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Visualisierung der Geschichte. Fotografie als Medium der Geschichtsvermittlung

Hausarbeit 2005 18 Seiten

Didaktik - Geschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichtskultur
2.1. Definition
2.2. Dimensionen der Geschichtskultur
2.3. Geschichtskultur als soziales System
2.4. Aufgaben der Geschichtskultur

3. Geschichtswissenschaft und Fotografie

4. Der Quellenwert der Fotografie

5. Rezeption und Wirkung von Fotografien

6. Verwendung der Fotografie Am Beispiel des Umgangs mit der Fotografie in der Öffentlichkeit

7. Resümee

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Bewusst und unbewusst bekommen wir einen großen Teil unserer Informationen durch die Fotografie, die in den Zeitungen und Zeitschriften, Literatur und Lehrbücher, im Fernsehen, in den Dokumentar- und Spielfilmen präsentiert wird. Das Medium Fotografie umfasst alle Seiten des menschlichen Lebens und seiner Entwicklung, von der Familiengeschichte bis zum Verlauf der Kriege. Fotografie erweckt in unserem Gedächtnis wie persönliche Erinnerungen, wenn man sich zum Beispiel Fotos aus dem Urlaub anschaut, genauso kollektive Erinnerungen, wenn uns die Fotos aus dem Zweiten Weltkrieg gezeigt werden. Auf solche Weise verknüpft die Fotografie ein Unterhaltungs- und Lerneffekt miteinander. Dieses Medium ist sehr wichtig geworden, denn, seit der Zeit seiner Erfindung, ist es neben dem Fernsehen und der Presse zu einem Wissensvermittler geworden.

Aber inwiefern spiegelt die Fotografie tatsächliches Geschehen wider. Wir sind sehr gerne bereit, die Fotos für etwas ganz Unbestreitbares zu halten und die Informationen, die Fotos uns bieten, kritiklos zu konsumieren. Mit den vermeintlichen Informationen werden aber nicht nur Geschichtswissen vermittelt, sondern werden auch verschiedene Stereotypen, Klischees, Vorurteile und manchmal sogar grobe Verfälschungen beigegeben. Auf solche Weise erscheint die Fotografie als Medium der Geschichtsdarstellung nicht unumstritten. Daher ist die wichtigste Frage, mit der wir uns in dieser Arbeit beschäftigen werden, in welcher Weise wird durch die Fotografie die Geschichte vermittelt.

Bevor sich zu diesem Thema anzunähern, ist es notwendig das Wesen der Geschichtskultur darzustellen und ihre Dimensionen und Aufgaben zu nennen.

2. Geschichtskultur

2.1. Definition

Die Geschichtskultur ist eine bestimmte Art des deutenden Umgangs mit der Zeit, die im Modus der historischen Erinnerung erfolgt. Aber nicht jede menschliche Erinnerung kann als „historische“ betrachtet werden. Bevor eine Erinnerung zur historischen wird, sollen einige wichtige Bedingungen erfüllt werden. Eine historische Erinnerung soll über die Grenzen der eigenen Lebenszeit der sich erinnernden Subjekte in die Vergangenheit zurückgehen und damit die gegenwärtige Lebenssituation so deuten, dass sich auch eine Zukunftsperspektive entwerfen lässt, dann können wir von einer „historischen Erinnerung“ sprechen.[1] Persönliche und historische Erinnerungen sind oft miteinander verknüpft. Als Beispiel kann man dazu die autobiographische Erinnerung anführen. Allerdings ist der Zeitraum einer solchen Erinnerung zu eng, um als historisches Erinnern betrachtet zu werden, aber wenn es aufgearbeitet wird und diese Aufarbeitung in tiefere Schichten des Unbewussten eindringt, kritisch analysiert wird und eine Verbindung von der Vergangenheit zur Jetztzeit hergestellt wird, kann die Voraussetzung für ein wertvolles Erinnern geschaffen werden. „Diese historische Erinnerung verfasst sich im Leben einer Gesellschaft als institutionelles Gebilde des kulturellen Gedächtnisses“[2], mit dem in einer Gesellschaft die kollektive Identität gebildet wird. Durch das kulturelle Gedächtnis wird die Deutung der Erfahrungen der Vergangenheit auf Deutungsmustern, die übergreifende zeitliche Zusammenhänge zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft betreffen, zurückgegriffen. Diese Interpretationsmethode vergegenwärtigt eine Vergangenheit und macht die gegenwärtige Welt in ihrer zeitlichen Dimension verständlich. Dabei formuliert sie die soziale Identität der Subjekte, ihre Zugehörigkeit zu und ihre Abgrenzung von anderen und die Grenzen und Chancen ihres Selbstseins. So bildet das Geschichtsbewusstsein, das sich als „Zusammenhang von Vergangenheitsdeutung, Gegenwartsverständnis und Zukunftsperspektive“[3] definieren lässt, im Medium der historischen Erinnerung und seiner sozialen Ausprägung zum kulturellen Gedächtnis einer Gesellschaft, einen Sinn von Zeit. „Vom Geschichtsbewusstsein ist es nur ein kleiner Schritt zur Geschichtskultur. Nimmt man die Rolle, die das Geschichtsbewusstsein im Leben einer Gesellschaft spielt, näher in Betracht, dann stellt es sich eben als eine Kulturleistung grundsätzlich eigener Art dar, die fast alle Bereiche der menschlichen Lebenspraxis tangiert und beeinflusst. Geschichtskultur lässt sich also definieren als praktisch wirksame Artikulation von Geschichtsbewusstsein im Leben einer Gesellschaft.“[4]

