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Zufriedenheit mit der Berufswahl und dem Ausbildungsplatz im Kanton Zürich

von Lic phil I Fränzi Meili (Autor) Sarah Neininger (Autor)

Lizentiatsarbeit 2004 142 Seiten

Pädagogik - Berufserziehung, Berufsbildung, Weiterbildung

Leseprobe

1. Einleitung

1.1 Einleitende Überlegungen und Forschungsinteresse

In der heutigen Zeit der schnellen technischen und gesellschaftlichen Veränderungen sowie der unsicheren Wirtschaftslage ist es eine besonders schwierige Aufgabe und eine grosse Herausforderung, Jugendliche optimal auf ihre berufliche Lebensgestaltung vorzubereiten. Der Jugendliche steht in einem komplexen Umfeld, wo es einerseits gilt, Einflüssen und Anforderungen von aussen gegenüberzutreten und zu bewältigen und andererseits gleichzeitig zu lernen, seinen eigenen Bedürfnissen gerecht zu werden.

Zu den wichtigsten Einflusskomponenten, die bei der Identitätsentwicklung sozialisierend auf einen Jugendlichen einwirken, gehören nach der klassischen Auffassung die Familie, die Schule, die Gleichaltrigengruppe, die öffentliche Institutionen und der erlernte Beruf. Diese Sozialisationsinstanzen bestimmen den Alltag eines Jugendlichen, die Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbst, was eine Identität schafft, und sie beeinflussen das Wohlbefinden. In der vorliegenden Lizentiatsarbeit wird im theoretischen Teil diesbezüglich hauptsächlich auf die berufliche Sozialisation eingegangen, da dies u.a. als theoretischer Hintergrund für den praktischen Teil der Arbeit dient . Die Berufswahl ist ein Teil des Sozialisationsprozesses. Die Entwicklung einer beruflichen Identität hat ihre Wurzeln bereits in der frühen Kindheit (vgl. Pilotstudie des Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann 1994, S. 15). Später, in den letzten Schuljahren der obligatorischen Schulzeit, müssen sich Jugendliche dann ernsthafter mit der Wahl eines Berufes auseinandersetzen und sich für einen Beruf entscheiden. Dieser Beruffindungsprozess ist natürlich beim Übergang von der Schule in eine Ausbildung nicht zwanghaft abgeschlossen, zumal in den letzten Jahren in der Wissenschaft vermehrt von „lebenslangem Lernen“ (vgl. Böhnisch 2001, S. 248ff.) gesprochen wird. Die Schwelle des Übergangs von der Schul- in die Berufsausbildung bringt zahlreiche Risiken und Chancen mit sich. Ausbildungsplätze werden immer knapper, die Jugendarbeitslosenquote in der Schweiz ist auf einen neuen Rekordstand von 6% (vgl. SAKE-Erhebung 2003) gestiegen. Damit werden die Berufsperspektiven immer unsicherer. In diesem Kontext ist auch die soziale Benachteiligung zu nennen. Nicht alle Jugendlichen haben die gleichen Zugangschancen zu bestimmten nach-obligatorischen Ausbildungen. Laut einem thematischen Bericht der PISA-Studie (2003) beispielsweise, sind RealschülerInnen immer noch mit massiven Benachteiligungen bezüglich Berufsausbildung konfrontiert. Vor dem Hintergrund eines Bildungssystems, das den Anspruch erhebt, leistungsbasiert und verteilungsgerecht zu sein, ist dieser Befund höchst bedenklich.

Nach Böhnisch (2001, S. 167) sind Jugendliche und junge Erwachsene heute zu jener Sozialgruppe geworden, in der sich der Strukturwandel und die Krise der Arbeitsgesellschaft am deutlichsten widerspiegelt. Dies findet seinen praktischen Ausdruck darin, dass die Technologisierung und Rationalisierung der Produktions- und Dienstleistungsbereiche zu einer enormen Verringung der Berufspaletten und damit zu einer Verknappung der Einstiegs- und Lehrberufe für Jugendliche geführt haben. Gleichzeitig suchen die Unternehmen mit ihren hoch technisierten Berufsabläufen mehr als früher schon die „fertigen“, also bereits qualifizierten und mit Berufserfahrung versehenen Arbeitskräfte. Dabei ist zu bedenken, dass rund zwei Drittel aller SchulabgängerInnen nach der obligatorischen Schulzeit eine Berufslehre absolvieren (vgl. Lehrstellenbarometer 2003). Die zunehmende Verunsicherung erfordert ständige Umorientierung. Arbeitsinhaltliche Vorlieben müssen zurückgestellt werden, um sich möglichst viele Optionen offen zu halten. Dies beginnt schon bei der ersten Berufswahl am Ende der obligatorischen Schulzeit - nicht jeder Jugendliche kann seinen Wunschberuf erlernen (vgl. Meyer et al. 2003, S. 43ff.).

Zudem haben sich die Anforderungen an Jugendliche im Berufsleben stark gewandelt. Die Festlegung z.B. auf einen Beruf, der das ganze Leben lang ausgeübt wird, oder die Gründung einer Familie stellen nicht mehr oberste Prioritäten im Leben eines jungen Erwachsenen dar. Vielmehr stehen Freude an der Arbeit und die Sicherheit eines Arbeitsplatzes im Vordergrund. Werden die individuellen Erwartungen und Ansprüche an die Arbeit, den Ausbildungsplatz nicht erfüllt, kann dies zu einem Ausbildungsabbruch führen. Gründe dafür lassen sich in der Unzufriedenheit mit der Berufswahl und/oder der Arbeitssituation finden (vgl. Bohlinger, S. 13ff.).

Zu Beginn der Forschungsarbeit stellte sich die Frage, weshalb die Lehrabbruchsquote von rund 20% (vgl. Neuenschwander 1999, S. 13) im Kanton Zürich - auch gesamtschweizerisch - so hoch ist (1997 wurden im Kanton Zürich rund ein Fünftel der Lehrverträge aufgelöst). Die Hälfte aller Vertragsauflösungen erfolgt während des 1. Lehrjahrs. In der Schweiz gibt es jedoch statistisch wenig gesichertes Material bezüglich Lehrvertragsauflösungen. Die umfassendste und aktuellste Studie zu dieser Thematik stammt von Neuenschwander (1999), auf welche sich diese Lizentiatsarbeit hauptsächlich stützt.

Bei der vorliegenden Lizentiatsarbeit geht es um eine retrospektive Bewertung der Berufswahl, sowie um eine Standortbestimmung der Lehrlinge. Für eine positive Einstellung zum Ausbildungsplatz sind beeinflussende Faktoren wie zum Beispiel Unterstützung der Familie, ein gutes Verhältnis zu den MitarbeiterInnen sowie Vorgesetzten oder eine gute Entlöhnung von grosser Relevanz. An die Stelle einer spezifischen Berufswahltheorie tritt das Berufswahlmodell von Heinz (1980), das von Herzog (2003) erweitert wurde. Es lässt sich unabhängig von einer bestimmten Theorie anwenden. Dieses Berufswahlmodell wird im entwicklungspsychologischen Kontext eingebettet und betrachtet.

Es wird die individuelle Zufriedenheit mit der Berufswahl und dem Ausbildungsplatz von (Stadt-) Zürcher Lehrlingen erfragt. Weiter interessiert, welche Rolle das allgemeine Wohlbefinden im Berufsalltag eines Lehrlings spielt. Untersucht werden die sieben meist gewählten Berufsgruppen. Neben möglichen Differenzen unter diesen verschiedenen Berufsgruppen gilt das Forschungsinteresse auch den Unterschieden zwischen jungen Frauen und Männern, den Nationalitäten sowie den unterschiedlichen obligatorischen Schulabschlüssen. Die Studie stellt, wie bereits erwähnt, eine Standortbestimmung nach dem 1. Lehrjahr 2004 dar. In der Schweiz gibt es bislang noch keine Studien, die im Speziellen die Zufriedenheit mit der Berufswahl und dem Ausbildungsplatz von Lehrlingen erforscht. Deshalb kann man sich nur auf ähnliche Studien stützen (z.B. Studie der Zürcher Kantonalbank 1997).

Aufgrund der vorangehenden Überlegungen wurde für die vorliegende Lizentiatsarbeit folgende (vielleicht) etwas provokative These formuliert:

Die Jugendlichen sind mit ihrer beruflichen Ausbildung am Ende des 1. Lehrjahrs nicht zufrieden.

