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Maria - Hülle des Herrn Jesus Christus - Eine kritische Betrachtung des Vorauer Marienlobs

Hausarbeit 2004 19 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Durch Maria zu Christus, durch Christus zum Vater

3 Die Christusverehrung
3.1 „Maria Verkündigung“ vs. „Verkündigung des Herrn“
3.2 Christus – Herrscher über alles
3.3 Christus – Erlöser der Menschheit
3.4 Christus – vollkommener Gott und Weltenrichter
3.5 Christi Rolle im Melker Marienlied

4 Die Marienverehrung
4.1 Maria - immerwährende Jungfrau und Gottgebärerin
4.2 Marias unbefleckte Empfängnis
4.3 Leibliche Aufnahme Marias in den Himmel
4.4 Preisung Marias als Gefäß Jesu Christi

5 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Maria - Hülle des Herrn Jesu Christi, das ist nicht gerade eine preisende Aussage für eine Frau, die Anteil „an dem zentralen Ereignis der Heilsgeschichte, an der Erlösung durch die Herabkunft Gottes auf Erden (gehabt hat), zu dem die Jungfrau - Mutter durch ihre auf göttlicher Gnadenwahl beruhende Unvergleichlichkeit wie kein anderer Mensch beigetragen hat.“ (Kolb, S. 48). Eigentlich müsste der Gottesmutter jene Ehrfurcht und Liebe entgegengebracht werden, die ihrer besonderen Stellung im Heilsplan und Heilsgeschehen entspricht, d.h., die Marienverehrung wäre nicht in Frage zu stellen. Obwohl Maria in der katholischen und in der orthodoxen Kirche heute höchste Verehrung zuteil wird (vgl. Delius S. 246-251), wurde ihr im frühen Mittelalter keine besondere Beachtung wie im Sinne des Gottessohnes, geschenkt. So stand eher ihre Jungfräulichkeit, später erst die Gottesmutterschaft im Vordergrund. Mit dem 11. Jahrhundert beginnt die eigentliche Marienverehrung. So lassen sich zu dieser Zeit viele Hymnen, Lieder und Gedichte zu Ehren Marias verzeichnen (vgl. ebenda, S. 149-156). „Für das Anschwellen der Marienverehrung sind die verschiedensten Faktoren ausschlaggebend gewesen. Zu ihnen gehören die Höllenangst, das nagende Gefühl der Sündhaftigkeit. Der Mensch suchte viele Hilfe, Christi allein genügte ihm nicht. Die Heiligen, besonders die Maria sollten mithelfen.“ (ebenda, S. 156). Vor allem die Erklärung, dass Maria die „Gottesgebärerin“, also die leibliche Mutter Gottes sei und die Ansicht über ihre immerwährende Jungfräulichkeit, führte zu einer gesteigerten Marienverehrung (vgl. ebenda, S. 159f.). Zu Ehren Marias wurden Feste wie z.B. Verkündigung, Geburt, Reinigung, Tod und Aufnahme in den Himmel gefeiert. Das Kirchenfest „Maria Verkündigung“ war ursprünglich ein Fest des Herrn. Dieses Fest trägt in der katholischen Kirche auch den offiziellen Namen „Verkündigung des Herren“. Es ist demnach weniger ein Marienfest, sondern ein Herrenfest, bei dem das Geheimnis der Menschwerdung der zweiten göttlichen Person in Maria im Mittelpunkt steht (vgl. Freytag, S. 84).

Diese primäre Stellung Christi konnte ich vor allem bei der Beschäftigung mit dem Vorauer Marienlob (VM) feststellen.

Dieses ist in der Sammelhandschrift, Codex 276, des Chorherrenstifts Vorau in der Steiermark als Teil, wohlgemerkt aber als selbständige Dichtung, der Versdichtung „Die Vorauer Bücher Mosis“ überliefert. Die Entstehung wird auf das beginnende 12. Jahrhundert, um 1120/1130 datiert. Deren Lokalisierung ist allerdings unklar. So vermutet man sowohl

österreichischen, aber auch mitteldeutschen Ursprung. Ebenso ist der Dichter des VM unbekannt (vgl. Haug, S. 1531; Freytag, S. 82f.; Schröbler, S. 250; Vollmann-Profe, S. 247).