2.2. Dimensionen der Geschichtskultur

Die Deutungsfunktion der Kultur wird in modernen Gesellschaften in drei Dimensionen, die Thematisierung der Erinnerungsleistung des Geschichtsbewusstseins sichtbar machen, fundamental differenziert. Die Rede ist von den ästhetischen, politischen und kognitiven Dimensionen, in jeder von denen sich die Prozeduren, Faktoren und Funktionen der historischen Erinnerung komplex darstellen.[5]

Die ästhetische Dimension der Geschichtskultur ist auf die von Deutungseliten angewandten Modi der Symbolisierung von audiovisuellen Informationen, wie Museen, historische Werke der bildenden Kunst, des Films, der Literatur, bezogen.[6] In dieser Dimension geht es vor allem um eine spezifische Wahrnehmungsqualität der Vergangenheit, um ihre Faszinationskraft und ihre Erinnerungswürdigkeit, ohne denen würden historische Werke ihre orientierende Kraft auf der Ebene der sinnlichen Wahrnehmung nicht entwickeln können. Die Ästhetik der Geschichtskultur folgt ihren eigenen Regeln und Kriterien, die die Rezeptionsfähigkeit vergegenwärtigter Vergangenheit, ihre Wahrnehmbarkeit und ihre Eingängigkeit bestimmen.

Die ästhetische Gestaltung von historischer Erinnerung ist keine bloße Verstärkung gegenüber kognitiven und politischen Einsichten. „Entscheidend für die ästhetische Dimension der Geschichtskultur ist es vielmehr, dass ihnen eine (relative) Eigenständigkeit in der Sinnbildung des Geschichtsbewusstseins selber zukommt.“[7]

Die politische Dimension der Geschichtskultur begründet sich darin, dass sie das Politische im Historischen reflektiert. So erlangt die historische Erinnerung „eine genuin politische Legitimationsfunktion“,[8] weshalb politische Herrschaft auch ihrerseits mit Hilfe geschichtlicher Symbole präsentiert wird.

Zu der politischen Dimension zählen öffentliche Gedenktage und nationale Feiertage, staatlich organisierter Geschichtsunterricht, Herrschergenealogien, „historische Argumente im politischen Meinungsstreit“[9] und noch vieles mehr.

Die kognitive Dimension wird vorwiegend durch die historischen Wissenschaften verwirklicht, die mit ihrer methodischen Regulierung des historischen Denkens, ihrer Begrifflichkeit und ihrem forschenden Erfahrungsbezug für ein Prinzip stehen, das traditionell „Wahrheit“ genannt wird.[10]

Die drei Dimensionen der Geschichtskultur durchdringen sich gegenseitig, so das keine rein ästhetischen oder politischen Erscheinungsformen existieren. Vielmehr ist ein Streben nach wechselseitiger Instrumentalisierung zu beobachten, welches darin besteht, dass jeweils eine Dimension zur Erarbeitung des kulturellen Konstruktes „Geschichte“ auf Kosten der beiden anderen bevorzugt wird. Demnächst führt die Dominanz der politischen Dimension zu einer Politisierung der Geschichtskultur. In diesem Falle würde die Kunst nur Propagandazwecken dienen und Wahrheitsansprüche eine untergeordnete Rolle spielen.

Wenn die kognitive Dimension dominieren würde, dann träte auch eine Verzerrung in der Geschichtskultur ein, und zwar in Form des Dogmatismus einer Ideologie, wie man zum Beispiel im Fall des Marxismus-Leninismus beobachten kann.

