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Das Bürgerrecht im klassischen Athen - Wesen und demokratietheoretische Bedeutung

Seminararbeit 2002 18 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Wesen des athenischen Bürgerrechts
2.1. Bürgerrechte
2.2. Bürgerpflichten
2.3. Bürgerrechtsverleihungen und –verlust

3. Oligarchie, Timokratie oder Demokratie – die Rolle der Schatzungsklassen in der Verfassung Athens
3.1.Theoretische Konzeption.
3.2. Schatzungsklassen in Athen und ihre Bedeutung

4. Zusammenfassung

5. Literatur

1. Einleitung

Die demokratische Verfassung Athens ist nicht nur für die Alte Geschichte ein höchst interessantes Thema. Auch fachverwandte Fächer wie die Politikwissenschaft interessieren sich für dieses Thema. Dies schon allein deswegen, weil die athenische Demokratie die erste praktizierte direkte Demokratie der Menschheitsgeschichte darstellt. Demnach liefert sie die Grundkonzeption und theoretische Basis auch der modernen repräsentativen Massendemokratien, auch wenn beide Konzeptionen bei näherem Hinschauen kaum miteinander vereinbar zu sein scheinen.

Zentraler Bestandteil einer Staatsordnung ist die Frage nach der des Bürgerrechtes. Dieser Begriff hat zwei Bedeutungen. Einerseits das Bürgerrecht im staatsbürgerlichem Sinne. Hier muß der Frage nachgegangen werden, welche Bedingungen gestellt werden, damit ein Mensch Bürger eines Staates sein kann. Staatsbürger bedeutet aber auch, die Frage nach dem Souverän zu stellen, d.h., wann ein Mensch am politischen Herrschaftsprozeß teilnehmen darf.

Andererseits gibt es die Frage nach den Bürgerrechten in dem Sinne, welche Rechte mit dem Innehaben des Staatsbürgerrechtes verbunden sind. Dies schließt neben politischen Rechten auch wirtschaftliche, soziale und juristische ein.

Diesen Fragen soll in bezug auf das klassische Athen im ersten Teil der Hausarbeit nachgegangen werden. Im zweiten Teil folgt dann eine eher demokratietheoretische Überlegung, welche dann an der Entwicklung Athens überprüft werden soll. Im Zentrum dieser Überlegungen steht die Frage, welchen Einfluß soziale und wirtschaftliche Faktoren innerhalb der Bürgerschaft auf die Verteilung politischer Rechte hatten. Das bedeutet, der Frage nachzugehen, inwieweit das Prinzip der Gleichheit im demokratischen Athen wirklich umgesetzt wurde.

Als Quellenmaterial dient mir an erster Stelle Aristoteles‘ Staat der Athener, die umfassendste Darstellung der athenischen Demokratie, und weiterhin die Schriften Demosthenes‘ und Platons.

2. Wesen des athenischen Bürgerrechts

Die Bevölkerung Attikas bestand aus drei Gruppierungen. Ohne politische oder juristische Rechte lebten die unfreien Sklaven. Auf der anderen Seite die freien, also mit juristischen und ökonomischen Rechten ausgestatteten, aber nicht aus Athen stammenden Metöken. Und letztlich die Gruppe der athenischen Bürger, welche ebenso diverse ökonomische und juristische Privilegien genossen, deren Hauptmerkmal aber die alleinige Innehaben politischer Rechte war.

Die athenische Bürgerschaft setzte sich aus zwei Teilen zusammen, nämlich denjenigen Bürgern welchen das Bürgerrecht durch ein besonderes Verfahren verliehen wurde und jenen, die es durch die Geburt in eine bürgerliche Familie inne hatten. Zunächst möchte ich mich der letzteren Gruppierung widmen, da sie bereits aus demographisch-historischer Sicht die bedeutendste ist.

Seit der perikleischen Bürgerrechtsreform im Jahr 451/0 v.Chr. wurde nur derjenige Bürger, wer nachweislich von athenischen Bürgern abstammte. Hansen betont hierbei, daß angesichts der Quellenlage keine eindeutige Aussage möglich sei, ob nicht-eheliche Kinder athenischer Bürger das Bürgerrecht erhielten. Vieles spreche jedoch dagegen, besonders da die eheliche Geburt eine Bedingung der Aufnahme eines Kindes in die väterliche Phratrie gewesen ist und alle athenischen Bürger einer Phratrie angehörten.[1] Dieser Frage soll hier aber nicht näher nachgegangen werden.