Betrachtet man das VM intensiver, dann fällt auf, dass ein „Marienlob“ im VM eigentlich nur am Anfang und am Ende ersichtlich ist. In den restlichen Strophen steht Christi im Mittelpunkt. Das lässt erkennen, dass das Marienbild seine Wirkung nur in der Christologie finden kann. Allein schon der grobe inhaltliche Aufbau, dass die 1. und die 5. Strophe Maria, die 2./3./4. Strophe Christi zukommen, macht deutlich, dass Maria die Funktion eines Gefäßes trägt. Sie ist also wie eine Hülle um den eingeborenen Sohn, den sie unbefleckt durch Gottes Wort empfangen hat und nun als schützender Rahmen in sich reifen lässt.

Demnach habe ich mir die Frage gestellt, warum Christi eine wesentlich höhere Bedeutung und Preisung als Maria zukommt, obwohl das Gedicht mit Vorauer „Marienlob“ überschrieben ist.

Zur kritischen und wissenschaftlichen Betrachtung habe ich neben verschiedener Forschungsliteratur vorrangig auch die Bibel in meine Arbeit mit einbezogen, denn da das VM zur frühmittelhochdeutschen geistlichen Dichtung gehört, gilt die Bibel sozusagen als Quelle aus erster Hand. Dabei bildet die Jesajastelle 11/1 im VM die Grundlage des Marienlobes. Neben weiteren Quellen aus dem Alten Testament hatte auch besonders das Hohelied starken Einfluss auf die Prägung des Marienbildes ausgeübt. Um zu sehen, ob Maria in anderen Gedichten der Marienlyrik eine ähnlich Zweckfunktion zukommt oder sie vielleicht in vollkommener Preisung Beachtung findet, habe ich das Melker Marienlied (MM) als eines der bekanntesten Gedichte der Marienverehrung zum Vergleich herangezogen. Dieses vierzehnstrophige Lied, welches sich an Maria richtet, ist überliefert auf der Vorderseite des ersten Blattes vor einem Calendarium und einem Necrologium in der Handschrift 383 (früher Codex J 1) des Benediktinerstiftes Melk in Niederösterreich (vgl. Kolb, S. 47). Seine Entstehung wird zu der Zeit 1123-1142, also etwas später als das VM, vermutet (vgl. Waag, S. 55).

Meine Arbeit habe ich wie folgt gegliedert:

Bevor ich auf die Rolle des Jesu Christi und dessen Verehrung im VM sowie im MM eingehen werde, möchte ich die Beziehung zwischen den Menschen, Maria, Christi und Gott Vater aufzeigen. Danach soll das Kirchenfest „Maria Verkündigung“ bzw. „Verkündigung des Herren“, welches für das VM die Grundlage bildet, den Eingang für die Christiverehrung darstellen. Darauf folgen nun die einzigartigen Privilegien des Sohn Gottes immer in Bezug auf das VM sowie auf das MM im Vergleich. Daran schließen sich unter der Überschrift „Die Marienverehrung“ die besonderen Eigenschaften Marias’ und deren Gestaltung im VM und ebenfalls im MM an. Vorwiegend werde ich ihre Rolle als Gefäß bzw. als Hülle des Herrn Jesu Christi herausgestellen.

2 Durch Maria zu Christus, durch Christus zum Vater

Wie bereits in der Einleitung angedeutet, erscheint Maria vordergründig als Gefäß Christi. Dies wird z.B. durch die immerwährende Betonung der Zeugung Jesu durch Gott deutlich. So ist im VM die Rede von der wunderbaren Geburt, die sich ohne Schmerzen und ohne Fleischeslust, überschattet vom Heiligen Geist, vollzog (1/9-14). Ebenso bringen das Matthäusevangelium (1/18) und das Lukasevangelium (1/35) die Geburt Jesu ohne männliches Zutun, nur durch Gott zum Ausdruck. Gott hat die Macht, er wählte sich die Jungfrau Maria zum Zweck der unbefleckten Geburt, der Menschwerdung eines Teils seiner Selbst, in Gestalt Jesu, um die Menschen von ihren Sünden zu erlösen. Demnach wird dem Wirken Jesu Christi, dem Sohn Gottes, meist mehr Beachtung geschenkt als Maria, obwohl nur durch sie, aufgrund ihrer einmaligen Eigenschaften, auf die ich später genauer eingehen werde, die Geburt möglich war. Denn mit ihrem festen Glauben an Gott hat sie Gott in sich Raum gewährt, hat ihn in sich wachsen lassen, hat sich von ihm einnehmen lassen. Gleichzeitig hat sie Gott ein menschliches Gesicht gegeben, hat ihn unter Menschen erfahrbar und erlebbar gemacht und damit den Mitmenschen geholfen, ihrerseits befreit und erlöst und damit richtig Mensch zu werden. D.h., durch die Geburt Jesu nimmt Maria selbst Anteil an der Erlösung, die durch sie nicht möglich gewesen wäre.

