der Arbeitslosigkeit die vordringlichste wirtschaftspolitische Aufgabe sein muss (vgl. u.a. SVR (1998) Tz. 422); Christensen (2003) S. 573).

16 Vgl. Bundesagentur für Arbeit (2004) S. 22

17 Als erwerbstätig gelten alle Personen, die einer Erwerbstätigkeit nachgehen, unabhängig von der Dauer der tatsächlich geleisteten oder zu leistenden Arbeitszeit. Als erwerbslos gelten alle nicht erwerbstätigen Personen, die sich nach eigenen Angaben um eine Arbeitsstelle bemühen bzw. dem Arbeitsmarkt innerhalb von zwei Wochen zur Verfügung stehen, unabhängig vom Umfang der gesuchten Tätigkeit und unabhängig davon, ob sie beim Arbeitsamt registriert sind oder nicht. Vgl. Mankiw (2000) S. 39 und Bundesagentur für Arbeit (2004) S. 9

18 Erwerbstätige und Erwerbslose im erwerbsfähigen Alter zwischen 15 und 65 Jahren

19 Die Zahlen resultieren aus eigenen Berechnungen, die mit den Ursprungsdaten der Bevölkerungs- und Erwerbstätigenstatistik des Statistischen Landesamtes des Freistaates Sachsen durchgeführt wurden (vgl. StaLa Sachsen (2004c).

20 Die in Abbildung 2.2 vorgenommene Einteilung der Erwerbstätigen in die drei Altersgruppen wurde gewählt, um eine gleichmäßige Verteilung zu gewährleisten (jeweils 15 Jahre). Die Erweiterung der Altersgruppe der 20- bis 35-Jährigen um die 15- bis 20-Jährigen bringt im Ergebnis keine nennenswerte Abweichung.

21 Zu den drei Phasen der Wanderungsbewegung vgl. auch StaLa Sachsen (2002) S. 12ff.

22 Vgl. dazu Deutsche Bank (2003) S. 15; StaLa Sachsen (2002) S. 15

23 Die in den beiden folgenden Textabschnitten gemachten Angaben über die Qualifikation bzw. Schulbildung der Fortgezogenen sind der Wanderungsanalyse 2002 des Statistischen Landesamtes des Freistaates Sachsen entnommen (vgl. StaLa Sachsen (2002) S. 21-23).

24 Die Informationen hinsichtlich der Abwanderungsgründe der Sachsen basieren auf der Befragung sächsischer Bürgerinnen und Bürger im Jahr 2002 durch das Statistische Landesamt des Freistaates Sachsen (vgl. StaLa Sachsen (2002) S. 26-27).

25 Als Einpendler werden alle sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit einem Arbeitsort in Sachsen und dem Wohnort ausserhalb des Freistaates Sachsen verstanden. Die Ermittlung der Zahl der Auspendler beruht auf den Beschäftigten, die ihren Wohnort in Sachsen hatten und deren Arbeitsort sich außerhalb der Landesgrenze befand. Vgl. StaLa Sachsen (2003a).

26 Alle Angaben zu den Ein- und Auspendlern basieren auf Daten, die vom IAB der Regionaldirektion der BA in Sachsen zur Verfügung gestellt wurden (vgl. BA-Regionaldirektion (IAB) Sachsen (2004)). Die Statistik beim IAB beginnt jedoch erst mit dem Jahr 1992, so dass über 1991 keine Informationen vorlagen.

27 Die Zahlen dieses und des folgenden Abschnitts beruhen auf eigenen Berechnungen, die mit Hilfe der Daten des Statistischen Landesamtes des Freistaates Sachsen durchgeführt wurden (vgl. http://www.statistik.sachsen.de (2004)). Die Ergebnisse werden gestützt durch die sächsische Wanderungsanalyse (vgl. StaLa Sachsen (2002)), wobei diese die Entwicklung nur bis 2001 berücksichtigt.

28 Vgl. StaLa Sachsen (2002) S. 11.

29 Die Angaben über Bestand und Zugang offener Stellen siehe BA-Regionaldirektion Sachsen (2004).

30 Es existiert lediglich eine Repräsentativbefragung von Betrieben über das gesamtwirtschaftliche Stellenangebot im Auftrag des IAB. Diese erfasst auch diejenigen Angebote, die den Arbeitsämtern nicht gemeldet wurden. Diese Erhebung war dem Verfasser nicht zugänglich.