Die Aufnahme eines jungen Mannes in die Reihe der athenischen Bürger folgte einer festgeschriebenen Prozedur, die Aristoteles wie folgt schildert:

„Die jetzige Staatsordnung sieht folgendermaßen aus. An der Staatsverwaltung haben diejenigen Anteil, deren Eltern beide Bürger sind; sie werden, wenn sie achtzehn Jahre alt geworden sind, in die Liste der Demenmitglieder eingetragen. Wenn sie eingetragen werden, stimmen die Demenmitglieder unter Eid über sie ab, und zwar zunächst darüber, ob die Kandidaten das vom Gesetz vorgeschriebene Alter erreicht zu haben scheinen; wenn sie es nicht zu haben scheinen, kehren die Kandidaten wieder zu den Knaben zurück. Zum zweiten stimmen sie darüber ab, ob ein Kandidat frei ist und ob seine Herkunft den Gesetzen entspricht. Wenn sie dann einen Kandidaten, weil er nicht frei ist, ablehnen, so kann er die Überweisung seines Falls an ein Gerichtverlangen, und die Demenmitglieder wählen aus ihren Reihen fünf Männer als Ankläger; und wenn entschieden wird, seine Eintragung sei unrechtmäßig, so verkauft ihn die Polis; wenn er aber siegt, so sind die Demenmitglieder verpflichtet, ihn einzutragen.“[2]

Welche Informationen kann man dieser Passage entnehmen? Ähnlich den Regulierungen im heutigen Deutschland erhalten diejenigen das Bürgerrecht, die achtzehn Jahre alt sind. Ein fundamentaler Unterschied besteht jedoch darin, daß, auch wenn Aristoteles diese für ihn empfundene Selbstverständlichkeit nicht ausdrücklich betont, Frauen vom Erhalt des Bürgerrechtes ausgeschlossen sind. Ferner wird deutlich, daß die Deme das entscheidende Organ bei der Aufnahme junger Männer in die Bürgerschaft war. Es scheint kein zentral verwaltetes Bürgerregister gegeben zu haben, sondern lediglich die dezentral organisierten Demenregister.

Aufgabe der Demenversammlung war es zu überprüfen, ob der Kandidat einerseits das vorgeschriebene Alter erreicht hatte, andererseits ob er frei war und „seine Herkunft den Gesetzen“ entsprach. Diese Formulierung scheint die oben bereits angeführte Frage nach den unehelichen Kindern zu bestätigen, da damit im Grunde genommen nur die eheliche Herkunft gemeint sein kann.

Außerdem erfahren wir, daß der Kandidat, höchst wahrscheinlich über seinen Vater, das Recht hat, den Beschluß der Demenversammlung über seine Unfreiheit oder illegitime Abstammung vor Gericht anzufechten. Interessant ist die Formulierung, daß trotzdem ein aus fünf gewählten Männern des Demos bestehendes Kollegium als Ankläger vor Gericht auftritt und eben nicht der Antragsteller.

Zwar etwas extrem aber dennoch legitim erscheint die Regelung, daß der Antragsteller bei Niederlage vor Gericht durch die Polis in die Sklaverei verkauft wird. Legitim deswegen, da ein in Attika geborener Mann, wenn er kein Bürger ist, ein Sklave sein muß.

Aristoteles fährt in seiner Schilderung folgendermaßen fort:

„Danach überprüft der Rat die Eingetragenen, und wenn einer von ihnen jünger als achtzehn Jahre alt zu sein scheint, so bestraft der Rat die Demenmitglieder, die jenen eingetragen haben. Nach der Überprüfung der Epheben versammeln sich die Väter phylenweise und wählen unter Eid drei der über vierzigjährigen Phylenmitglieder, die sie für die besten und geeignetsten zur Betreunung der Epheben halten; aus diesen wählt das Volk je einen aus jeder Phyle als Betreuer und aus allen anderen Athenern einen Leiter für alle Epheben.“[3]

[...]


[1] Hansen, Morgens Herman: Die Athenische Demokratie im Zeitalter des Demosthenes: Struktur, Prinzipien und Selbstverständnis. Berlin 1995. S.95f. Dem 57,54.

[2] Arist. Ath. Pol. 42.1.

[3] Arist. Ath. Pol. 42.2.

Details

Seiten
18
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638387316
Dateigröße
398 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v40151
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
2,3
Schlagworte
Bürgerrecht Athen Wesen Bedeutung Demokratie

Autor

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