Aus der oben stehenden These ergaben sich fünf Forschungsfragen, welche im Methodenteil (siehe Kapitel 3) genannt werden.

Es stellte sich die Frage, welche Relevanz diese Forschung für die Sozialpädagogik hat. Die Sozialpädagogik könnte mit Jugendsozialarbeit, Böhnisch (2001, S.168) spricht von Jugendberufshilfe, die Jugendlichen bei ihrem Beruffindungsprozess vermehrt unterstützen. Auch sollte die Bevölkerung direkter über die Problematik des Lehrstellenmangels und den damit verbundenen Schwierigkeiten mit all ihren Folgen informiert werden. Die berufliche Zufriedenheit und das allgemeine Wohlbefinden hangen stark zusammen und haben eine grosse Relevanz für die allgemeine Zukunft. Berufliche Unzufriedenheit kann verschiedenste Auswirkungen mit sich bringen und die individuelle Biographie negativ beeinflussen, z.B. auch die Gesundheit. Für die Sozialpädagogik würde dies bedeuten, dass sie dazu beiträgt, dass man der aktuellen prekären Lehrstellensituation im Allgemeinen mehr Beachtung schenkt. Werbung, Lehrstellenprojekte und beispielsweise eine Beratungsstelle für Lehrlinge und Betriebe während der Ausbildungszeit wären/sind Möglichkeiten, der hohen Lehrabbruchquote entgegenzuwirken. Somit erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, allfällige Missstände und Unzufriedenheiten frühzeitig zu erkennen, um präventiv einen Lehrabbruch zu verhindern oder seine Folgen abzuschwächen.

1.2 Aufbau der Arbeit

Die zentralen Fragestellungen beziehen sich auf die Zufriedenheit der Lehrlinge mit ihrer Berufswahl und ihrer Lehre nach dem 1. Ausbildungsjahr.

Die Arbeit ist in drei Hauptteile gegliedert: Im ersten Teil werden die theoretischen Grundlagen der Forschungsarbeit dargestellt. Im zweiten Teil werden methodische Überlegungen und Grundlagen vorgestellt und im dritten Teil werden die Ergebnisse der Untersuchung diskutiert.

Im ersten Teil der Arbeit wird in acht Kapiteln der theoretische Hintergrund der Studie dargelegt. Dabei wird in einem ersten Kapitel versucht, den Bedeutungsgehalt von Erwerbsarbeit von Jugendlichen aus entwicklungspsychologischer Sicht zusammenzufassen. Es wird hauptsächlich auf die Identitätsentwicklung und die Sozialisation, insbesondere auf die der beruflichen, eingegangen. Des Weiteren wird aufgezeigt, welche unterstützenden Funktionen die Herkunftsfamilie und die Gleichaltrigen beim Berufswahlprozess innehaben können und welche Relevanz Arbeit und Beruf in den Lebenskonzepten der Jugendlichen haben. In einem nächsten Kapitel werden die Geschlechterunterschiede bezüglich der beruflichen Identität und der Berufsfindung von Kindern und Jugendlichen erklärt. Im darauf folgenden Kapitel werden Risiken und Chancen beim Übergang von der Schule ins Erwerbsleben beschrieben. Nach einer Deskription des Zürcher Bildungssystems wird der komplexe Berufswahlprozess thematisiert, wobei verschiedene Berufswahltheorien diskutiert und die Phasen der Berufwahl vorgestellt werden. Wie die Lehrstellensituation im Kanton Zürich gegenwärtig aussieht, welche Berufssektoren von den SchulabgängerInnen gewählt und bevorzugt werden und was für Möglichkeiten für Jugendliche besteht, die nach der obligatorischen Schulzeit keine Anschlusslösung haben, werden im zweitletzten Kapitel dargelegt. Im letzten grösseren Kapitel wird die Ausbildungssituation aus der Perspektive von Lehrlingen diskutiert. Insbesondere wird auf den Ausbildungsabbruch der gewählten Ausbildung und die Faktoren, welche die Arbeitszufriedenheit positiv beeinflussen, näher eingegangen.

Im zweiten Teil dieser Lizentiatsarbeit werden der Begründungszusammenhang und die Forschungsmethode dargestellt:

Es stellte sich anfangs die Frage, ob der qualitative oder der quantitative Forschungszugang gewählt werden sollte. Der Entscheid fiel auf die quantitative Forschungsmethode. Mit Fragebogen werden die Daten erhoben, da diese Resultate für den Rahmen der vorliegenden Arbeit präziser erscheinen. Es wurden Zürcher Berufsschulen der sieben meistgewählten Berufsgruppen (vgl. Schulstatistik 2/2003) ausgewählt.

Im dritten Teil der Studie werden die Ergebnisse der Fragebogenauswertung präsentiert. Diese werden ausführlich besprochen und, wenn möglich, mit Ergebnissen anderer (ähnlicher) Studien verglichen. Im Diskussionsteil werden die wichtigsten Erkenntnisse nochmals zusammengestellt und mit weiteren Überlegungen ergänzt.

Bezüglich Literatur(-studium) für diese Lizentiatsarbeit stützt man sich auf aktuelle Jugendstudien, thematische Berichte, aktuelle Zahlen der gesamtschweizerischen und der kantonalen Statistik und auf verschiedene Bücher zur Jugendthematik von Pädagogen, Psychologen und aus der Soziologie.

Es sei an dieser Stelle nochmals darauf hingewiesen, dass zur Thematik „Ausbildungszufriedenheit“ nicht viel Forschung betrieben wurde. Deshalb kann im Rahmen dieser Arbeit nur auf einschlägige Studien ähnlicher Forschungsgebiete, wie z.B. „Arbeitszufriedenheit bei Erwerbstätigen“, zurückgegriffen werden.

2. Theorie

2.1 Bedeutungsgehalt von Erwerbsarbeit von Jugendlichen aus entwicklungspsychologischer Sicht

Einleitend in diese Lizentiatsarbeit wird ein kleiner Exkurs in zwei bedeutsame Themen des Jugendalters gemacht: in die Identität und in die Sozialisation, bevor dann in weiteren Unterkapiteln detaillierter auf diese zwei Entwicklungsprozesse eingegangen wird. Das Verständnis beider entwicklungspsychologischer Themen dient als Grundlage für die berufliche Sozialisation im Zusammenhang mit der Relevanz von Erwerbsarbeit im Lebenskontext von Jugendlichen.

2.1.1 Identität und Sozialisation

Das Jugendalter ist eine Lebensphase voll von grosser Veränderungen und Entwicklungen. Zu der Frage, was in dieser Lebensphase alles geschieht, erhält man vor allem Antworten aus der Entwicklungspsychologie. Dort werden sämtliche Veränderungen im Jugendalter damit begründet, dass sich ein Jugendlicher im Übergang vom Kind zum Erwachsenen befindet. Dieser Prozess wird dort als Identitätsfindung beschrieben. Ein bisher unmündiges Kind beginnt ab dem Jugendalter seine eigene personale Identität auszubilden und wird damit erst zum mündigen Erwachsenen. Auf dem Weg der Identitätsfindung sehen Entwicklungspsychologen folgende Entwicklungsaufgaben, die von allen Jugendlichen erfolgreich bewältigt werden müssen:

- Körperliche Erscheinung akzeptieren
- Geschlechterrolle erwerben
- Neue, reifere Beziehungen aufbauen
- Emotionale Unabhängigkeit von den Eltern gewinnen
- Eine berufliche Karriere vorbereiten
- Sich auf Partnerschaft und Familie vorbereiten
- Fähigkeit zu sozial verträglichem Handeln erlangen
- Ethisches Bewusstsein/Wertesystem aufbauen
- Ein Selbstkonzept ausbilden
- Intime Beziehungen aufnehmen lernen
- Lebenspläne entwerfen

(Havinghurst bzw. Dreher/Dreher in Ferchhoff, W.: Jugend an der Wende des 20. Jahrhunderts. Opladen, 1993, S. 61/62)

Der Prozess der Identitätsfindung findet jedoch nicht nur in der Psyche des Jugendlichen selbst statt. Identitätsfindung ist vielmehr ein soziales Geschehen, an dem auch das gesamte Umfeld des Jugendlichen interaktiv beteiligt ist. Sämtliche Menschen, zu denen ein Jugendlicher Kontakt hat, wirken als begleitende Faktoren bei der Identitätsfindung mit, indem sie ihm stets Rückmeldungen geben oder als Vorbilder und Rollenmodelle auf ihn einwirken. Dadurch ist die Identitätsfindung als interaktionales Geschehen zu begreifen.

