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Die Kindermörderin von Heinrich Leopold Wagner - Figurenrede als Hinweis auf Situation und soziale Stellung der Figuren

Seminararbeit 2001 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einführung
1.1 Sturm & Drang – Gesinnung und Sprache
1.2 Wagners Hintergrund

2. Figurenrede als Ausdruck der gesellschaftlichen Stellung und der emotionalen Situation bei
2.1. Martin Humbrecht
2.2. Frau Humbrecht
2.3. Magister Humbrecht
2.4 Evchen Humbrecht
2.5. Lieutenant von Gröningseck
2.6. Lisbet, Marianel, Wirtin, Frau Marthan, den Fausthämmern

3. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einführung

1.1 Sturm & Drang – Gesinnung und Sprache

„Es gibt also eine Sprache der Empfindung, die unmittelbares Naturgesetz ist.“[1] Herder als einer der Begründer des Sturm und Drang fordert in seiner Abhandlung über den Ursprung der Sprache das Erheben des ursprünglichen empfindsamen Sprechens über die “künstliche Sprache“.

Um Heinrich Leopold Wagners Drama Die Kindermörderin genauer im Hinblick auf die sprachliche Gestaltung, insbesondere die Figurenrede, untersuchen zu können, möchte ich zunächst auf die Tendenzen der Sprache in der Zeit der sogenannten “Stürmer und Dränger“ eingehen; und dies vor dem Hintergrund ihrer sozialen und künstlerischen Ambitionen.

Grundsätzlich ist es schwer, von einer poetischen Einheit des Sturm und Drang zu sprechen, da die Bewegung als solche Autonomie und Emanzipation der Individualität exzessiv betonte[2] und in ihrem Protest gegen rationalistische Systematik es sich vielmehr zum Programm machte, feste Regeln zu durchbrechen als neue aufzustellen. Die Prinzipien der Aufklärung wurden weitergeführt. Etwa wurde Lessings Prinzip der poetischen Nachahmung weiterentwickelt zur Forderung nach einer schöpferischen Kraft des dichterischen Individuums.[3]

Auf der einen Seite sah sich das künstlerische Genie als überhöhtes Wesen, griff aber gleichzeitig als Beleg für seine Hinwendung zum Volk die Sprache des Volkes und dessen Probleme auf. Bevorzugte Themen der Bewegung waren das an Widrigkeiten gescheitere Genie, das Recht auf Liebe, die Aufhebung der Ständeschranken, Naturverbundenheit, Kindesmord, Brudermord und soziale Ungerechtigkeit als solche. Gewollt wurde „die Konfrontation des Vollkommenheitsanspruches der Aufklärung mit den Unzulänglichkeiten der gesellschaftlich-historischen Wirklichkeit.“[4]

Das Drama sollte als Hauptform ihrer Dichtung über den künstlerischen Selbstzweck hinausgehen und offenbarend sein und sollte durch soziale Anklage eine Änderung der herrschenden sittlichen und gesellschaftlichen Zustände erstreben.[5] Mit Herders Auffassung vom Dichter als Sprachschöpfer[6] und „Hamanns Forderung, Dichtung habe charakteristisch, konkret, individuell zu sein, keine Idealisierung der Natur, sondern Wiedergabe ihrer vitalen Kraft“[7] kann das der Bewegung zugrundeliegende Verständnis von Literatur gut umrissen werden. Die Wiedergabe dieser vitalen Kraft äußerte sich in einer „exaltierten, ungebändigten, doch gefühls- und ausdrucksstarken Sprache voll Ausrufe, halber Sätze und forcierter Kraftausdrücke“[8] mit Neigung zum Volkstümlichen. Die Sprache sollte kräftig und spannungsgeladen sein . Genialität, Spontaneität, Individualität, Gefühl, Empfindung, Natürlichkeit und Originalität waren die Schlagworte dieser jungen Dichter, die sich so von den normierenden und rationalisierenden Vorstellungen ihrer Vorgänger befreien wollten.

1.2 Wagners Hintergrund

Mit Natur und Gesellschaft als Dissonanzen waren Natürlichkeit und Naturalismus die Leitmotive der Epoche und insbesondere des Wagnerschen Werks.[9] Seine Form von Milieubeschreibung und realer Wiedergabe in seinem Stück Die Kindermörderin, wie ich sie auch gleich in der Analyse der Figurenrede aufzuzeigen beabsichtige, gab es in dieser Deutlichkeit erst wieder bei den Naturalisten, wie etwa in Gerhart Hauptmanns „Rose Bernd“, die ebenfalls ihr Kind tötet.

Das Kindsmord-Motiv war als solches in der Dichtung des Sturm und Drang sehr beliebt: Gretchen in Goethes Urfaust, Schillers Gedicht Die Kindesmörderin oder auch Bürgers Ballade Des Pfarrers Tochter aus Taubenhain sind Beispiele hierfür, um nur wenige zu nennen.

