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Medien als Waffe - Zum Verhältnis von Medien und Terrorismus nach dem Irak-Krieg 2003

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 18 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit

Leseprobe

INHALT

1. Einleitung

2. Terrorismus und Medien
2.1 Begriffsklärungen
2.2 Brauchen Medien den Terrorismus?
2.3 Brauchen Terroristen die Medien?

3. Terrorismus im Irak
3.1 Wer sind und was wollen die Terroristen im Irak?
3.2 Das Mediensystem im Irak vor und nach dem Irak-Krieg 2003
3.3 Der Nutzen von Massenmedien für Terrorismus im Irak

4. Zusammenfassung und Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der klassische Terrorismus kann nur durch die Einbeziehung der Medien gelingen (Laqueur 2001:55). Ohne Medienberichterstattung laufen terroristische Taten weitgehend ins Leere (Hoffmann 2001:173). Medien sind ein integraler, unverzichtbarer Bestandteil des terroristischen Kalküls (Waldmann 1998:57). Zeitungen, Radio- und Fernsehsender tragen mehr als die terroristischen Organisationen selbst dazu bei, dass politische Gewalt erfolgreich wird (vgl. Chalfont 1990:18). Terroristen brauchen die Medien; Ja, Terroristen und Medien gehen ein symbiotisches Verhältnis ein (Hirschmann 2003:51).

Diese Thesen halten sich in der Literatur über Terrorismus beharrlich. Die Beziehung zwischen Medien und Terrorismus ist jedoch alles andere als eindimensional. Anhand des aktuellen Beispiels von Terrorismus nach und im Zusammenhang mit dem Irak-Krieg 2003 soll gezeigt werden, welche Aspekte bei der Betrachtung von Massenmedien und Terrorismus eine Rolle spielen.

Nach einer Begriffsklärung wird die Frage der Beziehung zwischen Medien und Terrorismus aus zwei Winkeln betrachtet: "Brauchen Medien den Terrorismus?" und "Brauchen Terroristen die Medien?". Während erstere Frage einfach zu verneinen ist, ist die Antwort auf die zweite Frage schwieriger, die Tendenz ist aber zustimmend.

Zwei Thesen sollen die Arbeit begleiten. Meine erste These besagt, dass die Abhängigkeit der Terroristen von Medien eine eurozentristische Sichtweise ist. Nur weil Gewalt in europäischen Ländern nicht zur gesellschaftlichen Normalität gehört, können Terroristen mit Anschlägen schocken und Einzug in die Berichterstattung finden. Bei einem ständig hohem Gewaltpegel verlieren auch terroristische Anschläge ihren 'Exoten-Bonus' und verlieren sich auf den hinteren Zeitungsseiten.

Die zweite These widerspricht der gängigen Argumentation vom "Terrorismus als Kommunikationsform" (vgl. z.B. Waldmann 1998). Vor allem die "terroristischen Anschläge" im Irak sind weniger symbolischer Natur, sondern werden als eine Art "Waffensystem in der Guerilla-Kriegsführung" (Daase 2001:65) benutzt. Eine Medienberichterstattung ist für Erfolge demnach nur zweitrangig, wichtiger ist der Zerstörungs- oder Tötungseffekt konkreter Anschläge.

In dieser Arbeit werden zuerst die Begriffe "Terrorismus" und "Massenmedien" definiert. Danach folgt eine Betrachtung, ob Medien auf Terrorismus angewiesen sind. Im Anschluss wird geschaut, ob Terrorismus im Gegensatz dazu auf die Medien angewiesen ist und ob es Unterschiede hinsichtlich der terroristischen Ziele und der Medienabhängigkeit gibt.

Nach dieser allgemein gehaltenen Einleitung folgt die Untersuchung des konkreten Beispiels. Welche terroristischen Gruppen sind aus welchen Gründen im Irak aktiv und wie sieht dort die Medienlandschaft aus? Daraus werden Schlussfolgerungen gezogen, ob die Terroristen im Irak Massenmedien brauchen oder nicht, immer mit den beiden erwähnten Thesen im Hinterkopf.

2. Terrorismus und Medien

2.1 Begriffsklärungen

Definition "Medien"

Ein Medium ist eine Einrichtung zur Verbreitung von Informationen und Nachrichten. Ein Massenmedium ist eine solche Einrichtung, die zeitgleich eine sehr große Anzahl von Menschen erreichen kann. Für diese Arbeit werden vor allem die Medien Fernsehen, Radio und Zeitungen berücksichtigt.

Definition "Terrorismus"

Weil der Begriff "Terrorismus" immer eine politische und moralische Dimension enthält (vgl. Daase 2001), die unter Umständen staatliche Akteure zum Handeln zwingt, ist eine Begriffsbestimmung schwierig. Über 100 verschiedene Definitionen sind bekannt (Daase 2001:57), aber jede hat ihre Schwächen, weil es immer Fälle gibt, die aus dem Definitionsraster fallen. Bei 83,5% der Definitionen spielt Gewalt und Zwang eine Rolle, bei 65% der politische Hintergrund und 51% betonen die Verbreitung von Furcht und Schrecken (Hirschmann 2002:31).

Der Soziologieprofessor Peter Waldmann definiert Terrorismus so: "Terrorismus sind planmäßig vorbereitete, schockierende Gewaltanschläge gegen eine politische Ordnung aus dem Untergrund. Sie sollen allgemeine Unsicherheit und Schrecken, daneben aber auch Sympathie und Unterstützungsbereitschaft erzeugen" (Waldmann 1998:10).