Diese soziale/zwischenmenschliche Seite der Identitätsentwicklung wird als Sozialisation bezeichnet. Sozialisation bedeutet dem Wortsinne nach „Vergesellschaftung“. Dieser Begriff will aufzeigen, dass mit der Übernahme der Rolle eines Erwachsenen alle gesellschaftlichen Erwartungen an einen Erwachsenen mit übernommen werden. Die Rollenübernahmen führen insgesamt dazu, dass unsere gesellschaftliche Ordnung entsteht (vgl. Spatscheck in http://www.headbeat.net/vortrag.html).

Die Faktoren, die bei der Identitätsentwicklung sozialisierend auf einen Jugendlichen einwirken, werden als Sozialisationsinstanzen bezeichnet. Nach der klassischen Auffassung sind dies:

- die Familie
- die Schule
- der Beruf, den der Jugendliche erlernt
- die öffentlichen Institutionen, wie z.B. Vereine, Kirche, Medien
- sowie die Peergruppe, meist in Form einer Clique

Alle diese Institutionen wirken auf Jugendliche sozialisierend ein. Dabei bekommen sie, je nachdem welche Sozialisationsinstanzen in welcher Stärke und Kombination zusammen wirken, auf sehr unterschiedliche Art „ihren“ Platz in der Gesellschaft zugewiesen, sie bekommen „ihre“ Werte und Normen vorgelebt. Aus diesen Vorgaben heraus entscheiden Jugendliche dann, wie sie ihren persönlichen Lebensstil wählen wollen und was sie aus diesen Voraussetzungen machen können. All dies läuft in der Regel nicht bewusst ab. Dennoch treffen alle Jugendlichen, ob bewusst oder unbewusst, solche Entscheidungen immer wieder neu (vgl. Spatscheck in http://www.headbeat.net/ vortrag.html).

Glaubt man den Thesen der modernen Soziologie/Sozialphilosophie, so macht unsere Gesellschaft zur Zeit einen Wandel durch, der viele der bisher gültigen Auffassungen über unser Zusammenleben in Frage stellt. Die Rede ist von Individualisierung und Pluralisierung. Damit ist gemeint, dass das bisher bestehende gesellschaftliche Gefüge aufgeweicht und verändert wird. Der Soziologe Ulrich Beck spricht in seinem Buch „Risikogesellschaft“ schon 1986 von der Entwicklung der Individualisierung. Dieser Begriff meint die Auflösung oder gar die Ablösung bisher überlieferter Lebensformen. Diese werden durch neue, in eigener Regie zu erstellende Lebensformen ersetzt. Die bisher bei der Entwicklung von Lebensformen stabilisierend wirkenden Orientierungsmilieus fallen weg. Nach dieser Theorie nimmt der Einfluss der klassischen Sozialisationsinstanzen ab, der Jugendliche muss vermehrt seine Identität in eigener Regie finden. Die früher wirksamen Orientierungen von anderen fallen mehr und mehr weg, weil sie nicht mehr für alle gültig sind. Beck spricht in diesem Zusammenhang zudem von einer Pluralisierung der Lebensstile und einer gesellschaftlichen Differenzierung im Sinne einer die einzelnen voneinander abtrennenden Entwicklung. Die Folge ist, dass Jugendliche auf ein „Leben in eigener Regie“ zurückgreifen müssen. Vom Jugendforscher Wilfried Ferchhoff (1993) wird diese Entwicklung des eigenen Lebensstils als „Bastelbiographie“ bezeichnet. Damit ist gemeint, dass Jugendliche ihre eigenen Lebens-, Wert- und Weltvorstellungen bastelnd bilden müssen. Diese Bastelarbeit muss jeder Jugendliche für sich durchführen. Dabei kann er auf unterschiedlichste Bastelmaterialien, eben unterschiedlichste Orientierungsmöglichkeiten, zurückgreifen und muss selbst entscheiden, welche er in seinen Lebensstil einfügen kann.

Diese Entwicklung führt zu einer sehr zweischneidigen Form der Freiheit. Ein solches Leben in eigener Regie bietet viele Möglichkeiten der freien Lebensgestaltung. Aber andererseits ist auch jeder im Prinzip dazu gezwungen, diese Freiheit mit all ihren vielen Entscheidungen in Anspruch zu nehmen, um überhaupt ein gelingendes Leben führen zu können.

Für die klassischen Sozialisationsinstanzen bedeutet dies folgendes: Die „klassischen“ Sozialisationsinstanzen Elternhaus, Schule, Beruf und Vereine werden unwichtiger, weil sie ihre Ordnungs- und Vorbildfunktionen weitgehend verlieren. Die Cliquen der Jugendlichen hingegen werden immer wichtiger. Diese können zwar auch keine festen Orientierungsvorgaben machen, sie dienen aber in erster Linie als verlässliche Bündnispartner auf der Suche nach Identität und können dabei wichtiges gegenseitiges Verständnis bieten (vgl. Spatscheck in http://www.headbeat.net/vortrag.html).

2.1.2 Theoretischer Bezugsrahmen für die Analyse beruflicher Sozialisation

Obwohl sich Hinweise auf die Verwendung des Begriffs „Sozialisation“ im Sinne der Vergesellschaftung von Individuen schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts finden - jemanden „sozial machen“ -, hat das sozialwissenschaftliche Sozialisationskonzept eine ungleich kürzere Geschichte als die Begriffe Arbeit und Beruf (vgl. Geulen 1991; Tillmann 1989 in Heinz 1995, S. 37).

Unter Sozialisation wird heute „der Prozess der Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten sozialen und materiellen Umwelt“ (Heinz 1995, S. 37) verstanden. Es geht also um Veränderung oder Stabilisierung von Persönlichkeitsstrukturen durch die individuelle Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Umwelt. Wesentlich für diese Begriffsbestimmung ist, dass sie sowohl den Vergesellschaftungsprozess des Individuums, also seinen Werdegang zu einem Gesellschaftsmitglied, als auch den Individuierungsprozess, d.h. die Herausbildung einer spezifischen Persönlichkeit umfasst. Beide Prozesse müssen nicht pädagogisch geplant und kontrolliert sein, sie können auch als Begleiterscheinung informeller sozialer Lernprozesse in Gang kommen (vgl. Heinz 1995, S. 37).

Von Sozialisation wird seit den 60er Jahren vor allem im Zusammenhang mit Lern- und Entwicklungsprozessen von Kindern und Jugendlichen in den Beziehungs-, Kommunikations- und Machtstrukturen von Familie und Schule gesprochen. Prominenz erlangte die Sozialisationsthematik im Verlauf der späten 60er Jahre im Zusammenhang mit der Bildungsreform in der Bundesrepublik Deutschland. „Hierbei standen im Mittelpunkt Zusammenhänge einerseits zwischen schicht- und geschlechtsspezifischen Erziehungsleitbildern und -praktiken und andererseits den langfristigen Konsequenzen der familialen Sozialisation für Schulerfolg und berufliche Platzierung“ (Heinz 1995, S. 38).

Heute befasst sich die Sozialisationstheorie mit der Herausbildung von Handlungskompetenzen in verschiedenen sozialen Kontexten im gesamten Lebensverlauf. Sie geht dabei nicht allein von den individuellen Entwicklungsbedürfnissen aus, sondern auch von den sozialen Bedingungen, institutionellen Erwartungen und kulturellen Mustern der Weltinterpretation.

Die anspruchsvolle Zielsetzung der Sozialisationstheorie sollte es sein, die jeweiligen Zusammenhänge, Wechselverhältnisse und Mechanismen zu untersuchen, die zwischen den verschiedenen Dimensionen der Gesellschaft und der Lebenswelt der Individuen und ihrer Entwicklung vermitteln. Durch eine Verbindung soziologischer und sozialpsychologischer Betrachtungsweise ist diese Aufgabenstellung nicht nur auf die Persönlichkeitsentwicklung zu begrenzen, sondern auf die Wechselbeziehung zwischen den Handlungsbedingungen und den sich herausbildenden psychosozialen Kompetenzen beim Subjekt im gesamten Lebensverlauf auszudehnen. Hier handelt es sich gleichermassen um Entwicklungs- und Abhängigkeitsrelationen, in die das Individuum eingebunden ist. Im Unterschied zur entwicklungspsychologischen Einteilung des Lebenslaufs in Phasen, liegt es dann nahe, die Relationen zwischen Gesellschaft und Individuum auf die Zeitachse der Partizipation in verschiedenen Institutionen - Herkunftsfamilie, Schule, Berufsausbildung, Arbeitsmarkt, Beschäftigungsorganisation, Partnerschaft/Familie, Ruhestand - zu beziehen. Dieser biographietheoretische Strukturrahmen erlaubt es, das skizzierte Strukturmodel in eine zeitliche Dynamik zu bringen. Beispielsweise kann aus dieser Perspektive die Jugendphase als Statuspassage durch die Schul- und Ausbildungsinstitutionen und in das Beschäftigungssystem als Prozess der Veränderung von Mitgliedschaftsrollen (vgl. Hurrelmann 1994, S. 46-52) analysiert werden (vgl. Heinz 1995, S. 40f.).