Das Thema war zum einen sehr aktuell: „Einhellig herrscht die Meinung vor, dass es [im 18. Jahrhundert, d. Verf.] zu einem Anstieg [des Kindsmords-Deliktes, d. Verf.] gekommen sei.“ Teilweise wird in zeitgenössischen Publikation sogar von einer „Kindsmord-Seuche“ gesprochen[10]. Zum anderen enthielt es von vorne herein starke sozial-kritische Elemente. Meistens handelte es sich bei Kindesmörderinnen des 18. Jahrhunderts nämlich um junge Frauen aus der Unterschicht, wie etwa Dienstmägde; also relativ ungebildete, unterprivilegierte und von ihren Dienstherren abhängige Frauen.[11] Weiterhin konnte mit diesem Sujet eine Bloßstellung der “aufgeklärten“ Gesellschaftsmoral erfolgen, die zum einen den Männern das Recht auf vor- bzw. außereheliche Sexualität zugestand und Soldaten zur Ehelosigkeit zwang, zum anderen aber sog. “gefallene Mädchen“ aus ihrer Mitte stieß, insbesondere die aus solchen Verbindungen hervorgegangenen “Bastarde“. Ebenfalls konnte so auch der Konflikt zwischen Liebesbeziehung auf der einen und Konvenienzbeziehung auf der anderen Seite, also auch die Problematik zu verheimlichender Sexualität thematisiert werden. Und dem pädagogischem Prinzip[12] seiner Bewegung verpflichtet, rechtfertigt Wagner Die Kindermörderin ausdrücklich durch „den überall durchscheinenden moralischen Zweck.“[13]

Diesen moralischen Zweck, also das Herantragen der Problematik an das Publikum mit dem Ziel des Bewusstmachens, versucht er mit möglichst realitätsnaher Wiedergabe des Milieus, der Situation und der Charaktere selbst zu erfüllen. Präzise Bühnenanweisungen gehören zu dieser Wiedergabe, wie er auch „[...]die Differenzierung der Personen durch Sprache für eine dramatische conditio sine qua non [hielt].“[14]

Geboren und aufgewachsen in Straßburg zitiert Wagner bekannte Straßen und Gebäude in seinem Drama und flicht in Nebenrollen den elsässischen Dialekt ein, was seinen Wirklichkeitsanspruch an das Stück verdeutlicht.[15] Wie er den sprachlichen Ausdruck der Figuren zur Darstellung ihrer gesellschaftlichen und familiären Rolle nutzt, soll im folgenden untersucht werde.

2. Figurenrede als Ausdruck der gesellschaftlichen Stellung und der emotionalen Situation bei

2.1. Martin Humbrecht

„Fürchtet! vor mir! – Tausend Element! bin ich nicht ihr Vater! he, Evchen, bin ichs nicht? soll ich etwa, wenn ich mit meinem Kind rede, jedes Wort auf die Goldwaage legen?“ (S.XX, ZXX-XX) Ein Satz voller Ausrufe und rhetorischer Fragen. Die Rede ist aus der Fassung, sowie er selbst oft die Fassung verliert. Martin Humbrecht ist Metzger. Er legt kein Wort auf “die Goldwaage“. Wagner zeigt uns einen bodenständigen Menschen, der als Metzger dem Bürgertum angehört und sich seines Standes bewusst ist, ein bürgerliches Selbstbewusstsein hat: „Was scheeren mich die mit samt ihrem Stand? – ich hab auch einen Stand, und jeder bleib bey dem Seinigen!“ (S.21, Z.38-40)

[...]


[1] Johann Gottfried Herder: Ursprung der Sprache, S.404

[2] Fritz Martini: Lenz’ ‚Anmerkungen übers Theater’, S.252

[3] Inge Stephan: Die aufklärerische Praxis im Drama, S. 142

[4] Matthias Luserke: Heinrich Leopold Wagner Die Kindermörderi n, S.226

[5] Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur, S.902

[6] Eric A. Blackall: Der Einfluss von Herders Sprachtheorie, S.62

[7] Roy Pascal: Die Sturm-und-Drang-Bewegung, S.41

[8] Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur, S.902

[9] Johannes Werner: Literarische als gesellschaftliche Form, S.31

[10] Otto Ulbricht: Kindsmord und Aufklärung in Deutschland, S.188

[11] Otto Ulbricht: Kindsmord und Aufklärung in Deutschland, S.74 ff.

[12] Johannes Werner: Literarische als gesellschaftliche Form, S. 75

[13] Johannes Werner: Literarische als gesellschaftliche Form, S. 76

[14] Johannes Werner: Literarische als gesellschaftliche Form, S 135

[15] Matthias Luserke: Heinrich Leopold Wagner Die Kindermörderin, S.230

Details

Seiten
18
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638125086
ISBN (Buch)
9783640676156
Dateigröße
571 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v4035
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg – Lehrstuhl NDL
Note
1.5
Schlagworte
Kindermörderin Wagner Figurenrede Sprache Sturm und Drang

Autor

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Titel: Die Kindermörderin von Heinrich Leopold Wagner - Figurenrede als Hinweis auf Situation und soziale Stellung der Figuren