31 Daraus folgt, dass die Begriffe „Arbeitslose“ und „Erwerbslose“ nicht deckungsgleich sind. Arbeitslose sind Arbeitssuchende, die vorübergehend nicht in einem Beschäftigungsverhältnis stehen, eine versicherungspflichtige Beschäftigung suchen, den Vermittlungsbemühungen des Arbeitsamtes zur Verfügung stehen und sich beim Arbeitsamt persönlich arbeitslos gemeldet haben. Der Begriff „Erwerbslose“ (Mikrozensus) ist demnach im Vergleich zum Begriff „Arbeitslose“ einerseits weiter, da er vor allem auch nicht beim Arbeitsamt gemeldete Arbeitssuchende umfasst. Andererseits ist er enger, da er z.B. Arbeitssuchende, die in der Berichtswoche wenigstens eine Stunde erwerbstätig waren, ausschließt, während sich „Arbeitslosigkeit“ mit einer Erwerbstätigkeit bis zu 15 Wochenstunden verträgt. Vgl. Bundesagentur für Arbeit (2004) S. 9.

32 Die registrierten Arbeitslosen werden zu den Erwerbspersonen (Erwerbstätige und Arbeitslose) in Beziehung gesetzt. Dabei kann der Kreis der Erwerbstätigen unterschiedlich abgegrenzt werden. Möglich ist hier der Bezug auf alle zivilen Erwerbstätigen (diese Berechnung ist im Ausland gebräuchlicher und deshalb für internationale Vergleiche geeigneter) oder auf die abhängigen zivilen Erwerbstätigen (Diese Quotenberechnung hat in Deutschland die längere Tradition). Vgl. hierzu Bundesagentur für Arbeit (2004) S. 48.

33 Vgl. http://www.sachsen.de (2004)

34 Ein Beispiel dafür gibt die gestiegene Arbeitslosigkeit in Bayern. Allein im Jahr 2001 sind etwa 100.000 Personen - überwiegend aus Thüringen und Sachsen - in die bayerischen Grenzgebiete abgewandert und haben dort zur Verfügung stehende Arbeitsplätze besetzt. Die bayerischen Arbeitslosen blieben hingegen ohne Beschäftigung. Vgl. Sinn (2003-Nr. 41).

35 Vgl. http://europa.eu.int (2004). Die im europäischen Vergleich dargestellten Arbeitslosenquoten wurden von Eurostat erstellt und basieren auf der Definition der International Labour Organisation (ILO). Gemäß den Kriterien der ILO und der Definition von Eurostat ist derjenige arbeitslos, der zwischen 15 und 74 Jahre alt und ohne Arbeit ist, innerhalb der nächsten zwei Wochen eine Arbeit aufnehmen kann und während der vier vorhergehenden Wochen aktiv eine Arbeit gesucht hat.

36 Die Angaben zur Stillen Reserve in Sachsen beruhen auf Berechnungen des Landesarbeitsamtes Sachsen (vgl. BA-Regionaldirektion Sachsen (2004a)). Eine Information über die Höhe der Stillen Reserve des Jahres 2003 ist dieser Quelle nicht zu entnehmen, andere waren mir nicht zugänglich.

37 Für die Entwicklung der Arbeitslosenquote (Arbeitslose in Prozent der abhängigen zivilen Erwerbspersonen) zwischen 1991 und 2003 der sächsischen Frauen und Männer vgl. http:/www.sachsen.de (2004), die der ost-, west- und gesamtdeutschen Arbeitslosenquote vgl. http://www.pub.arbeitsamt.de (2004).

38 Die Angaben über die Entwicklung der Jugendarbeitslosigkeit in Sachsen können unter http://www.sachsen.de (2004a) abgerufen werden.

39 Die ermittelten Prozentzahlen beruhen auf Basisdaten der Regionaldirektion Sachsen der BA (vgl. BARegionaldirektion Sachsen (2004b)).

40 Bislang ist es üblich, das Ausmaß der Langzeitarbeitslosigkeit anhand der nicht abgeschlossenen Dauer zu ermitteln. Man betrachtet also die Zahl derjenigen Arbeitslosen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt bereits länger als ein Jahr arbeitslos sind. Das vollständige Ausmaß der Langzeitarbeitslosigkeit wird damit jedoch nicht erfasst. Denn unter denen, die zu einem Stichtag kürzer als ein Jahr arbeitslos sind, befinden sich viele, die ihre Arbeitslosigkeit erst nach über einem Jahr beendet haben werden. Bei der Betrachtung abgeschlossener Arbeitslosigkeitsperioden von über einem Jahr würde sich ein Volumen an Langzeitarbeitslosigkeit errechnen, das fast doppelt so groß ist wie das hier ausgewiesene. Vgl. Bundesagentur für Arbeit (2004) S. 55.