Dieser Grundgedanke bestimmt die Gesamtstruktur des MM, vor allem in zwei Strophen im Zentrum dieses Gedichtes, auf die ich im Nachfolgenden kurz eingehen möchte, wird das deutlich. Das eben angesprochene Privileg der Miterlöserin lässt sich in den Strophen 11 und 12 belegen und in Zusammenhang mit dem Glauben des Menschen im Mittelalter bringen. Denn „in der Gegenüberstellung mit Eva spricht sich nicht nur der ungeheure Gegensatz zwischen irdischer Sündhaftigkeit und himmlischer Reinheit aus, sondern es wird zugleich damit das Thema der Erlösung angeschlagen, denn Sünde u. Tod, die mit Eva in die Welt kamen, sind durch Maria getilgt worden.“ (Gaul, S. 111). Durch ihre jungfräuliche Reinheit hat sie Evas folgenschwere Tat wieder gut gemacht. Aufgrund dieses Erlösungswerkes fällt ihr eine wichtige Rolle zu und auch die damit verbundene Beziehung des Menschen zu Gott im Mittelalter lässt Maria in einer wichtigen Funktion erscheinen.

Der Mensch galt im Mittelalter als Ebenbild Gottes. Jedoch war er mit der Erbsünde belastet und seinen Begierden ausgeliefert. Die Menschen lebten unter bedrückenden Lebensumständen (z.B. Leisten von Abgaben) und die zusätzliche Angst um ihr Seelenheil, seelische Erschütterungen, Höllenangst und Gewissenskonflikte verliehen dem Leben eine unsichere und verzweiflungsvolle Stimmung. Das Leben der Menschen war entscheidend geprägt von Zukunftsunsicherheit, die aus schlechten Lebensbedingungen, mangelnder Hygiene und Krankheiten hervorging. Krankheiten wurden als Strafe Gottes, als Werk des Teufels empfunden, Heilung konnte allein von Gott kommen. Das mittelalterliche Weltbild war von einem Dualismus (Gott-Welt, Jenseits-Diesseits, gut-böse) geprägt. Zu dieser Zeit erschien Gott den Menschen als strafender und erbarmungsloser Herrscher über das unausweichliche Weltgericht und die Welt galt als Ursprung der Sünde und des Bösen. Aufgrund dieser Not, Angst, Verzweiflung und dieses Schreckens vor dem Jüngsten Gericht und vor dem unerbitterlichen Schiedsspruch Gottes war es den Menschen ein dringendes Bedürfnis, dem Bösen zu entfliehen, um Seelenheil zu gewinnen. Dies geschah häufig durch enthaltsame Lebensweise und Weltverneinung als Ausweg aus der Bedrängnis. Im 12. Jahrhundert löste sich etwas die quälende Ehrfurcht vor der Unnahbarkeit Gottes und die geistig-seelische Zurückgezogenheit. Innere Not und Zerrissenheit führten zu einer stärkeren Vermenschlichung des Göttlichen (vgl. ebenda, S. 6f.). „Gott erscheint nicht mehr in starrer Majestät am Tag des Jüngsten Gerichts, um in schrecklichem Zorn Rache zu nehmen an der sündigen Menschheit (1. Mose 3/15), sondern er neigt sich in Liebe u. Erbarmen dem Menschen zu“ (ebenda, S.7), indem er durch seinen Sohn Fleisch wird, sich somit erniedrigt, Mensch zu werden, um die Menschen von Tod und Teufel zu erlösen (Lk. 1/35, Mt. 1/21). Die Furcht der Menschen wandelte sich in Liebe von Gott (1. Brief des Joh. 4/7-10). Sogar dem Tag des Gerichtes sah man nun mit Zuversicht und Vertrauen entgegen (1. Brief des Joh. 4/17). Durch Erkenntnis der menschlichen Sündhaftigkeit, durch Demut, Barmherzigkeit und Liebe versuchte man, sich Gott wieder anzunähern. Trotzdem blieb eine gewisse „göttliche Unnahbarkeit“ bestehen, der man sich nun durch Maria als Fürsprecherin zu nähern versuchte, um die göttliche Ebenbildlichkeit, die durch den Sündenfall verloren gegangen war, wiederzuerstreben. Sie hatte demnach die Aufgabe, als Mittlerin zwischen Gott und Mensch zu fungieren, „den zürnenden Gott um Milde beim Jüngsten Gericht anzuflehen u. die fruchtbare Rache des Herrn in erbarmende Gnade umzustimmen.“ (ebenda, S. 17). Hiermit kommt ihr noch die bereits angesprochene Aufgabe der Miterlöserin zu. Diese Aufgabe ähnelt der des Jesu, der durch die Inkarnation die Menschen von ihren Sünden befreien soll. Da er aber Gottes Sohn ist, hatte man zumindest im frühen Mittelalter noch ein strenges göttliches Christusbild, vergleichend mit dem des gewaltig strafenden Herrn, vor Augen (vgl. ebenda). Demnach fungierte Maria auch als Mittlerin zwischen Christi und Mensch. D.h., „Durch Maria zu Christi, durch Christi zum Vater“ könnte man sagen (Hengstenberg, S. 81). Da Maria auch nicht nur der Natur nach, sondern auch der Person nach Mensch ist, im Gegensatz zu Jesu, welcher der Natur nach Mensch, der Person nach aber göttlich ist, konnte die Gestalt Christi den Menschen durch Maria näher gebracht werden (vgl. ebenda, S. 82), denn durch ihre dem menschlichen Streben erreichbaren Tugenden wie Demut, Sanftmut, Milde, Barmherzigkeit und dem wahren Glaube an Gott erweckten im Menschen die Hoffnung auf Verständnis und Hilfsbereitschaft. Dies ist besonders bei Bernhard von Clairvaux zu finden:

