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Pius II. und die Auseinandersetzung mit den Türken

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 20 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Biographischer Hintergrund
Corsignano
Basel
Am Königshof
Rom.

2. Formen der Auseinandersetzung mit den Türken
Der Kongreß von Mantua
Die „Epistula ad Mahumetem“ 1461
Ancona

3. Besondere Aspekte
a. Die Europa-Konzeption
b. Die Türken-Konzeption

4. Fazit

Literatur

Einleitung

In der vorliegenden Arbeit soll die Auseinadersetzung von Enea Silvio Piccolomini/Papst Pius II. mit den Türken dargestellt werden. Angeregt wurde diese durch die Expansion des osmanischen Reiches, die in der symbolträchtigen Einnahme der Stadt Konstantinopel am 29. Mai 1453 ihren Höhepunkt fand. Diese Interpretation war zumindest die des lateinischen Westens auf die Entwicklungen in der Region des östlichen Mittelmeers. Die Eroberung Konstantinopels war für die Zeitgenossen im christlichen Europa mehr als die (unvermeidliche) Niederringung des allerletzten Rumpfes des byzantinischen Kaiserreiches.

Im Westen gerann die Thematisierung der als bedrohlich empfundenen osmanischen Expansion zum Diskurs der Türkengefahr.[1] Diese diskursive Auseinandersetzung trug ganz unterschiedliche literarische Blüten und prägte nicht zuletzt das Bewusstsein von einem Europa als Gemeinschaft überstaatlichen bzw. überterritorialen Charakters, die ein gemeinsames Schicksal trägt. Diese Arbeit will zeigen, dass Pius II. an dieser Prägung großen Anteil hatte.

Nicht zu trennen von der geistigen Auseinandersetzung sind aber die Pläne zur aktiven Tat. Auch sie sollen bei einer Darstellung von Pius’ Leben, das in den letzten Jahren ganz im Zeichen der Türkengefahr stand, nicht fehlen. Dem späteren Papst Pius II. war es möglich, seine literarisch-publizistischen Ideen auch in politische Taten umzusetzen. Punkt 2 dieser Arbeit wird dies ausführen.

Bei der Rekonstruktion seines Lebensweges bieten Eneas Selbstdarstellungen eine unschätzbare Hilfe. In seinen „Commentarii[2], einer Autobiographie, gewährt er Einblick in sein Leben und Denken. Dem Leser wird ein Reichtum an Fakten präsentiert, der selbstverständlich mit der gebotenen kritischen Distanz rezipiert werden muss. Dennoch bietet der Autor Pius in diesem Werk vielleicht den besten Zugang zu seiner eigenen historischen Persönlichkeit.

Mit Pius II. tritt uns eine historische Persönlichkeit entgegen, die in der bisherigen Geschichtsschreibung immer wieder neu situiert und beurteilt worden ist - und wohl auch in der zukünftigen werden wird. Seine Gedanken über Christenheit und Europa, über Identitäten und Alteritäten, sind so grundlegend, dass sie den Historiker immer wieder aufs neue zum Nachdenken anregen.

1. Biographischer Hintergrund

Corsignano

Enea Silvio Piccolomini wurde am 18. Oktober 1405 im Dorf Corsignano[3], das sich zum größten Teil im Besitz seiner Familie befand, unweit der Stadt Siena geboren. Dorthin hatte sich das Adelsgeschlecht der Piccolominis 1368 zurückgezogen, nachdem sich in Siena eine bürgerliche Regierung etabliert hatte. Die Entmachtung der Nobilität ging Hand in Hand mit einem finanziellen Ruin, so dass man sich die Kindheit und Jugend des Enea als ein von Arbeit geprägtes Landleben vorstellen muss.[4]

Als Papst sollte Enea später in seinen Geburtsort zurückkehren und das Dorf Corsignano zur Stadt Pienza mit eigenem Bischofssitz machen. Die neue Stadt trug nicht nur seinen Namen, als Wahrzeichen ließ Pius hier auch den Dom und den Papstpalast erbauen.