2.1.2.1 Sozialisation für und durch den Beruf

Nachdem im vorangehenden Kapitel die Sozialisationsperspektive im theoretischen Rahmen von Vergesellschaftung und Individuierung vorgestellt wurde, wird nun im Folgenden der Gegenstandbezug auf Arbeit und Beruf in den Mittelpunkt gerückt.

Fasst man berufliche Sozialisation als Aneignungs- und Veränderungsprozess von arbeitsbezogenen Fähigkeiten, Kenntnissen, Motiven, Wertorientierungen und sozialen Deutungsmustern, dann ist somit sowohl die Sozialisation für den Beruf - die vorberufliche Sozialisation - als auch die Sozialisation durch den Beruf, nämlich in der Arbeitstätigkeit, gemeint (vgl. Heinz 1995, S. 41f.). Daher umfassen berufsbezogene Lern- und Entwicklungsprozesse nicht nur die fachliche und normative Qualifizierung für und durch die Arbeitstätigkeit, sondern sie strahlen auf die gesamte Persönlichkeitsentwicklung aus. So ist es sinnvoll, die berufliche Sozialisation aus zwei Perspektiven zu betrachten (Heinz 1980, 1991, 1995):

- Unter Sozialisation für den Beruf ist die geschlechts- und schichtspezifische Sozialisation in Familie und Schule gemeint, die die Aneignung von Interessen, Fähigkeiten und Wertorientierungen für bestimmte Berufsfelder fördert bzw. begrenzt und so zur Reproduktion gesellschaftlicher Ungleichheit beiträgt. Die vorberufliche Sozialisation mündet in die erste Berufswahl und die Berufsausbildung in Betrieb, Berufsschule oder Hochschule.
- Die Sozialisation durch den Beruf meint die im betrieblichen Arbeitsprozess vermittelten Erfahrungen, die das Verhältnis der Erwerbstätigen gegenüber Arbeitsinhalten, betrieblichen Bedingungen und Arbeitsresultaten konkretisiert und im gesamten aktuellen und biographischen Lebenszusammenhang bewusstseinsbildende, persönlichkeitsfördernde, aber auch deformierende Auswirkungen besitzen. Dazu gehören auch die durch Betriebs- oder Berufswechsel, Weiterbildung und Arbeitslosigkeit gesuchten oder diktierten Erfahrungen mit den Mechanismen des Arbeitsmarkts.

Diese Unterscheidung von zwei Abschnitten der beruflichen Sozialisation findet sich auch in dem Studientext zu diesem Thema von Bammé, Holling und Lempert (1983). Dort wird unter beruflicher Sozialisation die Entwicklung von Persönlichkeitsstrukturen in der Auseinandersetzung mit den Anforderungen und Bedingungen des Arbeitsprozesses verstanden. Die Lernerfahrungen während der Ausbildung werden als Sozialisation in den Beruf, die Arbeitserfahrungen während der Erwerbsphase als Sozialisation im Beruf gefasst. Wichtig ist den Autoren, dass die Handlungs- und Erlebnisweisen ausserhalb von Arbeit und Beruf, wie der private Lebensstil und die Kultur- und Konsumgewohnheiten, mit der Berufsarbeit in Beziehung stehen. Dieser Auffassung entspricht es, von einem über den Betrieb hinausgehenden Wechselverhältnis von Arbeit und Persönlichkeit auszugehen. So werden Aspekte der Erwerbstätigkeit, wie z.B. Arbeitszeit, und berufliche Lebensentwürfe auch von den privaten Ansprüchen und Zumutbarkeitsgrenzen beeinflusst (vgl. Heinz 1995, S. 42).

2.1.3 Familie, Peers und Berufswahl

In diesem Kapitel wird auf die Herkunftsfamilie, die Gleichaltrigengruppe und deren Einflüsse auf den einzelnen Jugendlichen näher eingegangen - nicht zuletzt auch im Zusammenhang mit dem Berufswahlprozess.

Gestützt auf die 13. Shell Jugendstudie kann einleitend gesagt werden, dass (deutsche) Jugendliche ihre Eltern mehrheitlich als sehr unterstützend und beratend erleben. Die Eltern werden also, übrigens sehr viel häufiger und früher, als Vertrauenspersonen wahrgenommen. Elterliches Zutrauen begünstigt jene Persönlichkeitsressourcen, die gute Voraussetzungen für eine gelingende Lebensbewältigung bieten. Diese „Ressource“ kann bei der Berufswahl eines Jugendlichen eine wichtige Rolle spielen, und die Herkunftsfamilie stellt somit einen bedeutenden Rückhalt während des ganzen Berufsfindungsprozesses dar.

2.1.3.1 Berufswahl als Teil des Sozialisationsprozesses

Das folgende Unterkapitel stützt sich hauptsächlich auf Beinke 2000 (S. 21ff.).

Der Prozess der beruflichen Sozialisation ist teilweise auch als Funktion der Familie zu betrachten. In der heute im Westen vorherrschenden Kernfamilie ist sie im Zuge des Funktionswandels und wegen der damit einhergehenden Übernahme, besonders der Intimitätsbeziehungen und des Gefühlslebens, geradezu eine zentrale Funktion geworden. Sie muss wegen ihrer Kleinheit den Anpassungsprozess an die Umgebung (Berufswahl) leisten und die Integration in übergeordnete Sozialsysteme (Betriebe) als Sicherung des Gefühlslebens und der Geborgenheit betreiben und damit die Formung der Kinder zu sozial-kulturellen Persönlichkeiten. Diese Funktionen sind im Rahmen der beruflichen Sozialisation Teilfunktionen, die ihre Ergänzung finden durch die Anschauung und Information vermittelten empirisch und rational strukturierten Teilfunktionen von Schule, Betrieben und Berufsberatung.

Heute wird den Eltern und den Jugendlichen gesagt, sie würden durch die Vielzahl der bestehenden Berufe gestört, die Unübersichtlichkeit verwirre sie, aus der Fülle der Wahlmöglichkeiten sei es schwer, durch eigene Kenntnis und Erfahrung den richtigen Beruf zu finden. Im Gegensatz zu früher, wo die berufliche Welt überschaubar gewesen sei. Diese Überschaubarkeit allerdings durfte auch früher kaum auf das Ganze beruflicher Möglichkeiten zutreffen. So gab es beispielsweise Ende des 17. Jahrhunderts bereits 200 Berufe. In England sind 1841 sogar 431 Berufe aufgezählt (vgl. Albrecht, H.: Berufe im Wandel. 1972 in Beinke 2000, S. 21). Die Vorstellung von der überschaubaren Berufswelt, die eine Berufswahl so leicht mache, muss wohl als illusorisch verworfen werden. Auch damals gab es unter den verschiedenen Handwerkern attraktivere und weniger attraktive Berufe, die eine entsprechend grössere oder geringere Anziehungskraft auf den Nachwuchs ausübten. Allerdings war die Entscheidung für eine berufliche Tätigkeit eingegrenzt durch die Einbindung der Menschen in die ständische Ordnung. Weitestgehend entschieden die Väterberufe über die berufliche Zukunft der Söhne. Töchter hatten nur sehr begrenzte Zugänge zu einer Berufsausbildung. Deshalb waren Kenntnisse über Berufe zur Entscheidungsfindung einer Berufswahl irrelevant. Doch auch heute noch vollzieht sich Berufswahl im sozialen Kontext der Herkunftsfamilie. „Es gibt zahlreiche empirische Untersuchungen, die einen Zusammenhang zwischen familialer Sozialisation und Berufswahl nachgewiesen haben. Allerdings sind detailliertere Aussagen über den Zusammenhang zwischen Elterneinfluss und Berufswahl kaum vorhanden.