„Du scheutest dich, zum Vater hinzutreten; der bloße Klang seiner Stimme setzte dich in Schrecken; du nahmst deine Zuflucht zu den Blättern der Bäume. Da gab er dir Jesu zum Mittler. Was könnte ein solcher Sohn bei einem solchen Vater nicht durchsetzen? Er ist doch dein Bruder und dein Fleisch, überall versucht, die Sünde ausgenommen, auf daß er mitleidig werde. Dieser Bruder gab dir Maria. Solltest du vielleicht auch in ihm die göttliche Majestät scheuen, weil er doch seiner Menschwerdung doch auch Gott blieb? Möchtest du auch auf dem Wege zu ihm eine Helferin? Dann eile zu Maria! In ihr findest du die bloße Menschheit... Ohne Zweifel kann ich sagen: Auch sie wird Erhörung finden wegen ihrer Ehrfürchtigkeit. Der Sohn wird ja die Mutter erhören, und der Vater wird den Sohn erhören.“ (zitiert bei: Delius, S. 161).

Es ist demnach kein Zufall, dass sich gerade im 11. und 12. Jahrhundert ein Anwachsen und Aufblühen der Marienverehrung verzeichnen lässt. "Trotz dieser beginnenden Verehrung Marias steckt in den ihr zugewiesenen Begriffen „Helferin“ bzw. „Mittlerin“ und „Miterlöserin“ eine „negative“ Konnotation, d.h., dass sie meiner Meinung nach eine reine Zweckfunktion erfüllt, die zwar von Bedeutung ist, aber sie immer noch im Schatten Jesu Christi erscheinen lässt.

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Details

Seiten
19
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638388863
ISBN (Buch)
9783640203468
Dateigröße
578 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v40355
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
Maria Hülle Herrn Jesus Christus Eine Betrachtung Vorauer Marienlobs Frühmittelhochdeutsche Literatur

Autor

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Titel: Maria - Hülle des Herrn Jesus Christus - Eine kritische Betrachtung des Vorauer Marienlobs