Mit 18 Jahren verließ Enea seine Heimat und wurde zum Jurastudium an die Universitäten in Siena, Pavia und Florenz geschickt. Mit größerem Eifer als dem trockenen Studium der Rechte widmete er sich aber der Lektüre antiker römischer Autoren (des Griechischen war er nicht mächtig). In Siena erlebte er einen der populärsten Prediger seiner Zeit[5]: Der Franziskaner Fra Bernardino hatte im Sommer 1427 vor großen Volksmengen in der Stadt gepredigt und einen so beträchtlichen Eindruck bei Enea hinterlassen, dass dieser sogar ein Klosterleben in Erwägung zog.[6]

Basel

Aber Eneas Weg sollte ihn in eine andere Richtung führen: Ebenfalls in Siena traf er Kardinal Domenico Capranica, der ihn als seinen Sekretär anstellte. Als solcher begleitete er 1432 seinen Dienstherrn auf das Konzil, das sich in Basel versammelt hatte. Hier half er durch seine Dienste als Advokat dem Kardinal, dessen Amt wiederzuerlangen. Das Konzil, das sich um umfassende Reformen der Kirche bemühte, musste dem 26jährigen Enea als ein Markt der Möglichkeiten erscheinen: Hier konnte er Kontakte zu einflussreichen Persönlichkeiten seiner Zeit knüpfen und nicht nur seine rhetorischen Fähigkeiten schulen, sondern sich auch durch Fleiß und Einsatzbereitschaft neue Karrieremöglichkeiten erschließen.

Da Capranica in finanziellen Schwierigkeiten war, konnte er Enea nicht länger beschäftigen. Der junge Sekretär arbeitete danach für den Bischof von Freising, Nicodemo della Scala, und Bartolomeo Visconti, den Bischof von Novara. Für Kardinal Niccolo Albergati reiste er 1435 in diplomatischer Mission nach Schottland – keine besonders glanzvolle Gesandtschaft und mit Schwierigkeiten und sogar Lebensbedrohlichkeiten verbunden, wie Enea bei der Überfahrt am eigenen Leib erfahren musste.[7]

Er kehrte zurück zum Basler Konzil, das am 25. Juni 1439 Papst Eugen IV. als Häretiker für abgesetzt erklärte. Enea wurde Sekretär im Dienste des Konzilpapstes Felix V. und überlebte die Pest, die zur gleichen Zeit in der Stadt umherging. Gravierende Auflösungserscheinungen des Konzils zeigten sich, und Enea bemühte sich um eine neue Anstellung. Er fand sie 1442 am deutschen Königshof bei Friedrich III., der im Streit zwischen Papst und Konzil eine neutrale Position eingenommen hatte.

Am Königshof

Friedrich III. nahm Enea als Sekretär in seine von Caspar Schlick geleitete Kanzlei in Dienst. Enea berichtet von einem schwierigen Einstand: er habe keinen angemessenen Eß- oder Schlafplatz gehabt, war verhasst und verachtet und wurde „verspottet wie ein Ketzer oder Jude“.[8] Dennoch gewann er an Einfluss: bald war er Schlicks Stellvertreter. Durch seine Dichterkrönung, die Friedrich im Juli 1442 in Frankfurt an ihm vornahm und die verbunden war mit einem Privileg für öffentliche Lehrtätigkeit, und wohl auch durch den Erfolg seiner relativ freizügigen Novelle „Euryalus und Lucretia“ (1444)[9] fand Enea Zutritt zu den gebildeten Kreisen des Hofes und auch der Universität in Wien. Enea erwies sich aber auch in seriöseren Genres als äußerst produktiver Schreiber: Neben seinen zahlreichen Briefen, sind v.a. der „Pentalogus de rebus ecclesiae et imperii“ (1443) zu erwähnen, „De ortu et auctoritate Romani imperii“ (1446), die „Historia Friderici Tertii et Austriae“ (1458) und die „Historia Bohemica“ (1458).[10]

Friedrich schickte Enea in diplomatischer Mission zu Papst Eugen IV., um das Schisma zwischen Basel und Rom zu überwinden. Diese Reise nach Italien nutzte Enea, um sich persönlich mit Eugen auszusöhnen. 1445 wurde ein Konkordat zwischen Papst und König ausgehandelt, das das Ende der deutschen Neutralität besiegelte. Dieses Konkordat erhob auch Enea in den hohen Rang eines europäischen Staatsmannes.[11]

Parallel zu den Verhandlungen mit dem Papst trat bei Enea eine spirituelle und emotionelle Wandlung ein: Den vorher durchaus sinnenfreudigen Mann plagten düstere Gedanken über Tod, Gericht, Himmel und Hölle.[12] Er entschloss sich, in den Priesterstand einzutreten. Inwieweit diese sittliche Wandlung beeinflusst wurde durch karrieristisches Kalkül ist nicht bis ins letzte zu klären. Fest steht jedoch, dass Enea schnell in der kirchlichen Hierarchie aufstieg: 1447 wurde er zum Bischof von Triest ernannt, 1450 zum Bischof von Siena und sechs Jahre später (von Calixt III.) zum Kardinal.