Grundlinien dieses Zusammenhanges zwischen Elternhaus und Berufswahl können aus Horst Eberhard Richters Untersuchungen zur Familie (Richter, H. E.: Patient Familie.1969/70, S. 29f.) herausgearbeitet werden:

- Die Kenntnisse und Vorstellungen, die Eltern von der Berufswahl haben, beeinflussen stark die Kenntnisse und Informationen der Kinder.
- Die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern beeinflussen (grösstenteils unbewusst) die Berufswahl. So können z.B. nicht realisierte Berufswünsche der Eltern auf die Kinder projiziert werden“ (Beinke 2000, S. 22).

Es gibt also allgemein bewusste Einflussnahmen der Eltern auf die Kinder. Das heisst, dass der Kenntnisstand der Eltern über die Berufswelt ebenso wie die Form der Beziehungen zwischen Eltern und Kindern für die Berufswahl von Bedeutung sind. Dabei spielen die Lebenslagen der Eltern in ihrem eigenen Beruf und in ihrer Erfahrung des schnellen Wandels der Gesellschaft eine grosse Rolle. Auf der anderen Seite ist in dem Entscheidungsprozess, der zur Berufswahl führt, selbstverständlich auch bei den Jugendlichen ein bewusster und ein unbewusster Anteil festzustellen: Die Berufsentscheidung wird sich aus bewussten Kenntnissen über die Berufswahl und den emotionalen, z.T. unbewussten Wünschen, Abwehren und Projektionen zusammensetzen. Eine Untersuchung über den Einfluss der Eltern bei der Berufswahl der Jugendlichen befasst sich also mit einem komplizierten Geflecht von Kenntnissen und Wünschen zwischen Eltern und Heranwachsenden.

2.1.3.2 Familiale Einflüsse bei der Berufswahl

Der Einfluss der Eltern bei der Berufswahl der Jugendlichen lässt sich nach Gessner (2003) in zwei Dimensionen unterscheiden:

Auf der einen Seite haben die Eltern einen impliziten Einfluss auf die Berufswahl, indem bestimmte soziale Faktoren, welche die sozialen Chancen der Kinder und Jugendlichen bestimmen, sich in der Wahl des Berufsfeldes und der Konzentration auf ein bestimmtes Berufsniveau niederschlagen. Das bedeutet, dass die Lebenslage der Eltern, ihr Ensemble des zur Verfügung stehenden ökonomischen, kulturellen und sozialen Kapitals und der sich daraus ergebene milieuspezifische Habitus eine gewichtige Rolle bei der Berufswahlentscheidung spielen, da sich hieraus Zugangsbarrieren und Selektionskriterien hinsichtlich des Übergangs in die Arbeitswelt ergeben können.

Auf der anderen Seite können die Eltern einen expliziten Einfluss auf die Berufswahl nehmen. Die ist dann der Fall, wenn sie beispielsweise als Institution in Sachen Berufswahl herangezogen werden,

- die als Informationsquelle genutzt werden kann,
- die aufgrund von eigenen beruflichen Erfahrungen in der Lage ist, bestimmte Einschätzungen abzugeben,
- die als Vorbild oder auch als abschreckendes Beispiel dient,
- deren soziales Kapital (Beziehungen, Kontakte, Einbindung in soziale Netzwerke u.ä.) zum Erreichen eines bestimmten Berufes oder Berufsfeldes beitragen kann, oder
- die durch bestimmte Erwartungen den Berufswahlprozess in eine bestimmte Richtung zu lenken versucht.

Die Eltern nehmen aber auch schon sehr früh direkten Einfluss auf die Berufswahl, nämlich durch die Wahl einer bestimmten Schule bzw. Schulform. Dadurch kanalisieren sie nicht nur die spätere Wahl, sondern entscheiden auch über die (schulformunabhängige) Optionsvielfalt beim Übergang von der Schule in die Arbeitswelt (vgl. Gessner 2003, S. 67).

Dem Alltagsverständnis nach handelt es sich bei der Wahl eines bestimmten Berufs um eine persönliche Entscheidung, in der ein Jugendlicher seine Interessen, Fähigkeiten und Neigungen mit den gegebenen Möglichkeiten abwägt und aus einer Reihe offen stehender Alternativen die passende aussucht. Der Blick unter die Oberfläche der Wahl als individuelle Handlung zeigt jedoch, dass sich der Berufswahlprozess vielmehr als „sozial-institutionell initiierter und subjektiv realisierter Entscheidungsprozess“ (Fobe/Minx 1996, S.7) darstellt. Der ganze Berufswahlprozess verlangt von den Jugendlichen eine individuelle Auseinandersetzung und eine subjektive Bewältigung der Situation. Somit bleibt der Prozess des Wählens ein individueller Akt, auch wenn die Bedeutung der Eltern während dieser Phase nicht gerade unwichtig ist.

„Da die Auseinandersetzung mit der Institution Familie, mit ihren Erwartungen und Vorstellungen sowie sich das daraus ergebene Kontrastieren und Opponieren selbst unmittelbarer Bestandteil des Sozialisationsprozesses ist, ist es weniger die Festlegung auf bestimmte konkrete Berufe, die sich als milieukonform erweist, als vielmehr die Beeinflussung von Berufs feldern und Bildungswegen“ (Gessner 2003, S. 69). Hier zeigt sich einmal mehr, dass die Familie, abhängig von ihrer sozialen Lage, als mehr oder weniger geeignetes Netzwerk ökonomischer, emotionaler und sozialer Unterstützung wirksam ist. Wie bereits erwähnt, stellt die Familie beim Berufsfindungsprozess eine wichtige Ressource dar, die nicht nur über unterschiedlich verwertbare Beziehungen verfügen, sondern auch über unterschiedliche Informationsniveaus, materielle Unterstützungsmöglichkeiten und auch unterschiedliche Fähigkeiten, den Übergangsprozess emotional unterstützend zu begleiten. So wird in einzelnen Familien die Berufswahl des Jugendlichen - teils mit Hilfe von Informationen - gezielt diskutiert, in anderen Fällen jedoch wird der Jugendliche in einer für ihn offenen Situation allein gelassen. Dies wird dann oftmals begleitet von Gefühlen der Rat- und Hilflosigkeit. Wenn man nun die Wege Jugendlicher in den Beruf beschreibt, so zeigt sich, dass eine zielstrebige Verwirklichung von Berufswünschen am ehesten dort möglich war, wo auch bessere schulische und familiäre Voraussetzungen vorhanden waren. Fehlen familiäre Unterstützungsleistungen, führt dies auch bei guten schulischen Voraussetzungen häufig zu einem Ausbildungsplatz, der die Jugendlichen wenig zufrieden stellt (vgl. Winzen 1990 in Gessner 2003, S. 69).

2.1.3.3 Einflüsse der Peer-Groups

Zum Zeitpunkt der Berufswahl, also meistens am Ende der obligatorischen Schulzeit, ist gerade der Einfluss der Gleichaltrigen sehr gross. Die Orientierung an „Gleichgesinnten“, die sich jetzt ebenfalls bezüglich ihrer beruflichen Zukunft zu entscheiden haben, wird häufig als Entscheidungsgrundlage herangezogen. Die Ansichten oder Entscheidungen der AlterskameradInnen werden in die eigene Alternativabschätzung miteinbezogen und stellen für den jugendlichen Berufswähler subjektive Hilfestellung dar. Die eigene Entscheidung für einen Beruf kann dann anhand der Sympathie für z.B. den Freund/die Freundin angenommen oder aufgrund einer bestehenden Antipathie abgelehnt werden.

Da die Lehrer und die offiziellen Berufsberater in dieser Zeit nicht als Vertrauenspersonen angesehen werden, erfolgt für aussenstehende Personen eine „Wahl ins Blaue“ des Jugendlichen, die vordergründig jeder Grundlage entbehrt. Die berufsrelevanten Informationen gründen in diesen Fällen auf Kenntnissen der MitschülerInnen, deren privaten, subjektiven Berufsbildern oder auf Angaben ihrer Eltern.

Wenn auch immer noch das Elternhaus die wichtigste Bedingung für die berufliche Informationen darstellt, so folgen schon an zweiter Stelle die Peers. Der Einfluss der Gleichaltrigengruppe beschränkt sich allerdings mehr darauf, in der Berufsentscheidung einen ungefähren Rahmen der wählbaren Berufe vorzugeben.

Zum Zeitpunkt des Berufswahlprozesses sind die Jugendlichen vermehrt bereit, Verhaltensmuster, Werthaltungen und Entscheidungsstrukturen der Familie zu verwerfen und die der Peer-Gruppen zu übernehmen.