Die vergleichbaren Defizite der politisch-funktionalen Kohärenz und des kognitiven Wahrheitsanspruchs erscheinen in einer Ästhetisierung der Geschichtskultur. In diesem Falle „verlieren die traditionellen Standards fachlicher Rationalität an Geltungskraft und gewinnt die historische Artikulation des Willens zur Macht unkritische ästhetische Faszination.“[11]

Auf Basis dieser Überlegungen wird die Doppelsinnlichkeit der Kategorie „Geschichtskultur“ behauptet, die sich aus der theoretischen Erschließung eines Erfahrungsbereiches und der sich hieran anschließenden Festlegung normativer Gesichtspunkte für dessen Praxis ergibt.

2.3. Geschichtskultur als soziales System

Die Geschichtskultur lässt sich als soziales System begreifen. Zu den Elementen von diesem System zählen Institutionen, Professionen, Medien und Publika oder Adressaten.[12]

Am Anfang sind die Institutionen, zu denen Schulen, Universitäten, Archiven, historische Vereine und Kommissionen, Museen, Bibliotheken, Denkmalpflege, Geschichtswerkstätten und Erlebnismarkt zählen, zu nennen. Die Institutionen stellen sicher, dass die Beschäftigung mit der Vergangenheit nicht vereinzelt und zufällig, sondern dauerhaft und systematisch erfolgt. Dazu werden besondere Professionen benötigt. Damit werden bestimmte Berufsgruppen gemeint, die dafür ausgebildet und beauftragt werden, historische Quellen zu sammeln, zu konservieren, zu erforschen und zu vermitteln. In diese Berufsgruppen fallen Universitätsprofessoren, Geschichtslehrer, Archivare, Denkmalpfleger, Bibliothekare und Museumsfachleute, alle so genannte historische Animateuren, die in den Institutionen der Geschichtskultur beschäftigt sind.

Die Institutionen und die Professionen haben sich aber nicht gleichförmig entwickelt. Die Institutionen setzen sich gründlich in Bewegung insbesondere im Gefolge der Französischen Revolution. Den entscheidenden Schub erhielten die Institutionen im ausgehenden 18. Jahrhundert, was eng mit der Herausbildung moderner Staaten, die die „Geschichte als Bildung“ förderten, zusammenhing.

Erst mit dem 19. Jahrhundert setzte die Modernisierung auch im Bereich der Professionen ein. Die professionellen „Sachverwalter der Geschichtskultur“[13], die geregelte Examina bestehen sollten, traten erstmal auf den Plan im 19. und 20. Jahrhundert.

[...]


[1] Vgl. Rüsen, Jörg: Geschichtskultur, in: Bergmann, Klaus, u.a. (Hrsg.): Handbuch der Geschichtsdidaktik,

Seelze-Velber 1997, S. 38-41.

[2] Assmann, Jan zit. nach: Rüsen, J.: Geschichtskultur, 1997, S.38.

[3] Jeismann, Karl-Ernst zit. nach: Rüsen, J.: Was ist Geschichtskultur? In: Füßmann, Klaus, u.a. (Hrsg.):

Historische Faszination. Geschichtskultur heute, Köln, u.a. 1994, S. 3-26. Zitat: S.7.

[4] Rüsen, J.: Was ist Geschichtskultur? 1994, S.5.

[5] Vgl. Rüsen, Jörg: Geschichtskultur, in: GWU 46, 1995, S. 513-521.

[6] Ebenda, S. 514f.

[7] Ebenda, S. 515.

[8] Ebenda, S. 515.

[9] Oehler, Katherina zit. nach Rüsen, J.: Geschichtskultur, 1997, S. 39.

[10] Vgl. Rüsen, J.: Geschichtskultur, 1995, S. 516.

[11] Ebenda, S. 518.

[12] Schönemann, Bernd: Geschichtskultur und Geschichtsdidaktik, in: Mütter, B.; Schönemann, B.;

Uffelmann, U.: Geschichtskultur. Theorie – Empirie – Pragmatik, Weinheim 2000, S. 26-58.

[13] Ebenda, S. 52.

Details

Seiten
18
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638391412
ISBN (Buch)
9783638778909
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v40686
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
1,8
Schlagworte
Visualisierung Geschichte Fotografie Medium Geschichtsvermittlung Geschichtskultur Geschichtsdidaktik

Autor

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Titel: Visualisierung der Geschichte. Fotografie als Medium der Geschichtsvermittlung