Der Historiker Alex P. Schmid und Soziologe Janny de Graaf wählen folgende Definition: "[Terrorism is] the deliberate and systematic use or threat of violence against instrumental (human) targets (C) in a conflict between two (A, B) or more parties, whereby the immediate victims C - who might not even be part of the conflicting parties - cannot through a change of attitude or behaviour, dissociate themselves from the conflict" (Smidt/Graaf 1982:15).

Den Versuch einer Minimaldefinition unternimmt der Historiker Walter Laqueur: "[Terrorismus ist die] Anwendung von Gewalt durch eine Gruppe […], die zu politischen oder religiösen Zwecken gewöhnlich gegen eine Regierung, zuweilen auch gegen andere ethnische Gruppen, Klassen, Religionen oder politische Bewegungen vorgeht" (Laqueur 2001:44).

Um trotz der Definitionsprobleme wissenschaftlich arbeiten zu können, schlägt Daase (angelehnt an Ludwig Wittgenstein) das Kriterium der Familienähnlichkeit vor: "Zwei Fälle von 'Terrorismus' können demnach auch dann eine Familienähnlichkeit haben (und den gemeinsamen Begriff zu Recht tragen), wenn sie überhaupt kein gemeinsames Merkmal mehr teilen, jedoch über eine Entwicklungslinie verwandter Fälle miteinander verbunden werden können" (Daase 2001:66).

Definition "nach dem Irak-Krieg 2003"

Mit dieser Bezeichnung gemeint, dass nur terroristische Akte betrachtet werden, die im Irak nach dem Ende des Irak-Krieges im April 2003 stattfanden. Bombenanschläge in Afghanistan im Jahr 2004 für diese Arbeit zum Beispiel nicht relevant.

2.2 Brauchen Medien den Terrorismus?

Die einfache Antwort lautet: Nein. Die komplizierte Antwort lautet: Nein, aber er hilft.

Das Ziel von Massenmedien in einer marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaft ist die Vermittlung von Nachrichten, möglichst so, dass es sich rentiert.

Zwischen die Ereignisse auf der Welt und der gedruckten Nachricht haben die Medien zwei Regelsysteme gesetzt. Das erste ist die Selektionslogik. Sie besagt, welche Ereignisse ausgewählt werden. Einige Kriterien dafür sind die Prominenz der handelnden oder betroffenen Personen, der Überraschungswert oder die Höhe des Schadens. Das zweite ist die Präsentationslogik. Sie besagt, wie über die Ereignisse berichtet wird. Methoden dafür sind unter anderem Dramatisierung, Personifikation, Mythologisierung oder Ritualisierung (vgl. Meyer 2002, Scheidt 2003).

Viele terroristische Organisationen helfen den Massenmedien, indem sie ihre Aktionen auf diese beiden Logiken maßschneidern. Dafür haben manche sogar Pressesprecher, Medien-Komitees und inszenieren ihre Anschläge medienkompatibel (Hirschmann 2003:51, Follath:16). Aber auch ohne Sprecher und Inszenierung wohnen dem Terrorismus Kriterien inne, die Journalisten die Arbeit erleichtern: Terroristen brechen gesellschaftliche Normen, richten Schaden an, überraschen mit ihren Taten und verletzen oder töten Personen, manchmal sogar Prominente. Damit helfen Terroristen den Medien, auflagenfördernde Artikel zu veröffentlichen. Laqueur fasst das zusammen: "Die Medien finden im Terrorismus alle Zutaten für eine spannende Story" (Laqueur 2001:54).

Durch die Illegalität der Terroristen haben es Journalisten zwar schwer, Zugang zu ihnen zu bekommen, um einzelne Personen portraitieren zu können, dafür haben es Terroristen aber auch schwer, falsche Darstellungen zu korrigieren.

Angewiesen sind die Medien auf den Terrorismus aus zwei Gründen nicht. Zum einen gibt es genug andere politische Akteure wie Parteien, Bürgerinitiativen, Nicht-Regierungs-Organisationen, die sich bereitwillig der Medienlogik unterwerfen, um Aufmerksamkeit zu erhalten (vgl. Meyer 2001, Kneschke 2001). Zum anderen birgt die Berichterstattung über Terrorismus auch Gefahren in sich. Dazu gehören zum Beispiel die Einführung von restriktiven Pressegesetzen, Hausdurchsuchungen bei Journalisten, um Informationen zu den Quellen zu erhalten, der Vorwurf, Terroristen würden in Bekennervideos, welche über das Fernsehen gesendet werden, geheime Botschaften verstecken (vgl. Campbell 2002) oder Angriffe von Terroristen auf Journalisten, um sich für unvorteilhafte Berichte zu rächen (Wilkinson 1997:53-54). Diese Nachteile können durch eine Vermeidung des Themas umgangen werden.

Soweit die Theorie. In der Praxis buhlen aber zig Fernseh- und Radiosender, tausende Zeitungen und zehntausende Zeitschriften allein in Deutschland um das Publikum[1]. "Seit Anfang der 1990er Jahre hat sich die Frequenz der Nachrichten erhöht. [...] Die Konkurrenzsituation hat sich national und international ebenfalls dramatisch erhöht" (Hirschmann 2003:50-51). Durch dieses Überangebot an Massenmedien ist ein 'schwarzes Loch' entstanden, was begierig mit Nachrichten gefüllt werden muss. Terroristische Anschläge zu ignorieren kann sich aus Wettbewerbsgründen kein Medium leisten.

[...]


[1] Für genaue Zahlen siehe Meyn 1999.

Details

Seiten
18
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638385503
ISBN (Buch)
9783638778886
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v39889
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft
Note
1,5
Schlagworte
Medien Waffe Verhältnis Terrorismus Irak-Krieg Geschichte Formen Herausforderungen

Autor

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Titel: Medien als Waffe - Zum Verhältnis von Medien und Terrorismus nach dem Irak-Krieg 2003