Die Gruppe der Gleichaltrigen übernimmt somit die Funktion der Familie in Hinblick auf die berufliche Orientierung (vgl. Pollmann 1993, S. 30f.).

2.1.4 Arbeit und Beruf in den Lebenskonzepten von Jugendlichen

Dieses Kapitel geht nochmals kurz auf die Identitätssuche anhand den verschiedenen Wahlmöglichkeiten ein, wobei die Berufswahl nur eine von vielen ist. Später wird die Wichtigkeit der Berufsfindung und der Lehre in den Lebenskonzepten von Jugendlichen aufgegriffen.

Am Ende der Schulzeit stehen junge Menschen vor der ersten prägenden Berufsentscheidung, die sie selbstständig treffen und deren Folgen sie selbst tragen müssen. Die Identitätssuche der Jugendlichen wird zusätzlich dadurch erschwert, dass sie einer Komplexität von Wahlmöglichkeiten ausgesetzt sind. Sie haben mehr Wahlmöglichkeiten als irgendeine Generation vor ihnen. Niemals zuvor in der Geschichte gab es so viele verschiedene Trends, eine so grosse Vielfalt von Angeboten, aus denen die Jugend auswählen kann, sogar muss. Fast überall haben die Jugendlichen die Freiheit, unter vielen verschiedenen Möglichkeiten bezüglich Freizeit, Konsum, Ausbildung usw. auszuwählen. Was ist gerade im Trend? Was soll ich anziehen? Welche Ausbildung hat Zukunft für mich? Solche und ähnliche Fragen werden für die meisten Jugendlichen zur Identitätsfrage. Wie können junge Menschen in all diesen verschiedenen Trends, Strömungen und Angeboten ihre eigene Identität finden? Diese und viele andere Fragen kommen zur normalen Entwicklung der Jugendlichen hinzu und machen ihren Alltag immer komplexer. Es wird immer schwieriger, die eigene Identität zu finden und Verantwortung zu übernehmen (vgl. Internet: Jugend in der Postmoderne).

Die Shell-Jugendstudie 2000 erfragte die Lebenshaltung der Jugendlichen: „Beruf ist nicht mehr die vorgegebene Ordnung, in die man sich einfügt und integriert, sondern ein selbst gewähltes Lebenskonzept, für das man sich persönlich einsetzen muss“ (Shell 2000, S.15). Die Resultate aus der Shell Studie zeigen, dass sich junge Menschen noch stärker als vor ein paar Jahren dem Wunsch nach einer unverwechselbaren Identität äussern. Sie wollen sich von anderen unterscheiden und sich mit der eigenen Persönlichkeit abheben. Hier mag sich der Verlust traditioneller Sicherheiten bemerkbar machen, der die Jugendlichen veranlasst, aus sich selbst eine eigenständige Identität auszubilden. Sie wollen und müssen sich zum Zentrum ihrer persönlichen Lebensplanung machen. Entsprechend geben weit mehr als die Hälfte der befragten Jugendlichen an, dass ihre Selbstständigkeit für sie einen hohen Stellenwert hat und sie es wichtig finden, selbstständig ihre eigenen Interessen und Ziele zu verfolgen. Die Berufswahl bzw. Lehre ist für sie eine Zeit, in der sie nach ihrer privaten und beruflichen Identität suchen (Shell 2000, S. 190f.).

Über den Stellenwert von Arbeit bei Jugendlichen besteht in der Gegenwart eine Kontroverse. Diese Kontroverse steht in einem engen Zusammenhang mit der These vom Wertewandel. Nach Ronald Inglehart, einem amerikanischen Politikwissenschaftler, ist die junge Generation Träger des Wertewandels. An Stelle der materialistischen Werte wie Sicherheit, Leistung und Wohlstand treten zunehmend postmaterialistische Werte, worunter Selbstverwirklichung, politische Partizipation, soziale Anerkennung und intellektuelle und ästhetische Bedürfnisse verstanden werden (vgl. Lenz 1989, S. 125). „Diese These hat in der Öffentlichkeit eine erstaunliche ‚Karriere’ gemacht, ist aber innerhalb der Sozialwissenschaften auf heftige Kritik gestossen. Vor allem kann bei der Gesamtheit der Jugendlichen von einem Wertewandel keine Rede sein, allenfalls zeigt sich dieser bei einem Teil der Jugendlichen“ (Lenz 1989, S. 125). Es soll hier jedoch nicht eine Diskussion zum Wertewandel aufgerollt werden. Im Folgenden wird dem Stellenwert der Arbeit für die Jugendlichen von heute nachgegangen und die Frage beleuchtet, ob die Behauptung zutreffend ist, dass in der jungen Generation ein dramatischer Rückgang des Engagements in Arbeit und Beruf zu beobachten ist (vgl. Noelle-Neumann 1984 in Lenz 1989, S. 125).

Ausführlich mit dieser Frage befasst hat sich die Studie von Martin Baethge et al. (1988), die auf offenen Interviews mit 168 Jugendlichen mit unterschiedlichen Berufs- und Arbeitsmarkterfahrungen aufbaut.

Insgesamt konnten in dieser Studie vier Lebenskonzepte unterschieden werden, wobei das Interesse vor allem auf den Stellenwert von Arbeit und Beruf in den Lebensplänen der Jugendlichen gerichtet war (vgl. Baethge et al.1988, S. 187ff.):

1. Das arbeitsorientierte Lebenskonzept: Bei einer Reihe von Jugendlichen steht die Erwerbsarbeit bei allen Planungen im Vordergrund.
2. Das ausbalancierte Lebenskonzept: Bei diesen Jugendlichen stehen Arbeit und Privatleben als gleich wichtig nebeneinander.
3. Das familienorientierte Lebenskonzept: Für diese Jugendlichen hat die Familie oder Partnerschaft Vorrang; Arbeit ist ihnen keineswegs gleichgültig; aber nicht so wichtig wie die Familie oder Partnerschaft.
4. Das freizeitbezogene Lebenskonzept: Diese Jugendlichen wollen vor allem ihr Leben geniessen und zeigen eine relativ hohe Distanz zur Arbeit.

Im Rahmen dieser Arbeit wird aber hauptsächlich nur auf das „Arbeits-/Berufs-Lebenskonzept“ eingegangen.

Im arbeitsorientierten Lebenskonzept sind junge Menschen zusammengefasst, in deren aktuellen und perspektivischen Planungen die Erwerbsarbeit im Vordergrund steht. Aus den Ergebnissen der Studie wurde ersichtlich, dass nach wie vor die Arbeit bzw. der Beruf eine bevorzugte Stellung bei der Suche nach einer Sinn- und Gestaltungsperspektive für das eigene Leben einnimmt. Die Arbeit bzw. der Beruf dienen aber nicht vorrangig als blosses Mittel zum Gelderwerb, als notwendiges Übel, das man ohne grosse innere Beteiligung auf sich nimmt, um auf dieser Grundlage das „eigentliche“ Leben ausserhalb der Arbeit zu gestalten und geniessen zu können. Vielmehr gilt der Beruf als inhaltliches Sinn-Zentrum, auf das man sich einlassen und mit dem man sich identifizieren will (vgl. Baethge et al. 1988, S. 187).

Die Verteilung der Jugendlichen auf die einzelnen Lebenskonzepte (Arbeit/Beruf, Familie, Freizeit) zeigt, dass fast für drei Fünftel von ihnen Arbeit als sinnstiftende Tätigkeit einen zentralen Stellenwert einnimmt, zum grössten Teil sogar dominant ist (31%) und zum anderen Teil gleichwertig neben das Privatleben tritt (30%). Es ist also ersichtlich, dass knapp ein Drittel der Jugendlichen bei der Suche nach Identität und Lebensperspektive auf Arbeit und Beruf setzt. In der Arbeit bzw. Beruf sehen sie in erster Linie die Möglichkeit der Selbstverwirklichung und der Erlangung persönlicher Anerkennung. Daraus lässt sich vermuten, dass über die Arbeit, stärker als über andere Lebensbereiche, erfahren kann und will, wer man ist und wohin man gehört. Der Hauptteil der Befragten, etwa ein Viertel, orientiert seine Perspektiven eher auf den Inhalt der Berufstätigkeit, identifiziert sich hochgradig durch ihn, ohne viel auf die materiellen Honorare zu blicken (vgl. Baetghe et al. 1988, S. 191). Die Zwänge des Erwerbslebens sind ihnen durchaus bewusst und es könnte auch sein, dass die hohe Dominanz der Arbeit im Lebenskonzept sich im Laufe der Zeit noch relativiert, allerdings sich wohl nicht mehr grundlegend ändert und in ihr Gegenteil kehrt. Die lässt sich dadurch begründen, dass viele innere und äussere Festlegungen bereits erfolgt sind, so dass eine radikale Revision einem weitgehenden Identitätsbruch gleichkommen würde (vgl. Baethge et al. 1988, S. 191f.).