41 Vgl. http://www.sachsen.de (2004b)

42 Als gering qualifiziert werden diejenigen Arbeitslosen eingestuft, die über keine abgeschlossene Berufsausbildung verfügen.

43 Vgl. hierzu Grundig/Lenecke (2004). Eine umfangreiche Studie über die Entwicklung der Arbeitslosigkeit unter Geringqualifizierten in Sachsen, die sich im Kern mit den hier dargestellten Ergebnissen deckt, ist vom ifo Institut Dresden durchgeführt worden (vgl. Grundig/Lenecke (2004)).

44 Vgl. BA-Regionaldirektion Sachsen (2004b)

45 Vgl. Sesselmeier/Blauermel (1997) S. 17

46 Vgl. Rürup u.a. (2002) S. 24; Sesselmeier/Blauermel (1997) S. 15-19

47 Friktionelle Arbeitslosigkeit wird auch als „Fluktuationsarbeitslosigkeit“ bezeichnet (vgl. Sesselmeier/Blauermel (1997) S. 15).

48 Vgl. Sesselmeier/Blauermel (1997) S. 15-16

49 Vgl. Sesselmeier/Blauermel (1997) S. 16. Das Schlechtwettergeld dient der Finanzhilfe für AN im Baugewerbe, die durch witterungsbedingten Arbeitsausfall Einkommenseinbuße haben (vgl. Rürup (2002) S. 245).

50 Nach der Kategorisierung der Arbeitslosigkeit bei Sesselmeier/Blauermel (1997) S. 17 sind Lohnträgheiten notwendige Voraussetzung zur Entstehung struktureller Arbeitslosigkeit. Andere Ökonomen heben diesen Sachverhalt hervor, in dem sie den bereits erwähnten vier Arten der Arbeitslosigkeit eine fünfte - die lohnkosteninduzierte bzw. klassische Arbeitslosigkeit - hinzufügen (vgl. Dieckheuer (1998) S. 242-243). Um bei der Kategorisierung von Sesselmeier/Blauermel u.a. zu bleiben und um mit lediglich einer Begrifflichkeit weiter arbeiten zu können, wird im Folgenden die so genannte lohnkosteninduzierte Arbeitslosigkeit als Teil der strukturellen Arbeitslosigkeit betrachtet. Mithin ist an dieser Stelle festzuhalten, dass eine strukturell bedingte Arbeitslosigkeit durch Lohnträgheiten verursacht wird.

51 Wobei damit die Frage zu klären wäre, warum das so ist und wodurch derartige Trägheiten verursacht werden. Aufgrund der thematischen Einordnung wird auf diesen Sachverhalt zu einem späteren Zeitpunkt explizit eingegangen.

52 Unter Persistenz wird die Verfestigung bestehender Arbeitslosigkeit verstanden, die durch den Anstieg der Sockelarbeitslosigkeit charakterisiert ist (vgl. Sesselmeier/Blauermel (1997) S. 20ff.).

53 Vgl. SVR (2002) Tz. 423; Fehn (1997) S. 29-30. Gemäß der OECD-Definition handelt es sich um strukturell bedingte Arbeitslosigkeit, wenn diese selbst in einem wirtschaftlichen Aufschwung nicht abgebaut wird und durch gesamtwirtschaftliche Politiken über die Gesamtheit des konjunkturellen Zyklus nicht beeinflusst werden kann.

54 Vgl. http://www.bundestag.de (2005)

55 Vgl. Sinn (2004) S. 204ff.

56 Hohe Langzeitarbeitslosigkeit ist, ebenso wie ein Anwachsen der Jugendarbeitslosigkeit, ein Anzeichen für Fehlsteuerungen in Form von Inflexibilitäten und starren Lohnstrukturen (vgl. Bertelsmann (2004) S. 28-29).

Details

Seiten
156
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638385350
Dateigröße
1.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v39870
Institution / Hochschule
Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung Konstanz – Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände (BDA)
Note
1,5
Schlagworte
Determinanten Arbeitslosigkeit Eine Analyse Lohn- Tarifpolitik Metall- Elektroindustrie Industrie

Autor

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Titel: Determinanten der Arbeitslosigkeit: Eine empirische Analyse der Lohn- und Tarifpolitik in der sächsischen Metall- und Elektroindustrie und chemischen Industrie zwischen 1998 und 2003