Der Bischof von Siena wurde 1454 und 1455 mit der Leitung von drei Reichstagen betraut, auf denen das Reich über eine neue Bedrohung beraten sollte. Innerhalb von zehn Jahren trat an der östlichen Peripherie der lateinischen Christenheit eine neue Entwicklung in das Bewusstsein der Zeitgenossen: die osmanische Expansion schritt voran – und hinterließ bei den Menschen im Westen einen immer größer werdenden Eindruck. Im November 1444 unterlag eine christliche Streitmacht den Türken in der Schlacht bei Varna. Mit dem Fall von Konstantinopel am 29. Mai 1453 war sowohl die osmanische Expansion als auch die Türkengefahr auf ihrem ersten Höhepunkt angelangt.

Enea fühlte sich stark betroffen von diesen Entwicklungen. Unter dem direkten Eindruck des Falls der byzantinischen Hauptstadt beklagte er sich bitter über die neueste Entwicklung. Der Verlust der Kulturgüter schmerzte ihn besonders. Konstantinopel war ein kulturelles Zentrum mit zahlreichen Schätzen. Dass diese nun in die Hände der Türken gefallen waren, war für Enea, der die litterae humaniores über alles schätzte, eine Katastrophe. Denn über die Eroberer hatte er eine klare Meinung: „Turchi in libidinem provoloti sunt, litterarum studia parvi faciunt, incredibili fastu superbiunt.[13] Auch für den christlichen Glauben sieht Enea schwerwiegende Folgen: Er sei nun eingeschränkt und auf einen Winkel zurückgedrängt („[...] fidem Christianam comminui et in angulum coartari videmus.[14] ). Ohne Zweifel war für ihn, dass die bisherigen osmanischen Eroberungen nur ein Etappenziel waren: „Vidimus cladem Grecorum, nunc Latinorum ruinas exspectamus.“[15]

[...]


[1] Die Unterscheidung der zwei Begriffe soll in dieser Arbeit nach Höferts Definitionen beibehalten werden (Höfert: Den Feind beschreiben).

[2] Da dieses Werk in mehreren Editionen erschienen ist, wird im folgenden bei den hier zitierten Stellen immer nur „Commentarii Buch, Kapitel“ angegeben.

[3]oppidum parvi nominis“ (Commentarii II, 20)

[4] Pius gebraucht die Vokabel „inopia“ um die schlichten Zustände zu beschreiben. (Commentarii I,1)

[5]Nos eum Senis in foro sexaginta diebus praedicantem audivimus.” (zit. nach Widmer: Enea Silvio Piccolomini, S. 422.)

[6] Widmer: Enea Silvio Piccolomini, S. 18.

[7] Vgl. Commentarii I, 5-6.

[8] Vgl. Commentarii I, 11.

[9] Nachwort von Herbert Rädle, in: Piccolomini: Euryalus und Lucretia, S. 126: „Bis zum Jahre 1500 erschienen mehr als 70 Ausgaben, zunächst in lateinischer Sprache, dann auch in italienischen, französischen, spanischen und deutschen Übersetzungen.“

[10] Vgl. zu diesen und allen anderen Schriften Piccolominis: F.J. Worstbrock: Art. Piccolomini, Aeneas Silvius, in: ,Wolfgang Stammler/Kurt Langosch: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon Bd. 7, Berlin/New York 1989, S. 634-669.

[11] Rowe: The Tragedy of Aeneas Sylvius Picolomini, S. 291.

[12] Ebd., S.

[13] „Die Türken sind der Wollust ergeben; die Wissenschaft achten sie gering, blähen sich jedoch in unglaublicher Selbstüberhebung auf.“ (Brief an Nikolaus von Kues; Graz, 21. Juli 1453, zit. nach Widmer: Enea Silvio Piccolomini, S. 446f.)

[14] Ebd., S. 448f.

[15] „Wir haben die Niederlage der Griechen erlebt, nun erwarten wir den Untergang der Lateiner.“ (Ebd., S. 450f.)

Details

Seiten
20
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638386081
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v39971
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,5
Schlagworte
Pius Auseinandersetzung Türken Hauptseminar Konstantinopel Türkengefahr Papst

Autor

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Titel: Pius II. und die Auseinandersetzung mit den Türken