In dieser Abhandlung wurde einmal mehr ersichtlich, dass sich junge Menschen an der Schwelle zum Erwerbsleben im Prozess der Identitätssuche befinden. Die Lehre bzw. der zukünftige Beruf ist in diesem Identitätsprozess integriert. Er stellt eine Notwendigkeit für die meisten Heranwachsenden dar, um sich zu finden und um sich in der Gesellschaft zu etablieren. Das Ziel der meisten Jugendlichen ist es, sich mit ihrer zukünftigen beruflichen Tätigkeit identifizieren zu können. Um dieses Ziel zu verwirklichen, suchen sie nach einer beruflichen Ausbildung/Lehre, die ihnen hinsichtlich ihrer Erwartungen gerecht wird. Die Erwartungen teilen sich bei den Jugendlichen in zwei verschiedene Dimensionen auf: die immaterielle und die materielle Dimension (vgl. Baethge et al. 1988, S. 166f.). Die Schulabgängerinnen äussern vor allem drei verschiedene immateriellen Ansprüche. Die erste bezieht sich auf den konkreten Arbeitsvollzug. Es sind Erwartungen, sich als Person mit seinen Fähigkeiten, Kompetenzen und Ideen in die Arbeit einzubringen; sich ebenso in ihr inhaltlich wiederzufinden bzw. sich in ihr verwirklichen zu können. Der zweite Anspruch beinhaltet vermehrt sozial-integrative Aspekte. Darunter fallen hauptsächlich die soziale Anerkennung durch Vorgesetzte und ArbeitskollegInnen sowie eine soziale Integration in und durch die Arbeit. Der dritte Anspruch bezieht sich ähnlich wie der zweite auf einen sozial-integrativen Aspekt. Er zielt aber nicht auf eine Integration innerhalb eines Betriebes ab, sondern auf den beruflichen Status, den die Arbeit nach aussen in die Gesellschaft vermittelt. Damit kann eine gesellschaftliche Anerkennung erreicht werden.

Unter die materielle Dimension fallen zwei Ansprüche. Einerseits wollen die Jugendlichen zukünftig eine Gewahrung von Freizeit- und Privatinteressen (d.h. die Arbeitsbedingungen müssen so gestellt sein, dass die Arbeitskraft nicht ausgenutzt wird). Der zweite Anspruch zielt auf die Sicherheit des Arbeitsplatzes und des Einkommens ab (vgl. Baethge et al. 1988, S. 167f.).

Die meisten SchulabgängerInnen nennen, mit unterschiedlicher Gewichtung, Ansprüche beider Dimensionen. Diese Ansprüche sind relevante Entscheidungsfaktoren für die Wahl des Berufes.

Die Zürcher Kantonalbank führte 1997 eine Befragung von jungen Erwerbstätigen im Zürcher Dienstleistungssektor durch, wobei auch nach der Relevanz von Arbeitwerten gefragt wurde. Im Folgenden werden die sechs wichtigsten aufgeführt. An erster Stelle stand bei den jungen Erwachsenen ein Arbeitswert, der das mitmenschliche Wohlbefinden am Arbeitsplatz umfasst: ein gutes Verhältnis zu den Arbeitskollegen. An zweiter Stelle erscheint der Wert „interessante Aufgaben“. An dritter Stelle stand „Selbstständigkeit“, gefolgt von „verständnisvolle Vorgesetzte“ und „Arbeitsplatzsicherheit“. An letzter Stelle wird der Arbeitswert „Anerkennung für Arbeit“ genannt.

2.2 Geschlechterunterschiede

Die Sozialisationsforschung ist ohne eine Erforschung der Geschlechterunterschiede unvorstellbar. Auch in der vorliegenden Arbeit werden die Differenzen bezüglich Geschlecht, bei weiblichen und männlichen Jugendlichen, untersucht. Dies wird im methodischen Teil noch ausführlicher erklärt.

Folgende zwei Kapitel lehnen sich an eine Pilotstudie (1994) des Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann (Hrsg.) an.

2.2.1 Entwicklung einer beruflichen Identität in der Kindheit

Bereits dreijährige Kinder können Fragen, was sie später einmal werden möchten, beantworten. Ihre Überlegungen sind entwicklungspsychologisch höchst interessant. Sie äussern meistens Vorstellungen von Mutter- oder Vatersein und von Arbeiten, die entweder der Berufstätigkeit Erwachsener oder dem Aufgabenbereich in Haushalt und Familie entstammen. Im Alter von sechs Jahren, im Kindergarten, lassen sich Kinder bereits gut in kleinen Interviews nach ihren Berufsvorstellungen befragen: Beispiele wie Polizist, Lehrerin, Zahnarzt, Verkäuferin sind in derartigen Gesprächen an der Tagesordnung. Das sechsjährige Kind (Knabe oder Mädchen) bringt Berufe ins Gespräch, die den durch Märchen beeinflussten Phantasievorstellungen entstammen oder den Berufsbeispielen im persönlichen Umfeld entsprechen. Die geäusserten Berufswünsche sechsjähriger Kinder können als Spiegelbild des kindlichen Umfelds und der rollenspezifischen Botschaften verstanden werden. Wenn Mädchen vorwiegend Frauen in klassischen Frauenberufen beobachten, werden sie aus diesen Berufsbeispielen ihr erstes Wahlspektrum bilden: z.B. Verkäuferin, Lehrerin, Coiffeuse usw. Wer als Knabe vorwiegend Männer in traditionell männlichen Berufen erfährt, wählt Berufe wie beispielsweise Polizist, Kehrichtmann, Lokomotivführer. Die Berufsvorstellungen kleiner Kinder sind nach wie vor grösstenteils rollenstereotyp: es gibt Berufe für Frauen und Berufe für Männer. Sie entsprechen den Gegebenheiten der persönlichen Umfelder (ergänzt mit Phantasievorstellungen) der einzelnen Kinder. Nur wenige Familien führen bereits heute ein weniger rollenkonformes Leben und zeigen ihren Kindern andere Rollenmodelle auf.

Somit steht der Beginn der Identitätsentwicklung bei kleinen Kindern in engem Bezug zu ihrem persönlichem Lebensumfeld und den darin vorhandenen meist rollenkonformen Vorbildern, verstärkt durch Informationen und verdeckte Botschaften, die das Kind aus Kindersendungen am Fernsehen oder aus Kinderbüchern entnimmt (z.B. „Ich möchte Indianer werden.“). Enthält dieses Umfeld ausschliesslich traditionell orientierte Rollenbeispiele von Männern und Frauen, sollte es nicht weiter erstaunen, wenn kleinere Kinder in Befragungen rollenstereotyp antworten. Ausserdem ist zu bedenken, dass viele Kinder ihre Mütter stets in Mutter- und Hausfrauenfunktionen beobachten, während sie ihre Väter in erster Linie als ausserhäuslich berufstätig erleben. Das Kind beginnt mit dem Aufbau einer eigenen Identität. Es ist immer wieder beobachtbar, wie die ersten Vorstellungen zum späteren Leben in Familie und Beruf in diesem früheren Alter entstehen, sobald Kinder intellektuell fähig werden, Vorstellungen über sich und die eigene Zukunft zu entwickeln.

Ansatzpunkte für Förderprogramme zur Erweiterung der Rollenvorstellungen kleinerer Kinder sind in der Schweiz nur in Einzelfällen sichtbar: Kindergärtnerinnen und Lehrerinnen, die von sich aus diesen Themenkreis bearbeiten, den Kindern andere Beispiele von Arbeitsteilung in Beruf und Familie, in Spiel und Unterricht vorbringen. Im Ausland, wo schulische Programme zur Förderung der beruflichen Entwicklung ab Kindergartenalter bestehen, sind Erfahrungen und Leitideen seit langem vorhanden. Kinder erhalten Möglichkeiten, Frauen und Männer in rollenkonformen und weniger rollenkonformen Tätigkeiten kennen zu lernen, berufliche Arbeit ausschnittsweise durch das Ausführen kleinerer Arbeiten selber zu erfahren. Vieles bleibt allerdings auch in ausländischen Lehrplänen noch wenig entwickelt, so z.B. die Frage, welche schulischen Aktivitäten am ehesten für eine Aufweichung und Erweiterung der Rollenvorstellungen der Kinder sorgen könnten. Die zentrale Frage, wie der Unterricht zur Berufswahlvorbereitung am besten zu gestalten ist, bleibt über grosse Strecken unbeantwortet: Wie sollen die politischen Postulate der Gleichstellung im Unterricht umgesetzt werden? Es kann sicher keine befriedigende Lösung sein, aufgrund politischer Überlegungen zur Gleichstellung Kinder psychologisch unreflektiert in Konflikte mit dem eigenen familiären Umfeld zu bringen. Kinder müssen das erfahrene Neue in ihre eigene Erlebniswelt integrieren können; Programme müssen der Entwicklungsstufe angepasst sein und Gegebenheiten des Umfelds berücksichtigen. Wie rudimentär die vorhandenen ausländischen Vorschläge zum Berufswahlunterricht auch aussehen mögen, im Vergleich mit der Schweiz, wo keine systematische Förderung der beruflichen Entwicklung bis ins siebte Schuljahr existiert, wirken diese Lehrpläne neuartig und überprüfenswürdig. 1991 wurden von der Konferenz der Gleichstellungsbüros im Rahmen der Kampagne „Berufe haben kein Geschlecht“ drei Berufsratespiele für unterschiedliche Altersstufen herausgegeben. Sie stellen einen Vorstoss in die richtige Richtung dar, müssten aber mit ganzen Lehrplaneinheiten für Kindergarten und Schule ergänzt werden (vgl. Eidg. Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann 1994, S. 15f.)

2.2.2 Geschlechtsspezifische Beruffindung im Jugendalter

Viele Persönlichkeitsmerkmale sind bereits im Jugendalter ziemlich klar ausgeprägt und bleiben fortan relativ stabil. So dürfte es auch mit der Rollenorientierung der Mädchen und Jungen sein: Wer bisher im Leben nur mit Modellen traditionell männlicher oder weiblicher Verhaltensstile und Aufgabenbereiche in Familie und Beruf konfrontiert war, hat sich im Jugendalter ein dazu passendes Rollenbild für das eigene Leben aufgebaut. Beide Geschlechter verfügen über ein spezifisches Wahlspektrum, das ihrem eigenen Rollenbild und den im Umfeld vorherrschenden Rollen entspricht. Die meisten Jungen dürften in ihrer Vorstellungswelt auch heute noch von einer antizipierten späteren Ernährerrolle als Mann ausgehen, die meisten Mädchen von einer Betreuungsrolle im Familienbereich. Diese grundsätzliche Rollenorientierung beeinflusst und prägt den Beruffindungsprozess. Ähnliche Probleme in der ersten Berufswahl zeigen sich bei Mädchen und Jungen, da beide Geschlechter von einem eingeengten Wahlspektrum ausgehen, das nur Berufe enthält, die den persönlichen Vorstellungen des Rollenbildes als Frau oder Mann entsprechen. Bei der Diskussion der Eingeschränktheit der Berufswahl wird meistens ausschliesslich das eingeengte Wahlspektrum der Mädchen beachtet, weil dieses tatsächlich viel weniger Möglichkeiten enthält als dasjenige der Buben. Prinzipiell muss auch von einer nicht realisierten Gleichstellung oder einer Chancenungleichheit der Jungen die Rede sein, solange Frauenberufe von ihnen aus psychologischen Gründen (Gefährdung der persönlichen Identität als Mann) nicht in Betracht gezogen werden. Allerdings ist auch zu erwähnen, dass Männer die Wahl eines Frauenberufes öfters auch wegen den schlechteren Einkommensverhältnissen ablehnen. Aus psychologischer Sicht ist wichtig festzuhalten, dass eine Ausweitung des Wahlspektrums auf Berufe, die traditionellerweise dem eigenen Geschlecht nicht entsprechen, nur möglich ist, wenn die betreffende jugendliche Person über ein breites Verhaltens- und Konfliktrepertoire verfügt und genügend Unterstützung für egalitäre Rollenvorstellungen im eigenen Umfeld vorhanden ist. Mädchen wählen dann auch Männerberufe; Jungen entscheiden sich für Frauenberufe. Berufliche Gleichstellung im Jugendalter ist erst erreicht, wenn für beide Geschlechter ein Wahlspektrum entsteht, das auch geschlechtsuntypische Berufe enthält. Dies müsste dann in Berufsstatistiken sichtbar werden.

Das Ziel der beruflichen Chancenungleichheit ist im Zeitpunkt der ersten Berufsentscheidung besonders wichtig. Ansatzpunkte zur Erweiterung des Wahlspektrum sind im schulischen Bereich klar vorhanden. Die Lehrpläne der einzelnen Kantone sehen verschiedene Massnahmen der Berufswahlvorbereitung vor. Die einzelnen Berufsberatungsstellen tragen ihrerseits mit Hilfestellungen und Veranstaltungen zur Vorbereitung eines guten ersten Berufsentscheids bei (vgl. Eidg. Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann 1994, S. 16f.).

2.3 Risiken und Chancen beim Übergang von Schule ins Erwerbsleben

2.3.1 Junge Erwachsene und die Biografisierung von Übergängen

Versucht man den Übergang in die Arbeit gesellschaftstheoretisch einzuordnen, so erscheint er als grundlegender Modus sozialer Integration - zumindest, wenn man das Konzept der Arbeitsgesellschaft als vorherrschendes Gesellschaftsmuster zugrunde legt. Arbeit, bzw. Erwerbsarbeit, ist die zentrale Struktur, von der sich gültige Werte sowie die Rechte und Pflichten der Gesellschaftsmitglieder ableiten. Die Institution des Lebenslaufs ist die Struktur, in der die Individuen in der zeitlichen Spanne ihres Lebens in das gesellschaftliche Ganze integriert werden. Und auch hier zeigt sich die Funktion von Arbeit als strukturelles Gerüst der Abfolge von Lebensphasen und dazwischenliegender Übergänge (vgl. Walther 2000, S. 49).

„In der Arbeitsgesellschaft der ‚ersten Moderne’ war die Statuspassage zwischen Schule und Beruf das zentrale Trajekt des Übergangs zwischen Jugend und Erwachsensein, solange Erwerbsarbeit die unhinterfragte, zumindest für Männer gleichzeitig auch grundsätzlich erreichbare Basis des Erwachsenenstatus war. Prozesse gesellschaftlicher Individualisierung, darin wesentlich die Emanzipation der Frauen von der gesellschaftlich festgelegten Hausfrauenrolle, aber auch der post-fordistische Wandel von Wirtschafts- und Arbeitsmarktstrukturen hin zu einer Vervielfältigung von Arbeitsformen, der Deregulierung oder der Verschiebung von gewerblichen hin zu Dienstleistungstätigkeiten führen inzwischen zunehmend zur Entstandardisierung von Lebensläufen“ (Walther 2000, S. 52). Lebensläufe pluralisieren sich, verlaufen immer weniger linear. Der Erwachsenenstatus ist nicht mehr unwiderruflich, zumindest, wenn man ihn an den klassischen Statusmerkmalen ‚stabile Erwerbsarbeit’ und ‚eigene Familie’ festmacht. Seit er sich nicht mehr mit den institutionalisierten Statuspasssagen deckt, wird der Übergangsbegriff deshalb zum sozialwissenschaftlichen Problem und Thema. Er hat dabei Begriffe wie Jugendarbeitslosigkeit, Berufseinmündung, zunehmend aber auch das Konzept der Statuspassage abgelöst: An die Stelle eines klar gegliederten Bildungssystems ist ein offenes und alternative Wege aufweisendes Geflecht von Bildungs- und Ausbildungsangeboten getreten, wobei der biografische Ertrag bestimmter Abschlüsse über den Verdrängungswettbewerb und über wechselnde Konjunkturen am Lehrstellen- und Arbeitsmarkt ständig neu geregelt wird.

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Details

Seiten
142
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638387859
Dateigröße
960 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v40216
Institution / Hochschule
Universität Zürich – FB Pädagogik
Note
gut
Schlagworte
Zufriedenheit Berufswahl Ausbildungsplatz Kanton Zürich

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Titel: Zufriedenheit mit der Berufswahl und dem Ausbildungsplatz im Kanton Zürich